Auch wenn es nicht ist, was ihr wolltet: Castlevania: Grimoire of Souls ist ein gutes Zeichen!

Die schlechte Nachricht zuerst: Das neue Castlevania ist ein Gacha-Game. Die Gute? Grimoire of Souls zeigt, Konami könnte, wenn es wollte

Schon klar, "eingestelltes und wieder aufgewärmtes Gacha-Game" ist so ziemlich genau das, was ihr wohl erwartet habt, als ihr von einem neuen Castlevania von Konami gehört habt - aber klickt nicht direkt weg. Denn in diesem Spiel, das jüngst ohne jegliche Mikrotransaktionen auf Apple Arcade einen Relaunch erfuhr, steckt auch eine positive Erkenntnis. Nämlich die, dass Konami Castlevania immer noch beherrscht. Jetzt müssen Sie nur noch das richtige Spiel dafür finden.

Aber: Schon jetzt zu neuen Horizonten zu blicken, ist nicht ganz fair. Kanzelt man Grimoire of Souls ab, weil es etwas ist, das man nicht haben wollte, tut man der Reihe auch keinen Gefallen. Im Grunde macht es für ein Mobile-Spiel sehr viel richtig: Kurze Zyklen aus Herausforderung und Belohnung, griffiges Gameplay, viel Kram zum Freischalten. Es hätte schlimmer kommen können als Castlevania in mundgerechten Happen, die man auch beim Warten auf den Bus kurz vertilgen kann. Wenn man akzeptiert, was es ist, muss man gestehen, dass hier schon eine Menge der Serien-DNS drinsteckt.

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Alle Charaktere spielen sich deutlich unterschiedlich. Maria Renard verschießt Vögel auf ihre Angreifer

Klar, das bedeutet auch, dass man sich von der Vorstellung lösen muss, hier ein Metroidvania zu bekommen. Es ist kein zusammenhängendes Abenteuer, nicht einmal eine lose verbundene Reise durch elf bis 18 Einzel-Stages, mit Anfang, Mitte und Ende. Von eurer Zentrale aus schickt ihr als Genya Arikado diverse Spielfiguren, zum Beispiel Arikados Alter Ego Alucard oder Simon Belmont, in sehr kurze Level, die wenig mehr sind als ein paar versteckte Truhen, kurze Plattformsequenzen und diverse versprengte Mobs an klassischen Feinden. Selten braucht man länger als sechs, sieben Minuten, um das Ende zu sehen und den nächsten Abschnitt freizuschalten. Allerdings kommt jeder Level mit drei Herausforderungen, die zu erfüllen durchaus Spaß macht.

Findet alle Truhen, findet und besiegt einen versteckten Feind, nutzt eine bestimmte Spielfigur oder einen Waffentyp (den ihr vielleicht erst später findet) - Standardkram, der aber dafür sorgte, dass ich die Möglichkeiten der verschiedenen Figuren auch ab und an auskostete und auch mal zu früheren Abschnitten zurückkehrte. An einer Stelle war eine Truhe mit einem Doppelsprung nicht zu erreichen. Da sich Alucard aber für einen kurzen Dash in einen Schwarm Fledermäuse verwandeln kann, war das mit ihm wiederum kein Problem. Simon Belmont verfügt stattdessen über einen Aufwärtshaken, der ihn in die Höhe katapultiert. Auch damit erreicht man Gegenden, die anderen Figuren unzugänglich sind. Das ist alles sehr oberflächlich und nicht besonders raffiniert, aber es funktioniert für die paar Minuten zwischendurch, für die es gedacht ist, ausgesprochen ordentlich.

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Die Level sind kurz und schnell erledigt. Für diese Sorte Spiel ist das nicht schlecht.

Zumindest mit dem Controller fühlt sich das sogar nicht einmal schlecht an und sieht auch ordentlich aus, wenn man mal über einen Look hinwegsehen kann, der ein bisschen wie glattgebügeltes PS3-3D aussieht. Sprites wären mir lieber gewesen, aber ich muss zugeben, viel schlechter als Bloodstained sieht Grimoire, rein gestalterisch gesehen, eigentlich auch nicht aus. Ich muss sagen, ich verspüre häufig Lust, mal wieder eine Runde Castlevania zu spielen und oft ist es dann auch mit ein, zwei Levels getan. Grimoire denkt diesbezüglich für mich schon in die richtige Richtung und gibt mir diesen schnellen Fix ganz passabel.

Nichts davon hat abendfüllenden Charakter und so mancher Stage wirkt ein bisschen eilig hingestellt, aber weil es hier eben nicht um Erkundung oder Spektakel geht, sondern meist auf Zeit, ist das schon in Ordnung so. Mir gefällt zudem, dass man Gegner mit einer Schlitterattacke aus dem Gleichgewicht bringen und mit einem gezielten Schwertstreich Projektilangriffe von Feinden aus der Luft holen kann. Das hat nicht die ganz große Finesse, aber deutlich mehr, als ich erwartet hatte.

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Der Schlitterangriff bringt Feinde ins Straucheln. Allerdings ist es auch ziemlich wichtig, seine Ausrüstung auf Vordermann zu halten, denn sonst richtet ihr zu wenig Schaden an.

Mit diversen Ressourcen und Währungen, die das Spiel von seinen Mikrotransaktionen befreit, über euch ausschüttet wie eine Schubkarre Jungfrauenblut über einen durstigen Vampir lasst ihr euch dann nach dem Zufallsprinzip neue Waffen und Ausrüstung aus dem Automaten plumpsen oder rüstet die Teile auf, die euch besonders gut gefallen. Ein bisschen Overkill und sichtlich ein Relikt der alten Zeit als handaufhaltender Free-to-play-Titel. Aber weil hier nichts zurückgehalten oder an Extra-Zahlungen gebunden wird, kann man es höchstens unaufgeräumt und überkompliziert finden. Da stecken eine Menge Upgrade-Möglichkeiten, Verzauberungen und Sachen wie Limit Breaks drinnen, die mal dazu designt waren, dass der Spieler mehr Zeit und Geld reinsteckt - jetzt ist halt alles umsonst. Kann man sich reinknien, muss man aber nicht. So oder so: Ich sollte das Spiel eigentlich hassen, aber ich kann mich nicht dazu durchringen. Gleichermaßen kann ich euch nicht verdenken, wenn ihr lieber die Finger von Grimoire of Souls lasst. Aber hier steckt tatsächlich ein interessanter Funke Castlevania drin, den ich zu schätzen weiß. Wie oft legt man einen der alten Teile ein, weil man nur eine schnelle Runde spielen wollte, und ist dann überwältigt von dem Projekt, das Draculas Schloss in Gänze darstellt (SotN und die GBA-Teile) oder hat zu sehr mit dem Schwierigkeitsgrad von Rondo of Blood oder Super Castlevania IV zu kämpfen? Mir geht das viel zu häufig so und deshalb drückt Grimoire of Souls bei mir ein paar von den richtigen Knöpfen, auch wenn sich hieran in ein paar Jahren wohl die wenigsten erinnern werden.

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Trau' Dich, Konami!

Ganz klar: Dieses Spiel ist nicht, was es hätte sein können. Es ist nicht einmal, was Castlevania-Fans so langsam mal verdient hätten. Aber dass ein "echtes" Castlevania ausgerechnet nach dem Genuss von Grimoire of Souls überhaupt wieder in Reichweite scheint, das ist schon ein kleines Wunder. Dieses Spiel zeigt mir, Konami könnte es noch. Sie müssten es nur wollen. Apple-Arcade-Abonnenten sollten ruhig mal eine Runde drehen. Eventuell kommt ihr zum selben Schluss, dass für diese Reihe vielleicht doch noch nicht aller Tage Abend ist?

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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