Sea of Solitude - Test: Allein mit deinen Monstern

Verloren auf dem Meer der Melancholie

Psychische Erkrankungen sind kein Thema, über das sich besonders leicht reden lässt. Wer jemandem erzählt, dass er Kopfschmerzen hat, kann sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit darauf verlassen, dass sein Gegenüber weiß, wie sich das anfühlt. Und selbst wer sich ein Bein gebrochen hat, kann darauf vertrauen, dass sein Gegenüber versteht, dass das ziemlich schmerzvoll sein muss, selbst dann, wenn es noch nie in der Situation war.

Bei psychischen Krankheiten ist das anders - wie sich eine Depression anfühlt, wird möglicherweise nie verstehen, wer nicht selbst einmal damit zu kämpfen hatte und die Unfähigkeit, morgens auch nur aus dem Bett zu kommen, im schlimmsten Fall auf Faulheit oder mangelnde Motivation schieben. Vielleicht ist die Kunst daher eine gelungene Ausdrucksform, um darzustellen, wie sich psychische Erkrankungen anfühlen.

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Euer Boot ist in Sea of Solitude euer sicherster Zufluchtsort - hier kann euch nichts passieren. (Sea of Solitude - Test)

Nicht zu wissen, wo ihr seid und erst recht nicht, wie ihr da wieder rauskommt - so stellt Entwickler Jo-Mei Games in Sea of Solitude das Thema Depression dar. Ich möchte gleich vorweg schicken, dass Vieles in diesem Spiel Raum für Interpretation bietet und ich daher nicht sagen kann, ob die Art, wie ich das Spiel verstanden habe, auch die ist, wie ihr es verstehen werdet und schon gar nicht das widerspiegelt, was sich die Entwickler gedacht haben. Wenn ihr hier also lest, wie ich Sea of Solitude verstanden habe, dann ist das wirklich nur mein persönlicher Eindruck. Ich erhebe nicht den Anspruch, dieses Thema im Spiel als einziger richtig zu deuten - sofern es eine richtige Deutung hier überhaupt geben kann.

Sea of Solitude setzt euch gleich zu Beginn auf ein kleines Boot. Das schwimmt auf einem Meer und wie ihr unschwer erkennen könnt, bedeckt dieses Meer eine versunkene Stadt. Es mag jene sein, in der die namenlose und nur als schwarzer Schatten auftretende Protagonistin Kay lebt oder gelebt hat, erklärt wird das nicht. Nur, dass ihr trotz gefühlter Einsamkeit auf diesem Meer nicht ganz allein seid, das erfahrt ihr relativ schnell, denn die Spielwelt wird bevölkert von riesigen Monstern, ebenfalls tiefschwarzen Wesen, die wahlweise im Wasser umherschwimmen oder durch die Lüfte fliegen und die Kay am liebsten fressen würden. Und das kann auch passieren. Denn wer vermutet, Sea of Solitude sei nur ein weiterer Walking Simulator, der hat sich geirrt. Ihr könnt tatsächlich sterben, wobei ihr nach eurem Ableben unmittelbar vor dem Ort eures Todes weiterspielen könnt, ihr verliert also nicht viel Spielzeit. Um den Tod zu vermeiden, müsst ihr beispielsweise aufpassen, dass ihr nur dann ins Wasser springt, wenn das Monster nicht in unmittelbarer Nähe ist.

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Monster trefft ihr in Sea of Solitude nicht gerade selten. (Sea of Solitude - Test)

Im Spielverlauf stellt sich recht schnell heraus, dass die besagten Monster nicht wirklich wilde Tiere sind, sondern selbst einst Menschen waren, die aber durch die Einsamkeit zerfressen wurden und sich so in diese Kreaturen verwandelt haben. Menschen im übrigen, die ihr mögt, weil sie einst Teil eurer Familie waren. Eure Aufgabe ist es daher auch nicht, die Fressfeinde zu besiegen, sondern ihnen zu helfen, ihr früheres Ich wiederzufinden. Das macht ihr, indem ihr an bestimmten Stellen im Spiel eure Kräfte nutzt, um eine Art Verderbnis aufzulösen - schwarzen Rauch, der sich um kleine Lichtquellen angesammelt hat.

Diese Lichtquellen wiederum könnt ihr dann auf die Monster lenken. Macht das häufig genug und sie erinnern sich wieder, wer sie einmal waren. Das wirkt sich auch auf die Spielwelt aus. Je mehr ihr das Vertrauen der Monster gewinnt, desto mehr sinkt (stufenweise) der Meeresspiegel. Ihr bleibt übrigens nicht dauernd auf dem Boot, häufiger geht ihr auch an Land und erkundet dort die Spielwelt. Zu finden gibt es dort neben zwei verschiedenen Collectibles (Tauben und immer wieder auch eine Flaschenpost) nicht viel - aber darum geht es nicht, in Sea of Solitude ist die sich verändernde Spielwelt und ihre monströsen Bewohner der Star.

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Der Meeresspiegel in Sea of Solitude zeigt häufig recht deutlich an, wie die Stimmungslage der Monster im Spiel gerade ist. (Sea of Solitude - Test)

Nur: Ich hätte mich deutlich besser in diese Spielwelt fallen lassen können, wären da nicht immer wieder störrische Gameplay-Elemente gewesen. Das fängt mit den Toden an, die ihr erleidet, weil ihr von Monstern gefressen werdet und findet seine Fortsetzung in späteren Abschnitten, in denen ihr in einer Art Schul-Mobbing-Szene vor den dunklen Schatten ehemaliger Klassenkameraden weglaufen müsst. Diese Teilbereiche von Sea of Solitude fühlen sich hakelig an, weniger poliert als die bildhübsche Spielwelt. Nun könnte man das als Metapher sehen: Das Durchleben einer Depression ist eben kein Spaziergang, es ist schwierig und potenziell sogar lebensgefährlich.

Ist alles richtig, hätte man aber vielleicht auch in Szenen zeigen können, die sich weniger anfühlen wie typische Mechaniken eines Action-Adventures. Auch, weil ebendiese Gameplay-Einlagen immer wieder dafür sorgen, dass ihr aus der traurigen Atmosphäre herausgerissen werdet, die allerdings häufig auch Hoffnungsschimmer durchblicken lässt. Sea of Solitude wechselt von hellen, sonnigen Szenen zu düsteren, hoffnungslosen, als würdet ihr permanent ein Wechselbad der Gefühle durchleben. Das lässt sich gut genießen - bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihr von einem riesigen Monster gefressen werdet, weil ihr den richtigen Moment verpasst habt, ins Wasser zu hüpfen.

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Dieser Vogel hier ist gerade ziemlich sauer. (Sea of Solitude - Test)

Glücklicherweise halten euch diese Momente aber auch nicht lang auf. Die Gameplay-Elemente in Sea of Solitude sind alles andere als anspruchsvoll, ihr seid nur häufig überrascht, dass sie überhaupt da sind. Sie sind aber eben keine Mauer, gegen die ihr rennt, sondern eher wie ein Schluckauf, der euch für wenige Sekunden aus dem reißt, was ihr gerade eigentlich tun wollt. An zwei bis drei Stellen wusste ich zudem nicht so ganz, was das Spiel von mir verlangte, aber auch da habe ich immer relativ schnell die Lösung gefunden. Sea of Solitude ist eine recht lineare Spielerfahrung und um herauszufinden, wohin ihr als nächstes gehen (oder auf dem Boot schippern) müsst, gibt es sogar eine spezielle Fähigkeit, die nur wenig von einem permanenten Pfeil am Bildschirmrand unterscheidet: eine Art magisches Leuchtsignal.

Überrascht war ich von der Vielfalt der verschiedenen Spielumgebungen. Ich habe vielleicht vier bis fünf Stunden gebraucht, um Sea of Solitude abzuschließen, aber in dieser Zeit bietet das Spiel neben helleren und dunklen Szenen auch das, was ich verschiedene Klimazonen nennen würde, inklusive Schneelandschaften. Das Boot ist das wiederkehrende Element, das euch von Anfang bis Ende begleitet und in diesem Boot können euch die Monster nichts antun. Deshalb lernt ihr es zwangsläufig lieben, egal, wo ihr euch gerade befindet.

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Sie sehen nicht vertrauenswürdig aus und sie sind es auch nicht. (Sea of Solitude - Test)

Ein Wort noch zur Vertonung: Entwickler Jo-Mei Games kommt aus Berlin und das hört man. Die englische Sprachausgabe klingt, als wäre sie nicht nur von deutschen Muttersprachlern eingesprochen worden, sondern auch von ihnen geschrieben. Das ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, etwa so als würdet ihr euch ein englischsprachiges Interview mit einem Deutschen anhören. Es ist aber kein falsches Englisch und man gewöhnt sich an die Aussprache. Ich höre mich wahrscheinlich tausendfach schlimmer an, wenn ich auf der Gamescom genötigt bin, englisch zu reden. Geschrieben sind die Texte gut, insbesondere die durchaus glaubwürdigen Selbstgespräche der Protagonistin.

Sea of Solitude ist anzumerken, dass viele persönliche Erfahrungen hineingeflossen sein müssen. Diese Erfahrungen könnt ihr auch durch ein Spiel wie dieses nicht zwingend nachvollziehen, aber ihr könnt lernen, sie zu verstehen. Und genau das ist es, was Sea of Solitude (trotz nervigen Gefressenwerdens) zu einem tollen Spiel macht. Ihr lernt, dass es in bestimmten Situationen eben keinen einfachen Ausweg gibt, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen eben manchmal nicht einfach zusammenreißen können und ihr lernt auch, dass es sicher keine Lösung ist, diesen Leuten zu sagen, sie sollen doch einfach mal lachen. Ansonsten könntet ihr nämlich selbst einfach per Knopfdruck den Meeresspiegel wieder senken. Genau das aber geht eben nur durch enorme Kraftanstrengungen.

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Sea of Solitude enthält durchaus auch zahlreiche malerische Szenen wie diese hier. (Sea of Solitude - Test)

Und so hat mich Sea of Solitude letzten Endes doch beeindruckt. Ich habe die Atmosphäre aufgesogen und während ich durch die Welt geschwommen und gelaufen bin, ist in meinem Kopf ein Interpretationscomputer angesprungen, der sich permanent gefragt hat, welche Situation hier gerade versinnbildlicht wird - mal macht einem das Sea of Solitude leichter, mal schwerer, aber ihr findet eigentlich immer irgendwo einen Anknüpfungspunkt, der die Gedankenspirale auch in eurem Kopf weiterkurbelt. Sea of Solitude ist inspirierend und es klärt auf. Da kann ich kleinere Schluckauf-Anfälle beim Gameplay gut verzeihen.

Entwickler/Publisher: Jo-Mei Games/Electronic Arts - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 19,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Gestestete Version: PS4 - Sprache: deutsche Texte, englische Sprachausgabe - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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