eFootball PES 2020 - Test: eFootball oder PES, Hauptsache Pro Evo!

Ein Jahr ohne Überraschungen ist ein gutes für PES.

Manche Sachen ändern sich nie. Wie zum Beispiel, dass Pro Evo auch im Jahr 2020 - der Zukunft gewissermaßen - in seinem Meisterliga-Modus nicht selbsttätig speichert, ohne dass ihr ins Menü wandert und die Funktion aktiviert. Und wie jedes Jahr kann ich dem Spiel die halbe erste Saison, die ich fast routinemäßig verliere, weil ich zwischendurch ein anderes Spiel anstelle, nur zum Teil ankreiden. Mittlerweile müsste ich es doch besser wissen!

Na gut, es lief eh nicht so rosig, denn wie immer verlangt das neue PES, dass man sich erst einmal auf die neue Saison einstellt. Wieder einmal setzt PES Productions einen nicht unbedingt neuen, aber schärferen Fokus, bei dem es diesmal noch deutlich genauer auf die Qualität eurer Ballannahme achtet und der Position, Geschwindigkeit und Richtung beweglicher Körper - hier: Spieler - zueinander noch mehr Gewicht beimisst. Alles, während die Athleten mit einer großen Fülle an neuen Animationen auf jedes Kommando und jede noch so kleine Berührung reagieren.

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Der neue Name ist scheußlich. Was er bewirken soll, erschließt sich mir nicht.

Es ist ein Spruch, den ihr von mir nicht das erste Mal hört, aber PES bekommt es hin, dass man sich auch am kläglichen Scheitern auf dem Rasen noch ergötzt. Um mich selbst zu zitieren: Schöner stümpert, stochert, strauchelt man nirgends als hier und dieses Jahr unterstreicht PES das mal wieder mit vielen wunderbaren neuen urkomischen bis beinahe tragischen Bewegungsabläufen. Und davon bekam ich sowohl in meiner ersten als auch meiner nach dem Spielstandverlust verfrüht begonnenen zweiten Saison mit PES 2020 Unmengen zu sehen.

Spielerisch ist auch die 20er-Ausgabe wieder recht behäbig, aber reaktionsfreudig aufgestellt. Der alte Rhythmus, in dem sich ein schnelles mit einem langsamen PES abwechselte, ist endgültig dahin, nachdem ich letztes Jahr nur dachte, Konami hätte ihn nur dieses eine Mal ausgesetzt. Aber nein, die allgemein recht niedrige Geschwindigkeit ist einmal mehr darauf ausgelegt, euch viel Zeit zum Überlegen am Leder zu gewähren, was angesichts der hohen Körperlichkeit oft für unvorhergesehene Situationen sorgt. Auch das neue Dribbling-System, das Konami öffentlichkeitswirksam zusammen mit Andres Iniesta entwickelte, profitiert von dem authentischen Tempo immens.

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Ich mag die neue Kameraperspektive - auch wenn sie hier und da nicht komplett im Bilde ist und nicht schnell genug zum Leder aufschließt. Patch, bitte!

Ich war nie für meine blumige Spielweise bekannt, die Tricks waren deshalb für mich immer ein Gefahrenherd, den ich aus Effizienzgründen lieber umdribbelte. Aber dieses System unter Zuhilfenahme des rechten Sticks ist halbwegs intuitiv implementiert und gut zu handhaben, ohne fummelig zu wirken. Gleichzeitig bleibt es dabei: Andere werden so etwas deutlich lieber nutzen als ich. Mich erinnert mich das nur daran, warum Rocket League für mich mittlerweile das Maß aller Dinge und die unverdünnteste Simulation ist, wenn es darum geht, einen Ball in einem Tor unterzubringen. Dort herrscht pure Geschicklichkeit, wo die Spieler in Sportsimulationen den Animationen der marionettenhaften Avatare ausgeliefert sind.

Aber während Psyonix' "Autoball" den Geist des Sports gut einfängt, gehört zum Fußballzirkus noch so einiges mehr. Füße zum Beispiel, Beine die mit Knien kollidieren auch. Und Ellenbogen, die sich am Brustkorb eines Gegners vorbeischälen, im Gerangel um das Leder. Das alles bannt Pro Evo 2020 wunderbar eingängig und viel Leidenschaft weckend auf die Mattscheibe, auch wenn es dieses Jahr vielleicht schwerer fällt, exakt mit den Fingern auf die Neuerungen zu zeigen.

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In Sachen Lizenzen ist es das alte Hin und her. Immerhin sind die Bayern dabei - und CR7s Verein, Juve, gibt es sogar nur in PES 2020. FIFA muss sich mit 'Piemonte Calcio' begnügen.

Sehr gut gefallen hat mir jedenfalls die Gegner-KI, die sowohl gezielte Nadelstiche nach vorne zu setzen weiß als auch sich hier und da zu einer beachtlich menschelnden Verbissenheit hochpeitscht. Taktische Änderungen sind hüben wie drüben unmittelbar am Spielverlauf bemerkbar - wenn doch nur reale Spieler die Vorgaben so hörig umsetzen würden! - und dass der Ball einmal mehr unverändert realistische Flugbahnen markiert, muss man bei dieser Reihe wohl nicht noch extra herausstellen. Kurzum: Es ist wirkt frisch und ausgeruht, ohne sich im Fokus allzu sehr von seinem Vorgänger abzusetzen. 2019 und 2020 sind zwei vom merklich gleichen Schlag und zusammen wohl ein Teil einer Initiative zumindest für eine Weile Authentizität über Schönspielerei zu stellen. Mark my words: Im nächsten Jahr ist wieder Spektakelfußball angesagt!

Bevor wir zu meinem zentralen Kritikpunkt an der spielerischen Seite kommen, noch ein paar mehr oder weniger neutrale Beobachtungen: 1. Wenn der Schiedsrichter nicht gerade allzu penibel pfeift - und überraschend schnell zum Karton greift, lässt er über die Gebühr viel laufen, was irgendwie nicht komplett konsequent wirkt, gleichzeitig aber auch den Spielablauf nicht störend bremst. 2. Die neue Kameraperspektive ist ein echter Gewinn, wirkt dynamisch, bei gleichzeitig hoher Übersichtlichkeit, wenngleich sie in ein, zwei Szenen aus welchem Grund auch immer einem schnellen Tempogegenstoß nicht hinterherkam. 3. Verletzungen traten in meiner Meisterliga-Saison extrem selten auf, was mich als Manager natürlich freute, als Manager aber natürlich offenlegt, dass das System unter Umständen nicht komplett ausgegoren ist.

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Optisch, vor allem in Sachen Ausleuchtung, ist PES auch 2020 wieder große Klasse.

4. Die Erschöpfung der Spieler tritt gefühlt immer noch zu harsch ein. Wie schnell der Akku bei PES-Fußballern leer ist, ist schon beachtlich. 5. Der Kommentar bleibt wie immer aus. Es ist besser so. Es dürfte der schwächste in einer Sportsimulation sein, aber da mit Ausnahme von NBA 2K keiner wirklich gut ist, und ich ihn im Allgemeinen ohnehin lieber ausschalte, zählt es für mich persönlich nicht als Pro- oder Kontra-Punkt für ein bestimmtes Spiel. 6. Zusätzlich wurde die Meisterliga deutlich überarbeitet, was sich in erster Linie dadurch bemerkbar macht, dass die vielen lizenzierten Trainer (Lodda Maddäus!) mit leicht hölzerner Miene wortlos plappernd durch verschiedene Videosequenzen laufen, die man anfängt, sie wegzuklicken, noch bevor man alle gesehen hat. Der Modus ist aber weiterhin meine erste Wahl, wenn es darum geht, einen Verein zu leiten, Talente zu entdecken und entwickeln und eine gute Zeit mit einer extrem beschlagenen Simulation dieses Sports zu verbringen.

Nun aber zu der einen Sache, die mich bisher wirklich störte und an der noch dringend gearbeitet werden muss. Allzu häufig ist sich die Team-KI offenbar nicht darüber im Klaren, wer für einen freien Ball nun zuständig sei. Ich dachte zunächst, ich hätte mir das eingebildet, aber unsere englischen Kollegen berichten von ähnlichen Erfahrungen. Das führte in jedem zweiten Spiel - mindestens - zu haarsträubenden "Nimm' du ihn, ich hab' ihn sicher!"-Situationen, die man nur mit viel manuellem Nachjustieren und dem alten "Super-Cancel" entschärft. Das hat mich zugegebenermaßen nur wenige Gegentore gekostet - hätte mich aber gar keine kosten sollen. Immerhin lief das Spiel für mich (PS4 Pro) online bisher ziemlich ordentlich.

Gut, Pro Evo ist endgültig davon weg, im jährlichen Pendeltakt mal ein schnelleres, mal ein überlegteres Fußballspiel darzureichen, was durchaus lobenswert ist, weil es so zumindest theoretisch kniffliger ist, sich von der Vorjahresedition unmittelbar spürbar abzugrenzen. Die Nerven und das Selbstbewusstsein muss man erstmal haben. Und PES Productions hat es nicht zu Unrecht, wenn ich bedenke, wie sehr ich hier zu Beginn auf dem Schwierigkeitsgrad "Top-Spieler" gegen vielbeinige Wände renne. Sich in die Denke der KI reinzufuchsen und sie auszuhebeln, ist das, was jedes Jahr am meisten Spaß macht und auch hier wieder zieht.

Es gelten die üblichen Abstriche in Sachen Atmosphäre und präsentatorischem Drumherum, das weiterhin spürbar dröger bleibt als bei der Konkurrenz. Aber deshalb war man auch noch nie hier - fast fragt man sich, ob man das überhaupt noch schreiben muss. Ansonsten bin ich jedoch angetan, auch wenn die Verbesserungen eher im Kleinen stattfanden. Es ist halt ein solides Paket. In Bewegung und größtenteils auch im Stand sieht das hier wirklich gut aus: Die Technik steht auf stabilen Beinen, die Fülle an neuen Bewegungsabläufen und eine weiter verfeinerte Physik machen auch die 2020er-Version zu einem dynamischen, charakterstarken Rasenschach, das demonstriert, warum neben FIFA gegen alle Widerstände eben doch noch Raum für ein anderes, lohnendes Fußballspiel ist.

Entwickler/Publisher: PES Productions/Konami - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: ca. 50 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: Ja, im Kartenmodus "MyClub"- Getestete Version: PS4 Pro

PC-Spiele testen wir auf Lenovo Legion PCs und Laptops, die uns von Lenovo zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Hier erfahrt ihr mehr über Gaming-Laptops 2019 im Allgemeinen und hier geht es zur Website von Lenovo Legion Gaming.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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