In unserem Indie-Roundup präsentieren wir euch einmal die Woche (meist) aktuelle Indie-Spiele, die ansonsten in der Masse der Releases leicht untergehen könnten.

Draugen

Lass mich bitte nicht allein ...

Ich muss mich wirklich über mich selbst wundern. Ich habe ein Computerspiel konsumiert und dabei so etwas wie Einsamkeit verspürt, ja regelrecht Sehnsucht nach einem NPC. Welches Spiel das geschafft hat? Draugen heißt es. Darin landet ihr als Lehrertyp Edward gemeinsam mit eurer jungen Begleiterin Alice (aka Lissie) auf der norwegischen Insel Graavik, eigentlich auf der Suche nach eurer Schwester. Was dann passiert, werdet ihr kaum glauben ... würde ich jetzt schreiben, wenn dies ein Clickbait-Artikel wäre. Ich verrate es euch aber: Graavik ist vollkommen ausgestorben, selbst die Dame, die euch eingeladen hat, ist einfach nicht vor Ort. Also versucht ihr euch zusammenzureimen, was passiert ist, und stoßt auf das eine oder andere Geheimnis.

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Lissie: Definitiv einer der besten Gründe, Draugen zu spielen.

Draugen gehört zum Genre der Walking-Simulatoren, das ich lieber narrative Exploration nenne. Die Entwickler geben euch zwar eine kleine Insel, um sie zu erkunden, sie schränken aber leider ein, wohin ihr euch gerade bewegen dürft, auch wenn das heißen kann, dass ihr nicht über Absperrungen steigen dürft, die so hoch sind wie euer Schienbein. Macht aber nichts, denn Draugen zieht seinen Reiz nicht aus dem Drang, die Insel zu erkunden, sondern aus, naja ... Lissie. Selten habe ich einen glaubhafteren NPC gesehen. Lissie spricht mit euch während ihr herumlauft und jeder Dialog fühlt sich natürlich an. In jugendlichem Leichtsinn balanciert sie auf Geländern und Holzbrettern, turnt ruhlos herum und gibt euch stets das Gefühl, eine Gefährtin an der Seite eines alten und etwas spießigen Sacks zu sein, der selbst in ärgerlichen Situationen kein Schimpfwort über die Lippen bringt. Und ja, ihr seid der Sack.

Wenn Lissie dann mal weg ist, weil sie sich noch irgendetwas anschauen will, während ihr schon weiterlauft, dann fühlt sich das tatsächlich an, als würde irgendwas fehlen. Und wenn sie wieder da ist und euch kritisiert, weil ihr scheinbar besessen seid von der Suche nach eurer komischen Schwester, die ihr vielleicht ohnehin nie finden werdet, dann wird sie zum Ärgernis. Lissie ist Feuer und Eis, sie ist eure größte Inspiration und euer größtes Problem und wenn im Verlauf des Spiels geklärt wird, wer Lissie eigentlich ist, wird euch einiges klar. Also doch Clickbait? Naja, spielt einfach Draugen, um es herauszufinden.

Preis: 19,99 Euro
Erhältlich für: PC, Konsolen sollen noch 2019 folgen
Offizielle Webseite

Lornsword Winter Chronicle

Echtzeitstrategie - und mitten im Geschehen

Wenn ihr ein Echtzeitstrategiespiel konsumiert, geht es euch dann auch so, dass ihr Probleme mit der Identifikation mit eurem Charakter habt? Weil es euren Charakter nämlich gar nicht gibt. Ihr seid einfach eine Art göttlicher Kommandant, der Truppen über das Schlachtfeld schiebt, aber selbst nie in Erscheinung tritt. Anders ist das bei Lornsword Winter Chronicle, einem Echtzeitstrategiespiel, in dem ihr euch selbst über die Karte bewegt. Ganz direkt, ganz manuell, aktuell erschienen auf Steam im Early Access.

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Lornsword kann ziemlich hektisch werden. Umso mehr, weil ihr jeden Befehl persönlich vorbeibringen müsst.

Und ja, während Starcraft-2-E-Sportler möglicherweise noch ihren Mouse-Speed trainieren, müsst ihr hier wirklich manuell laufen, idealerweise mit einem Controller, denn darauf ist das Spiel ausgelegt. Ihr geht von A nach B, befehlt dort den Bau eines Gebäudes oder rekrutiert Truppen, um sie in die Schlacht zu führen. Und weil sich das bisweilen etwas langsam anfühlen mag und eure Figur mehr sein soll als nur ein Mauszeiger, der aussieht wie eine Figur mit Schwert, könnt ihr natürlich auch selbst ins Geschehen eingreifen. Und das funktioniert überraschend gut. Lornsword Winter Chronicle ist noch nicht fertig, aber es wirkt, als könnte es als eine wirklich runde Mischung aus Warcraft und Diablo werden.

Dieser fast schon unverschämte Cocktail wird euch gefallen, wenn ihr euch schon immer gefragt habt, wen ihr eigentlich in Echtzeitstrategiespielen verkörpert, aber auch dann, wenn ihr gern mal irgendeine feindliche Einheit selbst angegriffen hättet. "Alles muss man selber machen", mögt ihr euch denken und ja, genau das ist das Gefühl, das sich beim Spielen ausbreitet. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Hilft ja nichts.

Preis: 18,99 Euro
Erhältlich für: PC, Konsolen sollen folgen
Offizielle Webseite

Totally Accurate Battle Simulator

Total akkurat. Nicht.

So ziemlich das Gegenteil der direkten Steuerung von Lornsword ist der derzeit auf Steam ebenfalls im Early Access erhältliche Total Accurate Battle Simulator. Und zwar deshalb, weil ihr hier eigentlich gar nichts steuert. Zu Beginn eines Gefechts platziert ihr lediglich eure Truppen, klickt dann auf den Start-Button und seht zu, wie sie sich im Kampf schlagen. Es kommt also nur auf zwei Faktoren an: Dass ihr die richtigen Einheitentypen platziert - und dass ihr sie an der richtigen Stelle platziert. Zur Verfügung stehen euch Truppentypen aus verschiedenen Zeitaltern, wobei das "Totally Accurate" an dieser Stelle eben gerade nicht ernst zu nehmen ist. So tragen beispielsweise die Wikinger aus unerfindlichen Gründen auch schon mal ein Langschiff übers Schlachtfeld und die mittelalterlichen Truppen können mit einer irren Vogelscheuche angreifen, die Vögel eben gerade nicht scheucht, sondern auf die Gegner hetzt.

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Mammuts vs. Samurais - endlich wird die Frage geklärt, wer besser ist.

Dass dieses Spielprinzip funktioniert, hat nicht nur damit zu tun, dass es Spaß macht, herumzuexperimentieren, welche Truppen gut gegen welche anderen Truppen funktionieren. Das Spiel hat auch eine ziemlich überzogene Ragdoll-Physik. Feuert ihr also mit eurem Katapult in eine Gruppe feindlicher Truppen, fliegen die nur so durch die Gegend und ihr könnt euch daran erfreuen, passiert euch das Gleiche andersherum, werdet ihr auch aber wahrscheinlich vornehmen, eure Truppen beim nächsten Mal etwas weiter über das Schlachtfeld zu verstreuen. Lasst euch also von Screenshots nicht täuschen, das Spiel sieht auf eine alberne Art deutlich spektakulärer aus, wenn es sich bewegt - wie ihr im Trailer sehen könnt.

Als Early-Access-Titel ist der total akkurate Schlachtensimulator zwar noch nicht vollständig, was es zu sehen gibt, funktioniert aber bereits bestens und schon in dieser Vorabfassung entfaltet der Titel ein ziemliches Suchtpotenzial. Ein einzelner Level lässt sich relativ schnell abschließen und neben einer Kampagne könnt ihr im Sandbox-Modus auch mal ausprobieren, was passiert, wenn drei Mammuts auf eine Horde Samurai treffen. Spoiler-Alert: Die armen Mammuts haben nicht lang überlebt. Total akkurat.

Preis: 12,49 Euro
Erhältlich für: PC
Offizielle Webseite

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.