House of Ashes Test - Mein Video-Rekorder konnte mehr als dieser interaktive Horror

House of Ashes ist inhaltlich der netteste der drei Dark-Pictures-Horror, aber ohne Vorspulen fehlt die Lust alternative Wege zu gehen.

Inhaltlich der netteste der drei Dark-Pictures-Horror, aber ohne die Möglichkeit zum Vorspulen fehlt die Lust alternative Wege zu gehen.

Die gute Nachricht vorweg: Ich habe mich in House of Ashes nicht ein einziges Mal gegruselt. Nicht eine Sekunde lang, aber ich spürte durchweg eine gewisse Neugier im Hinblick darauf, wie es weitergeht. Das ist auch was und ehrlich gesagt gar nicht mal so wenig. Wenn einen die Charaktere und Story genug vereinnahmen, dass man nicht den Film, sorry, das Spiel wechselt, dann wurde schon was richtig gemacht. Oder, um kurz bei dem Filmvergleich zu bleiben: Wäre House of Ashes einer und ich würde ihn mit einer Erkältung als dritte Berieselung des Abends aus den hinteren Bereichen des Netflix-Katalogs laufen lassen, wäre ich mit ihm nicht unzufrieden gewesen.

Die neue Geschichte ist sicher die beste der bisherigen Trilogie, die demnächst mit dem vierten Teil dann als Season abgeschlossen wird. Der Erzähler, der "Curator", der dem ganzen einen Rahmen geben soll, wurde auf etwa vier Minuten zusammengestrichen, was schon passt, dafür erinnert der Rest an einen Film, den es wirklich geben könnte. Eine Truppe US-Soldaten und zwei Militär-Waffenforscher sollen 2003 im Irak Saddams WMDs finden. Wer zu jung ist, um zu wissen, was das ist... googelt es, damals wussten wir es alle. Nach einem Überfall einiger irakischer Truppen stürzen beide Fraktionen in ein tiefes Loch, finden einen alten Tempel und werden von seltsamen Wesen attackiert. Cool, vor allem mit der kurzen Introsequenz zusammen, die euch einige Tausend Jahre vor Christus eben diesen Tempel besuchen lässt. Ist schon alles stimmig.

Die Figuren sind dabei alle aus dem tiefsten Uncanny Valley. Tote Augen, steife Bewegungen und bei zwei der Hauptfiguren hat man den Eindruck, dass sie exakt genauso viel Lust hatten, ihr Skript zu lesen, wie Harrison Ford die nachträglichen Voiceover in Blade Runner aufzunehmen. Was dann in "möglichst schnell und lustlos" endete. Andere fahren da etwas besser, aber - und auch wenn das ungerecht sein mag - es ist 2021 und Uncharted 3 erschien vor zehn Jahren. Vergleiche mit aktuellen Werken wie Last of Us 2 oder auch nur Guardians of the Galaxy erspare ich mir. So leid es mir tut, wenn man 2021 von mir verlangt, einen interaktiven Film mit einer Laufzeit von sechs Stunden anzugucken, dann sollte das Naughty-Dog-2011-Niveau nicht zu viel verlangt sein.

Trotz allem, um hinter die Story und die Figur einen Haken zu machen: Passt, ist unterhaltsam genug, ich mochte die Charaktere größtenteils, die Dialoge sind vollkommen okay, die Antwortmöglichkeiten meist plausibel genug und die Reaktionen darauf meist valide. Das Beste der drei Dark Pictures.

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Alte Flüche oder doch was anderes? Die Story ist für die sechs Stunden Laufzeit interessant genug.

Was ich über Hause of Ashes allerdings Gutes als Spiel sagen kann, das hält sich in Grenzen. Das Highlight ist sicher nach wie vor der Koop-Modus, denn zusammen macht alles mehr Freude, auch und gerade einen Trash-Horror-Flick zu lenken. Auf einfach gestellt, müsst ihr euch auch keine großen Gedanken machen, jedes der vielen QTE wird vorher angekündigt und lässt euch zwei oder drei Sekunden Zeit. Auf Normal ändert sich das drastisch: Keine Warnungen und teilweise zufällige Buttons. Hab' den Spaß daran nie verstanden, aber Liebhaber von QTEs als singuläres Spielelement werden schon auf ihre Kosten kommen.

Halt, das stimmt nicht ganz. Es gibt auch einige Passagen, in denen ihr relativ langsam durch die Gegend schlurft, Hinweise auf mögliche Todesarten findet, ein paar Sammelitems und guckt, wo der Weg weitergeht. Es einen "Adventure-Part" zu nennen, wäre sehr großzügig, aber so etwas ist es wohl auf die einfachste Art. Als jemand, der in den 90ern genug "echte" interaktive Spiele hinter sich brachte, ist so etwas wie House of Ashes immer noch legendär gutes Spieldesign, aber heutzutage... Meh, die Telltale-Sachen waren auch beliebt genug und die boten noch weniger.

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Im Koop macht es natürlich am meisten Spaß, weil schlechte Filme zusammen immer mehr Spaß machen.

Eine Sache killt aber einen Großteil der möglichen Freude an dem Spiel: Ich kann keine Zwischensequenzen überspringen. Halt, wartet, keine Steine werfen. Ich meine das nicht vor dem ersten Gucken oder Durchspielen. Was man noch nicht gespielt hat, sollte nicht wegdrückbar sein. Aber: Nachdem ich einmal durch bin und dann andere Antworten ausprobieren will, schon. Dringend. Denn ich kann mir schlechtes CG-Fernsehen nur so oft angucken, bevor ich es nicht mehr kann und das geht ziemlich schnell.

Nach dem ersten Durchgang habt ihr für die ganze Zeit nur sechs Sprungpunkte, von denen an dann ohne Möglichkeit, Bekanntes vorzuspulen, der Film erneut abläuft. Und erwartet bloß nicht, dass sich grundlegendes ändert. Bei meinem ersten Durchgang überlebten drei der fünf Helden, die anderen verlor ich durch Entscheidungen, die ich etwa in der Mitte traf. Also dorthin, anders gehandelt, alle überlebten. Der Rest wich nicht ab, obwohl zwei weitere Charaktere lebten. Sie tauchen in Szenen auf und übernahmen identisch Sätze, die sonst eine andere Figur sprach. Zu sagen, dass ich ein wenig enttäuscht war, wäre untertrieben. Ganz offensichtlich schrieb man ab der Mitte ein Ende, das sich immer gleich abspielt und wer dabei ist, ist eigentlich nur Formsache. Selbst an einem finalen Kampf ändert sich nichts, ganz egal, ob ihr nun mit drei oder fünf Leuten reingeht. Das ist schwach. Und ganz sicher kein Hilfe dabei, zu erklären, warum ich bitte alles noch mal angucken soll, wenn sich eh nichts ändert.

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Guter Rat, aber hier ein Stück weit optional.

Auf Nachfrage bekam ich von den Entwicklern die Antwort, dass es zu aufwändig wäre, eine Vorspul- oder Skip-Funktion einzubauen. Ich bin kein Entwickler, also nehme ich das so hin. So wie die Entwickler hinnehmen müssen, dass ich nicht hingehen werde und mir alles noch ein paar Mal angucke, nur um vielleicht doch irgendwo noch ein paar Szenen extra zu entdecken. Eure kleine Horror-Story ist ganz gut, aber um das zu erreichen, müsste sie viele Male besser als das sein. So bleibt es bei ganz unterhaltsamen sechs Stunden interaktivem Filmguckens, drei Stunden leichter Verärgerung, dass sich mit anderen Entscheidungen nicht viel änderte und der Gewissheit, dass ich andere Optionen nie herausfinden werde, weil das Spiel die Skip-Funktion ansieht, als wäre es ein JRPG und wir hätten wirklich das Jahr 2003. Schade, ich hätte schon ganz gern gewusst, was passiert, wenn ich den Prolog anders ausspiele... Meh, wahrscheinlich eh nicht viel.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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