Was bin ich müde. In meinem Kopf drehen sich ewig die gleichen drei Wörter, nämlich "unendlich lang schlafen". Der Grund dafür ist zweifellos Anno 1800, denn ich habe viel mehr Zeit in dieses Spiel gesteckt, als ich jemals wollte. Schuld ist natürlich nicht mein suchtanfälliger Kopf, sondern das Spiel. Denn Anno 1800 macht Spaß, so sehr, dass es am Ende nicht fraglich ist, ob ihr schlafen wollt oder die Nacht durchspielen. Es gibt einfach immer etwas Neues, das ihr als nächstes erledigen wollt. Endlich Nähmaschinen bauen beispielsweise, die machen nämlich eure Handwerker glücklich. Oder Kaffee aus der neuen Welt importieren. Die neue Welt? Ja, die gibt es auch - anstatt des Mondes.

Denn, wie der Name schon vermuten lässt, Anno 1800 ist eine Rückkehr zu den klassischen Teilen der Serie. Schluss mit Zukunft und Science Fiction, vorbei die futuristischen Gebäude, von denen ihr nicht ahnen könnt, was sie nun machen. In Anno 1800 geht es wieder um Holz, Steine, Wurst und Schnaps. Das fühlt sich nicht nur herrlich bodenständig an, es führt auch dazu, dass ihr die Transportketten sehr viel leichter verinnerlichen und nachvollziehen könnt.

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Zur Not müsstet ihr den Typen rechts im Bild einfach versenken. (Anno 1800 - Test)

Kann die Metzgerei keine Wurst machen, fehlt was? Schweinefleisch natürlich. Kann die Bäckerei kein Brot backen? Möglicherweise gibt es ein Problem beim Getreidebauern. Ich mag diese Simplizität, zumal sich Anno 1800 enorm viel Zeit nimmt, sie zu steigern. Zu Beginn ist eine Produktionskette wirklich nur eine Kombination aus zwei Gebäuden. Holzfäller und Schreiner beispielsweise. Später benötigt ihr ganze Baumdiagramme an verschiedenen Werkstätten und Industriebetrieben, um am Ende auch nur eine Brille zu produzieren.

Brillen braucht ihr übrigens für eure Ingenieure, die vierte Entwicklungsstufe eurer Bevölkerung. Wann sich ein Wohnblock entwickelt, bestimmt ihr selbst, das ist eine der großen Neuerungen von Anno 1800. In früheren Teilen wurde der Bauer von sich aus zum Arbeiter, sobald bestimmte Bedingungen erfüllt waren, jetzt müsst ihr das per Klick auslösen. Und das hat einen Grund: Bauern werden nämlich auch noch benötigt, wenn bereits die Schlote der Industrialisierung rauchen. Ihr braucht auch dann noch Schweine, Getreide, Schafswolle und Rinder.

Eine der zentralen Herausforderungen in Anno 1800 liegt deshalb darin, die Bevölkerung gleichmäßig wachsen zu lassen. Entwickelt ihr zu viele Bauern zu Arbeitern weiter, kann es passieren, dass euch die Landwirtschaft fehlt. Ihr müsst also immer das tun, was ich gerne "Feuerholz nachlegen" nenne. Es braucht ständig neue Bauern. Interessanterweise führt das zu einem ziemlich organischen Wachstum eurer Insel. Denn weiterentwickeln könnt ihr eure Bevölkerung nur, wenn bestimmte Bedürfnisse erfüllt sind. Die Bauern wollen beispielsweise einen Marktplatz, Fisch und Arbeitskleidung. Im späteren Spielverlauf kann es passieren, dass die Randbezirke eurer Siedlung nicht mehr komplett mit diesen Ressourcen versorgt werden - also bleiben sie Bauern. So bildet sich im Laufe des Spiels ein echter Stadtkern heraus, was ich sehr faszinierend finde. Weil ich den baue, nicht, weil das Spiel ihn baut.

Was den Krieg angeht, hat der Entwickler das Gameplay im Vergleich zu frühen Serienteilen deutlich reduziert. Kämpfe zu Land gibt es gar nicht mehr, stattdessen baut ihr nur noch bewaffnete Schiffe. Inseln können erobert werden, indem einfach der Hafen in Grund und Boden geschossen wird - aber das dauert. Der Krieg ist in Anno 1800 auf keinen Fall eine Notwendigkeit, eher ein Bonus. Kann man machen, muss man nicht.

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Das Kampfsystem von Anno 1800 bleibt rudimentär. Und nur auf Seekämpfe bezogen. (Anno 1800 - Test)

Ihr könnt in Anno 1800 übrigens entweder ein freies Spiel starten oder aber eine Singleplayer-Kampagne spielen. Letztere ist durchaus empfehlenswert, nicht so sehr aufgrund der Geschichte, die im Wesentlichen ein globalpolitisches Familiendrama ist. Eher, weil ihr dadurch zwangsläufig alle Spielmechaniken kennenlernt. Dazu gehören unglücklicherweise auch diverse Nebenaufgaben. Die bekommt ihr immer wieder von den Bewohnern eurer Insel und was sie von euch wollen, ist maximal anspruchslos. Das Spiel selbst nennt die Aufgabe ein Wimmelbildspiel und genau das ist es auch.

Da ist beispielsweise die Frau, die noch immer keinen Mann gefunden hat, also klickt ihr heiratswillige Männer an. In der Kampagne sind da aber auch die Pyrphorier, eine bizarre Sekte, die euch nichts Gutes will und deshalb dauernd eure Kolonie anzündet. Die Feuerwehr löscht die Brände zwar, aber um sie dauerhaft abzustellen, müsst ihr diverse Personen in der Stadt finden, die mit einer Fackel umherlaufen. Das muss man nicht mögen. Einen Online-Multiplayer-Modus gibt es natürlich auch. Wer Anno dafür spielt: bitteschön, das geht.

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Es brennt! (Anno 1800 - Test)

Sehr nett fand ich die Expeditionen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt im Spiel könnt ihr einzelne Schiffe beauftragen, nach bestimmten Dingen zu forschen. Das kann einerseits die neue Welt sein, andererseits führt ihr aber auch wissenschaftliche Expeditionen durch. Nach bisher unentdeckten Tieren beispielsweise. Dabei könnt ihr aber interessanterweise bestimmte Gegenstände oder Personen finden, die euch nützlich sein können. Rettet beispielsweise im Laufe einer Mission einen Meistermetzger: Er nützt euch später, weil ihr ihn in einem Gewerkschaftsgebäude einsetzen könnt und so die Produktion aller umliegenden Gebäude erhöht.

Überhaupt ist Anno 1800 das, was Idioten unter Quantenphysik verstehen: Alles hat irgendwie was mit allem zu tun. Manchmal wirkt das ein wenig dumpf, denn um Geld zu verdienen, braucht ihr hauptsächlich eins: Einwohner. Ist eure Bilanz also negativ, stampft ihr trotz nicht vorhandener Arbeitsplätze einfach Wohngebäude aus dem Boden, befriedigt die fraglichen Bedürfnisse und entwickelt sie weiter. Es gibt da kein Geheimnis. Viel hilft viel - das ist die Maxime.

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Schickt ihr ein Schiff auf eine Expedition, bekommt ihr immer wieder ein Update über den aktuellen Stand der Dinge. (Anno 1800 - Test)

Zu den neuen Features von Anno 1800 gehört außerdem, dass die Lokalzeitung regelmäßig beurteilt, wie ihr euch so macht. Der Herr Chefredakteur meldet sich dann pflichtbewusst bei euch und legt euch das Blatt vor. Das könnt ihr dann entweder abnicken, wenn ihr ein Freund der freien Presse seid. Oder ihr bucht ein paar eigene Geschichten hinzu. Dafür wiederum braucht ihr aber Einflusspunkte. Ihr bekommt mehr, je größer euer Einflussbereich ist. Und wo wir schon beim Einflussbereich sind: Der bestimmt sich bei Anno 1800 nicht einfach so nach Entfernung, sondern nach Straßennetz. Baut ihr also eine kluge Infrastruktur auf, lohnt sich das nicht nur für euer Auge, es führt auch ernsthaft dazu, dass eure Gebäude eine bessere Reichweite haben.

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Drohungen, nichts als Drohungen! (Anno 1800 - Test)

Und dann ist da noch die Elektrizität. Und die Eisenbahn. Es gibt bei Anno 1800 Inseln mit Ölvorkommen und wenn ihr eine solche habt, solltet ihr die tunlichst nicht hergeben. Stattdessen braucht ihr die, um später Schienen zu bauen und euch zu elektrifizieren. Bestimmte Transportwege müsst ihr dann über die Schiene absolvieren, was bedeutet, dass ihr durch eure bereits als perfekt empfundene Stadt auf einmal Schienen bauen müsst. Dafür ist natürlich kein Platz, also müsst ihr zur Unzufriedenheit eurer Bevölkerung etwas abreißen oder versetzen. Das ist wirklich hart, schließlich habt ihr teilweise deren Bedürfnisse mühevoll erfüllt und jetzt reißt ihr alles wieder ab? Berliner Diskussionen über Enteignungen großer Immobilienunternehmen wirken an dieser Stelle wie Quatsch. Ihr seid der Herrscher, ihr reißt einfach ab.

Natürlich gibt es aber auch so ein paar Faktoren, die nicht lebenswichtig sind. Luxusbedürfnisse nennt sie Anno 1800. Die wiederum sind notwendig, dass sich eure Einwohner nicht nur gut versorgt fühlen, sondern auch noch gut unterhalten. Ihr könnt beispielsweise ein Theater bauen, das macht sie ziemlich happy. Oder ihr baut einen Zoo, das ist noch besser, zumal ihr den wiederum mit Tieren füllen könnt, die ihr auf euren Expeditionen gefunden habt. Und so spielt ihr und spielt ihr und spielt ihr und irgendwann ist es drei Uhr in der Nacht. Und dann fangt ihr an, euch um die neue Welt zu kümmern.

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Aus Dörfern werden Häuserschluchten. (Anno 1800 - Test)

Denn, wie schon gesagt, es gibt nicht nur diese eine Welt, wie schon beim Vorgänger habt ihr auch eine zusätzliche Welt zur Verfügung, die ihr besiedeln könnt. In diesem Fall ist das Amerika: Dort wiederum gibt es nicht mehr Arbeiter und Bauern sondern Jornaleros und Obreros und auch die haben gewisse Bedürfnisse. Sie wollen beispielsweise Tacos. Ist das ein dummes Klischee? Ja, aber hey, wer bin ich, darüber zu urteilen?

In der neuen Welt jedenfalls könnt ihr bestimmte Stoffe produzieren, die es nur hier geben darf, Baumwolle etwa. Die wiederum braucht ihr aber für die Produktion von Mänteln in der Alten Welt, also richtet ihr entsprechende Handelswege ein. Das ist kein Problem, denn ihr könnt Schiffen befehlen, einfach ständig von der neuen in die alte Welt zu segeln und dabei bestimmte Rohstoffe mitzunehmen.

Ich könnte noch ewig über Anno 1800 reden. Ich will nur nicht, denn eigentlich solltet ihr das selbst spielen. Anno 1800 fesselt und das sehr schnell, das neue Arbeitskraftsystem funktioniert hervorragend und selbst die Expeditionen machen Spaß. Trefft einfach mal ein paar Entscheidungen, spielt euren Wurst-Vorrat gegen einen aggressiven Gegner aus. Stockt eure Nähmaschinen-Vorräte auf, weil euch sonst die Ingenieure auf den Kopf springen.

Anno 1800 macht Spaß, so sehr, dass ihr euch direkt nach dem Schlafen wieder dransetzen wollt, weil euer erster Gedanke nach dem Aufwachen dem Aufbau einer neuen Industrie gehört. Eine Pracht von einem Aufbauspiel! Die Nebenmissionen wirken teilweise zugegeben ein bisschen überflüssig, aber die kann man ignorieren. Es ist das alte, bekannte Kern-Gameplay der Anno-Reihe, das das Spiel auch im Jahr 2019 noch mit Leichtigkeit trägt. Es ist einfach zeitlos. Ihr wollt das! Spielt es!

Entwickler/Publisher: Blue Byte/Ubisoft - Erscheint für: PC - Preis: 59,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Gestestete Version: PC - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

PC-Spiele testen wir auf Lenovo Legion PCs und Laptops, die uns von Lenovo zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Hier erfahrt ihr mehr über Gaming-Laptops 2019 im Allgemeinen und hier geht es zur Website von Lenovo Legion Gaming.

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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