Concrete Genie - Test: Das vielleicht schönste Spiel auf der PlayStation 4

Bring' die Farbe zurück, als wär' es wieder 2010! 

Es gab mal eine Phase, vor dem kometenhaften Aufstieg der Indies, in der sich wie als Gegenbewegung zum allgegenwärtigen "gritty realism" eine kleine Sparte von Games herausbildete, die sich darum drehte, den Stand ihrer Welten nicht mit der Waffe in der Hand zu korrigieren, sondern mit der Macht der Kreativität. De Blob oder Flower wären zwei markante Vertreter vom Ende der 00er Jahre, aber selbst in Ubisofts 2008er Prince of Persia oder in Warren Spectors Epic Mickey brachte man Farbe, Licht und Leben in finstere Welten zurück.

Derartige restorative Elemente gab es immer wieder, aber selten hängte sich seither wieder so ein Titel an diesen Gedanken wie Concrete Genie von Pixel Opus. Als kreativer Eigenbrödler Ash schlagt ihr euch in der verlassenen Fischerstadt Denska mit jugendlichen Straftätern herum, die dort das Sagen haben. Nach einer Ölpest haben die Erwachsenen offenbar längst den einst pittoresken Ort verlassen, der nun grau und rostend dem Verfall ausgeliefert ist. Als eure Peiniger euch mal wieder malträtieren, zerfleddern sie Ashs Zeichenblock, dessen Seiten über ganz Denska verteilt werden.

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Die Dschinn sind der Star: Eure Kreationen sind mit viel Charakter und Liebe animiert.

Hier wird's magisch, wie die Stadt nach windschiefem LucasArts- beziehungsweise Double-Fine-Gestaltungsmuster auch vorher schon gut andeutete: Eine von Ashs Skizzen wird lebendig, zum titelspendenden Concrete Genie, gewissermaßen ein auf Beton gemalter Flaschengeist. Fortan ist es an Ash, mithilfe seines neuen Freundes und eines magischen Pinsels alle seine Zeichnungen wiederzufinden, die in der Stadt verstreut sind, und mit ihrer Hilfe Licht und Farbe auf den trostlosen Fassaden zu verteilen. Die grobe Struktur ist die: In einem abgesteckten Bereich sucht ihr abgeschaltete Lichterketten und bemalt mithilfe der Bewegungssteuerung eures DualShock 4 die Wände dahinter, um sie wieder zum Leuchten zu bringen.

Sind alle Leuchten an, alle Dschinn gefunden und mit eurem Pinsel ins Leben gerufen, könnt ihr auch die lila wuchernde Finsternis, die einige Gebäude befallen hat, mit Supertinte verbannen (die euch die Genies spenden, wenn ihr sie mit euren Malereien bei guter Laune haltet) und zum nächsten Bezirk vordringen. Das klingt alles recht kompliziert, ist im Aufbau und in der Durchführung aber recht einfach gestrickt. Was die Malereien angeht, seid ihr zum Beispiel nicht für die Details verantwortlich. Ihr wählt grundlegende Objekte - Gras, Bäume und andere Pflanzen, Nordlichter, Sterne, Feuer, usw. - aus eurem Skizzenbuch und zieht dann mit dem recht feinfühlig steuerbaren Cursor grob ihre gewünschte Form und ihren Verlauf über den Klinker. Und das ist schon ein Hingucker, denn Ashs Malereien legen sich nicht als statische Farbschichten auf die Fassaden, sondern sind animierte, lebendige Lichtspielereien, fast wie ein kurzer Film in Dauerschleife, der die Wände des Dorfes ziert. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen.

2
Später kommen Kampfelemente hinzu, die sind zwar nicht per se gut, lassen den emotionalen Einsatz aber zum Finale angemessen eskalieren.

Oft braucht ihr Verstärkung, denn die Geister sind nicht einfach nur tatenlose Begleiter, sondern verfügen über Elementarkräfte wie Feuer und Strom - dieser Art eben. Haltet also Ausschau nach in Kreide gemalten "Genies" auf dem Boden. An der Wand dahinter könnt ihr einen neuen Freund ins Leben rufen, indem ihr ihn mithilfe eures Skizzenbuches einfach malt. Die Hilfe dieser Kameraden ist aber nicht selten an Bedingungen gebunden: Manchmal müsst ihr einem Feuer-Dschinn zum Beispiel erst ein Lagerfeuer, einen Mond und einen Regenbogen malen, damit er eine Plane verbrennt, die den Weg versperrt. Andernorts verhindert zum Beispiel elektrisch gesteuerte Maschinerie euer Vorankommen. Findet den Elektro-Genie, damit er mit einem Kurzschluss das Problem für euch löst - nachdem ihr ihm mit einem Wasserfall mit Seerosen davor eine Freude bereitet habt.

Oft fehlen euch bestimmte Skizzen, um die Anfrage eines Genies zu erfüllen. Die Suche nach der entsprechenden Zeichenblockseite in der Stadt dauert aber zum Glück nie zu lang - der hilfreichen Karte sei dank. Die Herausforderung besteht meist darin, herauszufinden, wie man einen Dschinn von A nach B bekommt, immerhin können sich die herzig animierten, aber nie zu überzuckert niedlich wirkenden Biester nur auf Wänden bewegen. Besteht zwischen zwei Komplexen also keine Wandverbindung, muss es eine andere Lösung geben. Oft könnt ihr an versteckter Stelle dann einen Genie zum Leben erwecken, den ihr vorher noch nicht gesehen hattet, oder Objekte bewegen, die Lücken im Gemäuer überbrücken.

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Die recht kurze und limitierte VR-Experience ist ein netter Bonus, aber nichts, weshalb man dieses Spiel kaufen sollte. Dafür gibt es genügend andere gute Gründe - etwa die Möglichkeit, sich in Ruhe hinzusetzen und seine eigenen Werke zu bestaunen.

Hier und da sind natürlich auch die verwahrlosten Kinder ein Problem, stehen im Weg oder verfolgen euch. Schnappen sie euch, stecken sie euch in einen Müllcontainer. Härter werden die Konsequenzen nicht, und das Spiel ist damit besser dran. Da Ash aber besser klettert als sie und ihr sie mit einem Rufen von dem Ort weglocken könnt, an dem sie gerade herumgammeln, lernt man schnell, mit ihnen umzugehen. Zumindest in der ersten Hälfte ist dieses Spiel eines von der gemütlicheren Sorte. Eines, das man in ruhigen Momenten und ohne Ablenkung genießen muss. Spielerisch steckt hier nicht viel Tiefe drinnen, aber in schön regelmäßigen Abständen ist Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe gefragt. Ich habe diesen Rhythmus sehr genossen. Gegen Schluss jedoch wird der Spielablauf deutlich actionreicher, als solide, wenngleich alles andere als berauschende Kampfelemente und ein neuer Fortbewegungsmodus hinzukommen.

Aus rein spielerischer Sicht wird das Spiel hierdurch nicht besser, es steuert sich etwas hölzern und wirkt deutlich uneleganter als der Rest des Spiels. Allerdings wusste der Twist, mit dem das eingeführt wird, durchaus zu gefallen und drückte auch emotional ein paar der richtigen Knöpfe bei mir. Überhaupt: Die Metapher von Kreativität als sinn- und lebensstiftender Kraft mag abgedroschen wirken, das Spiel wirkt im Ganzen trotzdem sehr persönlich, beinahe intim und berührt regelmäßig mit neuen Einsichten in die Figuren - und zwar nicht nur den Hauptcharakter. Es ist keine perfekte Fusion der beiden Hälften, ergibt am Ende aber trotzdem ein stimmiges Gesamtbild.

Die Pirouette, die sich Concrete Genie gegen Ende wagt, mag also nicht hundertprozentig sauber landen, aber am Ende ist es doch ein beseelendes Erlebnis, wenn man sich die Zeit und Muse nimmt, es ohne anderweitige Ablenkungen auf sich wirken zu lassen. Man ist ja mittlerweile darauf konditioniert, nebenher Podcasts oder YouTube laufen zu lassen, täte Concrete Genie damit aber Unrecht wie wenigen anderen Spielen.

Dieser Titel, von einem kleinen Indie-Studio, das zuvor mit Entwined ein arg bemühtes Debüt hingelegt hatte, dürfte das aktuell hübscheste Spiel auf der PlayStation 4 sein. Wie sich alles bewegt - eure Kreationen, die Dschinn und vor allem die handanimierte Mimik der menschlichen Akteure, die ein wenig an Stop-Motion erinnert, stecken so voller Charme und Leben, dass man sich regelmäßig freut, weil Pixelopus daran dachte, einen Fotomodus und sogar eine Taste zum Hinsetzen und Genießen implementiert hat. Man will einfach einsaugen, wie das hier aussieht, und verweilt auch nach dem Durchspielen - wofür man nur etwa fünf Stunden braucht - weiter in Denska, um die Stadt weiter auszuschmücken. Von dieser Art Schönheit kann es nicht genug in der Welt geben.

Entwickler/Publisher: Pixelopus/Sony - Erscheint für: PS4 - Preis: ca. 30 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: PS4 Pro

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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