NBA 2K22 - Test: Besser als zuletzt. Aber gut genug?

NBA 2K22 verwaltet seinen Vorsprung vor einem Gegner, der das dritte Jahr in Folge nicht aufkreuzt. Mal schauen, wie gut die Basketball-Sim 2021 ist.

Immer noch sehr gute, hübsche und tiefe Simulation, aber technisch nicht ganz sauber und voller Product Placement und Mikrotransaktionen

Ihr kennt das Spiel: NBA 2K22 ist mal wieder konkurrenzlos gut. Im Wortsinne, denn eine andere Basketballsimulation zur stärksten Liga der Welt gibt es leider immer nicht, sofern man nicht auf das mehr als passable NBA Live 19 zurückgreifen will. Die meisten wollen das nicht, also hier die zentrale Info, die man braucht: In 2K22 stecken die gewohnten Qualitäten genauso drin wie eine ganze Menge Altlasten, die wir wohl erst loswerden, wenn Visual Concepts in Sachen Engine Plattenputz macht und das noch mal von vorne baut.

Heißt aber auch, dass das hier auf dem Court weiterhin schon verdammt nah dran am echten Sport ist. Aus der TV-Perspektive wirkt es beinahe fotorealistisch - besonders auf PS5, wo die Vielfalt an Arena-Details und die natürlichere Ausleuchtung gefallen - und versprüht in Bewegung eine wahnsinnig authentische Atmosphäre. Sogar die originalen Stadionsprecher tönen nun aus den Arena-Boxen. Sehr cool! Auch spielerisch macht Visual Concepts das allermeiste sehr, sehr richtig und hatte sogar eine gute neue Idee. Aber die Illusion von der TV-Übertragung zum Mitspielen kriegt seit einer Weile Risse. Man merkt einfach, dass jedes neue NBA 2K auf einem technischen Fundament steht, dass schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Allzu viel Luft nach oben ist da nicht mehr.

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Optisch auf dem Platz immer wieder ein Genuss...

Das merkt man in der Praxis zum Beispiel daran, dass immer noch Animationen vor spielerische Direktheit gestellt werden. Bevor ein Spieler passt oder den Ball schießt, muss er das Dribbling, seine aktuelle Bewegung erst beendet haben, und das bringt halt die bekannte Sportsimulation-Schwammigkeit mit, die sich auf den ersten Metern immer ein bisschen befremdlich anfühlt und die Fußballsims mittlerweile besser im Griff haben. Meiner Meinung führt der Weg in die Zukunft - sobald Visual Concepts ihn irgendwann mal antritt - vor allem darin: Das Spiel in eine Richtung zu bewegen, in der es reaktiver wird. Wer sich daran schon länger gewöhnt hat, wird aber hieran nichts auszusetzen haben. Tatsächlich hat 2K22 dieses Jahr sogar ein paar Fortschritte in der Richtung gemacht. Doch dazu später.

Let's (not) go to the City

Im nächsten Schritt muss man nämlich erstmal gestehen, dass die Grafik-Engine bei allem, was keine schwitzenden Männer in einer prächtig gewienerten Sporthalle sind, mächtig überfragt wirkt. Der Karrieremodus ist mit seiner neuen Open-World-Stadt mehr Marker- und Karte-getriebenes Sport-RPG als je zuvor, aber sobald es über Asphalt durch einen Straßenzug geht, anstatt unter den Augen von Tausenden begeisterten Zuschauer-NPCs über glänzendes Eichenparkett, fühlt man sich grafisch um Jahre zurückgeworfen, wenn auch in 4K.

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... überall sonst fühlt sich das Spiel visuell sichtlich weniger zu Hause.

Ich weiß nicht, wann eine Spielumgebung das letzte Mal so sehr "tapeziert" aussah wie diese hier. Lange keine so ebenen Backsteinwände gesehen, seit Ewigkeiten kein Gras, das wie ein grüner Teppich aussah. Ich war der City zunächst vor allem aus logistischen Gründen abgeneigt - ich bin des Basketballspielens wegen hier, nicht, um die Atmosphäre einer zweitklassigen Modellbaustadt einzusaugen. Aber da muss ich durch - und die Wege trotz des integrierten Skateboards (!) sind viel zu lang. Mal eben einen Gang zu seiner Agentur zu machen, wird direkt zum Projekt - und wenn die Dialoge nach Ankunft schon so "lebensnah" sind, dass sie in ihrer Banalität beinahe einschläfern, fühlt sich das gleich doppelt nach verschwendeter Zeit an. Ich habe das meiste, was das "Geschäft NBA" betraft, schnell weggeklickt.

Andere mögen das nicht so sehen, aber für mich hat das Drumherum der City das Spiel nur unnötig verkompliziert - und dass 2K22 dadurch an Stimmung gewänne, ist aufgrund der sterilen Optik auch ausgeschlossen. Die City ist es auch, die einige andere Altlasten in der Architektur überdeutlich aufzeigt. Wurden PS5 und Xbox Series X noch als Geräte angepriesen, die die Ladezeiten in modernen Spielen beinahe eliminieren, dauert der Wechsel von dem Apartment in die City länger als eine halbe Minute. Auch viele andere Übergänge ziehen sich zu lange hin. Nach dem flachen D-C-Fix-Look der Stadt gleich der nächste Blast from the Past also. Diese Spiele waren immer DER Showcase, was auf neuer Hardware möglich war. Jetzt bremsen sie in mancher Hinsicht den Fortschritt.

Kleine Änderung, große Wirkung

Ansonsten? Ja, alles gut und tendenziell sogar eine größere Steigerung als im letzten Jahr. Insofern dürfte die Stammkundschaft nicht enttäuscht sein. Hier stecken von der Karriere über myTeam und myGM bis hin zur WNBA so viele Spielmodi drin, dass man sie nicht alle würdigen kann, bevor 2K23 herauskommt. Aber im Grunde muss man das auch nicht, denn die meisten dürften wegen der Karriere hier sein. Mir gefällt vor allem der neue Ausdauerbalken, der heuer mehr Fingerspitzengefühl bei der Dosierung einfordert. Verbrennt ihr zu schnell zu viel davon, geht euch die Puste aus und der Bereich auf der Schussanzeige, in dem ihr einen guten Wurf vom Stapel lasst, wird empfindlich kleiner, der Korb schwieriger zu treffen. Das ist smart - und nah am echten Sport.

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Auch das Minenspiel und die Geometrie weniger bekannter Gesichter sind eher dafür gemacht, von schräg oben und aus der Distanz einer TV-Übertragungskamera gezeigt zu werden.

Aber es tut noch mehr fürs Spiel: Denn jetzt liegt der Fokus notgedrungen weniger auf Individualleistungen. Man muss sich gut überlegen, ob man das Tempo-Mismatch am Perimeter ein drittes Mal in Folge mit fetten, aber anstrengenden Dribblings ausspielt, oder das Leder mal ordentlich rundgehen lässt, auf dass auch mal jemand anderes in eine aussichtsreiche Position kommt. Das Spiel mit der Ausdauer macht die komplette Offensive glaubwürdiger und wertet den Spielfluss allgemein spürbar auf. Wer auch immer den Einfall hatte, er oder sie verdient eine Beförderung.

Nach ein bisschen herumspielen mit den Steuerungsoptionen gelingen mir auch aggressive Dribblings und Post-Moves sehr viel besser als letztes Jahr (rechten Stick von absolut auf relativ umgestellt!), kann aber auch an etwas zügiger durchlaufenden Animationen liegen. Gleichzeitig muss ich sagen, dass das Post Game fast schon zu einfach ist: Ich habe meinen Shooting Guard nun wirklich nicht als Back-to-Basket-Monster gebaut und habe gegen Spieler, die mir körperlich nicht wahnsinnig überlegen sind, viel zu einfaches Spiel. Die KI macht das insofern gut, als dass dann meistens schnell die Verteidiger tauschen, um mir jemanden mit mehr Masse auf die Füße zu stellen. Aber wenn man das Mismatch provoziert, ist die Taktik immer noch eine Idee zu einfach. Draußen dagegen muss ich um jeden freien Wurf kämpfen, hier fühlt sich die Balance angemessen an.

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Besonders im Gerangel um die beste Position ist das Spiel wahnsinnig authentisch.

Welche Dinge lassen noch das alte Gerippe ein bisschen mehr zum Vorschein kommen, als sich komplett zeitgemäß anfühlen würde? Nun, lose Bälle haben immer noch nicht viel mit Ballphysik zu tun. Ähnliches gilt für Pässe, die lange nicht immer dorthin gehen, wo man sie haben wollte. Manches Mal bleibt man an Verteidigern hängen oder schafft es nicht, seinem Gegenüber zu folgen, weil das Spiel ein bisschen zu sehr in seine himmlischen Animationen und glaubwürdige Kollisionen verliebt ist und ich wünschte allgemein, so langsam würde 2K22 ein wenig reaktiver, vor allem beim Passen. Aber insgesamt kommt der Spielablauf dieses Jahr ein bisschen weniger zum Stocken und das hat mir gut gefallen. Kleine Schritte, aber immerhin.

Deshalb muss ich das eigentliche Gameplay auch in diesem Jahr als Erfolg verbuchen. Das macht schon Spaß und wird dem Sport gerecht. Der größte Schwachpunkt liegt mal wieder neben dem Platz: Die Mikrotransaktionen sind immer noch wahnsinnig aggressiv, bis zu dem Punkt, an dem man durchaus von Pay-to-win sprechen darf. Denn online schon Day-One auf mit Geld komplett aufgepumpte menschliche Gegner zu treffen, das ist schon schwer demotivierend. Gleichzeitig macht es nicht so wahnsinnig viel Spaß, als 65-Punkte-Rookie um jede Minute auf dem Court zu kämpfen, während alle anderen NBA-Spieler nicht mit der Treffsicherheit, Schnelligkeit und Kraft eines unterernährten Halbwüchsigen zu kämpfen haben. Das ist ein ganz schöner Grind, bis man mal was kann - es sei denn, man zückt die Kreditkarte. Kein feiner Zug und fast alleine der Grund, warum ich seit ein paar Jahren keine Empfehlung mehr für das beste Basketballspiel ausspreche, das man kaufen kann.

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Ein Kawhi tut, was ein Kawhi tun muss.

NBA 2K22 - Test: Fazit

Ich habe aufgegeben, darauf zu warten, dass 2K mal seine Monetarisierungspolitik überdenkt oder zumindest die Spieler in der Karriere ein wenig besser starten lässt (warum nicht mit 75 Punkten solide anfangen statt mit traurigen 60?). Wer sich dem Grind hingibt, vielleicht sogar Lust auf die Ochserei hat oder einfach nur so mit seinen Lieblingsteams in Originalaufstellung spielen will, bekommt hier wie gehabt viel gut gemachtes Spiel für seine 75 Euro, mit dem man die reale NBA-Saison angemessen simulationslastig begleiten kann.

Klar, Begeisterung sieht anders aus. Aber so ist es halt: NBA 2K war mal der Star meiner Videospiele-Saison. Mittlerweile ist es zum Roleplayer abgerutscht. Auch buchstäblich, wenn man sich die City anschaut. Es macht, was es soll und das macht es gut. Darauf verzichten kann und mag ich nicht, aber in meiner Rotation taucht es nicht mehr so regelmäßig auf wie damals. Ich kann mich nur wiederholen: Ich vermisse diese Zeit! Aber NBA 2K22 kann sie nicht zurückbringen.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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