12 Teraflop: Ist die Xbox Series X sogar noch stärker als gedacht?

Bestätigt: Die RDNA 2 Technik bietet bessere Performance als jede aktuelle AMD-Grafikkarte.

Ist das der erste Versuch, eine abschließende Antwort auf die große Frage zu finden? "Was bedeutet Next-Gen? In einem Blogeintrag Phil Spencers auf Xbox Wire bekamen wir ein paar kleinere Details zur Series X zu lesen, eine erneute Bestätigung einer reibungslosen Spielezukunft dank Solid-State-Speicher und eine Erinnerung daran, dass schiere Leistung nicht alles ist - technologische Innovationen sind ebenso wichtig.

Trotz des Fokus' auf neuen Ideen hatte Microsoft immer noch Luft nach oben, wenn es darum geht, klarzustellen, wie viel Rechenleistung nun tatsächlich in der GPU der Xbox Series X steckt. In einem a GameSpot-Interview forderte Spencer dazu auf selbst "nachzurechnen", wenn er sagte, dass die neue Konsole zweimal so stark würde wie die Xbox One X und acht Mal so stark wie die Xbox One. Das implizierte eine 12 Teraflop GPU. Dass der Fall aber nicht ganz zu einfach liegt, ist in Innovationen bei der GPU-Architektur begründet. Microsoft braucht keine 12TF um die Leistung der One X zu verdoppeln. In unseren Tests ist das schon mit etwa neun bis zehn Teraflop machbar.

In oben verlinktem Blogeintrag schafft Spencer nun etwas Klarheit und was er schreibt, klingt gut. Er bestätigt nun zweifelsfreie 12TF. Microsoft hat also die doppelte GPU-Rechenleistung zur Verfügung, die tatsächliche Spieleperformance sollte das Zweifache aber mit links übersteigen. Das Unternehmen geht sogar noch etwas weiter und sagt explizit, dass im Herzen der Series X die neueste RDNA-2-Architektur vom AMD steckt, was bedeutet, dass im Design der Konsole durchaus noch ein paar Optimierungen des kommenden AMD-Navi-Designs stecken könnten, von denen wir noch keine Ahnung haben. Einfach, weil uns noch keine PC-Komponenten auf Basis der jüngsten Architektur zum Experimentieren zur Verfügung stehen.

RDNA 2 beherrscht Variable Rate Shading - ein Feature, das Spencer hervorhebt und das Render-Präzision für die Bildbereiche priorisiert, in denen es darauf ankommt. Das reduziert die Rechenleistung für Pixel, die sie nicht nötig haben (Bereiche mit niedrigem Kontrast oder drastischen Bewegungen). Das überarbeitete Navi-Design beherrscht auch Hardware-beschleunigtes Raytracing und wir wissen bereits davon, dass die Series X dieselbe DXR-API verwendet wie die Mehrzahl der PC-Spiele, die Raytracing unterstützen. Auch das hier sind gute Neuigkeiten - es war ein recht langer Prozess für Entwickler, Raytracing in den Griff zu bekommen und viele der Erkenntnisse der letzten Zeit sollten sich auch auf der Series X bemerkbar machen.

In der neuesten DF Direct setzen sich John und Rich zusammen, um sich über die neuen Ankündigungen von Microsoft zu unterhalten.

Dennoch gibt es immer noch eine Menge, was wir nicht über RDNA2 wissen. Neben Raytracing hat sich Microsoft auch mit Hardware-beschleunigtem maschinellem Lernen via DirectML befasst. Nvidia verteilt diese Arbeitslast auf seine Tensor Cores, bedeutet das, dass RDNA 2 über ein eigenes AMD- oder Microsoft-Äquivalent dazu verfügt? Ebenso interessant ist die Erwähnung in den AMD-Roadmaps, dass die neusten RDNA Chips eine verfeinerte Version des 7m-Fertigungsprozesses nutzt, der in Ryzen 3000 CPUs und Navi GPUs zum Einsatz kommt. Gilt das auch für Series X? Das wäre ein unerwarteter Schritt für eine Konsole, aber nicht ohne Präzedenzfall. Am Ende ist wichtig, dass die neue Konsole von Microsoft nicht nur eine GPU bietet, die größer ist als alles, was AMD auf dem PC-Markt zu bieten hat, sie basiert auch noch auf der allerneuesten Technologie.

Microsofts Kommunkation wirkt so voller Selbstvertrauen, dass man das fast als Herausforderung an den großen Rivalen, Sony, verstehen kann. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Microsoft oder gar Sony den Teraflop als Maß für die Stärke einer Konsole wiederbeleben würden - vor allem, weil es keine besonders genaue Art ist, will man ausdrücken, was eine GPU wirklich zu leisten im Stande ist. Besonders wenn man die Architekturen zwei sich stark voneinander unterscheidender Generationen vergleicht. Microsoft scheint mit einem Vergleich mit der One X, der das neue Gerät womöglich sogar ein wenig unter Wert verkauft, leben zu können und gleichzeitig Sony herauszufordern, gleichzuziehen.

Auch die explizite Erwähnung von RDNA 2 ist ein interessanter Move von Microsoft. So schließt man jegliche Möglichkeit aus, dass die Konsole ältere Grafiktechnologie mit ausgewählten, neueren Features von AMDs Roadmap wählte - etwas, das Xbox One X und PlayStation 4 Pro ihrerzeit taten, was prinzipiell einfacher für die Abwärtskompatibilität zur bereits existierenden Spielebibliothek ist. Ich wäre nicht überrascht, hätte RDNA eine Art eingebaute Abwärtskompatibilität, und sei es nur, damit AMD zwei wichtige Partner in seiner Semi-Custom-Sparte zu halten. Aber so oder so: Der neue Blogeintrag enthält eine Reihe interessanter Info-Schnipsel darüber, wie alte Spiele auf der neuen Maschine laufen werden. Tatsächlich weist sogar einiges auf einen echten Game-Changer hin, in Bezug darauf, wie Abwärtskompatibilität gehandhabt wird.

Unsere detaillierte Analyse der Series-X-Ankündigung vom Dezember 2019.

Wie auch vieles, das im Blog steht, ist auch der Abschnitt über Abwärtskompatibilität zum Teil bekannt. Die Series X erlaubt Spielern, Titel von vier Generationen an Xbox-Spielen zu erleben und es gibt Gerede über stabilere Bildraten und schnellere Ladezeiten - exakt dasselbe, was wir bei der Xbox One X erlebt mit älteren Spielen haben. Allerdings macht die Erwähnung "erhöhter Auflösung und visueller Qualität" doch hellhörig. Auf der einen Seite sahen wir Elemente davon auf der Xbox One X, auf der systemseitiges 16-faches anisotropisches Filtering zugeschaltet war, zusätzlich zu der höheren GPU-Power, die Titel mit dynamisch skalierender Auflösung auf maximalen Pixeldurchsatz bürstete. Microsoft könnte dies in dem neuen Blog beschreiben, nur dass DRS überhaupt nicht erwähnt wird.

Und das führt mich zu der einen großen Frage, die mich bezüglich der heutigen Ankündigung umtreibt: Könnte es sein, dass Microsoft selbst höhere Auflösungen bei alten Xbox-One-Spielen erzwingt, selbst wenn sie keine dynamisch skalierende Auflösung verwenden? In der Vergangenheit beschrieb ich den "vergrabenen Schatz", den Phil Spencer hier und da in seinem Messaging andeutet. Allgemein lässt sich sagen, dass er hier und da gerne Hinweise auf kommende Pläne fallenlässt, während er sich gleichzeitig bewusst ist, wie wichtig es ist, den Worten Taten folgen zu lassen. Das Team, das mit der Abwärtskompatibilität betraut ist, hat bereits höher aufgelöste Versionen älterer Spiele mit innovativen Emulationslösungen ermöglicht: Spiele der ersten Xbox laufen mit vierfacher Auflösung auf der Xbox One und der achtfachen Auflösung auf Xbox One X. Ausgewählte Xbox-360-Titel laufen "X-enhanced" sogar mit der neunfachen Zahl an Bildpunkten - bei diesem Verfahren erstrahlen 720p-Spiele auf beinahe magische Weise in nativem 4K.

Wäre es möglich, dass wir auf der Series X Xbox-One-Spiele in höherer Auflösung zu sehen bekommen? Nun, was macht ein Unternehmen, das für exzellenten Fan-Service in diesem Bereich bekannt ist als nächstes? Und was tust du, wenn der wichtigste Konkurrent im Konsolenbereich ebenfalls Abwärtskompatibilität ankündigt? Wie setzt man sich da ab?

Die Tatsache, dass sich hier etwas Großes ankündigen könnte, lässt einem jedenfalls das Wasser im Mund zusammenlaufen. Lieferte Microsoft zum Beispiel auf jeder Achse die doppelte Auflösung, würden 1080p-Xbox-One-S-Titel mit echtem 4K laufen. Die große Bibliothek an 900p-Spielen würde in 1800p sehr gut aussehen, während 720p-Games in 1440p sicher eine gute Figur abgeben. Die Series X verfügt über die achtfache Rechenleistung einer Xbox One und wahrscheinlich noch mehr als das dort, wo es ankommt: Der Spiele-Performance. Es ist sogar denkbar, dass der Multiplikator der Auflösung noch höher ist. Das ist natürlich nur eine Theorie, aber wenn man Spencers Blog so liest, scheint die Wortwahl beinahe bewusst mehrdeutig. Höhere Auflösungen werden ohne genaue Spezifizierung versprochen und wenn man weiß, wie Unternehmen wie dieses PR betreiben, ist die Wortwahl doch ziemlich faszinierend.

Microsoft hat in der Vergangenheit davon gesprochen, dass die SSD in der Series X als virtueller RAM genutzt werden kann - aber was bedeutet das? Rich hat ein paar Theorien.

Über diese Ankündigung könnte man noch viel mehr und länger reden, aber letzten Endes freuen sich die Leute bei der Series X nicht nur darüber, was sie leistet, sondern darüber wie sich Xbox als Plattform weiterentwickelt. Phil Spencer hat sich schon in der Vergangenheit einige Leidenschaft für den Gedanken an den Tag gelegt, dass man seine Spielebibliothek von einer Generation mit in die nächste nehmen kann. Und ich glaube, die wichtigste Message aus den aktuellen Informationen ist die, dass man ein Spiel nicht ein zweites Mal kaufen muss, um alles zu erleben, was es auf einer Next-Generation-Maschine zu bieten hat. Das ist die Patch-Strategie von PS4 Pro und Xbox One X auf einem neuen Level.

Tatsächlich gibt es auch eine technische Basis hierfür, wenn es darum get, wie Xbox-Spiele künftig erstellt werden (vielleicht habt ihr schon von den Leaks bezüglich GameCore gehört). Aber aus Verbrauchersicht ist die Botschaft, dass es endlich eine elegante Lösung für die so oft unkomfortable Cross-Generation-Phase. Kauft euch Halo Infinite auf Xbox One und ihr bekommt automatisch die Series-X-Version. Das gilt auch für Cyberpunk 2077, basierend auf der jüngsten Ankündigung von CD Projekt RED.

Microsoft nutzt ein System namens Smart Delivery, um sicherzustellen, dass die richtigen Daten zur passenden Hardware geliefert werden - offenbar eine Evolution von Intelligent Delivery aus der Project-Scorpio-Zeit. Das System war dazu da, den Usern die Freiheit zu gewähren, nur die Teile eines Spiels herunterzuladen, die sie wirklich brauchten. Meistens kam das zum Einsatz, um sicherzustellen, dass XBox One S User nicht unnötigerweise Texturen herunterluden, die nur Xbox One X User brauchten. Smart Delivery scheint dieses Konzept zur Vollendung zu bringen.

Im Grunde definiert die neue Microsoft-Ankündigung den Rahmen einer vermutlich recht ausgedehnten Cross-Gen-Periode. Die Idee, die "Next-Gen-Steuer" mehr oder weniger abzuschaffen, kann eigentlich nur Gutes bringen. Und nach dem was mir meine Quellen erzählen, spricht Microsoft mit Drittanbietern darüber, um sie von der Idee zu begeistern. Dem Xbox-Team ist das wichtig. Ein definierendes Merkmal der neuen Xbox.

Sind die Spezifikationen des Leaks vom Dezember echt, verfügt die Series X in Sachen Pferdestärken über einen Vorteil. Aber rohe Teraflop-Zahlen erzählen nie die ganze Geschichte.

Die Tatsache, dass die Entwickler sich auch dagegen entscheiden können, da mitzumachen, bedeutet, dass es in gewissen Fällen eben doch ein wenig unübersichtlich und seltsam werden könnte. Ebenfalls neugierig bin ich, wie die logistische Seite von Smart Delivery aussehen wird und würde mir in dieser Hinsicht mehr Klarheit wünschen. Wird es zum Beispiel physische Disk-Versionen für Series-X-User zu kaufen geben, die keine weitere Downloads benötigen? Xbox One S und One X sollten theoretisch 100GB-Blu-rays unterstützen, die wir für Next-Gen-Spiele so dringend brauchen. Aber die alte One tut das wahrscheinlich nicht. Schließt die Notwendigkeit, alle Xbox-One-Modelle zu unterstützen Spiele aus, die auf 100GB-Disks ausgeliefert werden? Sammler physischer Spiele dürfte das Sorgen bereiten.

Auch wenn in diesem Eintrag von Spencer viele alte Informationen zu lessen waren, hatte die heutige Series-X-Ankündigung durchaus einen Wert jenseits davon die technische Beschlagenheit der Konsole herum zu posaunen. Im Grunde hat Microsoft eine Strategie für die schwierige Übergangsphase zwischen den Generationen vorgelegt - und ihre Entscheidungen scheinen bei den Usern gut anzukommen. Das wiederum setzt Sony unter Druck, die bemerkenswert ruhig geworden sind, seit sie in den beiden Wired Artikeln durchaus faszinierende Informationen preisgaben.

Alles, was wir seit dem Wired-Artikel vom Oktober von Sony bekamen, war ein Logo und eine mehr oder weniger platzhalterartige Website. Hoffentlich gibt es bald Neuigkeiten. Für den Moment lautet mein Fazit aber, dass es zwar offensichtliche Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Next-Gen-Konsolen gibt, aber ich von Sony eine deutlich abweichende Vision erwarte - und vielleicht auch ein anders betontes Hardware-Design. Der Pferdestärken-Krieg ist vorbei, wenn man den AMD-Leaks Glauben schenken darf. Aber wie Phil Spencer selbst sagt, ist rohe Power nur ein Teil der Geschichte.

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Über den Autor:

Richard Leadbetter

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Technology Editor, Digital Foundry

Rich has been a games journalist since the days of 16-bit and specialises in technical analysis. He's commonly known around Eurogamer as the Blacksmith of the Future.

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