Exo One ist ein berauschendes Gedicht an High-Sci-Fi der Marke 2001

Der Indie-Titel Exo One ist ein Erlebnis, das an große, clevere Genrefilme gemahnt - deren Faszination verstehen die Entwickler bestens.

Ich bin noch nicht so weit, mir ein abschließendes Urteil über Exo One zu erlauben. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich es genau genommen wahnsinnig unterhaltsam finde, was hier passiert. Diese Reise eines der interessantesten Raumschiffe aller Zeiten übt, passend zum Spielprinzip, eine geradezu Schwerkraft-artige Anziehung auf mich aus.

Es ist nicht lang, so um die vier Stunden vielleicht, also werde ich wohl bald das Ende sehen. Aber für den Moment könnte mich nichts weniger interessieren als das Ziel dieses Weges. Zu hypnotisch ist die aparte Fortbewegungsweise dieses Flugkörpers über fremde Gestirne hinweg - immer auf den Spuren einer verloren gegangenen Jupiter-Mission.

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Exo One fängt das Gefühl vom Fliegen gut ein, auch wenn es eigentlich keine Gefahren gibt, die einem drohten.

Was hier genau passiert, ist über lange Strecken so unklar wie mir persönlich die tatsächlichen Vorgänge in Kubricks 2001 immer waren. Und darin steckt eine Menge vom Reiz von Exo One. Fest steht, dass das Raumschiff, das man steuert, nicht originär ein Erden-Design ist. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, ein Fortbewegungsmittel auf diese Weise zu konstruieren. Das ist der erste Punkt, an dem Exo One vom Fleck weg meine Aufmerksamkeit gefangen nahm - wie fremd das doch alles wirkt.

Und siehe: Die Menschen haben diese metallene, massiv wirkende Kugel, die erstmal nur vorwärts rollt, auf Basis einer mysteriösen außerirdischen Anleitung nachgebaut, wie einige Dialog-Einsprengsel während des Spielens andeuten. Als das Vehikel dann fertig war, passierte die Magie wie von selbst. Der Körper multipliziert auf Knopfdruck um ein Vielfaches die planetare Anziehungskraft, die auf ihn wirkt, rast je nachdem, wie weit ihr die R-Taste durchzieht, wie ein Projektil oder nur wie ein Medizinball gen Boden.

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Die Landschaften starten vertraut, verlieren sich dann aber in immer unwirklicheren Science-Fiction-Fantasien.

Dann, wenn ihr die Schwerkraft wieder ihr normales Selbst sein lasst, nutzt ihr den Schwung eures Sturzes, um die Krempe einer Düne oder eines Meteoritenkraters als Sprungschanze zu verwenden und Tausende Meter in die Ferne geschleudert zu werden. Während dieses Vorganges des steten vorwärts Fallens nimmt die Kugel Energie auf, beginnt innerlich zu glühen und wenn ihr dann am höchsten Punkt eures lautlosen, aber immens dramatischen Fluges die L-Taste zieht, zieht sich auch euer Space-Ball in die Breite, zu einem segelnden Sternendiskus, der mit dem Erlöschen der inneren Feuersbrunst zurück in die Kugelform und wieder zum Planeten hinunterfällt.

Schnell merkt man, hier geht es um Rhythmus, die Kultivierung des maximalen Schwunges. Nach ein paar Planeten ist man so gut darin, dass man auf einem ordentlichen Lauf mehrfach die Schallmauer mit der Kraft der Faust Gottes durchbricht und auf niemals enden wollenden Ozeanen immer wieder wie ein flacher Kiesel aufditscht, den so perfekt niemand jemals auf einen See hinauswerfen könnte.

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Umschauen und Staunen - viel mehr macht man nicht. Bis man plötzlich doch auf einmal ein Videospiel spielt. Für mich war das immer ein bisschen Schleudertrauma. Aber okay.

Das alles vor erhabenen, endlos weiten und aufrichtig wie nicht von dieser Welt wirkenden Panoramen, die durch diverse Linsen- und Grafikeffekte trotz allen Indie-Vibes immer auch etwas Realistisches, Plausibles mitbringen. "Irgendwo da draußen gibt es diese Orte vielleicht" - ist ein Gedanke, den man dabei ertappt, wie er einem durch den Kopf huscht.

Spielerisch steckt hier nicht allzu viel drin und Exo One hat durchaus die eine oder andere Länge - ausgerechnet immer dann, wenn es sich entschließt, für einen Moment dann doch mal Videospiel zu sein und euch etwas an einem schwer zu erreichenden Punkt aufsammeln zu lassen oder drei Gerätschaften zu aktivieren, damit es an anderer Stelle weitergehen kann. Das waren dann Momente, in denen es vom Erlebnis in Sachen Spielfluss - mit dem Fließen als willkommenem Selbstzweck - ein wenig zu einem Aufgabenabhaken wurde. Mich riss das immer ein bisschen raus.

Dennoch freue ich mich schon darauf, es heute Abend weiterzuspielen und vielleicht doch noch herauszufinden, was mit der Jupiter-Mission passiert ist und warum ich am anderen Ende der Galaxis danach suchen soll. Denn am Ende ist das hier einfach zu magnetisch, um dem Geheimnis nicht doch endgültig auf den Grund zu gehen. So ganz genau kann ich sie nicht erklären, diese Anziehung. Aber so ist das eben mit der Gravitation, die wohl wichtigste Kraft im Universum, die man trotzdem nie bewusst wahrnimmt, obwohl - oder weil? - sie durchdringend und allgegenwärtig ist. Keine kleine Leistung, ein Bisschen was davon für sein kleines, aber feines Spiel gefangenzunehmen.

Exo One ist für PC und Xbox erhältlich und ist Teil vom Game Pass.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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