Animal Crossing: New Horizons - Test: Stresst mich … nicht!

Die Kunst des Wartens.

Vor einigen Tagen schrieb Martin, Animal Crossing: New Horizons mache ihn fertig. Ich bin allem Anschein nach das komplette Gegenteil davon, denn in mir erweckt der neueste Teil der beliebten Reihe ein Gefühl von Tiefenentspanntheit, das ich bei anderen Spielen nicht empfinde. Von Stress absolut keine Spur! Wenn ich da an den Kriegselefanten denke, den ich zuletzt in Assassin's Creed Origins zu besiegen versuchte, kurz vor dem Triumph scheiterte und mich noch gerade beherrschen konnte, meinen Controller nicht wegzuwerfen ... Oder die Sprungpassagen in Ori and the Will of the Wisps (Test), die zum Teil für Nervenkitzel sorgen.

Nein, dagegen ist Animal Crossing: New Horizons Entspannung pur. Keine Feinde, kein Zeitdruck, ihr legt euer eigenes Tempo vor. Seid dazu gezwungen, denn vor allem am Anfang gibt es an einem Tag noch nicht so enorm viel zu tun. Es ist ein Spiel, das sich nach und nach entfaltet, das euch Geduld lehrt. Es ist nicht so, dass hier alles sofort vonstatten geht und auf euch einprasselt. Nehmen wir als Beispiel eine Brücke. Habt ihr ausreichend Geld zusammengetragen, um die zu errichten, dauert es bis zum nächsten Tag, damit sie fertig ist. Das Gleiche gilt für alles, was ihr baut, ob Häuser, ein Museum und so weiter.

Und das zieht sich wirklich bis zum nächsten Tag, denn New Horizons ist an die Systemuhr eurer Switch-Konsole gekoppelt. Spielt ihr morgens, geht auf eurer Insel die Sonne auf, spielt ihr abends, lächelt euch der Mond an, sofern es nicht regnet. Und nein, es gibt hier keine Shortcuts für schnelleres Bauen, für mehr Geld, für was auch immer - all das, was ihr in einem Spiel mit solchen Mechaniken erwarten würdet, wenn es free-to-play wäre. Ist Animal Crossing zum Glück nicht und ebenso wenig gibt es irgendeine Form von Mikrotransaktion.

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Passend zur aktuellen Lage. (Animal Crossing: New Horizons - Test)

Es kommt alles Stück für Stück zu euch. In den zwei Wochen, die ich bis jetzt gespielt habe, sah ich bei weitem nicht alles. Dinge, die in offiziellen Videos und Trailern zu sehen waren, sind für mich zum Teil noch komplett fremd. Das fasziniert mich zum einen, weil dieses Spiel erst über Wochen und Monate hinweg sein Potenzial in voller Gänze zeigt. Zum anderen macht das die Bewertung schwierig. Ich bin nicht in der Lage, über das zu urteilen, was da im späteren Spielverlauf noch kommt - oder nicht. Ich weiß es einfach nicht.

Ich muss es bei meinem bisherigen Erfahrungen belassen - und die sind gut! New Horizons schickt euch nicht führungslos auf die Insel, es gibt euch regelmäßig Aufgaben und Ziele, auf die ihr hinarbeitet. Zum Beispiel den Bau einer neuen Brücke, die einiges an Geld verlangt, ebenso die Abzahlung des Kredits für euren virtuellen Hausbau. Nichts davon leistet ihr an einem einzelnen Tag, es sind längerfristige Aufgaben.

Zugleich ist New Horizons in dieser Phase kein Spiel, das ihr am Tag stundenlang spielt. Eure Insel ist groß, ja, aber nicht riesig. Hackt jeden Tag auf Bäumen und Steinen herum, um neue Rohstoffe zu erhalten, fangt Fische und Insekten. Das beschäftigte mich in einer Spielsession häufig für ein bis zwei Stunden, abhängig davon, wie viel zu tun war. Und dann war an dem jeweiligen Tag nicht mehr viel zu erledigen. Außer ihr möchtet in der Gegend sitzen, den Nachthimmel beobachten oder mit eurem virtuellen Alter Ego in der Sonne liegen. Solche Momente würden sich gut als interaktiver Bildschirmschoner eignen, sie versprühen einen Hauch von Entspannung.

Mit gesammelten Rohstoffen bastelt ihr fleißig Sachen zusammen. (Animal Crossing: New Horizons - Test)

Wobei es euch das Spiel von vorne bis hinten überlässt, wie ihr viel Zeit ihr darin investiert. Wenn ihr eine halbe Stunde unter dem Nachthimmel sitzen und die Sterne beobachten möchtet, dann habt ihr die Möglichkeit dazu. Wie sehr ihr euch in das virtuelle Inselleben vertieft, liegt somit ganz in euren Händen. Das richtige Spiel für Quarantänesituationen, wenn man genauer darüber nachdenkt. Wenn ihr hier Kontakt mit anderen Menschen habt, dann ebenso virtuell. Ladet sie auf eure Insel ein oder besucht die anderer Leute. Erkundet alles gemeinsam oder führt sie herum, tauscht Dinge miteinander.

Ein Aspekt ist hier, sich gegenseitig zu helfen. Wenn ihr zum Beispiel bestimmte Früchte oder eine Bastelanleitung benötigt, die ihr bis dato nicht bekommen habt. Das Gegenteil von dem, was manche Teile der Gesellschaft aktuell zeigen, Klopapier und Nudeln werden hier nicht gehamstert. Zugleich simuliert New Horizons zwar das Inselleben, geht dabei aber nicht zu sehr ins Detail: Ihr müsst nicht regelmäßig essen, schlafen oder trinken, damit euer Charakter bei Kräften bleibt. Finde ich gut. Ich denke, ich hätte weniger Freude daran, wenn ich mich noch mit diesen Details befassen müsste.

Im Endeffekt bot mir New Horizons bisher genug, um mich jeden Tag zur Rückkehr zu bewegen. Da hätten wir zum einen die tägliche Routine in Form des Abgrasens der Insel nach Rohstoffen, denn ihr braucht Material zum Bauen oder einfach, um es zu verkaufen und somit Geld zu verdienen. Zum anderen gibt es die Aufgaben, die euch Tom Nook und andere Bewohner stellen. Es geht darum, neue Einwohner für die Insel zu gewinnen, euer Haus einzurichten, die Infrastruktur zu verbessern, das Museum auszubauen und zu füllen und die Insel ganz nach euren eigenen Vorstellungen zu gestalten und zu formen. Hinzu kommen die neuen Herausforderungen des Meilenprogramms von Nook, das euch für verschiedene Aufgaben - gehacktes Holz, gefangene Fische oder spezifischere Dinge - mit Meilen belohnt, die ihr gegen nützliche Sachen eintauscht.

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Einfach mal in der Gegend stehen und den Nachthimmel beobachten. (Animal Crossing: New Horizons - Test)

Und bei allem was ihr tut, versprüht New Horizons dieses herzliche und charmante Feeling. Euer Charakter freut sich wie in kleines Kind, wenn er seinen Kredit abbezahlt oder einen Bauplatz für einen neuen Einwohner sucht, manche der Bewohner sehen einfach niedlich aus, visuell ist das Spiel insgesamt schön bunt und ansehnlich, die Musik- und Soundkulisse unterstützt das Gefühl, sich auf einer Insel beziehungsweise in der freien Natur zu befinden. Kein lauten Stadtgetöse, einfach Natur pur. Kein Auto- und kein Fluglärm, keine treibenden Beats im Hintergrund, keine Hektik. So geht spielerische Entschleunigung und Gute-Laune-Feeling.

Was ich zum Beispiel noch nicht freigeschaltet habe, ist die Landschaftsgestaltung, mit der ihr unter anderem Flussläufe ändert. Sie ermöglicht euch, das Gesicht eurer Insel grundlegend zu verändern, nachdem ihr am Start eines von vier Designs auswählt. Somit beeinflusst ihr nicht alleine das, was auf der Insel passiert, ihr verändert das Land und seine Begebenheiten. So wie ich viele andere Dinge noch nicht sah, aber das hier ist einfach nichts, was ihr in einer Woche durchgespielt habt und dann ins Regal stellt ...

Es ist schwierig, Animal Crossing: New Horizons zu beurteilen. Ob es ein herausragendes Spiel sein könnte, vermag ich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu sagen. Es gibt einfach noch zu viele Dinge, die ich bis jetzt nach zirka zwei Wochen spielen nicht gesehen und erlebt habe. Was in der Zeit passierte, machte mir aber Spaß, entspannte mich nach stressigen Tagen und ist einfach schön anzuschauen. Ich verbrachte gerne Zeit auf der Insel, sammelte Rohstoffe, arbeitete auf Verbesserungen hin, lernte mit jedem Tag Neues dazu und trug meinen Teil zum großen Ganzen bei. Klar ist auch, dass das hier nicht jedermanns Sache ist. Es ist ein Spiel für die, denen der Sinn nach was Ruhigem steht und die auch keine epische Story erzählt bekommen wollen, etwas, das euch weitestgehend freie Hand lässt, während es euch auf einer Insel-Sandbox setzt, in der ihr euch frei austoben könnt. Und wenn exakt das euer Ding ist, findet ihr hier mit Sicherheit für viele Monate eine Beschäftigung, bevor ihr die Insel bis ins letzte Detail nach euren Vorstellungen perfektioniert habt - sofern das überhaupt möglich ist, denn es gibt ja immer was zu meckern. Und Nintendo hat ja kostenlose Updates und Events angekündigt ... Nein, langweilig wird euch in eurem neuen virtuellen Zuhause nicht so schnell.

Entwickler/Publisher: Nintendo - Erscheint für: Switch - Preis: zirka 60 Euro - Erscheint am: 20. März - Getestete Version: Switch - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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