Call of Duty: Modern Warfare - Test (Teil 1: Kampagne)

Durch! Und ich musste auch nur eine Mutter erschießen, die ihren Sohn beschützen wollte ...

Krieg ist ein schmutziges Geschäft, das wir alle verurteilen - paradoxerweise in Videospielen aber auch zu einem gewissen Grad mitfeiern. Da sollten wir uns nichts vormachen. Es ist die altbekannte Wand zwischen Realität und Spiel, die uns davor schützt, dass uns das Gezeigte zu sehr an die Nieren geht, wir auch bei Bildern eines zusammengeschossenen Picadilly Circus eine, nüchtern und von außen betrachtet, mindestens befremdliche Mischung aus Spaß und Spannung an virtuellem Leid empfinden können.

Die Kampagne des neuen Modern Warfare bekommt es mal wieder hin, ein Loch in diese Wand zu schlagen, zumindest ein kleines, über dessen Daseinsberechtigung man lange diskutieren kann. Feiert Infinity Ward die "Der Zweck heiligt die Mittel"- und die "Wir machen und die Hände schmutzig, damit die Welt sauber bleibt"-Denkweise des "War on Terror", der den Großteil des erwachsenen Lebens von weiten Teilen der Zielgruppe durchnormalisiert wurde? Oder ist es nur ehrlich, entwaffnend und damit letzten Endes vielleicht sogar hilfreich, den Spieler in Situationen zu stecken, in denen er zum Beispiel die Wahl hat, einen Terroristen zu foltern?

Es gibt mehrere Szenen unmenschlicher Grausamkeit von beiden Seiten und gleich ... ich glaube drei Situationen, in denen Frauen und Kinder im Spiel sind, während ihr mit geladener Waffe eine Anlage "säubert". In einer Situation tötete ich die Mutter eines Jungen, weil sie zum Gewehr Griff, als ich die Tür zu ihrem Zimmer eintrat - und konnte das anschließende Wehklagen des Kindes kaum ertragen. Es hängt wohl vom Rezipienten ab, aber ich habe mich in diesen Szenen hundselend gefühlt und nehme dem Spiel nicht übel, dass es diese Regung in mir erzeugte. Übel nahm ich ihm, dass es keine Möglichkeit gab, diese spezielle Situation mit Blendgranate und Beinschuss auf nicht-tödliche Weise zu entschärfen, was ich mehrfach versuchte. Dann wiederum: Diesen Luxus hat ein Soldat im Einsatz ebenso wenig.

Aber ja: Ich fühlte mich in diesen Szenen nicht heroisiert, sondern mies. Die entsprechende Disposition vorausgesetzt, ist Modern Warfare ein Feel-bad-Spiel, das mit der Waffe im Anschlag in die Grauzone prescht, weil das nur ehrlich ist. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Natürlich beschmutzen sich die Protagonisten ordentlich, allerdings nie so sehr, dass man sie auch mit "den Bösen" verwechseln könnte. Auf dieses Spiel müssen wir zumindest von diesem Franchise weiter warten. Denn wie die Männer des russischen Generals Barkov vorgehen, das hat leider schon beinahe etwas comichaft Böses, das man sich ruhig hätte verkneifen können. Und auch für die Folterszene hätte ich mir einen deutlich anderen Ausgang gewünscht, aber Modern Warfare nimmt sich immerhin die Zeit, auch ein paar Leute von der anderen Seite als Menschen zu zeichnen - und die Linie zwischen beiden Seiten ein wenig zu verschieben, was das Ganze zu einer deutlich prägnanteren Erfahrung machte.

1
Besonders die Rückblicke in das Leben der Rebellenführerin Farah sind harter Tobak.

Mit diesen Ausnahmen hängt, wie das hier wirkt, sehr davon ab, wer es spielt, aber auf mich hatte es neben dem zelebrierten "Operator Porno", wie es ein Leser im Ersteindruck zum Story-Modus so bissig wie treffend formulierte, auch die Wirkung, dass mir noch ein wenig banger um den Stand der Welt wurde, was ich von diesen Spielen nicht immer sagen konnte. Es blieb hängen. Nicht, weil ich einer Truppe fähiger, bärbeißiger Imperialisten folgte, die unsere "Liberty", unseren "Way of life" Tausende Kilometer in der Fremde "verteidigten", sondern weil ich anschließend überzeugter als bisher sowieso schon war, dass wir als Zivilisation hör- und sichtbar auf dem Holzweg sind. Insofern: Ja, Mission erfüllt würde ich sagen. Sagt ihr mir, ob das nur ich bin.

Aber die Kampagne an sich war durchaus packend: Ein Call of Duty, wie man sich an sie erinnert - wenn man gute Erinnerungen daran hat (wenn man das so sagen will). Eine laute, aber weniger dem Spektakel verpflichtete und deshalb sich geerdete und realitätsnah anfühlende Serie von Missionen, mit gut nachvollziehbaren Motiven und Beweggründen für die meisten der Akteure (abzüglich der Russen) und ein paar unbequemen Haken. Griffiges, angemessen tödliches Gunplay, ein Bewegungsmodell mit Kraft, Dynamik und Gewicht und viele wirklich exzellente Spannungsmomente, die sich munter mit immer in Bewegung befindlichen Shoot-outs und nur wenigen zu offensichtlichen Schießbuden-Sequenzen abwechseln.

2
Drohnen spielen natürlich wieder eine Rolle. Die unterkühlte Nüchternheit, mit der der Tod hier von oben kommt, lässt alles andere als kalt.

Am Ende sicher ein wenig zu lapidar, was das eine oder andere Charakterschicksal angeht, aber hey, man kann nicht alles haben! Ich hätte mir gewünscht, das Spannungsfeld zwischen CIA-Mann, der kämpft, wo man ihn hinschickt, und Rebellenführerin Farah, die aus Überzeugung ihr Land verteidigt, wäre noch eingehender beleuchtet worden, aber die Schauspieler, die den Figuren Leben verleihen (und exzellentes Performance Capture), werden den Rollen an sich durchaus gerecht. Captain Price hat die Neubesetzung durch Schauspieler Barry Sloane bestens überstanden. Ich denke, den Herren werden wir in Zukunft häufiger kernigen Engländern seine Stimme leihen hören. Gute, durchaus nuancierte Darbietungen, nicht nur von ihm, sondern auch von den vielen anderen Nebencharakteren.

Ansonsten hatte man bei Infinity Ward das Wochenende hindurch wohl eine Menge zu tun. Mehrere Updates kamen bis Sonntag, allerdings war bei mir bis gestern Abend noch nicht das Problem behoben, dass in Zwischensequenzen regelmäßig Ton und Bild nicht synchron waren. Auch dass nach der Installation immer noch Shader-Pakete nachgeladen wurden, ärgerte den einen oder anderen, der sich schnell ins Spiel werfen wollte und nach dem Mammut-Download von gut 130 Gigabyte ohnehin schon eine kurze Lunte hatte. Davon abgesehen war es aber ein ordentlicher Start.

3
Die Abfolge von Missionen ist abwechslungsreich und wird von gut designten Kampfszenarien dominiert.

Mein Online-Test, der den zweiten und abschließenden Teil dieses Reviews stellt, ist noch in vollem Gange. Was ich jetzt schon sagen kann: Das Spiel lief bisher ohne größere Probleme für mich und der Gunfight-Modus macht mir immer noch viel Spaß (wenngleich bei diesen kleinen Maps gerne die Sniper-Gewehre aus der Waffenrotation fliegen dürfen), weil es so schwierig ist, mit diesen kurzen Runden aufzuhören. Über den Rest verliere ich gegen Ende der Woche mehr Worte, wenn ihr mein abschließendes Urteil zum Spiel samt Einstufung in unserem Bewertungssystem lest.

Entwickler/Publisher: Infinity Ward/Activision - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: ca. 60 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: Ja, Kosmetisches - Getestete Version: PC

PC-Spiele testen wir auf Lenovo Legion PCs und Laptops, die uns von Lenovo zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Hier erfahrt ihr mehr über Gaming-Laptops 2019 im Allgemeinen und hier geht es zur Website von Lenovo Legion Gaming.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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