Ghost of Tsushima zwischen Videospiel und Wirklichkeit: Die erste Mongoleninvasion in Japan

Promotion: Eine schöne Einladung zum Lernen.

Videospiele wildern seit jeher auf Ideenfindung gerne durch die Menschheitsgeschichte. Das ging schon mit Oregon Trail in der Gaming-Steinzeit los und hat sich bis heute nicht geändert. Und warum auch nicht? Diese Ausflüge in die Vergangenheit nehmen sich zwar zugunsten der Handlung und Mechaniken des Spiels fast immer maximale Freiheiten von den tatsächlichen Ereignissen, wecken aber dennoch spielerisch das Interesse für Historisches. Wir Spieler genießen es geradezu, echte Begebenheiten und Spielfiktion nebeneinanderzuhalten und den Weg von A nach B auf dramaturgische Streckungen zu untersuchen.

Zugegebenermaßen muss man selten lange schauen, bis man Implausibles und Diskrepanzen entdeckt, Dinge, die sich eben auftun, wenn Games sich historische Ereignisse zu eigen machen, um sie in dramaturgisch ansprechenden Stoff gehüllt über ein Gerüst aus Systemen zu stülpen. Aber tatsächlich sind diese Unschärfen nicht so wichtig, denn das Videospiel hat zu diesem Zeitpunkt längst die Initialzündung für die geschichtliche Auseinandersetzung geliefert. Wieder was gelernt, ob man nun wollte oder nicht.

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Mit Ghost of Tsushima erschien unlängst eine weitere Neuinterpretation tatsächlicher und gut überlieferter Begebenheiten. Diesmal inszeniert ein großes, technisch imposantes Open-World-Spiel auf der PlayStation 4 die Geschehnisse der ersten Mongoleninvasion in Japan durch eine stimmungsvoll überhöhte Samuraifilm-Linse. Und auch hier macht das Eintauchen in die Unterschiede zwischen Realität und Spiel-Spiegelbild fast genauso viel Spaß wie das Spielen selbst.

Befasst man sich mit der Geschichte dieses durch kontrastreiche, starke Farben und stete, buntes Laub durch die Luft wirbelnden Winde fast magisch wirkenden Eilands, wird schnell klar, warum diese 700 Quadratkilometer Land von nicht gerade trivialem Wert waren und sind. Tsushima liegt gewissermaßen auf halbem Wege zwischen Korea und der südlichsten japanischen Hauptinsel Kyūshū und ist daher von großem strategischem Wert.

Das stimmte besonders im 13. Jahrhundert, als die Mongolen unter Kublai Khan auf gut 1.000 ebenso schnell wie windig zusammengeschusterten Kriegsschiffen ihrer jüngst unterworfenen Vasallen des koreanischen Goryeo-Reiches in Japan einfallen wollten. Will man so gut 30.000 Soldaten samt Ausrüstung verschiffen, waren die Zwischenstopps auf den Inseln Tsushima und Iki natürlich von unermesslichem Wert. Im Spiel wie auch in der Realität landete die mongolisch-koreanische Streitmacht am Strand von Komoda an und überrollte die Verteidiger förmlich. Was nicht weiter wundert, denn wie überliefert ist, stellte sich der der Gouverneur von Tsushima, Sō Sukekuni, mit nur 80 berittenen Samurai den Angreifern.

Nur neun Tage später machte sich sie Invasionsmacht schon zum nächsten Ziel auf, der kleineren Insel Iki, die man ebenfalls einnahm, ohne groß zu bremsen, bevor man Segel zur Hakata-Bucht Kyūshūs setzte. Vom Beginn der Kämpfe in Tsushima bis zur Anlandung an der südlichen Hauptinsel Japans vergingen nur 15 Tage. Auch auf Kyūshū waren die Mongolen zunächst überlegen, was vor allem an der stark asymmetrischen Art der Kriegsführung lag. Die Samurai waren den als ehrenhaft empfundenen Kampf Mann gegen Mann gewohnt, der Brauch, den Beginn einer Schlacht mit dem Abfeuern eines brennenden Pfeiles anzukündigen, belustigte die wenig abwartend agierenden Mongolen nur. Deren durch Trommelgeräusche und andere Signale koordiniertes Vor- und Abrücken brachte die Japaner ebenso sehr aus dem Konzept, wie der Einsatz von Sprengkörpern, vergifteten Pfeilen und die geschlossenen Schild-und-Speerformationen. Hier trafen zwei Kriegskulturen aufeinander, die entschieden nicht füreinander gemacht waren. Würden zumindest die Japaner sagen.

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Der Rest ist der Stoff von Legenden: Nachdem die Samurai Hakata nach gut 20 Tagen aufgeben und sich ins Landesinnere zur Festung Mizuki zurückziehen mussten, entschieden sich die Mongolen dennoch - vermutlich aufgrund drohender Versorgungsengpässe, der anrückenden japanischen Verstärkungen und wegen der schweren Verwundung eines wichtigen Anführers, aber sicher um ein paar wichtige Erkenntnisse reicher - zurück nach Korea zu segeln. Kurz nach Aufbruch der Streitmacht zog ein starker Taifun auf, der Berichten zufolge um die 200 Schiffe mit Mann und Maus auf den Meeresgrund schickte. Dabei war die Taifung-Saison längst vorbei, was natürlich den Aberglauben an ein himmlisches Einschreiten nährte, das mit "göttlichen Winden" die Invasoren strafte. Auf japanisch: "Kamikaze". 1281 sollte eine noch gewaltigere Invasion der Mongolen folgen, diesmal aus zwei Richtungen, und die sprengt hier vermutlich den Rahmen, aber auch die endete mit einem Sturm zur See, der Kleinholz aus der mongolischen Flotte machte.

Die beiden Invasionen hinterließen kulturell und militärisch ihre Spuren in Japan: Beispielsweise führten die mongolischen Rüstungen aus gekochtem Leder zu einem Umdenken des Schwertdesigns. Das traditionelle Tachi hatte sich durch eine längere, gebogenere Form im Kampf gegen die Invasoren als wenig effizient erwiesen. Viele Waffen brachen oder wurden stumpf, eine Erkenntnis, die japanische Schmiede zur Entwicklung des bis heute ikonischen Katana veranlassen sollte. Wichtiger noch: Die wiederholte Dezimierung ihrer Feinde durch höhere Gewalt sollte ewig - genauer genommen bis zum Zweiten Weltkrieg - die japanische Selbstwahrnehmung einer gewissen Unbesiegbarkeit prägen.

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Was im Vergleich von Realität und Spiel als erstes auffällt: Tsushima war für die reale Invasion natürlich nicht der Dreh- und Angelpunkt, sondern nur ein Etappenziel, das man schon nach ein paar Tagen geschlagen hinter sich ließ. Für Jin Sakai, den fiktiven Protagonisten des Spiels, stellt sich das natürlich anders dar. Die Spieler und Spielerinnen kämpfen auf Tsushima viele, viele virtuelle Tage gegen die Mongolen, die es sich hier deutlich gemütlicher machen, als man es bei einem kurzen Zwischenstopp erwarten würde. Für ein Videospiel ist die Konzentration auf nur einen Schauplatz aber mehr als nur verständlich, zumal es hier auch und vor allem um die Charakterreise eines gebrochenen Mannes geht.

Was uns zum nächsten Punkt bringt. Ghost of Tsushima entrückt auch durch den Austausch der Akteure ein Stück weit der Realität: Statt des echten Kublai Khan führt mit Khotun Khan ein frei erfundener Verwandter das Regiment, das unser Held Jin Sakai sich in seiner "Geistwerdung" vor die Brust nimmt. Im Grunde ist das nur die logische Folge aus der scheinbaren Verdichtung des Konflikts auf die Insel Tsushima: Wie nah an der Realität ist zu nah? Würden weniger Variablen ausgetauscht und abgewandelt, liefe man Gefahr, Geschichtsverfälschung zu betreiben. Da doch lieber die historische Ausgangslage als Aufhänger nehmen, um eine eigene, entschieden von den echten Begebenheiten abgegrenzte Handlung zu erzählen, die im Spieler die Neugierde auf die wahren Ereignisse weckt.

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Was hingegen bestens eingefangen wird, ist der Kontrast in der Kriegskultur der Angreifer und Verteidiger: Der Ehre der Samurai wird durch die Perspektive Jin Sakais in den Fokus gerückt: Es ist eine Kultur, die auch im Krieg viel Wert auf Kodex und Gebräuche legt, was die Mongolen in einigen sehr gut dargestellten Szenen ebenso amüsiert wie blutrünstig als unverständliche Albernheit im Angesicht der drohenden Auslöschung abtun. Diese Invasionsmacht ist hier, um zu siegen, nicht, um festzustellen, wer der bessere und ehrenwertere Krieger ist. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht, um ihre Gegner zu demoralisieren, sie schwach und töricht aussehen zu lassen.

Ehrenhafte Herausforderungen zum Duell werden lachend mit Hinrichtungen beantwortet und der Einsatz bislang unbekannter Taktiken und Technologien - Sprengstoffen zum Beispiel - hinterlässt auch im Spiel eindrucksvoll maximale Wirkung bei den Samurai, die sich sichtlich nicht zu helfen wissen. Für Sucker Punch ist das natürlich der perfekte Aufhänger, in diesem verspielten Liebesbrief an die Samurai-Kultur auch die Eleganz des Kampfes aus dem Schatten heraus zu besingen: Jin muss sich über seine Bräuche stellen, die Skrupellosigkeit des Feindes lernen und den Krieg kämpfen, den er auch gewinnen kann. Das öffnet Tür und Tor für interessante Fragen über den Verlust der Identität und wie sehr man sich wagt, sich der Mittel seines Feindes zu bedienen.

Bei aller künstlerischer Freiheit gegenüber den realen Ereignissen ist eines klar: Spiele wie Ghost of Tsushima wecken die Lust an Geschichte neu und stoßen unzähligen Menschen die Tür in eine spannende Vergangenheit auf, die sie längst vergessen hatten oder von der sie nicht mal wussten, dass es sie gab. Sie mit dem Wissen der realen Vorgänge zu spielen, ist schon in sich ein Dialog mit der Vergangenheit und eine schöne Einladung, den eigenen Horizont zu erweitern.

Ghost of Tsushima ist überall im Handel und digital im PlayStation Store zu haben. Mehr zum Spiel findet ihr auf der offiziellen Webseite.

Wollt auch ihr den Weg des Samurai gehen? Dann holt euch Ghost of Tsushima im PSN-Store. Es gibt auch eine digitale Deluxe Edition, mit der ihr ein besonderes Rüstungsset und ein paar andere Goodies für ein noch besseres Spielerlebnis bekommt.

Aktuell läuft zudem der Summer Sale im PlayStation Store, bei dem ihr viele, viele Spiele zu attraktiven Preisen erhaltet.

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