Final Fantasy 7 Remake - Test: Hallo. Schön euch endlich kennenzulernen

Man kannte sich scheinbar nur dem Namen nach.

Es ist spannend, zum ersten Mal zu sehen, warum so viele Menschen etwas lieben. Wahrscheinlich nämlich, weil sie sich vorstellten, was ich jetzt hier sehe. Während Resident Evil 3 zum Beispiel mit seinem Remake große Schritte in Sachen Technik und Gameplay machte, ist das hier ein Quantensprung. Zwei, drei statische Screens mit ein paar Zufallsbegegnungen sind nun ein großer, visuell ausgestalteter Dungeon. Die Slums mit ihren paar Häusern, bestenfalls eine Handvoll schnell erkundete Screens, sind nun eine quirlige, detaillierte Welt für sich. Aber das ist nicht der wichtige Punkt. Das sind nämlich die Charaktere. Damals lächerlich simpel und übertrieben comichaft gezeichnet, erwachen sie nun zum Leben und - das wahrlich magisch.

Wie gesagt, viele sahen in diesen Figuren, selbst damals, nie weniger als das. Die Andeutungen reichten, die mitunter etwas seltsamen Zeilen und künstlichen Drei-Punkte-Pausen anscheinend auch. Aber bei mir hat es erst jetzt geklickt. Das hier ist nicht das Spiel, in dem nach dem ersten Akt mal nebenbei der Charakter mit den besten Heilzaubern gekillt wird und mich sonst nichts an dieser Figur interessierte. Hier sind Cloud, Tifa, Barrett und Aerith greifbare Persönlichkeiten, deren seltsame Zeilen gar nicht mehr so seltsam wirken, wenn man sie von den ausgezeichneten Sprechern hört. Im Gegenteil, aus Clouds damals eher nervig anmutenden Maulfaulheit wird durch die brillanten Animationen, kleine stimmliche Andeutungen und das richtige Timing der eigentliche Hintergrund des Charakters transportiert. So, dass er die langen ersten Stunden nicht nur als arroganter Depp rüberkommt, sondern wirklich als jemand, der einfach seine sozialen Schutzschilde hochfahren musste und sicher einen guten Grund dafür hat.

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Wie es mir ergangen ist? Wow... Nun, es waren 25 Jahre, wo soll ich da anfangen...

Nun, nicht alle kommen ganz so gut weg. Barretts IQ wirkt in den ersten Stunden so, als hätte er ein paar Punkte im Laufe der Jahre eingebüßt, aber auch hier funktioniert es mit leichter Anlaufverzögerung, eine komplexere Figur auszuarbeiten. Nicht so komplex, es ist immer noch Final Fantasy 7, aber eben weit mehr als den Typen mit der großen Knarre und dem guten Herzen. Seine Sorgen und seine Art damit umzugehen werden hier feiner aufgezeigt, einfach weil Gesichtsausdrücke und Sprachkunst perfekt zusammenfinden.

Gleiches gilt für die anderen großen Figuren, aber diese Liebe der Entwickler zu ihren Helden und Antihelden reicht bis zu früher belanglosen Sidekicks wie Biggs und Wedge. Ich musste vor einem Weilchen erst mal nachgucken, wer die eigentlich in Final Fantasy 7 waren. Nach dem Remake werde ich das sicher nicht mehr vergessen. Und Sephiroth ... Der Fünf-Polygon-Knubbel mit dem zu großen Schwert hat sich hier gut von seinem Möchtegern-Matrix-Ausflug in Advent Children erholt und es reichen wenige Zeilen, um seine Würde als einer der großen Antagonisten der Spielegeschichte zu zementieren. Das hier ist jetzt jemand, der sich den opernhaften "Sephiroth! Sephiroth"-Choral verdient hat. Ja, ich war von dieser Ausarbeitung der Figuren zutiefst beeindruckt und sollte jemand echte Sorgen gehabt haben, dass man sich hier zu viel Freiheiten rausnimmt, um praktisch neue, "zeitgemäßere" Helden zu schaffen, der darf beruhigt sein. Sie sind ganz die Alten. Und doch trifft man sie nun zum ersten Mal wirklich.

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Erstmals verstehe ich ihn, zumindest gut genug, um ihn nicht (nur) für einen arroganten Penner zu halten.

Dabei gibt es den gleichen, seltsamen Bruch zwischen der deutschen und englischen Übersetzung. Ich habe damals nur die englische Version gespielt, mir aber bestätigen lassen, dass die deutsche Fassung des Remakes sehr nah an diesem Original dran ist, so wie auch die englische Version sich tonal an ihren Ursprung hält. Im Ergebnis fasse ich das mal so zusammen: Die deutsche Version hat die Dialog-Qualität eines guten Anime der Zielgruppe zehn bis bis, die englische Version war damals scheinbar eher mit Blick auf um die 16 bis erwachsen geschrieben worden. Ich sehe das so, weil ich englische Sprachausgabe mit deutschen Untertiteln kombinierte und, nachdem das als Versehen startete, es einfach dabei beließ, weil die Diskrepanz mitunter sehr unterhaltsam war. Die gute Nachricht ist jedoch, dass beide Versionen für das, was sie sind, sehr gut gelangen. Nur würde ich hier persönlich immer zur englischen Version schalten.

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Eine beeindruckende Welt, egal...

Zurück zu der Welt und für Midgar gilt, was ich auch zu den Figuren sagte, wenn auch nicht so dramatisch. Es macht einen Unterschied, "wirklich" 300 Meter über den Slums herumzuturnen und nach unten gucken zu können, statt nur einen 2D-Screen vor sich zu haben. Von dem Blumenbeet in der Kirche bis hoch auf die Straßen der Platte ist es die neue Plastizität, die dieser Welt nun noch mehr Gravitas verleiht. Das ist ein wenig ungerecht, schließlich war das der größte Kraftakt, den 7 damals vollbrachte. Der Wechsel von den Pixel-Grafiken zu den aufwendigeren Hintergründen. Aber diese jetzt noch einmal ein paar technische Stufen weiter wirklich zu erleben und dann auch noch stilsicher umgesetzt, das erzeugt bei mir nur wenig echte Nostalgie. Vielmehr hat man zum ersten Mal die Augen überhaupt geöffnet und sieht eine neue Welt.

Man darf jedoch nie zu genau hingucken. Ganz im Gegensatz zum den teilweise absurd fein gezeichneten Plakaten in Resi 3, habt ihr hier erstaunlich viele Texturen, die aus einer älteren Generation hochgerechnet scheinen und mitunter einen heftigen Kontrast zu den unglaublich fein gezeichneten Charakteren darstellen. Das ist natürlich nicht möglich, weil garantiert kein Asset aus dem Original benutzt werden konnte. Und doch, es wirkt manchmal wie das Remaster eines Spiels, nicht wie das Remake, das es ist. Am Ende ist es aber immer noch ein stellenweise atemberaubend schönes Spiel, dem man gern hier und da seine Makel verzeiht.

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... aus welcher Perspektive man sie nun zum ersten Mal sieht.

Das verzeiht man umso leichter, als dass die Thematiken sehr zeitlos gewählt sind. Jedes der neueren Final Fantasys hat ein gewisses Motiv und Thema. 15 ist eine solide Coming-of-Age-Geschichte, 10 hatte glaube ich was mit Pflicht, Bestimmung und Opfer zu tun und 7 wählte damals Umweltzerstörung, Terrorismus, Freiheitskampf und die Gier von Großkonzernen. Leider wenig überraschend sind das nach wie vor Schlagwörter in unserer Welt und man musste sich hier nicht umstellen, es passt thematisch wie tonal und nichts davon wirkt fehlplatziert. Das überlässt die Geschichte gern einzelnen, kleinen Momenten, wie der Zugfahrt, in dem ein paar normale Anzugträger das Abteil mit einem Typen teilen, der als Arm eine Gatling-Gun trägt. Das ist jedoch nichts, worüber sie sich aufregen, sondern darüber, dass er was nicht so nettes über ihren Arbeitgeber sagt. Es sind schöne Momente, weil die Inszenierung einfach die Arme hochreißt und sagt "wir ziehen das jetzt durch, komme was wolle". Und irgendwie findet dann sogar so ein Moment zu sich, auf andere, aber irgendwie immer noch gute Art.

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Manche Orte sind einfach gemacht, um Geschichte zu schreiben.

Kommen wir zur spielerischen Substanz und zu einem echten Problem, das ich mit dem Remake habe. Es ist, wie gesagt, der erste Akt des Originals, den ihr hier bekommt. Grob die ersten acht Stunden, die jetzt etwa um die 30 bis 35 dauern, schlicht, weil man eben nicht mehr einfach nur zwei Screens durchwandert, sondern oft genug die Größe der Welt auch durch ein wenig Strecke erlebt. In der Handlung hat sich zunächst nicht viel geändert. Zuerst, wohlgemerkt. Später passieren Dinge, die den weiteren Verlauf in der Fortsetzung sehr spannend gestalten dürften. Dachte ich erst, dass hier wirklich rein gar nichts angefasst wurde, denke ich jetzt, dass das hier der Auftakt für eine größere Geschichtsumschreibung sein könnte. Spoilert euch woanders, ich verrate nicht mehr, außer, dass ich kein Problem damit habe. Aber dann bin ich auch jemand, der sagte, dass Vulkan zu sprengen und alles, was ich bei Star Trek kannte, umzukrempeln, eine richtig gute Idee war. Das hier dürfte vom individuellen Fan abhängen und natürlich davon, womit man bei Square Enix später damit hinmöchte.

Was mich dagegen störte war das neue Kampfsystem. Nicht, dass es jetzt so funktioniert, wie es das tut. Ein Mix aus ein wenig taktischem Button-Mashing, Herumrennen und zügigem Spammen der Spezialattacken, die sich schnell aufladen. Dabei schaltet ihr noch durch die Charaktere durch, um diese Attacken bei jeder Figur möglichst effektiv zu nutzen, dann gibt es noch die üblichen Status-Effekte der Serie sowie die Element-Einflüsse und schon habt ihr ein solides Action-System mit genug Rest-Taktik. Dazu passt dann auch, dass die Summons mehr oder weniger ihr eigenes Ding machen, wenn ihr sie auf das Schlachtfeld ruft. Es ist keine reine Animation mehr, sondern ein starker NPC auf dem Feld, dem ihr gelegentlich auch mal Angriffsvorschläge machen dürft, bevor er sich nach einer halben Minute mit seinem eigentlichen Super-Angriff wieder verabschiedet. Alles zusammen läuft wie am Schnürchen, ist modern, gut spielbar und spaßig.

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Etwas mehr Liebe bitte. Oder wurden diese Schilder aus einem anderen Remaster hochskaliert?

Was ein wenig fehlte, waren die Herausforderungen. Ich habe Final Fantasy 7 nicht als übertrieben schwer in Erinnerung, aber es war ein RPG seiner Zeit, dass euch auch hier oder da mal gerne umbrachte. Jetzt, mit auch nur minimaler Aufmerksamkeit, ein paar Heiltränken und Phönix-Federn im Gepäck und nicht völliger Vergesslichkeit, wenn es darum geht, die Level-Up-Punkte zu verteilen, bin ich bei keinem einzigen Bosskampf gestorben. Nicht einem. So gut bin ich als Spieler nicht, aber ich kann euch nicht sagen, wie der Game-Over-Screen aussieht. Und nein, es muss ja nicht alles gleich Nioh sein, aber das war dann doch ein wenig zu nett. Surreal wird es auf dem leichten und "klassichen" Schwierigkeitsgrad. Lasst euch von dem Wort nicht täuschen, daran ist nichts klassisch, jedenfalls nicht im Sinne den alten FF7. Erst einmal sind die Kämpfe so einfach, dass ich sie mit einer Hand spielte und nebenbei auf dem Handy Brave Exvius grinden konnte. Das Button-Mashing entfällt, damit also auch das Aufladen der Spezialangriffe. Das passiert nun automatisch und mit denen holzt ihr dann alles nebenbei weg. Das stellt zumindest sicher, dass wirklich jeder die Story erleben kann, nehme ich an.

Dann gibt es ein paar Passagen, die sich sehr gestreckt anfühlen. Zum einen, weil das Spiel immer wieder euer Lauftempo bestimmt und so trottet ihr auch in einem Dungeon mal sehr entspannt hinter Aerith her, statt zügig voranzukommen. Nerviger sind aber Passagen wie das Kran-Rätsel, dessen Lösung zwar nicht den geringsten Einsatz von Hirnzellen erfordert, aber Geduld bei der Umsetzung der sofort erkannten Lösung. Gleiches bei der beim Abschalten von drei riesigen Lampen hoch über den Slums, was zu einem der linearsten Dungeons seit Teil 13 verkommt. Gut auch, dass es immer wieder mal Passagen in den Städten mit ein paar kleinen Nebenquests gibt, die das Ganze auflockern, denn sonst ist dieses Spiel zu fast hundert Prozent linear. Das entspricht diesem Teil des Originals, die Spielwelt öffnet sich dort auch erst später wirklich. Aber mitunter kommen dann doch böse Erinnerungen an die Level-Schläuche zurück, die man mit Lightning und Snow abgelaufen ist.

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Möglicherweise war ich damals auch für den Mix aus Cyberpunk, SciFi, Mystik und Fantasy noch nicht bereit (oder wollte meine Genres sauberer getrennt haben).

Nur gut, dass die Dialoge hier so viel besser geschrieben sind und man sich häufig bei einem Lächeln ob der schlagfertigen Späße zwischen den Figuren erwischt oder ernsthaft gespannt lauscht, wohin ein Gespräch geht. Das Spiel hat weit mehr charmante Momente in seinen paar Stunden als so manche ganze Serie in zig Jahren und das ist es auch, was es am Laufen hält. Das und einer der besten Soundtracks der Reihe, was jetzt keine kleine Messlatte ist. Die klassichen Melodien erfuhren nicht weniger Liebe als die Helden, driften nur manchmal ins etwas Seltsame ab, wenn eine Art experimenteller Elektro-Jazz oder sowas versucht wird, aber darüber kann man leicht ob solch sonst in mehr als ausreichender Menge vorhandener Brillanz hinwegsehen.

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'...and I won't forget to put roses on your grave.'

Final Fantasy 7 Remake ist ein Muss - für Fans sowieso, aber auch für alle, die eine gute Fantasy-Geschichte zu schätzen wissen. Nicht für das Spiel an sich. Das solide Kampfsystem verkauft sich dank des zu geringen Schwierigkeitsgrades weit unter Wert und die linearen Dungeons dürften niemanden wirklich begeistern. Es macht alles okay, es macht genug Spaß, aber das sind die Sachen, die ich bis nächste Woche vergessen haben werde. Was ich jetzt nie mehr vergessen werde, das sind die Helden und Bösewichte, ihre Motivationen, ihre Persönlichkeit, ihren Charme und ihre Macken. Mehr noch, obwohl ich die Namen seit 25 Jahren kenne, habe ich jetzt das erste Mal wirklich Kontakt mit ihnen wie auch mit ihrer Welt und Geschichte aufgenommen. Wahrscheinlich war ich nach dem überragenden sechsten Teil noch nicht bereit, in eine solche Welt zu wechseln, oder ich konnte mich unterbewusst noch weniger mit dem seltsamen Polygon-Kopffüßlern anfreunden als ich dachte. So oder so, das ist jetzt vorbei. Diese Figuren entledigen sich hier ihres Daseins als Retro-Helden, atmen tief durch und stellen sich einer neuen Welt vor. Ihr solltet sie auf jeden Fall einmal kennenlernen.

Entwickler/Publisher: Square Enix- Erscheint für: PS4 (weiter Plattformen könnten irgendwann folgen) - Preis: zirka 60 Euro - Erscheint am: 10.4.20 - Getestete Version: PS4 Pro - Sprache: Deutsch, Englisch, Japanischt(Sprache und Untertitel getrennt einstellbar) - Mikrotransaktionen: nein

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