E3 2019 - Marvel's Avengers sieht cool aus, aber die Filme könnten ein Problem werden

Wenn Markensynergien vielleicht doch keine sind.

Heute früh zeigte Square Enix endlich den ersten Trailer zu Crystal Dynamics' Avengers-Spiel. Und was soll ich sagen: Im Grunde ist es genau das, was man immer wollte und von dem man sich fragte, was daran so schwer sein kann. Warum vermasselten es Spieleentwickler immer wieder, Spektakel und superheldenhafte Machtbesoffenheit in ein packendes Spiel zu verwandeln?

Nun, die Antwort ist schnell gegeben: Weil es sich bei den meisten Superhelden-Titeln um Lizenzprodukte handelt. Die werden in engen Zeitfenstern entwickelt, um ihren jeweiligen Film zumindest ansatzweise zu flankieren und so Marketingsynergien zu nutzen. Zwei Produkte statt eines zu verkaufen, war hier der Gedanke. Nicht "hey, das würde ein cooles Spiel abgeben". Vor allem aber war nie viel Zeit dazu und weil unter diesen Vorzeichen selbst gute (lies: "teure") Studios bestenfalls Mittelprächtiges hervorbringen, bekamen selten welche von Rang und Namen den Zuschlag.

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Ich beneide Crystal Dynamics nicht um das Knieschlottern, das sie gehabt haben müssen, als sie die Reaktionen auf diese entscheidende Einstellung abwarteten.

Marvel's Avengers hat nun insofern den Luxus, dass sich mit Crystal Dynamics ein in Sachen Action-Adventure enorm beschlagenes Studio alle Zeit der Welt und entsprechend Geld in die Hand nehmen konnte. Schließlich sind die "Earths Mightiest Heroes" als die mittlerweile wohl größte Unterhaltungsmarke ein laufendes Projekt, mit jährlich zwischen einem und drei Filmen. Eine große Seifenoper, die immer weitergeht und bei der man sich jederzeit mit einem Spiel einhaken kann. Handwerklich mache ich mir keinerlei Gedanken, das hier wird sicherlich mindestens gut und habe große Lust, diese Kräfte auch mal selbst zu entfesseln. Und dennoch ließ mich beim Schauen des Trailers eine Sache nicht los: Könnte es sein, dass die Filme für dieses Spiel eher hinderlich sind als eine Hilfe?

Was ich nämlich spürte, das kann ich nur als eine Art Uncanny Valley für Marken bezeichnen. Das Spiel orientiert sich in Sachen Aussehen, Kostümierung und Look extrem nah an der Kinovorlage. Der Stark Tower ist da, Quinjets und Helicarrier werden eifrig eingesetzt, Tonys Oneliner sind zum Teil direkt aus den Filmen ... und doch ist irgendwie alles anders. Weder die Gesichter noch die Stimmen sind "die echten". Natürlich sind diese Schauspieler mittlerweile nicht nur zu teuer, sondern auch vertraglich so gefragt und eingebunden (oder mit dem Universum durch), dass es wohl ein Albtraum wäre, seinen Kalender mit den ihren für zusätzliche Tonaufnahmen und Folgearbeiten zu koordinieren. Ich verstehe, warum Hemsworth, Evans, Downey Jr und Johansson keine Option waren.

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Und schon stimmt mein Bild dieser wieder. Aber Vorsicht, gleich kommt Thor von hinten und erinnert daran, warum er mal die langweiligste Figur aus dem Ensemble war.

Aber es ist wohl nicht nur das, auch der Tonfall und die Charakterzeichnung einiger Figuren unterscheidet sich entschieden, wenn zum Beispiel Thor wieder sein bierernstes Selbst aus der frühen Comic-Ära ist. Mir schwant, die wahnsinnige Vertrautheit, die die Filme in den vergangenen elf Jahren geschaffen haben, ist auf einmal nicht nur ein Verkaufsargument für dieses Spiel, sondern gleichzeitig auch eines dagegen.

Nun mag man sagen, Sonys Spider-Man habe es auch nicht geschadet, das aktuelle Kino-Universum mit seiner eigenen Vision zu mixen. Aber die Spinne hat nun mal den Vorteil, dass es eher der Anzug ist, der ikonisch ist, nicht Peter Parkers Visage. Parker tut sich zumindest optisch dadurch hervor, was für ein austauschbarer Typ er ist.

Zudem - und das ist wohl das Wichtigste: Wir haben nicht dieses eine Bild von ihm, sondern rege Erinnerung an gleich drei unterschiedliche Spider-Männer von Toby Maguire bis Tom Holland. Spider-Man ist für uns eine Figur, deren Gesicht sich mittlerweile naturgemäß alle paar Jahre wandelt. Batman hatte dieses Problem der Vertrautheit genauso wenig. Die Avengers funktionieren zum Großteil aber vor allem, weil brillant gecastete Schauspieler seit über einem Jahrzehnt konstant gute Arbeit machen.

Ich bin selbst nicht sicher, ob und wie ich es anders gemacht hätte und nachdem Avengers Endgame die Multiverse-Kiste aufgemacht hat, kann ich mir vorstellen, letzten Endes doch einige Erklärungen für die angesprochenen Unterschiede zu schlucken und die Filme für die Dauer meiner Spiel-Session zu vergessen. Ich als Cap-Fan finde den Start mit dem anscheinenden Tod des ersten Avengers natürlich besonders tragisch, wenngleich er als Symbolfigur natürlich wichtiger ist denn als Kämpfer, und seine Kräfte im Spiel vermutlich weniger interessant einzusetzen wären. Zudem ist ja noch Black Widow dabei, um dem Kräftegefälle zwischen den Figuren die benötigte Baseline zu geben. Sein Ende bewirkt auf jeden Fall, dass ich direkt etwas zum "avengen" habe, wenn es am 15. Mai 2020 mit dem Spektakel losgeht.

Ich bin gespannt, ob mein Uncanney Valley im nächsten Frühling immer noch so tief ausfällt, wenn ich ein wenig filmischen Abstand zum Ur-Cast der Rächertruppe gewonnen habe. Bis dahin freue ich mich darauf, die Kräfte meiner liebsten Helden im Koop zu entfesseln. Denn an der spielerischen Qualität dessen, was Crystal Dynamics hier bastelt, habe ich wenig Zweifel. Und hey, wenn meine Probleme, Film- und Spielkanon auseinanderzuhalten, alles sind, was am Ende hieran stört, ist Marvel's Avengers immer noch ein Gewinn.

Entwickler/Publisher: Crystal Dynamics/Square Enix Erscheint für: PS4, Xbox One, PC, Stadia - Geplante Veröffentlichung: 20. Mai 2020 - Angespielt auf Plattform: -

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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