Begeisternd pingelige, unvergebend hartherzige Sim - aber auch unvergleichlich befriedigend, wenn man auf der Strecke die Kontrolle behält.

Zehn Kurven lang volle Konzentration. Vor mir wartet nur noch die letzte Biegung auf die Zielgerade. Inzwischen geht mein geistiges Auge die Checkliste durch: Stimmt der Anfahrtswinkel? Komme ich mit dem richtigen Schwung rein? Streife ich womöglich die Curb? Darf ich nicht, wurde mir per Funk ausdrücklich verboten, denn auf meinen Reifen ist nur wenig Druck. Auf der pitschnassen Piste kommt es gleich auf Zentimeter an, daher justiere ich mein aufgepimptes Fanatec-Lenkrad in kaum wahrnehmbaren Micro-Drehungen, soweit es das Zittern des kräftigen Force-Feedback zulässt. Nervös taste ich mich an das letzte Stück des Kurses heran. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Puh, ich habe die Kurve gemeistert, ohne ins Schleudern zu geraten. Aber verdammt, Ich war ein wenig zu vorsichtig, kam ein paar Stundenkilometer zu langsam rein. Mein Blick schweift in die Ecke des Bildschirms, rechts oben, wo kleine farbige Quadrate indizieren, wie geschickt ich mich in jeder Kurve angestellt habe. Gelb. Mist! Gelb heißt gerade noch ok, aber nicht eines professionellen Rennstalls würdig. Rot wäre schlimmer, nur tröstet mich das kaum. Nächste Runde muss es sitzen.

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Die farbigen Blöcke oben rechts sind Bewertungen für jede einzelne Kurve der Strecke. Da fehlt mir wohl noch Übung ...

Klingt frustrierend, ist aber auf Dauer lehrreicher als alles, was mir bislang in diesem Genre untergekommen ist. Wenn eines der Kästchen rot aufblitzt und ein Kommentar der Marke "zu inkonsistent" oder "Strecke verlassen" verrät, was ich falsch gemacht habe, weiß ich wenigstens, wo ich ansetzen muss. Diese Erkenntnis muss man sich in anderen Spielen mühsam erarbeiten.

Der Lerneffekt hat seinen Preis. Assetto Corsa Competizione als pingelig zu bezeichnen, wäre untertrieben. Diese Rennsport-Simulation ist in allen Belangen kompromisslos, sei es in der Berechnung der Physik, seinen markigen Sound-Effekten oder im Umfang. Das neueste Werk aus dem Hause Kunos Simulazioni beleuchtet nur eine einzige Rennklasse, nämlich die 2018er and 2019er Blancpain GT Serie, aber die wird so haarspalterisch genau wiedergegeben, dass die gesamte Riege der Konsolen-Sims mit einem Schlag zu Spielhallensoftware degradiert wird.

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Bei Nacht und Regen kommt die Physik des Spiels erst richtig zum Tragen.

Wirklich fair ist der Vergleich sowieso nicht. Gran Turismo Sport etwa soll Alltagsfahrer glücklich machen, und zwar nicht erst nach Monaten. Es protzt mit Masse und verzichtet dafür auf den finalen Touch bei der Physik. Assetto Corsa Competizione gehört dagegen zu den reinrassigen Simulationen, die typische Gran Turismo- oder Forza-Motorsport-Piloten mit den Worten "furztrocken" abwerten würden. Driften ist beispielsweise absolut unerwünscht und gilt als fahrlässiger Kontrollverlust. Die Entwickler dieses Spiels betonen schlichtweg völlig andere Qualitätsmerkmale.

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Dieser Qualitätsanspruch gilt ebenso für die enthaltenen Kurse. Es sind gerade mal 10, aber dank Laserscan-Daten und voller Nutzung der Möglichkeiten der Unreal Engine sind Attribute wie "fotorealistisch" und "originalgetreu" weder als Floskeln noch als Übertreibungen anzusehen. Unter allen Nachbildungen von Spa Francorchamps ist die hier enthaltene mit Abstand die schönste und authentischste. Das ist allerdings ebenso der Kurs, der euren Rechner am ehesten zum Schmelzen bringt. Meine Geforce 2070 samt i7 berechnet viele Strecken in 1440p bei 60 Bildern pro Sekunde, aber in Spa kommen auch ihr die Tränen. Dass der VR-Modus für Rift und Vive nur mit heruntergedrehter Grafikqualität genießbar bleibt, dürfte klar sein.

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In der Kampagne sollt ihr diverse Vorgaben einhalten.

Die GPU in Butter zu verwandeln, lohnt sich wahrlich. Dichtes Laub, tolle Post-Processing Effekte und verschwenderisch scharfe Texturen machen es schwer, Replays von realen Filmaufnahmen zu unterscheiden. Wobei ein paar kleine Hinweise es für Adleraugen preisgeben, etwa die Distanz der Schattendarstellung.

Trotzdem läutet Kunos mit diesem Spiel die nächste grafische Generation für Racing-Sims ein. Nie empfand ich die Nacht auf einer Piste dunkler oder den Sonnenaufgang erlösender - HDR-Kontrast sei Dank. So empfinde ich es zumindest auf einem HDR-fähigen PC-Monitor. Die HDR-Nutzung wirkt auf einem Fernseher dagegen ein klein wenig übersättigt, vor allem bei Regenwetter. Obendrein ist es optisch wie akustisch eine Wucht. Details wie das tiefe Pfeifen durch die Reibung der Bremsen, das Knarzen des Blechs und selbst das Verdrängen des Sandes am Fahrbahnrand ziehen euch im Surround-Klang die Schuhe aus.

Nach neun Monaten im Early Access ist Assetto Corsa Competizione (kurz ACC) leider noch nicht komplett fertiggestellt. Das jüngste Update auf die Version 1.0.0 enthält endlich eine volle Rennsaison mit kompletten Rennwochenenden, sowie eine Karriere, die aus einer Reihe vorgeschriebener Aufgaben besteht. In letzterer soll man unterschiedliche Fahrzeuge unter festgelegten Bedingungen über die Pisten jagen. Kann man als kleine Fahrschule sehen, die alle möglichen Konstellationen einer Rennsaison abdeckt.

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Dank der HDR-Kontraste brennt euch die Grafik das Augenlicht weg. Schön.

Alternativ geht man serverseitig bereitgestellte Herausforderungen an oder startet in sich abgeschlossene Einzelsitzungen, so wie es in der Early-Access-Phase üblich war. Dadurch stehen endlich alle versprochenen Spielmodi zur Verfügung, doch Kunos Simulazioni muss trotzdem noch ein paar Löcher stopfen.

Angefangen bei der Absturzfreudigkeit, die auftritt, wenn das Programm den Server nicht erreicht, auf dem Spielwerte abgeglichen und stetig erneuerte Herausforderungen nachgelegt werden. In dem Fall lässt das Spiel nicht einmal einen Zugriff auf den Task-Manager zu, weil das eingefrorene Bild alle Windows-Menüs verdeckt. Als meine Firewall Alarm schlug, weil sie den Client nicht durchlassen wollte, blieb mir nur ein harter Reset. An der (noch immer als Beta ausgewiesenen) Übersetzung ins Deutsche sollte man auch noch feilen.

Außerdem gibt es bisher nur eine rudimentäre Joypad-Unterstützung ohne die Möglichkeit, Funktionen neuen Tasten zuzuweisen. Dass Joypads keine Priorität genießen, überrascht allerdings kaum. ACC wurde für Lenkräder geschaffen, hegt E-Sports-Ambitionen und ist nur bedingt für Joypads geeignet. Ich habe schon ein paar Runden mit einem Xbox One-Controller hinter mir. Das funktioniert durchaus, macht nur nicht halb so viel Spaß wie mit einem ordentlichen Lenkrad, weil das Gefühl für Widerstand und Haftung fehlt. ACCs exzellent abgemischten Soundeffekte dienen durchaus als Indikator für solche Kleinigkeiten, können aber die Wirkung des Force Feedback nicht ersetzen.

Dass die Online-Funktionalität wenig zu wünschen übriglässt, zeigte Kunos schon in der Early-Access-Phase. Die Verbindung ist bislang ausgezeichnet und echte Sportsgeister kommen voll auf ihre Kosten. Dafür sorgt allein schon die Talent- und Fairnesswertung in Form einer ständig aktualisierten Zahl. Wer rüpelhaft fährt, bekommt dies in regelmäßigen Intervallen quittiert und kann an gewissen Online-Sitzungen gar nicht erst teilnehmen.

Ich liebe dieses Spiel, auch wenn es mich durch seinen hohen Anspruch manchmal in die Verzweiflung treibt. Kenner des Vorgängers mögen den Machern von Assetto Corsa Competizione vorwerfen, am Umfang zu sparen und somit weniger Abwechslung zu servieren. Zugegeben, zehn Strecken und nur eine Rennklasse sind nicht viel. Da lassen sich 51 Teams, 280 Fahrer and 14 Autohersteller nur schwer gegenrechnen. Doch wenn man nach der Prämisse "Klasse statt Masse" urteilt, macht Kunos Simulazioni alles richtig. Da draußen gibt es keine pingeligere Simulation, die optisch, akustisch oder beim Fahrgefühl so genau ins Schwarze trifft. Wetter und Tageszeiten (inklusive einer 24-Stunden Herausforderung auf Spa) heben den Anspruch gewaltig, sodass Assetto Corsa Competizione stets hundertprozentigen Einsatz fordert.

Allein schon wegen des Lerneffekts über Bewertungen für jede einzelne Kurve ist Assetto Corsa Competizione die neue Referenz in der gehobenen Klasse der reinrassigen Simulationen.

Entwickler/Publisher: Kunos Simulazioni/505 Games - Erscheint für: PC - Preis: ca. 45 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein

PC-Spiele testen wir auf Lenovo Legion PCs und Laptops, die uns von Lenovo zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Hier erfahrt ihr mehr über Gaming-Laptops 2019 im Allgemeinen und hier geht es zur Website von Lenovo Legion Gaming.

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Über den Autor:

Denis Brown

Denis Brown

Freier Redakteur

Freizeit-Komponist, Hobbie-Spiele-Entwickler, Retro-Zocker und machmal auch eine kleinliche Nervensäge. Hat keine Angst vor Publikum, lebt daher geheime Star-Allüren beim Karaoke aus.