Eigentlich können wir mal den Begriff Pressekonferenz im Zusammenhang mit der E3 abschaffen. Zwischen zugekoksten Jubelposern bei hier mal ungenannten Publishern, die es selbst bei Mobile-Games von ihren Stühlen reißt und Tanz- und Konzert-Einlagen bei anderen, hat das alles wenig mit dem zu tun, was man landläufig unter dem Begriff "Pressekonferenz" versteht. Das mag mal so gewesen sein, in den Urschleimtagen der E3, irgendwo ging es verloren, jetzt ist es eine Marketing-Show. Und das ist auch okay so. Wenn jemand einlädt, um 90 Minuten sein Zeugs zu zeigen, darf er auch bestimmen, wie er das machen möchte.

EA hatte dieses Jahr einen interessanten Ansatz, indem sie jedem Spiel eine halbe Stunde widmeten, was auch relativ viel Gameplay zuließ - selbst wenn man es immer noch schaffte, die besten Szenen aus dem vergleichsweise unspektakulären Star Wars woanders zu zeigen. Außerdem räumt das großzügige Grillpausen ein, wenn man wirklich kein Interesse an einem der Titel hat. Kein schlechtes Format, kann man gut machen, vor allem, wenn es wie bei EA relativ wenige Titel mit komplexer Produktpflege gibt. Wobei die bei Anthem selbst für so einen Show-Stil zu komplex sein dürfte und man so das Spiel lieber erst gar nicht mit auch nur einer Silbe erwähnte.

Okay, sie haben ein darüber gesprochen. Technisch gesehen.

Ubi, Beth, Square und Microsoft folgten mehr der Tradition und in gewisser Weise tat das auch Nintendo, eben nur ihrer eigenen. Wo es jedoch letztes Jahr vor allem ein Smash-Bros-Tutorial zu sehen gab, bei dem ich nach zehn Minuten zeitlimitiert lobotomisiert abschaltete, war es dieses Mal eine Tour de Force - ein E3-Wort von früher, das man heute kaum noch hört, früher war alles eine Tour de Force - der Trailer mit ein paar Gameplay-Einsprengseln. So kompakt, so brutal getaktet, dass ich mich danach erst mal in den Sessel fallen ließ, zur Zigarette griff und in die Redaktionsrunde fragte "War es auch gut für euch?"

Masse ist aber nicht alles, es war vor allem ein Statement, warum man sich auf ihrer Plattform in nächster Zeit nicht langweilen dürfte. Von erwachsenen Third-Partys großer und kleiner Art, niedlichen Indys, bis zu den großen Nintendo-Marken war alles vertreten, alle Geschmäcker hatten einen Ankerpunkt, egal ob Remake oder Neuheit, ob Taktik-RPG oder Casual-Sportspiel. Vor allem gab es kaum etwas, das nicht zumindest interessant wirkte - selbst Contra war interessant. Auf eine "Vorrunde-bei-Deutschland-sucht-den-Super-Star-interessant" Art, aber trotzdem. Sicher, andere, wie Ubisoft oder EA, wandten sich den bestehenden Spielern ihrer großen Titel mehr zu, Division und Battlefield-Fans wird nicht so schnell langweilig werden. Das ist in der Präsentation undankbarer und weniger aufregend als neue Titel, aber es ist nicht so, dass Nintendo hier gar nichts zu bieten hatte. Smash Bros. kriegt gleich zwei große Franchises als Add-on.

The good, ...

Die Highlights bei der Konkurrenz waren sicher auch nicht ohne. Watch Dogs 3 oder besser "Legion" sieht sehr spannend aus, Ghostwire Tokyo und Gods and Monsters sind eine attraktive neu neue IPs, sieht man auch nicht jeden Tag. Und Doom 2/Eternal wird der Hammer, der sich selbst zeigt, wo er hängt. Aber trotzdem, alle anderen Shows, jede für sich, war dieses Jahr zu sehr mit Remakes, Remaster und Add-ons beschäftigt. Nun, nicht, dass Nintendo nichts davon gehabt hätte und nicht, dass das an sich verwerflich wäre, aber bei ihnen wirkte die Balance dieser Dinge besser. Woanders sah ich viel Gutes, worauf ich mich vor allem 2020 freue, dies und das dann auch spielen werde und Cyberpunk 2077 wird das "Best. Game. Ever." Welches sicher auch für die Switch kommt. Derzeit bin ich überzeugt davon, dass es irgendwo eine Art Switch-Underground-Fight-Club gibt, in dem die besten Programmierer die absurdeste Umsetzung anstreben.

... the bad ...

Nintendo schaffte es, mir zu zeigen, warum ich glücklich sein sollte, jetzt eine Switch zu haben, dass ich mich in jedem kommenden Moment auf etwas freuen darf, mal größer, mal kleiner. Zum Finale gab es dann das Äquivalent des letztjährigen Elder Scrolls Trailers, der zwar an sich genauso wenig bedeutet, wie die Aussage, dass man an einem neuen Zelda arbeite - ach ne, wer hätte es gedacht ... -, aber eine absolut gelungene Line-Up-Show mit dem richtigen Bäm! beendete.

... and the misunderstood ugly.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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