Subtrahieren wir einmal die Tatsache, dass einem bei umwälzenden Veränderungen an einer Sache, die einem wirklich etwas bedeutet, immer etwas schummrig wird, ist der Gedanke von Googles neuer Stadia-Plattform wahnsinnig attraktiv. Man ist kein echter Videospieler, wenn einem Teile der insgesamt etwas leidenschaftslosen Präsentation nicht trotzdem imponierten.

So, wie man heute schon binnen Sekunden ein YouTube-Video auf einem Device beginnt, einfach loszuspielen, um dann auf einem anderen Gerät weiterzumachen, das versprüht eine berauschende Grenzenlosigkeit und Freiheit - auch wenn wir die am Ende in erster Linie nutzen werden, um unsere Games vom Wohnzimmer aufs Klo mitzunehmen. Inspirierend war das schon. Google zeichnet ohne Installationen und Update-Gängelung ein Bild von einer einfacheren, Plattform-agnostischen Zukunft, in der jeder überall dort Zugang zu Spielen hat, wo es Internet gibt.

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Nvidia Shield hatte bereits eine vergleichbare Idee und Nintendo Switch vertritt auch keine komplett unterschiedliche Philosophie wie Stadia: Spiel' zuhause oder nimm's einfach mit. Neu ist der Gedanke nicht. Nur die Durchführung.

Gamern öffnen sich neue Wege zu ihrem Lieblingsmedium und bislang vage Interessierten werden jegliche Hindernisse aus dem Weg räumt, auch mal ein paar Schritte in dem Titel zu wagen, über den im Büro/auf dem Schulhof/im Kneipenchor alle sprechen. Und die Spieleanbieter potenzieren sowohl ihre mögliche Zielgruppe als auch die Zeit, die die User in ihr Produkt investieren. Eine Win-Win-Situation eigentlich. Daran ändern auch Unkenrufe bezüglich der Latenz und Komprimierung der Spiele wenig - beides ist nur eine Frage der Zeit und wenn man bedenkt, mit was für einer internen Latenz bereits einige lokal laufende Spiele heute arbeiten (Red Dead 2 etwa), auch nur eine Frage der Rechenleistung, die Google auf die Spiele zu werfen imstande ist. Und das ist eine Menge.

Aber machen wir uns nichts vor: Sollte das Konzept aufgehen - wofür einiges spricht, nicht zuletzt Digital Foundrys frühe Eindrücke zu Google Stadia -, kommt das aktuelle Machtgefüge schwer ins Wanken. Das Ende der Konsole wäre ein Erfolg des Streaming-Dienstes wohl auf lange Sicht in jedem Fall. Man muss nur schauen, wie Spotify und Netflix mit die Musik- und Filmindustrie verändert haben. Klar, es gibt heute noch Enthusiasten, die sich eine Stereoanlage mit Plattenspieler und Hornlautsprechern ins Musikzimmer stellen oder 8K-Blu-rays und der OLED-Tapete fürs Heimkino entgegen sehnen, aber diese Entsprechung im Spielesegment wäre wohl eher der High-End-PC-Enthusiast, der weiter seine Steam-Bibliothek pflegen möchte.

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Streaming-Games hätte ich im Vorfeld nicht mit Multiplayer in Verbindung gebracht. Tatsächlich dürfte es durch Stadia aber zumindest einfacher werden, alle Spieler und deren Weltenstatus synchron und cheatfrei zu halten. Google kann einige Variablen einfach ausklammern, die heute zu Problemen führen. Ob Ubisoft Rainbow Six Siege für Stadia ankündigen wird?

Einer Konsole - mittelmäßige Leistung, mittelmäßiges Preissegment - schwimmen im Stream der 60fps-Cloud-Spiele die Argumente weg und damit auch die Bereitschaft ihrer Hersteller, in ihre Entwicklung zu investieren. Wiederum: Alles unter der Voraussetzung, dass Stadia als Erlebnis zuverlässig mindestens vergleichbare Qualität liefert. Natürlich gäbe es dann kurz- bis mittelfristig ein schweres Wettrüsten, knackige Slogans für lokales Gaming, vielleicht sogar einen verstärkten Push in Richtung mehr physischer Sammlereditionen und eine Entsagung vom Always-on-Gedanken und User-Spionage.

Aber zweifelt noch einer daran, dass ein vornehmlich auf Software abonnierter Hersteller wie Microsoft seiner Box mit dem X mit wenig Wehmut ade sagen würde, wenn er mit dieser Marke als Label seine Spiele einer noch breiteren Masse an Usern unterbreiten könnte? Bei einem durchschlagenden Erfolg von Stadia wären es für die anderen beiden Hersteller nur wenig mehr Schritte, wenn kein drastisch attraktiverer und vom Überall-Reiz isolierter Gegenentwurf geschaffen wird.

Aber so oder so: Auch ein Ende der Konsolen wäre letzten Endes kein Problem, denn eigentlich ist es doch egal, auf welcher Plattform wir Sony-Hits wie The Last of Us 3 spielen oder was auch immer Kratos als nächstes anstellt. Wenn der Deal nur gut genug ist, muss niemand mehr dedizierte Hardware bauen, um seine Spiele an den Mann zu bringen. Genauso gibt es keinen Grund, dass uns Mario und Zelda nicht auch von jedem anderen geeigneten Bildschirm aus glücklich machen könnten - wobei ich Nintendo noch am ehesten als Verkäufer des eines ganzheitlichen und schwer trennbaren Erlebnisses aus Plattform und Spiel sehe. Aber wie lange noch?

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Gesichtslos, aber solide: Der Stadia-Controller steuert die Server über WiFi direkt an.

Was allerdings wirklich Angst macht, ist nicht nur der Gedanke, dass alles jederzeit mitgeschnitten und zumindest kurzzeitig jeder Sprint, jeder Kameraschwenk und jeder Schuss archiviert wird, sondern auch und vor allem die Kontrolle über jeden Schritt von Hardware über Software bis zum Bildschirm dem mächtigsten Technologiekonzern der Welt zu überlassen. Den Tausch Bequemlichkeit gegen Rechte gehen wir seid iTunes immer unbekümmerter ein, Stadia treibt ihn als endgültiger Grabstein von Spielen als Eigentum auf die Spitze. Da wäre er, der lange Schatten auf dieser eigentlich ganz schönen neuen Spielelandschaft. So sehr ich auch glauben möchte, dass Stadia eine großartige Neuerung für die Zugänglichkeit und Archivierung von Spielkultur sein könnte, so sehr muss man auch gestehen, dass Google nativ kein Spieleunternehmen ist, sondern mittlerweile auch und vor allem eine Art Meta-Werbeagentur und Verkaufsplattform.

Zugegebenermaßen unterschätze ich in meinem Pessimismus vielleicht den Wettbewerbswillen der mächtigen Software- und Hardware-Häuser, und natürlich kann ich noch keine etwaigen, Monopole unterbindenden Regularien berücksichtigen. Aber selbst, wenn am Ende alles gut wird (auch wenn Google Stadia als weitere zusätzliche Plattform für Games das Spielen an sich in erster Linie doch eher komplizierter als einfacher macht), bereitet mir noch eine letzte Sache Sorgen:

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Man kommt bei diesem Anblick schon ins Grübeln ...

Es mag sentimental wirken, aber wenn wegen der Allgegenwärtigkeit künftiger Spiele das Ritual das Ereignis ein für alle Mal wegfällt, es sich vor seinem dedizierten Games-Kasten gemütlich zu machen, tun wir diesem Medium am Ende vielleicht doch keinen Gefallen. Google hat noch nicht über das Geschäftsmodell von Stadia gesprochen, aber wenn man Flatrate-mäßig alles mal hier, mal dort ein paar Minuten unverbindlich anspielt und wieder für etwas anderes liegen lässt, befürchte ich, dass wir uns auf nichts mehr richtig einlassen. Den Entwicklern würden noch mehr Anreize geschaffen, ihre Vision zugunsten unmittelbarer Gratifikation zu kompromittieren, damit sie die Spieler direkt am Haken haben. Und stellt euch mal vor, den emotionalsten Moment eines Abenteuers in der U-Bahn auf fünf Zoll zu erleben! Wenn wir nicht aufpassen, macht sich in den Games auf lange Sicht eine noch größere Beiläufigkeit breit, als man jetzt schon teilweise beobachten kann. Schon heute sind viele Spiele darauf ausgelegt, dass man nebenher Podcasts hört oder Netflix schaut. Geht es so weiter, sind es irgendwann die Spiele, die nebenbei laufen - und die Inhalte werden dem Rechnung tragen.

Falls das jetzt zu finster war: Abwarten und Tee trinken, am besten vor der Plattform eurer Wahl, gern mit Schuss, falls ihr volljährig seid. Zeiten wie diese sind immer auch eine gute Gelegenheit, Bilanz zu ziehen, zu analysieren, wo man sich selbst sieht und wo man tatsächlich steht - und durch die Art seines Konsums eventuell ein Zeichen zu setzen. Die Technik von Stadia ist spannend, der Gedanke dahinter ein hehrer, die Plattform als solche auch eine große Chance. Das hier kann eine tolle Bereicherung werden, wenn alle Beteiligten ihre Karten richtig ausspielen.

Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Google sein altes Motto "Don't be evil" wieder in seinen Verhaltenskodex aufnimmt.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.