Wir Deutsche haben in der Welt ja seit jeher den Ruf, etwas humorlos zu sein. Wie als Bestätigung des alten Klischees - wobei ... wenn man sich unsere Stand-up-Komiker so anschaut, ist da vielleicht was dran - sind in unseren Breiten in der Vergangenheit eher als dröge, verkopft oder gemütlich verschriene Spielegenres beliebt gewesen. Dass sich das auf die Entwicklerlandschaft niederschlagen musste, war klar.

Und so dachte man jahrzehntelang, Spiele "Made in Germany" wären auf staubige Wirtschaftssimulationen, bierernste und gleichzeitig in ihrer Weltsicht einfältige Rollenspiele oder knallharte Simulatoren abonniert. Das stimmte schon damals nur zum Teil und lockerte sich in den vergangenen Jahren immer weiter auf. Die vernetzte neue Welt hat eine globale kreative Kreuz- und Quer-Bestäubung ermöglicht, die nun dafür verantwortlich ist, dass Deutsche Titel heute vor Spielwitz und Ideenreichtum nur so sprühen. Acht der spannendsten aktuell in der Entwicklung befindlichen möchte ich euch heute kurz vorstellen.

The Cycle (Yager, 2019, PC)

Vorweg: Egal, was ihr gehört habt, das hier ist kein Battle Royale. Sicher, die Art Direction sieht ein wenig nach einem Fortnite aus, das sich ins No-Man's-Sky-Universum verirrt hat. Aber die Ähnlichkeiten enden beim Look und der offenen Karte, auf der alle Spieler zu Beginn einer Runde abgeworfen werden. Yager nennt das Spiel "PvEvP" und einen "wettkampforientierten Quest-Shooter" und meint damit, dass hier nicht die Abschüsse und das Überleben des eigenen Teams im Vordergrund stehen, sondern, als futuristischer Goldgräber möglichst viele raffgierige Aufträge auf einem fremden Planeten voller angriffslustiger KI-Kreaturen zu absolvieren. Und dann macht ihr euch aus dem Staub, bevor der Zyklus in Form eines verheerenden Sturms allen Prospectors den Garaus macht, die nicht schnell genug zum Evakuierungspunkt kamen.

Das Spiel sieht ausgezeichnet aus und macht einen spannenden ersten Eindruck. Aktuell frage ich mich, ob der allgemeine Ablauf nicht vielleicht noch ein wenig vereinfacht werden könnte. Bei all den Variablen - Ziele, andere Spieler, KI-Feinde - ist es noch ein wenig knifflig, abzusehen, was die optimale Taktik ist, um am Ende nach Punkten über die anderen Prospectors zu triumphieren. Für diese Sorte Spiel ist es recht wichtig, dass Zuschauer auf Twitch und Co. einem Match leicht folgen können und das ist hier erstmal nicht so einfach. Den Spieler muss das nicht jucken. Der Gedanke, sich spontan mit potenziell feindseligen Spielern zusammenzutun, um besonders harte Monster zu erledigen oder extra-schwierige Quests doch noch zu schaffen, ist jetzt schon ebenso attraktiv wie die Tatsache, dass eben nicht automatisch der beste Schütze gewinnt.

Der nächste Playtest findet am Freitag statt. Bewerben könnt ihr euch auf der offiziellen Seite zum Spiel.

Lonely Mountains Downhill (Megagon Industries, 2019, PC, PS4, Xbox One, Switch)

Mein persönliches Lieblingsspiel der EGX Berlin 2018 ist der komplette Gegenentwurf zu The Cycle: Ein drastisch in seiner Komplexität reduzierter Geschicklichkeitstest mit einer Zielvorgabe, die klarer nicht sein könnte: Ab auf's Mountainbike und den Berg runter. Wir sehen dann, wer am schnellsten unten ist. Diesen Sommer dürfte es bereits soweit sein und wenn ich bedenke, wie viel Zeit ich in die 1-Minute-Demo gesteckt habe, wird mir um mein Freizeitkonto bange.

Es ist verblüffend, wie viel Spaß der kleine Berliner Entwickler Megagon Industries nur aus Gas, Bremse, links und rechts zieht, während man sein Mountainbike aus fixer erhöhter Perspektive durchs Gelände steuert, stets in der Angst, am nächsten Baumstumpf oder Felsen hängen zu bleiben. Nach und nach gewinnt man ein Verständnis von der Piste, erkennt mögliche, aber nie allzu offensichtliche Abkürzungen und wirft sich mit zunehmendem Selbstbewusstsein wieder und wieder den gefährlicheren von zwei Wegen hinunter.

Dazu sieht das Spiel traumhaft aus, als hätte Nintendo sich einen neuen SuperFX-Chip einfallen lassen, der 30 Jahre Grafiktechnologie einfach ausklammert. Wunderschön minimalistisch, gleichzeitig aber plastisch und irgendwie real sieht Lonely Mountains Downhill aus. Diesem Spiel wohnt die singuläre Eleganz eines Super Meat Boy oder der frühen Trials-Spiele inne. Hiervon werden wir noch eine Menge hören.

Hunt Showdown (Crytek, 2019, PC, Xbox One)

Wer mich kennt, den wird nicht überraschen, dass Hunt Showdown in dieser Liste auftaucht: Also, auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Dieses Spiel ist schon im Early Access ein großer Kracher von dem internationalen Format, das Crytek immer androhte, aber nie zu 100 Prozent realisierte. Erstmals vereinen sie tolle Technik auch mit einer Art Direction und einer Welt, die man nicht so schnell wieder vergisst, wenn man einmal die Nase reinsteckte. Und das in einem Multiplayer-Spiel. Spielerisch ist Hunt seiner Zeit insofern voraus, als dass man das Gefühl bekommt, ein bestens auf das Platzen der Battle-Royale-Blase vorbereitetes Spiel zu erleben.

Crytek kochte viele der Reize der aktuell so beliebten, groß angelegten offenen Multiplayerschlachten - nur ein Leben, sich zusammenziehender Spielbereich, taktisches Katz-und-Maus - auf ihre Essenz runter und verpflanzte sie in eine interaktivere, atmosphärischere und unberechenbarere Umgebung. Sogar für ein Progressionssystem, das die Balance nicht komplett zerstört, war Platz. Was hier entsteht, ist ein grusliges, immens spannendes und viele Spielweisen anerkennendes Stück Western-Endzeit. Die Frage ist nun, ob Crytek mit seinem Timing richtig liegt und die Spieler schon bereit für einen Titel sind, der zeigt, was nach Battle Royale kommen könnte.

Der Herr der Ringe: Gollum (Daedalic, 2021, PC, Konsole)

Okay, das hier ist noch weeeiiit weg und die Details sind dünn gesät bis kaum vorhanden. Außer den Schlagwörtern Action-Adventure, Unreal Engine und der Devise, ein "innovatives Spiel für anspruchsvolle Fans" zu machen, ist wenig bekannt. Schleichelemente soll es geben und Carsten Fichtelmann und Co. wollen das Spiel aus einer Perspektive erzählen, "die es in keinem Medium des Storytellings je zu sehen gab". Ich horche vor allem deshalb auf, weil Daedalic das Projekt nicht für Warner realisiert, deren Herr der Ringe-Output sich naturgemäß an der Optik und der allgemeinen Textur der Filme orientiert. Ich liebe die Trilogie ja auch, aber so langsam bin ich bereit, richtig neugierig sogar, diese Welt mal durch eine neue Linse interpretiert zu sehen.

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Schön war's. Aber ich bin bereit für eine neue Version.

Da Gollum durch den einen Ring bekanntlich ein langes Leben beschert war, hat Daedalic auch viel Spielraum, sich so von dem in den Filmen abgesteckten Zeitraum zu entfernen, dass dieses Abenteuer nicht wie die Quasi-Fan-Fiction wirkt, mit der wir es in den Shadow of Mordor-Spielen zu tun hatten. Wir könnten ganz zu den Anfängen zurückgehen, zu Smeagol und seine Wandlung vom treuen Freund zum Mörder Deagols und den darauf folgenden geistigen und körperlichen Abstieg in den Ringwahnsinn miterleben. "Gollum" als beklemmendes und introspektives Fantasy-Drama - darauf hätte ich wahnsinnige Lust.

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The Surge 2 (Deck 13, 2019, PC, PS4, Xbox One)

Was für eine Steigerung The Surge doch gegenüber Lords of the Fallen war! Wenn Deck 13 da weitermacht, wo es mit seinem letzten Spiel aufgehört hat, dürfte The Surge 2 deutlich seltener aktiv daran erinnern, dass man eben doch keinen From-Software-Titel vor sich hat. Diesmal gibt es mit der gewaltigen Stadt Jericho, die nach der Nanomaschinenkatastrophe des ersten Teils unter Quarantäne steht, einen einzigen, zusammenhängenden Spielbereich, anstelle mehrerer segmentierter Gebiete. Auch Abwechslung wollen die Frankfurter diesmal größer schreiben. Am Rand der Stadt durchquert ihr zum Beispiel einen Wald und es verschlägt euch ebenso in Armenviertel wie in Gegenden, in denen die High Society dieser Gesellschaft lebte.

Ansonsten bleibt es alles beim bewährten Nahkampf-Geschnetzel, in dem ihr die zu Großteilen synthetischen Gegner um ihre Körperteile erleichtert und euch so neue Waffen und Ausrüstung aneignet. Zehn Waffenarten gibt es diesmal statt der fünf aus dem Original, während der Wechsel dazwischen euch deutlich wärmer ans Herz gelegt werden soll als zuletzt. Ihr erinnert euch, dass ihr im ersten Teil erst allmählich mit einer Waffe effektiver wurdet, weshalb man stets zweimal überlegte, ob man zu etwas anderem wechseln sollte, mit dem man noch keine Erfahrung hatte. Auch in Sachen Erzählung rückt man näher an Dark Souls heran: Der eigene Charakter ist nun eine selbst erstellte Chiffre, während diverse NPCs euch tiefer in die Ereignisse hinter der Geschichte blicken lassen. Macht Eindruck, könnte wirklich was werden!

Iron Harvest (King Art, 2019, PC, PS4, Xbox One)

In Bremen bei den Book of Unwritten Tales-Machern von King Art entsteht mit Blick auf die Weser gerade Iron Harvest, das auf Kickstarter ein gewaltiger Erfolg war. Mehr als 16000 Unterstützer trugen fast 1,3 Millionen Dollar zusammen, um das Echtzeitstrategiespiel möglich zu machen, das noch dieses Jahr erscheinen soll. Benjamin hatte bereits seine helle Freude mit dem Titel, fühlte er sich doch bis ins Detail an Company of Heroes erinnert. Es gibt weiß Gott schlechtere Blaupausen, die man für ein pseudo-historisches Echtzeitstrategiespiel mit schwerem Kriegsgerät heranziehen kann.

Iron Harvest hat vor allem seine interessante Welt für sich, die in den 1920er Jahren einer alternativen Zeitlinie exisatiert. Hier stapfen neben Pickelhauben tragenden Soldaten grobschlächtige Kampf-Mechs über die Schlachtfelder. Die Biester rief King Art in Zusammenarbeit mit dem Künstler Jakub Rozalski ins Leben. Sie sind es, die diesem Universum seine grobschlächtige Feindseligkeit verleihen. Schon lange hatte ein Strategiespiel nicht mehr derartigen Wiedererkennungswert. Auch die Handlung um ein Kräftezerren zwischen fiktiven Versionen von Deutschland, Russland und Polen und einer geheimen Macht, die im Verborgenen versucht, Europa nach dem Großen Krieg erneut ins Chaos zu stürzen, könnte interessant werden. Merken!

Die Siedler (Ubisoft Blue Byte, Herbst 2019, PC)

Der Klassiker der deutschen Aufbaustrategie feiert im Herbst seine Rückkehr - und hey, es wird auch Zeit, immerhin sind seit dem letzten Teil dann mehr als neun Jahre vergangen. Und ich muss schon sagen, ein erneuter Kontakt mit den Remakes der ersten beiden Teile hat wieder wahnsinnig Lust aufs gemütliche Produktionskettenentwirren gemacht. Zumal Blue Byte es immer verstand, den besten Teilen der Serie einen gewissen charmanten Dreh mit auf den Weg zu geben. Valhalla Hills vor ... vier Jahren, die sich anfühlen wie sechs Monate, hatte schon ein paar tolle Ideen, war aber dann doch nicht der Siedler-Nachfolger, den ich mir insgeheim erhofft hatte.

Nun wird wieder neu gewuselt, farbenfroh und emsig bis ins Detail, auch wenn man gespannt sein darf, wie sich die Snowdrop-Engine (The Division) im Aufbau-Kontext schlagen wird. Was bisher noch wundert, ist, dass für einen Titel, der in einem halben Jahr erscheinen soll, noch wenige konkrete Details zu hören waren. Nur die Prämisse - Aufbruch in eine neue Welt, nach dem Untergang der alten - und bedeutungsschwangere Worte über ein "uraltes Geheimnis" begleiteten den ersten Trailer der Gamescom. Der macht allerdings schon Lust darauf, dem Zyklus aus Wachsen, Gedeihen und Vergehen wieder ganze Abende lang zuzusehen.

Sea of Solitude (Jo-Mei, 2019, PC, PS4, Xbox One)

Sea of Solitude war eine der Überraschungen der letzten E3. Der kleine Berliner Entwickler Jo-Mei präsentierte auf der großen EA Play Bühne ausgiebig und mit einem beachtlichen Selbstbewusstsein einen gestalterisch wie technisch ansprechenden Titel, der tief in die Psyche des Mädchens Kay eintauchen soll. "Wenn Menschen einsam sind, werden sie zu Monstern", beschrieb Kreativchefin Cornelia Geppert die Prämisse des Action-Adventures, in dem die Spieler die Protagonistin in einer versunkenen Stadt auf der Suche nach ihrer Menschlichkeit begleiten.

Es war eine effektive, präzise und viel beachtete Präsentation und der Trailer machte Lust, mehr über diese Welt zu erfahren. Den ausgewiesenen Termin "Anfang 2019" verpasste Sea of Solitude zwar mittlerweile. Ich bin trotzdem sehr erpicht darauf, mit SOS in Bälde emotional schiffbrüchig zu werden. Hoffentlich hören wir bald mehr dazu.

Wie seht ihr das? Fehlt euch ein bestimmter Titel in der Auflistung, den wir uns mal genauer anschauen sollten? Worauf freut ihr euch am meisten und über welches Spiel wollt ihr in Zukunft mehr hören? Lasst es uns in den Kommentaren wissen.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.