SEGA Mega Drive Mini - Test: Sooooo niedlich!

Und wieder mal wieder wenig mehr als das.

Sooooo niedlich!!! Aber sind sie das nicht alle? Die Frage ist schließlich, ob es am Ende in den Augen vieler nur ein nettes Gehäuse für einen Raspberry Pi abgibt - PlayStation Mini - oder ein legitimes Retro-Spielgefühl auf den Screen bringt, wie beim NES und SNES Mini. Nun, zumindest reicht ein Blick, um zu sagen, dass das SEGA Mega Drive Mini für Variante eins schon mal zu haben ist. Das auf ungefähr ein Viertel der Originalgröße geschrumpfte Gehäuse sieht absolut authentisch aus, vom 16-Bit-Schriftzug bis zum hier komplett sinnbefreiten Schutzdeckel für den Expansion-Port, der nichts schützt, weil es beim Mini keinen Expansion-Port gibt. Schade, ein funktionales SEGA-CD-Mini mit Mini-CDs als Datenträger wäre die Krönung gewesen. Man wird ja noch träumen dürfen...

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Die schönste Konsole aller Zeiten? Ja, auf jeden Fall. Gibt es etwa jemanden, der das anzweifelt?

Das Plastik

Da das aber nicht passieren wird, was also wird für etwa 80 Euro geboten? Nun, erst einmal ein relativ günstiger Preis. 80 Euro ist deutlich günstiger als das Super Nintendo und liegt auch unter dem initialen Preis der PlayStation Mini - die mittlerweile aber eher bei 40 Euro liegt. Dafür bekommt ihr wie auch bei der Konkurrenz die Konsole, Kabel, zwei Controller und eine hübsche Packung im antiken Design. Natürlich mit Sonic vorne drauf. Leider basiert keiner der beiden Controller auf der 6-Button-Variante. Wer so einen braucht, weil er Street Fighter oder Eternal Champion ernsthaft spielen möchte - okay, Street Fighter, niemand will EC wirklich spielen... -, muss noch mal 15 Euro extra pro Controller bezahlen.

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Original und Original, Teil 1. Lasst euch nicht von dem fehlendem Schriftzug am großen Mega Drive täuschen, ich habe leider nur eine der späteren Revisionen hier.

Die Konsole selbst ist ein kleiner Modellbautraum, aber nicht ohne Mängel. Die Kopfhörer-Buchse vorn ist nur angedeutet. Und... Nein, das war es auch schon. Der goldene 16-Bit-Zug hebt sich ab, die Textur des Weiß am Ring unterscheidet sich deutlich vom glatten Schwarz dahinter, die Form der beiden Klappen und sogar die Erhebungen auf den Klappen sind alle da. Das ist ein würdiges Mini-Modell, das man sich stolz ins Regal stellen darf.

Die Controller dagegen, angeschlossen per USB, allein schon, weil ein 9-Pin für die kleine Konsole etwas zu wuchtig wäre, sind dagegen genauso groß wie damals und damit nach wie vor meine Lieblings-16-Bit-Controller. Sowohl im Aussehen wie auch in der Bequemlichkeit waren sie für mich bis zum Saturn-Pad unerreicht. Ich sage "für mich", weil das natürlich sehr subjektiv ist und was die Funktionalität angeht, war das SNES-Pad mit seinen vielen Knöpfen schon immer deutlich weiter. Die Verarbeitung macht einen ausgezeichneten Eindruck: Das Steuerkreuz ist etwas weicher gelagert, reagiert aber sehr präzise auf seine acht Wege. Der Druckpunkt der Knöpfe ist fest, deutlich und auch relativ lautstark, was ebenfalls ein authentisches Feature ist. Und ja, die großen, massiven Buttons fühlen sich einfach wieder einmal gut unter den Fingern an! Die USB-Pads sind übrigens vollständig PC-kompatibel, sodass ihr sie auch für Emulatoren nutzen könnt und alles sonst, was mit nur vier Buttons und acht Richtungen auskommt.

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Die Details wurden sehr liebevoll umgesetzt und machen das Mini zu einem Schmuckstück für die Sammlung.

Der Power-Schalter könnte etwas fester sitzen - nicht, dass er Gefahr laufen würde herauszufallen, aber trotzdem -, so wie zum Beispiel der nicht funktionale Lautstärkeregler. Der hat damals auch nur die Lautstärke für den 3,5mm-Ausgang geregelt und den gibt es hier nicht, macht also wohl Sinn. Der "Sound" des Reset-Schalters ist nicht gelungen und lässt das ganze Plastik erklingen. Aber er tut, was er soll, es ist also ein rein akustischer Mangel. Der Modulschacht ist leider reine Deko. Darunter befindet sich nur eine Plastikabdeckung und damit ist es wieder mal eine vertane Chance, endlich eine mit "Modulen" erweiterbare Mini-Konsole zu veröffentlichen. Neue Rom-Sets in Mini-Modul-Form wären ein echter Gewinner gewesen. Wie teuer wäre es wohl gewesen, wenn es am Ende nur ein SD-Slot gewesen wäre? Gehackt wird das Ding sowieso werden, warum also nicht selbst Geld mit mehr Roms verdienen?

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Leider ist der Lautstärkeregler nicht funktional, aber ohne den 3,5mm-Ausgang, den er früher regelte, war das wohl zu erwarten.

Hinten habt ihr natürlich keinen RF-Ausgang oder ähnliches, sondern einen HDMI- und einen Micro-USB-Port. Letzterer dient ausschließlich der Stromversorgung und kann praktisch überall nebenbei angeschlossen werden. Mein Mini hängt gerade am USB-Hub des Monitors, aber so ziemlich jeder andere USB-Port oder ein Netzteil wird es auch tun.

Menü, Optionen und Technik

Der Anschluss ist denkbar einfach und beim ersten Booten werdet ihr nach der Sprache gefragt. Das entscheidet nicht nur über das Menü, auch Spiele wie Landstalker, die damals lokalisiert erschienen, sind nun auf Deutsch. Ich hätte hier eine individuelle Auswahl bei den Spielen bevorzugt, denn während ich manche Action-Games aus nostalgischen Gründen in der Japan-Fassung bevorzuge, muss ich bei Landstalker dann eben doch passen. Aber so oder so, je nach gewählter Sprache werden die entsprechenden Cover angezeigt. Zwischen Deutsch und Englisch gibt es da eher dezente Unterschiede, aber auf Japanisch wechselt das ganze Hintergrunddesign zu einem weit cooleren 90s-Look plus die Japan-Cover, die ich gern mit den englischen Spielen kombiniert hätte.

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Original und Original, Teil 2. Man kann sie gut am Stecker auseinanderhalten.

Kommen wir zu den restlichen Optionen und da wird es sehr mager. Ihr könnt aus zwei hässlichen Hintergründen oder dankbarem Schwarz wählen, um den überflüssigen Platz eines 16:9-Bildschirms zu füllen. Oder ihr begeht die ultimative Sünde und streckt das Bild auf das moderne Format. Als letztes - ja, mehr Optionen gibt es nicht (!!!) - habt ihr einen CRT-Filter und der ist wirklich das Letzte. Stellt euch 50%-Scanlines plus halbe Helligkeit vor. So sahen alte TVs nur aus, wenn sie kaputt waren. Selbst ein mittlerweile 25 Jahre altes, geschundenes Modell hier neben mir liefert ein besseres Bild. Jeder Emulator für das Mega Drive hat zigmal mehr Optionen, was Bild und Ton angeht und das Mini ist in diesem Punkt wie jeder seiner Kollegen eine ziemliche Schande. Gut also, dass wenigstens das normale, nicht gefilterte 4:3-Bild selbst richtig gut und pixelgenau dargestellt wird. Damit ist der wichtigste Video-Aspekt schon mal gerettet. Die Farben wirken kräftig und authentisch, auch im direkten Vergleich mit einem über Framemeister angeschlossenen Original.

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Das Innenleben zeigt die Optimierung von Technik. Beide Pads sind aber in der Mechanik sehr ähnlich, arbeiten beide mit Rubberdomes.

Was die Framerate angeht, beschloss man glücklicherweise 60Hz weltweit einzustellen, auch wenn ich gerne eine Option für 50Hz gesehen hätte. Nicht, dass Sonic damit besser wäre, aber es ist nun mal das, womit ich den Igel kennenlernte und es ist Teil der Nostalgie. Wichtiger ist aber die Soundemulation, denn es gibt zig Mini-Konsolen, die auf die eine oder andere Art SEGA-Mega-Drive-Spiele laufen lassen, aber keine die ich kennen würde, die den Sound nicht teilweise absolut massakriert. Also der übliche Test: Sonic und Streets of Rage 2. Bei Sonic zeigt sich schnell, dass man sich Mühe gab, denn die Basslinie passt und wird nicht vergessen oder komplett nach vorne geholt. Es klingt wie Sonic. Gleiches gilt für die komplexen Melodien von Streets of Rage 2. Ich würde sagen, dass das Original minimal weicher und runder klingt, aber das ist komplett im Rahmen subjektiver Empfindung. Passt also.

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Im Original dachte man sich aber etwas aus, das intern eine Art Joystick ist, indem das Pad den Stick durch das Pad hindurch bewegt und auf der Rückseite des Boards die Domes drückt. Das neue Pad macht das direkt. Das Endergebnis fühlt sich bei der Benutzung aber sehr ähnlich an.

Gespeichert wird auch, und zwar indem ihr beim Spielen auf die Reset-Taste an der Konsole drückt. Das kann etwas nervig sein, wenn man weiter weg auf der Couch sitzt und erinnert an das alte Master-System, das auch eine paar Tasten auf der Konsole selbst hatte. Hier bringt euch das zu vier Speicherslots pro Spiel, was mehr als ausreichen sollte.

Die Spiele

Die Auswahl der 40 Spiele ist ein Mix aus den üblichen Verdächtigen. Ein paar unsterbliche Klassiker: Sonic 2, Streets of Rage 2, Shining Force, Street Fighter, Castle und World of Illusion und ein paar mehr, die man hier und da immer wieder sieht, wenn der Name SEGA fällt. In diese Kategorie gehören auch Phantasy Star IV, Alisia Dragoon, Shinobi III, Dynamite Headdy, Landstalker und ein paar mehr. Eher ungewöhnlich, aber nicht weniger gern gesehen sind Konamis Contra und Castlevania sowie Gunstar Heroes oder Monster World IV, die immer für ein paar Stunden gut sind.

Dann sind da die Klassiker, die man heute nur noch bedingt spielen möchte: Für Space Harrier 2, Golden Axe oder Alex Kidd muss man schon so viel Liebe wie ich sie für diese Games habe mitbringen, um da im Jahr 2019 ernsthaft Spaß zu haben. Selbst ein Strider dürften wohl viele nicht mehr als das bahnbrechende Technikwunder empfinden, das es für mich immer sein wird. Dann sind da Sonic Spinball, das außer mir keiner zu mögen scheint. Nicht mal ich kann Eternal Champions was abgewinnen. Light Crusader ist nicht uninteressant. Wenn der Kalender 1995 sagen würde, aber selbst da war das schon mehr ein skurriles Kuriosum. Und Virtua Fighter 2? Es gibt eine perfekte Version dieses Spiels und das ist die Saturn-Version. Diese hier ist nicht mehr als ein Technik-Showcase für eine über 25 Jahre alte Konsole. Mit anderen Worten: Warum?! Gut, dass einem Story of Thor, die Mega-Man-Sammlung oder Columns darüber hinwegtrösten.

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Es gibt keine nennenswerten Filter-Funktionen.

Da man Nintendo und seinem leicht verspäteten Release von Star Fox 2 nicht nachstehen wollte, gibt es noch zwei echte Exoten, die es bis heute so nicht auf dem Mege Drive zu spielen gab. Okay, man konnte Tetris spielen, wenn man ein Everdrive hat oder zu den etwa zehn glücklichen Besitzern der damals gecancelten Version gehörte. Viel entgangen ist dem Rest der Welt nicht. Es ist halt eine weitere Tetris-Version. Eine, die sich solide spielt, aber keinerlei Extras oder Spielmodi mitbringt. Selbst der 2-Spieler-Modus ist schlechter als der der Game-Boy-Version, da abgebaute Reihen nicht dem Gegner zugeschoben werden. Der Witz an der Sache: Das ist nicht ganz die alte Version, sondern eine erweiterte, die man sich extra noch mal vorgenommen hatte. Wenn das der Fall ist, dann ist es wohl besser, dass damals das Original gecancelt wurde.

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Aber: Das Bild ist - wenn man es nicht auf 16:9 streckt - sehr sauber...

Noch schräger wird es bei Darius, ein Name, der Shoot'em'Up-Fans traumatische Fisch-Flashbacks beschert. Den Baller-Klassiker gab es damals nicht für das Mega Drive. Letztes Jahr allerdings tauchte eine Fan-Umsetzung von jemanden auf, der sich Hidecade nennt und die von vielen Darius-Fans gepriesen wurde. Kaum jedoch war Darius für das Mini angekündigt, löschte Hidecade alles: Video, Blog, Twitter. Die Version hier wurde mit SGDK 1.34 erstellt, Taito und M2 werden genannt. Ist es eine finalisierte Version von Hidecades Arbeit? Das Internet sagt "ja, vielleicht, könnte schon sein". So oder so bekommt ihr einen absolut grafisch, klanglich und spielerisch fantastischen Port des Klassikers und ein paar Leuten dürfte allein das schon die Anschaffung des Minis wert sein. Gut, dass dieses Spiel sie dann nicht enttäuschen wird. Und ich denke, dass Darius im Vergleich zu Star Fox 2 das weit bessere Spiel ist...

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...bis runter auf den einzelnen Pixel.

Ultimate Mini?

Das Mega Drive Mini liefert ab, was es muss: Eine weitestgehend tadellos emulierte Version der Konsole, die es imitiert, zusammen mit 40 Spielen, bei denen die Klassiker die Ausfälle weit überwiegen. Die Hardware selbst ist absolut gelungen, von den in Originalgröße abgelieferten Pads bis zu den kleinen Details an der niedlich geschrumpften Konsole. Selbst die Soundemulation ist tadellos, Mission erfüllt.

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Sooooo nostalgisch!

Oder? Nun, das mag jetzt für den absolut fairen Preis von 80 Euro sehr nörgelig klingen, aber am Ende des Tages beeindruckt hier nichts. Es ist ja schön, dass es einen Modulschacht gibt, aber warum bitte ist er nicht "funktional", im Sinne eines Slots für weitere Spielsammlungen? Warum gibt es immer noch nicht die grundlegendsten, seit den späten 90ern verfügbaren Optionen für Grafik und Sound? Es sind die gleichen Schwächen, die auch die Konkurrenten haben, insoweit will ich gar nicht so sehr auf dem gelungenen SEGA Mega Drive Mini herumhacken, aber ich dachte, dass "Genesis does what Nintendon't". In dem Falle haben sie genau das Gleiche gemacht. Aber was beschwere ich mich. Nintendo machte seine Arbeit auch gut und vor allem hat SEGA keinen Sony hingelegt, wenn es um sein Mini geht.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

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