Neo Cab - Test: Uber-Fahrten regten schon immer zum Nachdenken an

Zum Bespiel: "Hätte der Freak nicht den Bus nehmen können?"

Okay, ich werde mich jetzt mal für Uber anmelden. Ich will auch durch die Nacht kreuzen, spannende Menschen treffen, mit ihnen bedeutungsschwangere Unterhaltungen über die Natur des Menschen und die Implikationen von Technik für die Gesellschaft führen und nebenbei die korrupte Seite verdorbener Megacorps aufdecken. So ungefähr muss man sich das in einer weiteren Nah-Zukunfts-Vision vorstellen, diesmal von Neo Cab direkt an euren Cortex per Switch überreicht. Nicht nur Switch, aber es ist eines dieser kleinen Adventures, die sich exzellent für unterwegs eignen, egal, ob man Nintendos Mini in der Hand hat, oder ob sich ein Laptop freut, der in Sachen Grafikkarte nicht viel zu bieten hat.

Inhaltlich ist Neo Cab durchaus spannend, weil es ein Thema aufgreift, das jetzt schon sehr konkret diskutiert wird, weil die Technik existiert und - sehr begrenzt - im Einsatz ist. Es geht um KI-gesteuerte Autos, ihre Chancen und Risiken, hier in Verbindung mit dem Klassikern Machtmissbrauch, Turbokapitalismus und was sich eben noch so von der Rückbank eines Taxis aus entspinnt. Was diese Autos angeht, habe ich meine eigenen Gedanken, die hier nicht so viel zur Sache beitragen. Aber keine Sorge, welche auch immer ihr dazu habt, ihr werdet ihnen hier und da in dem endlosen Ansturm an Multiple-Choice-Fragen Ausdruck geben können. Meistens wenigstens.

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Nur ihr, die Nacht und der nächste Freak auf der Rückbank. Das Leben des Uber-Fahrers, egal ob jetzt oder in sagen wir mal 15 Jahren.

In wenigen Jahren von Jetzt kommt Lina aus einem fiktiven Dorf in eine fiktive Stadt, die San Francisco sein könnte. Sicher auch andere, Seattle, Barcelona oder London und Berlin sind nicht so weit hinterher. Der individuelle Nahverkehr, bei dem an nicht selbst fährt, früher das Monopol von Taxis, wurde zu einem guten Teil von einem Superkonzern übernommen, der die KI, die fahrerlosen Autos und die restliche Infrastruktur aus einer Hand bietet. Dagegen steht ein kleines Unternehmen, das das menschliche Modell bedient, bei dem noch Menschen die hier grundsätzlich alle per Strom laufenden Autos durch LED-Neon-Straßen steuern.

In dieser Rolle bekommt ihr in dem eher simplen Gameplay-Design eine Mischung aus Minimal-Ressourcen-Management mit einem Zufallsgenerator für Interaktionen mit der Rückbank. Also ungefähr das, was man Uber nennen könnte. Ihr habt eine einfache Karte mit Fahrten und Tankstellen. Letzere müsst ihr regelmäßig ansteuern, vor allem, wenn ihr euch alle Optionen offenhalten wollt. Schließlich kann man nicht spontan einen längeren Abstecher machen, wenn man ohne Saft strandet. Aber auch nicht zu oft, denn die Nacht hat nur so viele Stunden, von den Kosten für "Sprit" je nach Stadtteil mal abgesehen. Ihr fahrt nicht wirklich, sondern seht nur die klassische Hollywood-Perspektive auf eure Fahrerin von vorn oder hinten. Das hier ist kein Taxi-GTA, es gibt praktisch keine Action-Elemente, nicht einmal Quick-Time-Events im eigentlichen Sinne. Ihr redet und das ist es, wenn ihr euch nicht zwischen den Gesprächen auf der Karte kurz orientiert.

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Fünf-Sterne-Fahrer haben immer eine gute Auswahl an Fahrten.

Gut also, dass diese Gespräche fast immer einnehmend waren. Von verrückt über lustig bis berührend ist alles dabei und oft genug werden entweder zeitlose oder auch jetzt, 2019, akut relevante gesellschaftliche Themen gestreift, eben wie es sich für gutes Sci-Fi gehört. Manchmal auch mit dem Vorschlaghammer bearbeitet, aber nachdem ich bei einer eigenen Uber-Fahrt circa 25 Sekunden nach dem Einsteigen von meinem Fahrer gefragt wurde, ob ich Arier sei - der Fahrer kam aus Guatemala und die Fahrt war in Los Angeles -, kann ich bestätigen, dass manche Fahrer keine Zeit verlieren, in die Vollen zu gehen. Diese Interaktionen hier dauern in der Regel nur wenige Minuten und sind oft in sich selbst abgeschlossen, was es eben zu einem guten Spiel für Zwischendurch macht. Aber oft genug, vor allem, wenn die Kunden euch mochten, werden sie euch wieder rufen, woraus sich neben der eigentlichen Handlung ein kleines Parallel-Netzwerk an Interaktionen bildet.

Was natürlich bei einer Uber-Sim nicht fehlen darf, ist das Sterne-Rating. Eine schlechte Fahrt, bei der ihr zum Ende hin den Kunden nur noch anfaucht und beleidigt - egal ob gerechtfertigt oder nicht - wird mit einem oder zwei Sternen bestraft, eine gute mit fünf belohnt. Ganz wie im richtigen Leben. Dies beeinflusst, welche Fahrten ihr bekommt, aber wirkliche Relevanz konnte ich hier nicht spüren. Weit seltsamer ist das Stimmungssystem. Gleich zu Beginn bekommt ihr ein Armband geschenkt, das eure Emotionen in Echtzeit per Farbcode anzeigt. Nicht nur eurem Charakter auch seiner Umwelt. Warum irgendjemand das tragen sollte, ist mir ein Rätsel, aber dann frage ich mich auch, warum jemand es für eine gute Idee hält, gewisse Sachen auf Facebook zu posten. Insoweit halte ich es zwar für bescheuert, aber in keiner Weise für unrealistisch.

Je nach eigener Antwort und der Reaktion darauf, verschiebt sich das Farbspektrum von Gelb-Grün - entspannt und glücklich - zu rot oder blau - verärgert oder niedergeschlagen und traurig. Als Charakter ist das Ziel am Ende eines Arbeitstages natürlich im grünen Bereich mit einem Fünf-Sterne-Ranking und ein paar Dollar mehr auf dem Konto zu landen, aber das wird natürlich nicht immer passieren. Vor allem aber ist zumindest die Theorie, dass euch je nach Gemütszustand andere Gesprächsoptionen geboten werden.

Es gab aber eine ganze Reihe von Momenten, bei denen der Zustand grün war, ich aber im Gespräch dann trotzdem nur eine zornige Rot-Antwort geben konnte. Dies waren vor allem Themen, die die Figur persönlich berührten, wie ihr Hass auf den Mega-Konzern. Selbst wenn ich als Spieler das Pokerface wahren wollte, konnte ich das nicht. Was also am Ende der echte Sinn dieses Systems war, erschloss sich nicht immer und selbst wenn sich mir die Reaktion aus der Charakterzeichnung erschloss, fragte ich mich doch, warum mir Optionen geboten wurden, die selbst aus einer eigentlich idealen Ausgangslage heraus nicht nutzbar waren. Ich nehme an, es gibt irgendwo in der Struktur dahinter Abzweigungen, die ich nicht genommen habe, aber wenn ich so direkt auf diese Mechaniken gestoßen werde, weil es eben in der inneren Logik des Spiels keinen Sinn macht, diese Optionen zu sehen, dann ist irgendwo was schiefgelaufen, als dieses KI-gesteuerte Auto durch die vierte Wand krachte.

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Juhu. Lebensinhalt erfüllt. Fünf Sterne.

Das und einige andere kleine Logik-Löcher, dazu das übersichtliche Gameplay und die mitunter nicht nur sagen wir mal schlichten, sondern auch im eigenen Art-Design nicht immer stimmigen Bilder sind Gründe, dass ich mitunter Neo Cab harscher im Kopf aburteilte, als es das verdient hatte. Es steckt viel Ambition in den Dialogen, oft genug gibt es hier mehr Brain-Food als in den letzten drei Ubisoft-Open-Worldern zusammen, selbst wenn sie sich wie zuletzt Ghost Recon mit ähnlichen Hightech-Themen beschäftigen und außerdem ist der Synth-Soundtrack richtig nett. Nicht Furi-nett, aber schon gut. Alles zusammen? Eine weitere, intelligente, dezent auf Cyber getrimmte Zukunftsvision, die interaktiv erkundet wird. Aber, so viel sei verraten, es ist erfrischender Weise mal eine, die Hoffnung macht, dass wir das als Gesellschaft schon alles irgendwie hinbekommen werden. Allein das war schon mal eine ganz nette Abwechslung. Selbst wenn es nur ein virtuelles Pfeifen im Dunkeln sein sollte.

Entwickler/Publisher: Chance Agency / Fellow Traveller - Erscheint für: PC, Mac, Switch - Preis: ca. 15 Euro (PC), ca. 20 Euro (Switch) - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch, Englisch und mehr - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: Switch

PC-Spiele testen wir auf Lenovo Legion PCs und Laptops, die uns von Lenovo zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Hier erfahrt ihr mehr über Gaming-Laptops 2019 im Allgemeinen und hier geht es zur Website von Lenovo Legion Gaming.

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Über den Autor:

Martin Woger

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