SolSeraph - Test: ActRaiser Reloaded

Wenn ein Spiel plötzlich über 25 Jahre alte Erinnerungen wachruft. 

Falls ihr vor langer Zeit ein Super Nintendo euer Eigen genannt habt, habt ihr vielleicht ActRaiser gespielt. Nicht zwingend, denn der Titel war kein Must-have wie Super Mario World, Link to the Past, Star Fox oder die Donkey-Kong-Spiele. Nein, es handelte sich eher um ein unauffälliges Spiel, das relativ zu Beginn des SNES-Lebenszyklus im Jahr 1993 in Europa erschien. Warum man heute überhaupt noch von ActRaiser redet? Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass das Spiel auf sehr unkonventionelle Art zwei Genres mischte. Einerseits spielte sich ActRaiser ähnlich wie ein klassisches, lineares Castlevania - ihr lauft also von links nach rechts und prügelt allerlei Monster ins Jenseits, nur nicht mit einer Peitsche, sondern ebenso mit einem großen Zweihänder.

Habt ihr aber den ersten Level geschafft, wechselt das Spiel aber unerwartet in einen Strategie-Modus, in dem ihr aus der Vogelperspektive Dörfer aufbaut und deren Bewohner vor dem Bösen schützt, das sich aus allerhand Höhlen in Monsterform über sie ergießt. Eine Mischung, die es seither in genau dieser Form kaum gab - noch nicht einmal im zweiten Teil, der den Strategieteil einfach weggelassen hat. Bis jetzt. Denn jetzt hat Entwickler ACE Team SolSeraph gebastelt, und damit genau das gemacht, was die ActRaiser-Entwickler damals auch gemacht haben. Sega hats gepublisht und hier haben wir nun den Salat: ein komplett neues ActRaiser. Sozusagen.

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Schön grün, ein Ferientag auf dem Bauernhof, oder: Wie ich als Engel mit Goblin-Bogenschützen umgehe. (SolSeraph - Test)

Kein großes Story-Geplänkel am Anfang, keine Erklärung - die Entwickler nehmen es sehr genau mit der Authentizität, nur dass ihr hier keine Spielanleitung bekommt, wenn ihr SolSeraph auf der Plattform eurer Wahl in digitaler Form kauft. Ihr werdet also sofort in ein 2D-Level geworfen, als strahlender Gott in stählerner Rüstung, mit glühendem Schwert sowie Pfeil und Bogen. Ich kam nicht umhin, mich über den Look ein bisschen zu amüsieren, denn während die Grafik irgendwo so auf dem technischen Niveau der letzten Konsolengeneration vor sich hindümpelt und damit gerade noch so akzeptabel aussieht, war zumindest ich es absolut nicht mehr gewohnt, Szenarien, die sich so ernst nehmen, in einer derart auf Realismus getrimmten Optik zu sehen. Ihr spielt einen Gott in Rüstung, mit Flügeln und einem Schwert, der stumpf auf rote Blobs und Goblins einprügelt. Man denkt sich nichts dabei, wenn man so was in Pixelgrafik sieht, in 2,5D wirkt es aber auf einmal, als würdet ihr einen alten Stummfilm in 4k sehen. Komisch irgendwie.

Aber ich habe mich dann doch relativ schnell dran gewöhnt und letztlich war der erste Level von SolSeraph deutlich leichter schaffbar als es jener von ActRaiser seinerzeit war. Ihr besiegt auch ohne gute Strategie mit einigen Schwertschlägen einen Boss und dann kommt der Strategiemodus. Als kleines Engelchen fliegt ihr über die Welt und stellt fest, dass ihr der letzte der Götter seid, der es noch gut mit den Menschen meint. Die anderen hetzen regelmäßig aus irgendwelchen Erdlöchern Monster ins Zentrum eines noch nicht existierenden Dorfes. Das müsst ihr jetzt aufbauen und das Lagerfeuer schützen - schafft ihr das nicht, verliert ihr.

Im Gegensatz zum SNES-Vorbild spielt sich SolSeraph in diesem Modus deutlich mehr wie ein Tower-Defense-Spiel. Die Monster laufen auf festen Wegen in Richtung Dorfmitte und genau diese Wege könnt ihr mit Bogenschützen, Kasernen oder magischen Abwehrtürmen säumen. Baut ihr mehr Gebäude, tastet ihr euch nach und nach an die Höhlen heran, die zu Beginn von einem dunklen Nebel umgeben sind. Um den zu lichten, müsst ihr wiederum einen Tempel bauen und wenn ihr sämtliche Nebel auf einer Karte beseitigt habt, schaltet ihr den nächsten Sidescroller-Level frei. Fertig ist der Lack.

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Ihr seht schon: Die Türme sind irgendwie wichtig. (SolSeraph - Test)

Nun fällt bei SolSeraph auf, was bereits bei ActRaiser auffiel: Die Strategie-Abschnitte spielen sich relativ simpel, die Sidescroller-Anteile sind aber (vielleicht aufgrund ihrer geistigen Nähe zu Castlevania) ziemlich harte Brocken. Vor allem müsst ihr euch auf ein sehr langsames Gameplay einstellen. Weil ihr nicht zwingend alle Gegner besiegen müsst und es auch keine Erfahrungspunkte gibt, könntet ihr auf die Idee kommen, dass es möglich ist, einfach durch einen Level zu rennen, bis ihr beim Boss seid, aber genau das funktioniert nicht.

Teilweise weil euch die Viecher verfolgen, auch wenn sie sich gerade außerhalb des Bildschirms befinden, manchmal aber auch, weil euch in der Hektik zwangsläufig die Besonnenheit fehlt, um nicht inmitten irgendwelcher Stacheln zu landen. Heil-Items sind rar und auch die magische Heilungsfähigkeit, die ihr nach dem ersten großen Abschnitt erhaltet, könnt ihr nur relativ selten einsetzen, denn sie verbraucht Mana. Vorsichtiges Vorantasten ist also die bessere Strategie. Was aber auch bedeutet, dass ihr umso mehr Spielzeit verliert, wenn ihr sterbt, denn pro größerem Level gibt es gerade mal einen Rücksetzpunkt, in kleineren einfach mal keinen. Wie gesagt, die Entwickler nehmen ihr Erbe wirklich ernst.

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Geschmolzene Gummibärchen? Nein, der erste Endboss! (SolSeraph - Test)

Dieser Wechsel aus harten Passagen und solchen, die euch eher entspannen, sorgt aber auch für ein angenehmes Spielgefühl. Würde ich nach einem schwierigen Sidescroller-Abschnitt gleich noch einen spielen müssen, würde ich vermutlich eher eine Pause machen. So kann ich mich erst mal austoben, indem ich Wohnhäuser und Bauernhöfe baue, die Wälder der näheren Umgebung abholze, dafür sorge, dass das Dorf eine Schmiede zur Verfügung hat und dass es ordnungsgemäß verteidigt wird. Der Strategiemodus frisst relativ viel Zeit, aber er lässt mich durchatmen. Für jeden Abschnitt, also jede Kombination aus Sidescroller und Strategieabschnitt, müsst ihr übrigens etwa zwei Stunden einplanen, insgesamt gibt es fünf Gegenden, die ihr absolviert, am Ende seid ihr also bei gut zehn Stunden Spielzeit. Rechnet etwa mit zwei mehr, wenn ihr davon ausgeht, dass ihr in Sidescroller-Passagen eher zu tragikomischen Todesmomenten neigt. Und dafür verlangt Sega knapp 15 Euro.

Das ist okay, finde ich, denn SolSeraph ist ein wirklich angenehmer Blast from the Past, wie der Engländer so schön sagt. Nun gab es ein mit ActRaiser vergleichbares Spiel natürlich aus gutem Grund lange Zeit nicht, denn das Klientel der Spieler, die gerne von links nach rechts Monster zu Klump hauen, überschneidet sich vermutlich nur partiell mit jenem, das gerne kleine Städte aufbaut und deren Bewohner bei Laune hält. Das erklärt im Übrigen auch den oben schon erwähnten zweiten Teil des Spiels - die Entwickler haben sich seinerzeit schlichtweg dazu entschieden, nur noch eine Zielgruppe zu bedienen und nicht die kleine Schnittmenge zweier Spielertypen.

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Manu gibt Tipps. Und erzählt euch so auch zumindest einen winzigen Teil der ansonsten komplett irrelevanten Geschichte. (SolSeraph - Test)

Und ja, SolSeraph sticht nicht unbedingt aus der unfassbar großen Menge der Indie-Releases heraus, die mit 2,5D-Darstellungen spielen, die Gegnertypen wiederholen sich zudem ziemlich stark, die Grafik scheint auf dem Niveau der Xbox 360 hängen geblieben zu sein und der strategische Spielteil ist keine wirkliche Herausforderung, sondern eher ein durchschnittlicher Beitrag zum Thema „Wie mache ich mit einfachen Mitteln ein Tower-Defense-Spiel?". Deshalb hat mir SolSeraph natürlich nicht gefallen, wohl aber aufgrund dieses heißgeliebten, alten Spielgefühls.

Stellt euch nur mal vor, ihr seid ein Engel, der über die Menschen fliegt! Ihr könnt es regnen lassen, um das Land fruchtbar zu machen, oder Blitze einschlagen lassen, um Bösewichte zu bestrafen. Und dabei fühlt ihr euch wie ein Baby mit Flügeln. Aber dann habt ihr genug von all dieser Appeasement-Politik, weshalb ihr einfach mal in die Höhle des Löwen geht und den Monstern euer riesiges Schwert ins Gesicht haut! Gebt ihnen Zunder, sie haben nichts anderes verdient! Zack, zack, zack, tot ist der blöde Goblin! Das ist so herrlich befriedigend! Auch wenn wir es hier mit keinem allzu komplexen Titel zu tun haben.

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Dieser Boss hat es sich zwischen ein paar stachligen Gebüschen gemütlich gemacht. (SolSeraph - Test)

Ich weiß nicht, wer von euch schon mal einen Geruch nach dessen langer Abwesenheit wiedererkannt hat. Einen alten Gitarrenkoffer vielleicht oder ein eigentlich ekliges Fertiggericht, das ihr in eurer Jugend immer gegessen und jetzt wiederentdeckt habt. So fühlt es sich an, SolSeraph zu spielen, aber halt auch nur dann, wenn ihr mal ActRaiser gespielt habt. Ansonsten dürfte der Titel durchaus befremdlich wirken, wenn auch nicht schlecht. SolSeraph ist sehr knapp noch eine Empfehlung. Weil es sauber programmiert ist, all seine Mechanismen gut funktionieren und sich dieser Wechsel aus simplen Aufbau-Mechaniken und anspruchsvollem Sidescroller-Gemetzel einfach gut anfühlt. Gespart wurde bei der Technik. Aber ganz ehrlich, damit kann ich leben, wenn sich ein Spiel komplett auf einen SNES-Titel bezieht, der noch nicht mal zu den populärsten gehört hat. SolSeraph ist der alte Gitarrenkoffer, der nochmal hergerichtet wurde, die schmalzige Lederjacke, die nochmal durch die Spezialreinigung gelaufen ist. Für dieses eine Mal noch lohnt es sich.

Entwickler/Publisher: ACE Team/Sega - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One, Switch - Preis: 14,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Gestestete Version: PC - Sprache: deutsche Texte, englische Sprachausgabe - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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