Once Upon a Time in Hollywood - Alles für den Film

Tarantinos Neunter erzählt von der seltsamen Magie eines seltsamen Ortes

Nachdem für eine ausgesuchte Minderheit keine Stunde zuvor Tarantinos neunter Film einen Raum weiter zu sehen war - und für alle dann am 15.8. -, war ziemlich klar, dass sich die erste Frage an ihn um den zehnten Film drehen würde. Und ich könnte die lange und sich unterhaltsam windende Antwort aufwändig transkribieren. Aber eigentlich reicht sein letzter Satz, um zu wissen, ob seine Gedanken zu seinem selbstauflegt letzten Film - zehn will er machen, sagte er mal - sich um Kill Bill 3, Star Trek oder was ganz anderes drehen: "I don't know." Okay, zurück also zum neunten Film: Once upon A Time in Hollywood.

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Wenn Tarrantino Once Upon a Time in the Wests Finale als die für ihn "sixtinische Kapelle der Filmkunst" bezeichnet, dann versteht man schnell, an was Once upon a Time in Hollywood als Hommage angelehnt ist. Er abstrahiert den Western, dem seine Protagonisten beruflich so verbunden scheinen, überträgt ihn in die für die innerhalb von Hollywood so dunklen wie einschneidenden Tage um den 9. August 1969, an dem Flower-Power die Unschuld verlor, und zelebriert das Filmemachen und das L.A. der Zeit wie es Leone mit seiner Liebeserklärung an den Western tut: In einem über zweistündigen, scheinbar naht- und doch zusammenhangslosen Aufbau von Szenen, die dann in einer sagenhaften Katharsis den Höhepunkt finden. Nur um am Ende eigentlich alles so zurückzulassen, wie man es zuvor vorfand. Im Großen und Ganzen zumindest und in dem Wissen, dass es nie wieder so sein wird, wie in diesem Moment, dass das Rad der Zeit sich weiterdreht und dieser Augenblick in sich selbst schon die glorifizierte Vergangenheit sein wird. Mit anderen Worten: Wie steht ihr einem Film gegenüber, in dem zweieinhalb Stunden eigentlich nichts passiert?

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Das ist nicht mal überspitzt. Was wir haben, sind der abgehalfterte Ex-Fernseh-Cowboy - Leonardo DiCaprio - im Limbo zwischen altem Ruhm und unsicherer Zukunft sowie sein Stunt-Double. Der ist ihm Arbeitsgefährte wie treuer Freund - Brad Pitt - und sich nie sicher, aber auch nie besorgt, wohin die Reise geht. Und dann ist da noch Sharon Tate - Margot Robbie -, deren einzige Verbindung zu den beiden zu sein scheint, dass die Polanskis zufällig in die Villa nebenan einzogen, aber man sich noch nie gesehen hat. Drei Leben, die ihre eigenen kleinen Episoden erleben. Der Schauspieler, der das erste beruflich relevante Gespräch seit Ewigkeiten mit einer Achtjährigen führt. Der Stuntman, der gefeuert wird, nachdem er Bruce Lee in die falsche Autotür wirft. Das scheinbar weltfremde Hollywood-Starlett, dass sich seine eigenen Filme ansieht. Man denkt häufiger, dass es irgendwohin führen muss, weil ... es ist ein Film, müssen Filme nicht irgendwohin führen?

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Das Geheimnis hier dürfte sein, dass Tarantino sehen will, wie der Zuschauer in dem Moment aufgeht, einfach in das Leben und die von ihm offensichtlich geliebte Stadt eintaucht und sich durch diese seltsame Zeit Ende der 60er treiben lässt. Dass das auch wunderbar funktionieren kann, wenn man sich darauf einlässt, liegt an zwei Dingen. Zum einen wäre da Tarantinos unglaubliches Talent, jede Szene perfekt einzufangen, jede Einstellung, Ausleuchtung in der warmen Sonne Kaliforniens zu feiern und man merkt ihm an, wie viel Spaß er hatte, nach richtigen Western und Weltkriegsabenteuern endlich wieder so viel Musik nutzen zu können, wie er nur wollte: "Der Fakt, dass ich einen Charakter einfach ein Radio anmachen und einfach einen Song laufen lassen kann, war für mich fast wie ein Orgasmus! Das machte solchen Spaß, mach einfach das Radio an, lass sie Platten lauschen, ich kann wieder Rock'n'Roll in meinem Film haben, es ist ein Jahrzehnt her, dass ich in meinen Filmen Rock'n'Roll hatte!" Und seine Auswahl aus einer Mischung obskurer Zeitkunst und Alltime Classics ist wie immer eines der Highlights des Films, praktisch seit Reservoir Dogs ein Markenzeichen, zu dem er nun mit Verve zurückkehrt.

Das andere Element ist ein Duo von Hollywood-A-List-Veteranen, das zwar zum ersten Mal auf dem Screen vereint zu sehen ist, aber dem man in jeder Sekunde glaubt, dass sie diese endlose Historie zusammen haben. Als die Profis, die sie sind, bringen Pitt und DiCaprio nicht nur ihre großen Szenen perfekt über die Bühne in der Bühne. Es sind wie so oft die kleinen Details des an solchen wie immer reichen Skripts, die ihnen Gelegenheit geben, nicht unbedingt großartige Tiefe, sondern unbedingte Glaubwürdigkeit in diese Charaktere zu liefern.

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Für einen guten Schauspieler mag es fast unmöglich sein, einen schlechten zu spielen, aber dafür lässt DiCaprio es ziemlich leicht aussehen, wenn er in die Western-Rollen seiner Figur schlüpft. Und dort lebt er dann so sehr in der Rolle des Beinahe-Talents auf, dass man wissen will, wie dieser eigentlich ja nicht existente Film innerhalb des Films endet. Pitt tut dagegen, was er so tut und das erinnert bis runter zum Hawaii-Hemd an Russel Crowe in den Nice Guys. Sicher kein Vergleich, für den man sich schlecht fühlen muss, zumal er hier nicht weniger Spaß mit seiner Rolle zu haben scheint. Und zusammen sind die beiden pures Gold. Es ist dabei schade, dass Robbies Tate-Rolle ein wenig parallel zu dem Mikrokosmos der beiden läuft, denn in den wenigen Szenen, die sie brillant auskostet, erlebt man eine liebenswerte Figur, von der man ehrlich nicht möchte, das sie sich den Ereignissen am 9. August dann doch stellen muss. Aber dann hat Tarantino auch Hitler getötet: "Ich hatte mich selbst in die Ecke geschrieben, als ich mir sagte 'ich bring ihn einfach um'. Es ist vier Uhr früh, ich nehme mir also ein Stück Papier, schreibe 'just fucking kill him' drauf und schaue, ob ich es am Morgen immer noch für eine gute Idee halte. Nun, es war eine großartige Idee." Realität ist also für Spießer, wer weiß schon, was in Hollywood passiert. (Nun, ich, nehme ich an, aber ich verrate es euch nicht).

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Auch war es eine reine Freude, vor allem nach einer so unterhaltsamen wie nährstoffarmen Fast-Food-Binge an Marvel-Produkten mal wieder einen CG-befreiten Film zu sehen, dessen bis ins letzte Detail verliebte Kulissen mit der Idee des alten Hollywood harmonieren. Eine perfekte Illusion bauen, die einen Tag Bestand hat und die Realität der Vergangenheit nach Heute und in einen handwerklich einwandfrei zusammengeklopften HDR-Modus explodieren lässt. Wenn ich nicht schon öfters in L.A. gewesen wäre, dann würde es wohl leichter fallen, sich in ein Flugzeug zu setzen, Tarantinos Vision dieser Stadt nachzustellen und zu schauen, was davon diese Magie greifbar zeigt, die er da aus seinen eigenen Erinnerungen in Bilder verpackt. Nun, die nüchterne Antwort heißt natürlich "nichts", weil L.A. ein hässlicher Moloch in meiner eigenen, unverrückbaren subjektiven Wahrnehmung ist, der mir immer von Filmen wie Once upon a Time in Hollywood mit Glanz und Glorie serviert wird, sich aber als der Burger aus Falling Down entpuppt. Aber trotzdem, wenn ein Film es mal wieder schafft, selbst dieser überproduzierten Stadt frische Augenblicke abzutrotzen, dann ist es zumindest die Reise ins nächste Kino wert, um das zu würdigen.

Das ist auch das, worum euch Leonardo DiCaprio bitten würde: "Once upon a Time in Hollywood ist ein fantastischer Kunst-Film mit einem riesigen Budget. Davon werden wir immer weniger sehen, aber das ist auch der Grund, warum ihr weiter ins Kino gehen müsst." Und nach der Erfahrung dieser recht eigenen 150+ Minuten würde ich das unterschreiben wollen. Tarantinos neunter Film feiert nicht ein Genre, das er mag, er erfindet den modernen Film nicht noch einmal, er feiert einfach das Kino, die Kunst des Filmemachens an sich. Er feiert ein L.A., das es ganz so wohl nie wirklich gab, mit einer Geschichte, die ganz so nie wirklich passieren kann, die nicht mal wirklich eine Geschichte ist. Aber jedes seiner Versatzstücke, seine Zeilen, die Schauspieler, die durch die Bank scheinbar mühelos mit ihm all das zelebrieren und das beste ihrer Kunst zeigen - all das setzt sich zu einer leinwandgeborenen Versinnbildlichung dessen zusammen, weswegen wir Filme lieben. Das ist es wert, mal wieder ins Kino zu gehen.

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Once Upon a Time in... Hollywood startet am 15.8. in Deutschland und ich empfehle eines dieser Luxus-Kinos, die einem Cocktails an den Platz bringen. Steigert das Feeling für den Vibe des Films. Ich würde auch eines empfehlen, in dem man Rauchen darf, aber die gibt es ja nicht. Es ist ja nicht 1969. Und ja, in praktisch jeder Screen-Minute wird geraucht und getrunken. Es waren andere Zeiten.

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Über den Autor:

Martin Woger

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