Battle Brothers ist, wenn sich XCOM und FTL in der Welt von Game of Thrones treffen

Das aktuell coolste und dreckigste Taktikspiel aus Deutschland.

Stoppt mich, wenn mein Lauf, euch nachträglich ein paar Games vorzustellen, die zu ihrem Release ein wenig unter dem Radar durchflogen, euch auf den Keks geht. Ich für meinen Teil bin immer wieder verblüfft, was so durchrutscht, das wie für einen gemacht scheint - aber der Tag hat nun Mal nur 24 Stunden, in die man neben Games auch noch ein paar andere Sachen quetschen muss.

Gerade, wenn es dann um Spiele von kleinen deutschen Entwicklerteams geht, darf man auch mal hergehen und nachträglich ein wenig Liebe verteilen. Vor allem, wenn es auf einer Plattform wie Steam durchgehend so gut läuft und auch durch umfassende Content-Updates stets frisch gehalten wird. Battle Brothers also - kommt tatsächlich aus Deutschland, aus Hamburg, um genau zu sein, und hätte ich das nicht nachgeschlagen, ich hätte es nicht gemerkt.

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Die Figuren sind simpel gehalten, vermitteln aber klar, welche Art von Gegenwehr euch erwartet.

Das liegt vor allem daran, dass das Spiel seine englischen Texte in einem sehr literarischen, wahnsinnig evokativen Schreibstil präsentiert. Jede einzelne Quest-Beschreibung und jeder Dialog zeichnen wunderbar plastische Bilder von den jeweiligen Szenen. Das hier ist, als läse man A Song of Ice and Fire im Original, und ist in der Qualität von originär deutschsprachigen Autoren nicht zu erwarten. Und bingo: Overhypes Autor ist Amerikaner - die Frage, wieso das Spiel so international wirkt, wäre damit geklärt. Der Herr haut jedenfalls in die Tasten, als schreibe auch er eine gewaltige, dreckige Fantasy-Saga.

Der Haken ist natürlich, dass es eines der wenigen deutschen Spiele sein dürfte, die man nicht auf Deutsch spielen kann, was ebenso bedauerlich wie wenig intuitiv ist. Aber bei einem Team, das aus drei Entwicklern sowie einem Texter und zwei Komponisten besteht, die ihnen extern zuarbeiten, ist es irgendwo auch verständlich, wenn man sich auf eine Sprache konzentrieren muss und dann die wählt, die die höchsten Absatzzahlen verspricht. Den vorläufigen Sargnagel für eine Lokalisation stellte wohl der Umfang dar. In einem Durchlauf durch die Kampagne und eine von drei angeschlossenen Late-Game-Krisen soll man laut Entwicklern nur etwa zehn Prozent der modular aufgebauten Events und Texte zu sehen bekommen.

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Ich habe bisher kaum sich wiederholende Texte entdeckt. Hier klickt man nie etwas weg, weil die Situationen so gut beschrieben sind.

Es ist einfach eine Menge Inhalt - und wenn ein Studio aus einer Handvoll Leuten diese Kosten-Nutzen-Rechnung aufmacht, kann man irgendwo verstehen, wenn sie ausgeht, wie sie das hier tat.

Bei allem Lob für die immersiv geschriebenen Texte sollte aber gesagt sein: Eine Storyline im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Ihr selbst steuert die Geschicke einer Mittelalter-Fantasy-Söldnertruppe, die ihr über eine zum Start des Spiels immer neu generierte Weltkarte schickt, um für verschiedene Fraktionen Missionen zu erledigen. Truppen-Management, Ressourcenbeschaffung, Hexfeld-Taktik und nicht zuletzt FTL-artige Entscheidungen bei In-Game-Events sind euer Brot und Butter. Geschichte ist das, was entlang des Weges passiert.

Triumphe unter großen Verlusten. Schlachtentrophäen der guten - tolle Ausrüstung - oder schlechten Sorte - abgetrennte Finger, ausgestochene Augen usw., die Herkunftsgeschichten eurer Rekruten, ihre Karrieren und endgültigen Schicksale, Heldentaten, Opfer. Das ist die wirkliche Geschichte, für die der Autor nur den Rahmen hinstellt, damit sie sich unter eurem Zutun immer wieder neu erzählen kann.

Das Herz von Battle Brothers liegt natürlich - wie der Name schon sagt - in der Schlacht an sich. Ich gebe zu, ich muss über die Jahre weich geworden sein, denn dieser Rundenkampf blendete mich zu Beginn mit seinem Facettenreichtum ein wenig. Ich habe mir über die Jahre irgendwie angewöhnt, ein wenig zu sehr auf Trefferpunkte und Schadens-Output zu achten. Sobald aber Höhenunterschiede, Umzinglungs-Boni, Kontrollzonen, in denen man sich nicht bewegen kann, ohne vom Gegner einen Hieb mitzubekommen, und verschiedene Panzerungswerte und Verteidigungs-Skills sowie Waffengattungen hinzukommen, die sich nicht so recht auf einer Skala von "schlecht" zu "gut" einsortieren lassen, merkt man, wie gut die letzte Generation Taktik-Games seit XCOM es mit einem meinte.

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Die Weltkarte mit den Städten, die unter der Herrschaft verschiedener Fraktionen liegen, wird bei jedem Spielstart neu generiert.

Mit dem Resultat, dass Skills, die ich zu Beginn zugunsten von besserer Gesundheit oder Verteidigungswerten missachtete, weil ich sie zu situativ fand, auf einmal Pflichtprogramm auf mindestens einem meiner Battle-Brüder wurden und ich um andere komplette Taktiken herum strickte. Etwa um eine Art Schachrochade herum, mit der ich zwei Figuren austausche und erst einen Rundum-Schadensproduzenten ins Getümmel schicke, um ihn durch meinen besten Tank auszutauschen, sobald es brenzlig wird. Diese Jungs sind einfach deutlich individueller als in vielen anderen Taktik-Games und wenn man einen von ihnen ersetzen muss, weil er stirbt oder ihn eine verkrüppelnde Wunde zu einem Schatten seiner selbst degradiert, schmerzt das wirklich. Es ist auch nicht wirklich kompliziert, will von euch nur in all seinen Spielarten ernstgenommen werden.

Ansonsten gefällt mir die Atmosphäre exzellent und die Tatsache, dass man alle Ausrüstungsgegenstände auf dem Schlachtfeld schon an den Figuren erkennt, ist ein netter Touch. Natürlich: Das hier könnte auch ein Brettspiel sein, so sparsam sind die Animationen - das Taktikbrett macht trotz simpler, aber gemein umgesetzter und vertonter Finisher keinen Hehl daraus, dass dies hier genauso gut Figuren eines Tabletop sein könnten. Aber es wirkt ebenso dreckig und auf ehrliche Art ruhmbefreit wie viele der literarischen Vorbilder. Komplett entromantisierte Low-Fantasy eben, der Breakdown Epiphanies Dutzende exzellente Musikkompositionen auf den Leib geschneidert hat. Ich meine, hört doch mal:

Auf Steam fand Battle Brothers bereits viele Freunde und wird sie auch weiter finden, da bin ich sicher. Overhype lieferte bisher in schöner Regelmäßigkeit guten DLC, der dafür sorgt, dass der Titel im Gespräch bleibt und seine überschaubare, aber respektable Spielerbasis wächst, anstatt zu schrumpfen, was in diesem Markt alles andere als selbstverständlich ist. Kein Wunder, wenn sich die Steam-Bewertungen wie zuletzt in Richtung "Äußerst positiv" verschieben. Kurzum: Das hier ist erdige, schön dreckige und ausschweifende Rundentaktik von internationalem Reiz in dem kompaktesten denkbaren Paket.

Entwickler/Publisher: Overhype Studios - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: ca. 28 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Englisch - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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