Hat Noita die beeindruckendste Physiksimulation seit Half-Life 2?

Ein Berg voller Möglichkeiten.

"Jeder Pixel ist simuliert", so beschreiben die finnischen Entwickler von Nolla Games - die sich aus den Machern von Crayon Physics Deluxe, The Swapper und dem zauberhaft hirnverdrehenden Baba is you zusammensetzen - Noita. Und im Grunde ist das auch schon alles, was man wissen muss. Na gut, dass es 2D-Pixel-Art ist und dass es als Zauberer mit konfigurierbaren Zauberstäben nach Rogue-Art durch prozedural generierte Dungeons geht, das sind ebenfalls wissenswerte Details. Aber in den vier Worten vom Anfang liegt viel Wahrheit.

Mal ganz abgesehen davon, wie ungewöhnlich es ist, dass den einzelnen Bildpunkten einer 2D-Pixelwelt physikalische Attribute zugeschrieben werden, die in Wechselwirkung zu jedem anderen Pixel stehen, ist die Idee an sich einfach wahnsinnig fesselnd und verspricht schon für sich ein Paradies für experimentierfreudige Naturen. Wieso das so ist, lernt man schon nach ein paar Metern in diesen Berg hinein.

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'Noita' bedeutet übrigens 'Hexe'. Hier habe ich plötzlich zwei in mich verliebte Beholder Monster im Schlepptau, die alle meine Gegner mit Säure wegschmelzen.

Versperrt euch eine Holzbohle den Weg, kickt eine an der Wand hängende Laterne dagegen und verbrennt sie so. Fängt eure Kutte dabei Feuer, hüpft und schwebt mithilfe eurer magischen Kräfte zurück zu dem Tümpel Wasser, um euch selbst zu löschen. Aber passt auf, auf dem Weg nicht noch das hölzerne Konstrukt voller Schießpulver zu entzünden, an dem ihr gerade vorbeigekommen seid, denn das sprengt vielleicht die Schatztruhe, von der ihr noch nicht wisst, wie ihr sie erreichen sollt (und vermutlich euch gleich mit, denn diese Sorte Spiel ist Noita nun mal). Oder reißt eine Wand ein, die euch vor säurespuckenden Beholdern bewahrt, deren Geschosse die Gänge mit giftiger Melasse füllen, die wiederum explosive Gase freisetzen.

Füllt leere Flaschen mit Elementen, für später - Wasser, um euch selbst zu löschen oder die oberste Schicht eines Lavasees zu gefahrlos begehbarem Vulkangestein erkalten zu lassen. Ihr mischt sogar verschiedene Stoffe, verschüttet körnerweise Schießpulver, wenn ihr wollt, damit euch die auf Kontakt explodierenden Kiesel einen Weg durchs Gestein bahnen, und findet nach und nach neue Zauberstäbe, die ihr in den sicheren Räumen zwischen den einzelnen Spielabschnitten durch umstellen der Sprüche, die sie wirken, noch anpassen und optimieren könnt.

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Und auf einmal steht der halbe Bildschirm in Flammen. Gut, dass ihr mit einer Flasche Wasser einige Brände löschen könnt. Tatsächlich steigt sogar Rauch vom Feuer auf und fängt sich dann an der Decke.

Immer wieder stößt man auf neue Flüssigkeiten und Materialien, die nachvollziehbar auf euer Wirken und dessen Folgen reagieren, etwa, wenn Schnee bei Hitze zu Wasser wird, das sich vollkommen natürlich in Ritzen und Vertiefungen sammelt, anstatt, wie im gefrorenen Zustand, noch als Schneewehe ein Hindernis zu sein. Anderes muss man erst ausprobieren, wie etwa ein Elixier, das euch (oder andere!) bei Berührung in eines der vielen verschiedenen Monster verwandelt, was nicht ausschließlich von Nachteil ist, wie ich bald herausfand. Und das sind noch ganz einfache Beispiele. Kein Run verläuft wie der Letzte, weil selbst die Reihenfolge der einzelnen Spells in den Steckplätzen der Zauberstäbe noch eine Rolle spielt. Und sobald man mal wieder einen Tempel erreicht hat und neue Sprüche und Perks kaufen darf, verändert sich wieder komplett, wie man den Weg angeht, den man vor sich hat.

Noita ist noch im Early Access, aber schon jetzt ist es ein Spiel endloser, haarsträubender, aber oft auch sehr erbaulicher Kettenreaktionen, die man gerne mit nebenher geöffnetem Wiki über sich hineinprasseln lässt. Eines von der Sorte, bei denen man sich alle paar Meter hörbar fragt "ich frage mich, ob das wohl funktionieren würde" und zu seiner Freude feststellt, dass das Spiel eine Reaktion zeigt, mit der man vielleicht nicht gerechnet hatte, die aber logisch aus den Regeln dieser Simulation folgt und oft genug Neugierde belohnt.

Es ist keine Augenweide, zugegeben, und alles andere als relaxt zu spielen, denn es ist geradezu unbarmherzig, vor allem zu Beginn. Aber es ist eine zutiefst imponierende Physikspielwiese, die in einer Weise fesselt, wie man sie damals bei Half-Life 2 verspürte, als man alte Matratzen einen Treppenabsatz hinunterwuchtete, damit einen die Combine nicht zu packen bekamen. Noita versprüht ebenso viel Zauber wie die kleinen Magier, die ihr wieder und wieder in den Tod schickt - um eines Tages herauszufinden, wie tief die Eingeweide des Berges noch hinunterreichen mögen.

Entwickler/Publisher: Nolla Games Erscheint für: PC - Geplante Veröffentlichung: Early Access erhältlich

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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