Statt aufwändiger Verkabelung und der Verteilung von Sensoren im Raum, einfach loslegen: Die neue Generation der Oculus-Headsets setzt auf unkomplizierte Einrichtung und möglichst wenig Kabelsalat. Bei einem Event in London konnte ich die Oculus Quest und die Oculus Rift S, die Nachfolger der Modelle Go und Rift, in aller Ruhe ausprobieren. Bereits im Frühjahr sollen beide Headsets zeitgleich erscheinen, jeweils 449 Euro kosten und den Einstieg in die Virtuelle Realität erheblich erleichtern.

Die Oculus Quest kommt ganz ohne Kabel und externe Sensoren aus und benötigt eine Verbindung zu einem PC oder einem Smartphone nur dann, wenn ihr neue Spiele oder Anwendungen aus dem Store laden wollt. Ansonsten setzt ihr das Oculus Go-Nachfolgemodell einfach auf, steckt die Bewegungsgrenzen der Umgebung ab und startet das Spiel. Genau das habe ich mir für ein paar schnelle Runden Beat Saber gewünscht, ich bin ja von Haus aus eher faul.

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Aufsetzen und loslegen: Der Oculus Go-Nachfolger Oculus Quest kommt ohne Kabel und externe Sensoren aus.

Gerade bei dem fordernden Laserschwert-Schwingen in Beat Saber kommt es auf Genauigkeit an, um die anfliegenden Würfel im Takt der Musik im richtigen Augenblick und der richtigen Richtung zu durchschneiden. Das Tracking gelingt der Quest mit dem Insight-System, bei dem vier im Headset eingebaute Kameras eure Bewegungen im Raum aufnehmen, außerordentlich gut. Zu Ausfällen kommt es nur, wenn ihr die beiden Touch-Controller so dreht, dass diese komplett nach unten zeigen, was beim Spielen allerdings so gut wie nie vorkommt.

Technisch setzt die Quest auf ein OLED-Display mit sehr guten Schwarzwerten und einer Auflösung von 1600 x 1440 Bildpunkten pro Auge bei einer Bildwiederholfrequenz von 72 Hz sowie einem Snapdragon 835-Prozessor. Dieser erreicht natürlich nicht die Leistung eines High-End-PCs und das bedeutet, dass ihr euch nicht frei aus dem vorhandenen Angebot im gut gefüllten Oculus Store bedienen könnt. Für die Quest wird es eine eigene Abteilung geben, in der vom Hersteller ausgesuchte Software zur Verfügung steht. Als Launch-Titel sind neben Beat Saber noch das Puzzlespiel Shadow Point, die Spielesammlung Sports Scramble, Journey of the Gods und der Multiplayer-Shooter Dead and Buried 2 angekündigt.

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Die Oculus Quest ist nicht zu allen Rift oder GO-Anwendungen kompatibel und bekommt eine eigene Spielebliothek. Einer der Lauch-Titel ist der Multiplayer-Shooter Dead and Buried 2.

Bei Letzterem handelt es sich um ein optisch zwar nicht allzu anspruchsvolles, aber sehr unterhaltsames Ballerspiel, in dem ihr in einer Western-Umgebung gegen KI- und menschliche Gegner antretet. Die Besonderheit: Ihr könnt reichlich durchschlagkräftige Waffen finden, müsst aber bei jedem Modell erst einmal herausfinden, mit welcher Bewegung ihr Munition nachladet. Die schnellen Deathmatches machen besonders gegen Kollegen richtig Spaß, ob sich das spielmechanische Gimmick nicht allzu schnell abnutzt, muss sich allerdings noch zeigen.

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Einer der besten VR-Titel zur Zeit: Beat Saber kommt auch für die Oculus Quest.

Wenn ihr über einen leistungsstarken Gaming-Rechner verfügt, weniger Wert auf ein transportables All-in-one-Paket legt und auf eine große Software-Bibliothek zurückgreifen wollt, dann dürfte die Oculus Rift S die passende Wahl sein. Der Nachfolger der mittlerweile drei Jahre alten Oculus Rift wurde generalüberholt, allerdings nicht in allen Punkten auch verbessert. Die Rift S kommt mit nur einem Kabel aus und verzichtet komplett auf externe Sensoren, das Tracking übernehmen gleich fünf Kameras und die Auflösung des Displays erhöht sich deutlich von bisher 1080 x 1200 auf 1280 x 1440 Bildpunkten pro Auge, was einem Pixel-Mehr von gut 42 Prozent entspricht.

Im Gegensatz zur Oculus Quest nutzt die Rift S aber ein LCD-Panel, das zwar durchaus brillante und weniger pixelige Bilder liefert, aber seine Schwächen bei der Schwarzdarstellung hat und eher ein dunkles Grau anzeigt. Die Bildwiederholfrequenz wurde von 90 auf 80 Hertz reduziert, was mir persönlich aber nicht störend aufgefallen ist. Ärgerlicher ist da schon das Fehlen des Kopfhörers, der kurzerhand wegrationalisiert wurde. Der Sound wird über eingebaute Lautsprecher in den Seitenbändern ausgegeben, was bei einem lauten Umfeld durchaus die Immersion stört und klanglich definitiv nicht an einen guten Kopfhörer heranreicht. Um wirklich in das VR-Erlebnis eintauchen zu können, empfehlen sich dann externe Kopfhörer, die über den vorhandenen Klinkeneingang angeschlossen werden.

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Weniger Kabelsalat: Die Oculus Rift S braucht nur noch eine Verbindung zu eurem Gaming-PC.

Es gibt noch ein paar mehr Unterschiede zur alten Rift: So wurde auf das elastische Befestigungsband verzichtet und diese in Zusammenarbeit mit dem Computerhersteller Lenovo durch eine Ringkonstruktion ersetzt, die, wie auch bei der PlayStation VR-Brille, mit einem Drehknopf festgezurrt wird. Ich empfand den Tragekomfort beim Antesten als angenehm und selbst bei hektischen Bewegungen rutschte das Headset keinen Millimeter von meinem Kopf. Schön: Mit der "Passthrough Plus"-Funktion, bei der die eingebauten Kameras auf Knopfdruck ein korrektes 3D-Abbild der Umgebung liefern, könnt ihr euch durch die Wohnung bewegen, ohne die Brille absetzen zu müssen.

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In dem Actionspiel Asgard's Wrath geht es mit Schwertern und Äxten ordentlich zur Sache.

Ausprobieren konnte ich die Rift S mit zwei neuen Spielen, die noch dieses Jahr erscheinen werden. Zum einen den optisch opulenten Klopper Asgard's Wrath, in dem ich mich mit allerhand Monstern und Kriegern in einer Arena angelegt habe. Ausgerüstet mit einem Schild und diversen martialischen Nahkampfwaffen, wie Breitschwertern oder Äxten, geht es in den Zweikampf. Das Gefühl, hier wirklich einen Hieb abzubekommen, bei dem der Schild splittert, ist beeindruckend und immer wieder bin ich bei Angriffen hektisch ausgewichen. Ein Glück, dass mir das Gitternetz des Oculus Guardian anzeigt, wenn ich den Spielbereich verlasse, sonst wäre ich im Eifer des Gefechts über die herumstehenden Stühle und Tische gestolpert.

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Ein kommendes Highlight: Das Sci-Fi-Abenteuer Stormland, in dem ihr eine riesige, offene Spielwelt erkundet.

Spannend ist auch Stormland von den Spider-Man-Machern Insomniac Games, ein Sci-Fi-Abenteuer, in dem ihr euch in dem zunächst noch verrosteten Körper eines nur bedingt funktionsfähigen Roboters wiederfindet. Auf der Suche nach neuen, leistungsfähigeren Bauteilen lauft, springt und klettert ihr durch die riesige, offene Spielwelt und flitzt mit einer Art Turbo-Schlittschuhen in einem Höllentempo über Eisflächen. Ich habe fast eine Stunde in Stormland verbracht und war von der schieren Menge an Details und den vielfältigen Interaktionsmöglichkeiten mit der Umgebung ehrlich beeindruckt. Einfach mal stehen bleiben und sich minutenlang in der virtuellen Welt umschauen, das Bedürfnis hatte ich noch nicht bei allzu vielen VR-Spielen.

Beide Brillen sollen noch im Frühjahr erscheinen.

Entwickler/Publisher: Oculus Erscheint für: PC- Geplante Veröffentlichung: 2019 - Angespielt auf Plattform: PC

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Über den Autor:

Ulrich Wimmeroth

Ulrich Wimmeroth

Freier Redakteur

Mag Rollenspiele und Ego-Shooter, sammelt Retro-Konsolen und nutzt seinen PC hauptsächlich zum Schreiben über Spiele. Und für Strategie natürlich. Und das seit Dekaden.

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