Amid Evil: Die inoffizielle Hexen-Fortsetzung erinnert daran, warum wir Ego-Shooter lieben

Ein Spiel für Häretiker.

Ich bin gerade ein paar Meter im Selenic Stronghold unterwegs, als ich das erste Mal auf die Tabulator-Taste drücke. Es war ein kurzer Weg für meinen kleinen Finger, aber ein gewaltiger Sprung für meine Nostalgie. Und die bewegte sich die ersten Minuten durch die Hub-Welt dieses erfrischend schamlos an die Hexen-Reihe erinnernden Shooters ohnehin schon auf einem bedrohlich verzückten Level.

Die Taste blendet jedenfalls links ein paar Informationen ein: Levelname, Anteil der erlegten Gegner und - willkommen zurück in den 90ern! - Zeit und Geheimnisse. 0/9 stehen in letzterer Kategorie zu Buche. Natürlich, hab' ja auch gerade erst angefangen. Aber die Null steht länger und länger, egal wie weit ich in dieser ersten Stage des ersten von sieben Kapiteln auch komme.

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So geht's los. Könnte eine alte id-Engine sein. Ist aber die Unreal Engine 4.

Ich finde einfach nichts, werde langsam nervöser, kann mir nicht helfen und schaue immer öfter ungläubig nach links, um mir mein Versagen vom orange glühenden Oval bestätigen zu lassen. Dann, mit einem letzten Aufzug, ist der Level plötzlich vorbei. Ich muss grinsen und ahne, Amid Evil und ich werden gute Freunde.

Der folgende Abrechnungsbildschirm reibt mir mein Scheitern auf mehreren Ebenen unter die Nase: So groß war der Level nicht, ich habe mit reichlich Umgucken 19 Minuten gebraucht und trotzdem keines der neun Verstecke entdeckt. Auf dieser Länge hätte ich schon aus statistischer Wahrscheinlichkeit fast zufällig in eines hineinstolpern müssen. Aber nein, sie sind deutlich besser versteckt.

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Die eine Ecke, in die ich nicht getaucht bin, war's. Oft findet man in den Verstecken Waffen, die man eigentlich erst später bekäme. Meistens aber Lebensenergie oder Seelen, die den Overkill-Modus einer Waffe aktivieren.

Und dann erst die Par-Zeit, die ich kläglich verpasste: 4:00 Minuten sollen hier drin sein. Amid Evil knallt mir seinen Fehdehandschuh mit einiger Wucht um die Ohren - und für mich ist das eine wahnsinnig schöne Erinnerung an die alten Tage, daran, was uns einst dazu ermutigte, auch ohne Unlocks und Upgrades immer wieder durch flüssig auf uns zu scrollenden Gänge und Gewölbe zu huschen.

Denn: wirklich gescheitert bin ich ja nicht. 100 Prozent Kills und das schöne Erlebnis, durch einen wunderbar oldschoolig designten Level beinahe zu fliegen, sind immer ein Gewinn. Wo Doom 2016 die alte Formel aufs Wesentliche herunterdestillierte und mit chirurgischer Präzision moderne Elemente einkreuzte, leiht sich Amid Evil die 20 Jahre alte Denke am Stück - den Entwicklern als alten Doom-Moddern sollte sie ja nicht fremd sein - und baut damit das beste Spiel, das 1999 nicht herausgekommen ist.

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Im Overkill geht es richtig ab. Mein Favorit ist aber die Standard-Axt, sie sich in ihrem Super-Modus, um ihre eigene Achse dreht. Ein Power-up, als hätte es sich ein Kind ausgedacht.

Amid Evil ist kein großes Epos mit eindringlicher Geschichte. Das World-Building übernehmen der stimmungsvolle Soundtrack, ein gutes Gespür für andersweltliche Architektur und wenig Lore, das man an ihren Wänden lesen kann. Drumherum jedoch passiert die eigentliche Magie, wenn verhexte Waffen - Zauberstäbe in erster Linie, aber auch Äxte und Sachwerter - am unteren Bildrand Blitze, zielsuchende Energieprojektile oder ganze Miniaturplaneten verschießen, und jede davon für genau eine Sache besser ist als alle anderen.

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Einfach kommen lassen ...

Und natürlich macht letzten Endes die Fortbewegung den Unterschied aus: Sie geht irrsinnig schnell und vor allem griffig von der Hand, während die Bewegung der Kamera beim Circle-Strafe-Fest ihre schmissige Körperlichkeit und Dynamik direkt an den Spieler überträgt. Amid Evil vereint einfach Qualitäten - in Level-Design, Spielgefühl und Herausforderungsprofil -, die auch die Dekaden überdauern, die an dieser Art von Spiel vermeintlich uneinholbar vorbeigezogen sind. Viel neuer und zugleich auf die gute Art älter kann sich ein Spiel eigentlich nicht anfühlen.

5
Ich weiß immer noch nicht, ob die Waffen 3D-Objekte oder Sprites sind. Aber wen interessiert das schon bei solchen Aussichten?

Ich habe den Selenic Stronghold mittlerweile zwei Mal wiederholt, bin bei sieben Secrets und könnte mich dafür schlagen, beim ersten Durchgang nicht zumindest drei oder vier dieser Geheimnisse gefunden zu haben. Aber es spricht eben auch für die Qualität des Designs, dass man diese Verstecke nicht von selbst findet, sich erst ein wenig in die Entwickler hineinversetzen muss. Selbst eine Idee, wie ich die Par-Zeit knacke, habe ich mittlerweile.

Das alles führt dazu, dass ich schon lange nicht mehr das Bedürfnis hatte, einen Shooter-Level auf so innige Weise kennenlernen zu wollen, wie in Amid Evil. Ganz wie damals eben, als wir uns das erste Mal in diese Art von Spiel verguckten. Dafür liebe ich diesen Titel aufrichtig - und ich kann mir gut vorstellen, dass euch das ähnlich gehen wird. Findet's am besten selbst heraus. Die aktuell 14 Euro auf Steam sind dafür geradezu geschenkt.

Entwickler/Publisher: Indefatigable/New Blood Interactive - Erscheint für: PC, Switch - Preis: ca. 17 Euro - Erscheint am: PC erhältlich, Switch später - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: PC

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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