Desk-Hosting im E-Sport: "Alles ist aufregend, vieles ist auch seltsam"

Worauf es ankommt und wie die Zukunft aussieht.

Der E-Sport hat noch eine lange Reise vor sich, wenngleich seine Anfänge eine ganze Weile zurückreichen. Ich erinnere mich, wie ich mich vor gut 20 Jahren auf der Webseite der noch jungen Electronic Sports League (ESL) anmeldete, so richtig ernsthaft befasste ich mich damit aber nie. Damals war das alles lange nicht so professionell, wie es die Branche heute ist. In 20 Jahren passierte viel, auch der E-Sport in seiner Entwicklung als Massenphänomen weiterhin am Anfang steht. Auf der einen Seite habt ihr die Profis, die versuchen, ihre Bestleistungen abzurufen, um Titel und lukrative Preisgelder zu gewinnen. Und auf der anderen Seite, wie zum Beispiel beim Fußball, die Moderatoren und Moderatorinnen, Kommentatoren und Kommentatorinnen sowie Experten und Expertinnen, die das Geschehen begleiten.

Welche Voraussetzungen braucht es da zum Beispiel für ein gutes Desk-Hosting? "Die wichtigsten Faktoren bei einem Desk-Hosting sind kurz zusammengefasst die Recherche, die Spontanität und der Humor", erzählt uns Phylicia "Flitzi" Whitney, die zuletzt Ende Mai als Moderatorin bei den Finalspielen der ESL-Meisterschaft in Counter-Strike: Global Offensive im Einsatz war. "Es ist wichtig, sich als Host mit den Themen auseinandzusetzen und sich gut auf die Moderation vorzubereiten, sich umfassend zu informieren."

"Spontan und schnell musst du dann reagieren, wenn sich kurzfristig die Strukturen im Broadcast verändern, speziell jetzt mit den Herausforderungen einer Studio-Produktion während der Corona-Pandemie: Häufig finden beispielsweise zugeschaltete Interviews aufgrund technischer Probleme und dergleichen nicht statt", ergänzt sie. "Ganz wichtig ist aber auch der Humor. Es soll trotz allem eine gute Unterhaltung zwischen all den Statistiken und Analysen für den Zuschauer stattfinden."

Phylicia
Phylicia 'Flitzi' Whitney (Foto: Christoph Rücker)

An erster Stelle steht vor einer Moderation die Recherche. Zum einen über die jeweiligen Themen, zum anderen über die involvierten Personen, wie zum Beispiel die Spieler und die Teams. "Briefings kommen zum Teil auch sehr spät, sodass eine intensive Vorbereitung manchmal bis in die Nacht erfolgt", sagt Whitney. "Am Moderationstag selbst werden häufig Pläne umgeworfen, dadurch musst du immer gewappnet sein für spontane Aktionen und Änderungen."

Lampenfieber gehöre immer dazu, wenngleich sie einen Weg gefunden hat, um mit dem eigenen Anspruch und den Erwartungen der Zuschauer umzugehen: "Ein Kollege, der Medientrainings gibt, hat mir eine ganze neue Perspektive darauf gegeben. Auch er hat immer Lampenfieber, nennt es aber Vorfreude. Seitdem ist es genau das für mich, es wandelt sich bei mir um in mehr Motivation und positive Energien."

Wichtig für die Moderation ist ihr zufolge natürlich ein Verständnis für das jeweilige Spiel und ein Gespür dafür, wie sich das Spiel und die Menschen dahinter in Szene setzen, wie sich die Protagonisten in den Mittelpunkt des Geschehens rücken lassen. "Es geht nicht um mich, ich bringe nur den roten Faden ein und sorge dafür, dass jeder seine Präsenz erhält", sagt sie. "Wenn ich meinen Job mache, bin ich zu 100 Prozent im Thema, nah bei den Menschen, das heißt den Spielern, der Community, dem Team und der Crew. Ich identifiziere mich in dem Moment damit und nehme es ernst, im Umkehrschluss tun das dann auch die Zuschauer."

Wie es bei ihr mit dem aktiven Spielen aussieht? "Ich spiele gegen Pro-Spieler, aber nicht kompetitiv", erzählt Whitney. "Die Karriere könnte ich sofort an den Nagel hängen, dafür bin ich zu schlecht. Ich konzentriere mich auf meine Leidenschaft, mein Hobby und meinen Beruf: Die Moderation. Schön ist, dass ich das Moderative mit meiner weiteren Leidenschaft, dem Gaming, kombinieren kann." Zugleich lerne sie definitiv das ein oder andere bei ihrer Arbeit: "Ich gucke mir ständig Tricks ab und lasse mir auch sehr gerne Tipps geben. Ich lerne vieles von Pro-Spielern und Experten dazu und habe somit mehr Spaß und Zugang zu meinem eigenen Game, das ich spiele."

Im Zuge einer Moderation passieren dabei aufregende und ebenso seltsame Dinge. Oder wie Whitney es ausdrückt: "Alles ist aufregend, vieles ist auch seltsam", sagt sie. "Dass etwas seltsam ist, fällt den Zuschauern häufig nicht auf, das ist in dem Moment auch meine Aufgabe. Du denkst dir: 'Was geht hier gerade eigentlich ab? Nichts ist wie geplant! Du bist live, also tu' so als wäre nichts'. Aufregend wird's vor allem bei der ersten Anmoderation auf der Bühne oder live im TV: Alle Augen sind auf dich gerichtet, jeder ist still, nicht jeder mag dich, also sorge dafür, dass Du nach spätestens 30 Sekunden das Ruder herumreißt. Das funktioniert eigentlich immer ganz gut, das ist aber auch sehr aufregend daran."

Einfach ist das alles aufgrund der aufmerksamen Communitys nicht, was die Fangruppen von Spielen und anderen Sportarten gemein haben. "Für mich ist CS:GO wirklich die Meister-Disziplin, mit einer sehr aufmerksamen Community", erzählt sie. "Dort kannst du nichts verstecken oder die Leute blenden. Wenn du das wuppst, kannst du alles machen. Außer League of Legends, das finde ich persönlich sehr, sehr komplex."

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Whitney bei der Arbeit. (Foto und Aufmacher: ESL / Stephanie Lieske)

Großen Respekt habe sie vor klassischen Castern, die die Spiele live kommentieren, "alles sehen und sofort einschätzen können", führt Whitney aus. "Diese Expertise habe ich nicht, aber deshalb ist die Kombination aus Analyst, Caster und Moderator auch super. Ich gebe die Struktur und Unterhaltung, die anderen glänzen mit ihrer Expertise und Analysen."

Und wie sieht die Zukunft des E-Sports aus? Vor allem in Corona-Zeiten gab es zum Beispiel virtuelle Events in Spielen wie FIFA 20 oder F1 2019 mit echten Fußballprofis und Rennfahrern, was den E-Sport ein Stück weit mehr ins Rampenlicht rückte: "Momentan siehst du auf jeden Fall einen richtigen Boost bei den E-Sport-Übertragungen, die Zuschauerzahlen haben sich teilweise verdreifacht", berichtet sie. "Der E-Sport hat einfach das große Privileg und den Vorteil, dass im Gegensatz zu vielen traditionellen, klassischen Sportarten die Turniere online ausgetragen werden können. Insofern hat der E-Sport in der Corona-Zeit auch ein gewisses Vakuum gefüllt."

Gleichermaßen teilt sie die Einschätzung, dass der E-Sport noch lange nicht sein volles Potenzial entfaltet hat: "Im Allgemeinen kann man aber sagen, dass beispielsweise der Fußball dem E-Sport noch immer über 100 Jahre voraus hat", sagt Whitney. "Ich bin trotz allem guter Dinge, dass der E-Sport auch nach der Corona-Zeit die gewonnene Popularität beibehalten kann, die neuen Fans hält und somit auch noch ein Stück weiter im Mainstream ankommt."

Und wie sieht es mit euch aus? Befasst ihr euch damit? Habt ihr euch einmal ein Turnier oder ein Match angeschaut? Falls nicht, wäre das einmal eine Überlegung wert: "Definitiv sollte man einmal reinschauen - es ist eine super Mischung aus Unterhaltung und spannender Taktik", betont sie. "Neueinsteiger lernen das Spiel kennen und dann macht es auch Spaß, wie in allen anderen Dingen auch. Teilweise ist der Content besser als bei den klassischen Sportarten, die im traditionellen Fernsehen ausgestrahlt werden. Der gemeinsame Spaß steht wirklich im Mittelpunkt!"

Und wenn ihr euch darüber informieren möchtet, was in Sachen Turniere und Matches ansteht, ist die ESL-Webseite eine gute Anlaufstelle dafür.

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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