Furry Fantasy VII: F.I.S.T ist hinreißendes Midgar-Metroidvania für PS5

FIST ist ein besonders hübsches Action-Spiel, das mit interessantem Szenario und coolen Kämpfen lockt. Alex hat sich den düsteren Hüpfer angeschaut.

Erst im Juli zog F.I.S.T. auf der State of Play das eine oder andere Augenpaar auf sich. Nicht nur, weil man keine Ahnung hatte, was der arg radebrechende Name bedeuten sollte - Forged in Shadow Torch!? -, sondern weil der Trailer spitze aussah und der Titel schon zwei Monate später erscheinen sollte. Spiele aus Fernost sind häufiger von der eher plötzlichen Sorte und viel ferner und östlicher als Shanghai geht es eigentlich nicht.

Diese Erkenntnis provoziert im nächsten Schritt auch gleich eine gewisse Vorsicht, denn die chinesische Entwicklerszene ist noch im Keimen begriffen - und hat es durch die jüngsten drakonischen Regularien zum Thema Jugendschutz auch künftig nicht gerade einfacher. Aber spätestens seit Genshin Impact weiß man, dass dort auch hochsolide Werke entstehen können. F.I.S.T. ist für mich jetzt der letzte Beleg, dass von dort auch Spiele kommen, die ganz klassische Konsolengeschmäcker bedienen: Ein hinreißend hübsches Metroidvania mit reichlich eigener Identität.

F.I.S.T. - Forged in Shadow Torch - ein zu komplizierter Name für ein angenehm zugängliches Spiel

Zugegebenermaßen ist es die Sorte Identität, die auch mit reichlich Teilen anderer Autotypen selbst restaurierten Ford Mustang zu einem ganz "eigenen Charakter" macht. Aber was soll ich sagen: Das Ding läuft einfach - und zwar mehr als nur notdürftig, obwohl ich die Versatzstücke schnell erkenne. Ich habe richtig Spaß mit FIST (auf dessen Interpunktion ich ab sofort verzichten werde), nicht zuletzt, weil es einfach die richtigen Metroidvania-Knöpfe bei mir drückt.

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Es sieht nicht unbedingt nach Next-Gen aus, aber die Welt hat Tiefe, die Figuren wirken schön plastisch.

Eine Karte, die man Prozente-weise ausfüllt? Check! Türen, die sich nur mit neuen Fähigkeiten öffnen lassen? Check! Eine Welt, in die man mit wachsendem Akrobatikrepertoire immer tiefer vorstößt? Worauf ihr wetten könnt! Vor allem aber ist es das Szenario, das es mir angetan hat und dafür sorgt, dass ich von vielen möglichen Spielen in diesem Segment gerade am liebsten dieses hier weiterspiele. Ich bin im Grunde kein Freund von Furries, aber wie hier humanoide Karnickel, (Wasch-)Bären und Hunde in einer Stadt, die genauso gut Midgar aus Final Fantasy 7 sein könnte, koexistieren, das hat schon etwas.

Um die Freiheit der Bewohner ist es aktuell nicht so gut bestellt, denn die Hunde haben sich mit mechanisierten Rüstungen zu einer strengen Besatzungsmacht aufgeschwungen. Ihr als ehemaliger Hasen-Widerstandskämpfer Rayton nutzt also eine alte an eurem Rücken montierte Mech-Faust, um einen Freund buchstäblich rauszuboxen, den die Regierung eingeknastet hat.

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Er hatte sich mit dem Falschen angelegt. Raytons Faust macht mit diesem Mini-Boss kurzen Prozess.

Obwohl ich nach gut drei Stunden noch keine Ahnung habe, in welche Richtung die Geschichte sich letztendlich entwickelt, finde ich den Ansatz für einen chinesischen Entwickler im aktuellen politischen Klima durchaus mutig. Gestalterisch ist das alles sehr apart gelungen: Die dystopische Megametropole erstreckt sich stählern, rußig und ölglänzend wunderbar deprimierend in die Weite, die Ausleuchtung ist stimmungsvoll, die Atmosphäre angemessen grimmig.

Keine I-Frames? Kein Problem!

FIST hat das eine oder andere Problem. Die Dialoge wirken trotz guter Sprecher ein wenig gestelzt, was wohl der Übersetzung geschuldet ist (bei DEM Namen kein Wunder). Das Kampfsystem vermittelt bestens die Wucht und Kraft der riesigen Eisenfaust, erkauft das aber mit einer gewissen Trägheit, die wenig mit den elegantesten Spielen dieser Machart zu tun hat: Ihr habt einen Ausweich-Dash ohne I-Frames (seid also jederzeit in der Bewegung treffbar) oder Abbruch eurer Kombos, euer großer Spielcharakter ist also für diverse Attacken leicht zu treffen und nicht immer signalisieren die Gegner gut, was auf euch zukommt. Aber der Skilltree kontert nach und nach einige dieser Schwächen gut aus.

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Nicht alles ist komplett originell. Dann wiederum hat auch FF7 diese Art von Dystopie nicht erfunden.

Mit dem motivierenden Freischalten neuer Kombinationen und Attacken zum Beispiel. Mit manchen jongliert ihr Gegner und müsst euch damit um ihre Angriffe für einen Moment keine Gedanken machen. Mit manchen Specials überbrückt ihr große Distanzen und bindet mit ihnen gleich mehrere Feinde zugleich. Ihr seid angehalten, aggressiv in die Kämpfe zu gehen. Und wenn man erstmal drin ist, in diesem Rhythmus, hat das fast Beat-em-Up Charakter, weil die Schläge so schön hart einschlagen. Was noch? Ach, auch die Rücksetzpunkte könnten etwas großzügiger verteilt sein und wenn sich das Spiel merken würde, was ich seit dem letzten Versuch alles eingesammelt habe, wäre das knorke. Aber unterm Strich macht mir FIST viel Spaß.

Es ist vor allem das gute Auge für liebenswürdige Details, das die Entwickler von TiGames beweisen und das nicht nur die Stadt imposant verlebt erscheinen lässt, sondern auch die Figuren mit viel Leben füllt. So erkennt man beim genaueren Hinsehen zum Beispiel, dass Raytons Robo-Arm genau die Bewegungen seines eigenen linken Armes vollführt. Und lässt man sich zum Beispiel an einem Speicherpunkt aufpäppeln, betätscheln zahllose robotische Arme und Gerätschaften den mürrischen Hasenkrieger. Die Animation läuft nicht immer gleich ab: Manches Mal setzt der Arm mit dem Striegel noch zu ein paar allzu fürsorglichen Streicheleinheiten an, die Rayton mit einer gezückten Faust genervt abwiegelt.

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Hübscher Bosskampf, nicht wahr?

Und auch die vielen, vielen Finishing-Moves, mit denen ihr euch eine Spektakel gefüllte Atempause von den Fights gönnt oder die als Belohnung für einen harten Kampf gute Dienste tun, brillieren mit schönen Animationen. Was mich auch schon recht zügig zum Schluss bringt: Für nicht ganz 30 Euro macht man mit diesem für PS4 und PS5 erhältlichen Spielchen wenig falsch. [Update: Ursprünglich stand hier, die PC-Version sei bereits erhältlich, die kommt aber erst noch, einen Termin gibt es noch nicht, allerdings gab es bereits zwei Mal eine Demo.] Und sei es nur, wenn man sehen möchte, wie eine Furry-Plage über die Kult-Spielestadt Midgar herfällt.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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