NBA 2K20 - Test: Starker, aber schamloser Auftritt

Wer hier mag Pachinko?

Maßvoll und oft clever verbesserte Simulation, die sich in diesem Jahr mit besonders frechen Mikrotransaktionen das fünfte Foul leistet.

Ich weiß, für den einen oder anderen hätte ich die Empfehlung subjektiv auch schon früher weglassen können, aber irgendwie haben sie mich bei NBA 2K doch immer wieder bekommen: Technisch gesehen war das hier seit Ewigkeiten ein konkurrenzlos gut simuliertes Basketballspiel, in dem jedes Jahr aufs Neue viel Arbeit steckt. Aber ich bin mit meiner Geduld am Ende, denn diesmal wirkt die Gier auf zusätzliche Einnahmen durch Mikrotransaktionen besonders schamlos.

Auf dem Papier macht es sich nicht unbedingt so viel schlimmer als sonst bemerkbar, aber wenn man sich dann doch mal wieder in den Sammelkartenmodus MyTeam traut, glaubt man seinen Augen kaum: Man spielt in einem Blattgold- und Neon-geschmückten Las-Vegas-Palast Basketball, kauft oder (laaaaaangsamer) verdient sich Chips und nutzt die an Slot-Machines und Patchinko-Automaten, um neue Karten freizuspielen. Halten wir also fest: Echtgeld-getriebenes Glücksspiel vor schockierend zynischer Kulisse in einem Videospiel ohne Altersbeschränkung - also USK ab 0 Jahren. Großes K(as)ino!

Ich habe bislang immer ein Auge zugedrückt, mich damit arrangiert, dass dieses Spiel im Grunde mindestens zehn bis 20 Euro mehr kostete als andere Titel, weil man seinen persönlichen Karriere-Spieler aus der Spaß-Geiselhaft der niedrigen Spielerbewertung freikaufen musste. Andernfalls war es halt ein oft mühsamer Grind durch die erste Saison, in der man nicht begriff, weshalb die Liga in den gut geschriebenen Story-Sequenzen meinem angeblichen Supertalent mit seinen bleiernen Füßen und buttrigen Fingern so nachstellte. Schon im letzten Jahr machte mir das kompetente, aber objektiv schwächere NBA Live 19 mehr Spaß, weil es nicht an jeder Ecke die Hand aufhielt. Und dieses Jahr ist es letztlich die konkurrenzlos unverfrorene Aufmachung von MyTeam, die das Fass zum Überlaufen bringt und 2K20 vorerst die Plakette kostet. Guten Gewissens mach ich es nicht mehr empfehlen.

Wenn euch das egal ist und ihr es gewissermaßen schon ritualisiert habt, jedes Jahr 80 (oder wenn ihr online gegen all die gekauften 99er-Spieler antreten wollt, besser noch mehr) Euro auf Visual Concepts Courts zu lassen und im nächsten nichts, aber auch gar nichts davon zu haben, erwartet euch ein im gewohnten Rahmen verbessertes Basketball-Erlebnis, das definitiv seine guten Seiten hat und dem wohl auch das im Sommer verschobene und mittlerweile totgeschwiegene NBA Live 2020 wohl nicht das Wasser reichen können wird. Talentierte Schauspieler wie Idris Elba, Rosario Dawson, Thomas Middleditch und Lamorne Morris geben sich mit ausgedehnten Sprech- und Schauspielrollen im tatsächlich ordentlich geschriebenen Karrieremodus zum Beispiel alle Mühe, dass einen das Erlebnis gefangen nimmt und gut auf eine lange Basketballkarriere einstimmt, auch wenn die Handlung mal wieder ein recht plötzliche Ende findet.

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Zwei, die - im Gegensatz zu weiten Teilen der Zielgruppe des Spiels - ihre Spieler sicher problemlos auf 99 Punkte hochkaufen können.

Auf dem Court und in den Momenten dazwischen macht sich vor allem das neue Badges-System bemerkbar, wobei es sich gewissermaßen um Perks handelt, die man gemäß seiner Spielweise freischaltet und die viel für die Personalisierung und Spezialisierung eures Athleten tun. Die Möglichkeiten, sich bei der Gestaltung auszutoben, sind einfach angenehm erweitert. Es macht Spaß in Aktion zu erleben, wie diese Skills die eigene Spielweise auf kleine, aber entscheidende Weisen weiterbringen - und davon es gibt eine Menge. Vom "Giant Slayer", bei dem Korbleger über größere Gegner hinweg effektiver sind, über den schlüpfrigen Finisher, der Gegnerkontakt auf dem Weg zum Korb nach Clyde-Drexler-Art besser vermeidet als andere, oder die schnellere Erholung nach einem Blockversuch, um direkt noch einmal hochzuspringen (Name vergessen), ist einiges Nützliches dabei.

Die Story ist wie gesagt recht gut geschrieben und performt und auch abseits der Karriere wird in allen Modi schön körperlicher und angenehm realistischer Basketball zelebriert, auch wenn es für eine echte, von den Spielern losgelöste Ballphysik wohl langsam mal eine neue Engine bräuchte. Die aktuelle sieht immer noch wahnsinnig gut aus - sofern man sich auf dem gewienerten Parkett der NBA-Arenen befindet -, aber man merkt schon, dass einige Bewegungen immer noch nicht ganz natürlich auf andere folgen, etwa wenn ein Spieler den Ball im Laufen fängt und ein wenig entgegen der realen Physik und Spielsituation mit der rechten Hand in einen Gegner hineindribbelt, anstatt den Spalding direkt mit links zu kontrollieren, wo ein Weg am Match-up vorbei offen gewesen wäre. Im Großen und Ganzen merkt man aber, dass Visual Concepts dieses Genre versteht wie niemand anderes und seit zwei Dekaden das Feld der Sportsimulationen anführt.

Die Ergänzung der WNBA ist unterdessen längst überfällig gewesen und spielt sich sogar anders. Es ist ein eleganterer, gewissermaßen europäischerer Basketball, der hier gespielt wird. Und dass es sogar ein separates Kommentatoren-Team gibt, das den weiblichen Ligabetrieb untermalt, zeigt auch, dass man hier keiner halben Sachen machen wollte.

Wie gesagt: Wenn ihr bis hierhin Fan der Reihe gewesen seid, könnt ihr die allgegenwärtigen Mikrotransaktionen vermutlich auch dieses Jahr verschmerzen. Für mich war es in der Aufmachung und Implementierung der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Technisch gesehen, hat sich NBA 2K20 in dem ordentlichen, wenngleich etwas bequemen Rahmen gesteigert, in dem sich Platzhirsche so oft bewegen, wenn sie es verlernt haben, sich vor Konkurrenz zu fürchten. Das Spiel rechtfertigt ohne Frage seine Existenz auf dem Court, jedoch ohne groß zu begeistern. Aber es fällt mit seinem Gehabe abseits des Platzes zum wiederholten Male (und diesmal besonders frech) negativ auf. Wenn euch das egal ist, werdet ihr auch hiermit das Jahr hindurch zufrieden sein - bis 2K wieder von vorne zur Kasse bittet. Oder ihr greift zur erheblich günstigeren Vorjahresversion.

Entwickler/Publisher: Visual Concepts/2K - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: ca. 60 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: ja, zügiger Fortschritt, Kosmetisches, Kartenpakete - Getestete Version: PS4

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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