Vor einiger Zeit trudelte eine neue Vorabversion von Gothic 3 in unserer Redaktion ein. Es ist zwar nicht die am Freitag ins Presswerk gereichte Goldmaster, aber die lässt - wie uns versprochen wurde - auch nicht mehr lang auf sich warten. Was hat sich im Vergleich zur Pre-Alpha getan: Es wirkt alles solider, man startet nicht mehr einfach irgendwo in der Pampa bzw. in Geldern und erstmals erhält man einen wirklichen Eindruck vom Verlauf der Story. Gut, natürlich gibt es immer noch einige Problemzonen. Aber daran stören wir uns einfach mal nicht. Es ist schließlich eine zwei Monate alte (!) Vorabversion, kein fertiges Spiel.

Und was heißt das jetzt für Euch? Wenn schon so eine Vorabversion von Gothic 3 auf unserem Schreibtisch liegt, dann wollen wir Euch natürlich auch etwas Gutes tun. Ein Special, das Euch täglich mit vielen Eindrücken versorgt - unser Gothic 3-Tagebuch. Vier Tage und Nächte kämpfte, zauberte und quasselte ich mich Stund um Stund durch die umfangreiche Welt des Rollenspiels. Die Erlebnisse lest Ihr diese Woche. Und bevor ich es vergesse: Spoiler versuche ich weitgehend zu vermeiden. Etwaige Questverläufe, Standorte wichtiger Schlüsselpersonen und besondere Ereignisse in der Spielstory bleiben mein kleines Geheimnis. In diesem Sinne: Viel Vergnügen mit dem ersten Eintrag.

Tag 1

Ich bin minderwertig

1
Passend zur Kriegsstimmung: Das ärmliche Dorf Kap Dun.

Irgendwie ist das lustig. Bislang dachte ich, Rebellen sind die Guten, Orks die Bösen und Assassinen - nun ja, irgendwo dazwischen. Und je nachdem welcher Fraktion man ins Händchen spielt, ist man somit der absolute Mistsack oder ein Verfechter von Ehre und Tugend. Oder halt, nun ja, irgendwo dazwischen. Völlig falscher Ansatz für meine düsteren Pläne. Die Grüngesichter sind nämlich gar nicht so niederträchtig, wie angenommen. Die benehmen sich eigentlich stinknormal, sieht man von der grobschlächtigen Masche ab. Ok, dass in Kap Dun etliche Masten stehen, an denen geschundene Verräter baumeln, zeugt nicht gerade von friedlicher Natur oder fürsorglicher Gefangenenpflege. Aber es trägt die kalte Schulter des Eroberungsfeldzuges zur Schau und vermehrt zudem die düstere Stimmung, die einem auf Schritt und Tritt den Nacken krabbelt. Wohin man auch blickt, überall tummeln sich Diebe, Arbeiter und Sklavenjäger zwischen Schmutz, Nutzviehzeugs und Einsturz gefährdeten Baracken. Die wenigen besseren Gebäude dienen der neuen Herrscher-Riege als Wohnsitz. Welcher Anführer sich gerade in der hintersten Ecke dieser Hütte verschanzt, kann man leider nicht erkennen. Sobald ich auch nur in die Nähe des Bauwerks trete, brüllen einen gleich die Wächter schroff von der Seite an. Schon klar, ohne ein gefestigtes Ansehen bin ich ein Nichts. Ein billiger Handlanger, der die Drecksarbeit für einige Goldstücke verrichtet. Mal wieder...

2
Dalaran? Die Stadt im Hintergrund ist von einer Kuppel überzogen.

Gerade bei den Gesprächen mit der ansässigen Bevölkerung bekomme ich weitgehend meine minderwertige Position zu spüren. "Steh nicht im Weg rum, mach dich nützlich" und "Ihr Söldner seid zu nichts zu gebrauchen" ist da noch der netteste Tenor, der einem um die Ohren flattert. Gut, mosert man halt zurück. "Du hast doch vorher sicherlich etwas anderes gemacht, als den ganzen Tag Scheiße zu schippen.", knallt es dem nächstbesten Kerl entgegen. Erstaunlich, was für harte Sätze da fallen. Quasi passend zum Ambiente. Der Satz zeigt Wirkung und der Typ stellt sich als versteckter Rebell heraus. Fein, man darf für beide Seiten gleichzeitig agieren. Und das so ganz ohne negative Auswirkung auf das Ansehen bei der jeweils anderen Partei. Dass es keine wirklich feste Anbindung an die Fraktionen gibt, ist natürlich klar. Aber irgendwem muss man sich doch zuordnen, oder? Nach einigen Testläufen und massigem Gebrauch der Laden- und Speicherfunktion gelange ich zu folgendem Resultat: Solange man nicht unbedingt einen Anführer abmurkst oder andere offene Gewalthandlungen praktiziert, geht der Plan mit der zweigleisigen Verfahrensweise scheinbar auf. Zumindest bis jetzt, versteht sich. Passt natürlich praktisch zur nächsten Option, die dabei gleich mit an die Oberfläche sprudelte. Man kann die Fraktionen richtig schön gegeneinander ausspielen und sich an dem tiefen Geflecht der Intrigen sogar bereichern. Aus dem einen kitzel ich das Zugeständnis heraus, dass er für die Aufständischen arbeitet. Dann verpfeife ich den armen Schlucker an die Orks und kassiere eine saftige Belohnung. Anschließend stecke ich dem naiven Rebellen, dass ihn irgendjemand verraten hat - im Geldbeutel klingelt es erneut. Wer hätte gedacht, dass Schwein-sein so rentabel ist und so gut funktioniert? Bleibt natürlich die Frage, ob und wann die verlogenen Machenschaften auffliegen. Ein heikles Spiel im Spiel, eine lustige Idee.

Hasch mich, ich bin der Frühling!

3
Mistiges Viech, morgen erwische ich dich!

Wie viel Lebendigkeit in Gothic 3 steckt, erschließt sich erst bei einem Erkundungstrip in die freie Natur. Sicher, das Dorf und die Charaktere sehen wirklich toll aus, mal abgesehen von Clipping-Fehlern hier und da, aber das ist einfach kein Vergleich zu Feld und Flur. Weite grüne Wiesen, durchsetzt von Bäumen und Sträuchern, die sich im Wind wiegen; realistisch simulierte Wolken und Schatten wandern im Takt der Uhr; das klangvolle Rauschen des Meeres, wenn sich die Brandung an den Klippen bricht. Selbst der Held zeigt sich bei dem Wandermarsch deutlich lebendiger. Kaum fällt das Gelände ab, sprintet mein Bursche förmlich im Eiltempo den Hügel runter. Umgekehrt trottet er im Gänseschritt die Böschung hoch. Muss an der harten Plackerei liegen, dass mir dieses feine Detail erst jetzt auffällt.

So schön und hypnotisierend auch die Umgebung ist, so tödlich ist das, was zwischen den Gräsern lauert. Durch all das Staunen und Beobachten, renne ich schnurstracks und unerwartet in die Krallen des ersten Snappers. Obwohl sich ein Kampf einzig durch Mausklicke meistern lässt, greift man als alter Gothic-Spieler trotzdem zur Tastatur. Bringt zwar nichts, steckt aber noch in den Knochen. Das Gefecht ist schnell vorüber und in der verschwommenen Ferne wartet gleich das nächste Oper - ein fetter, garstiger Minecrawler. Opfer? Pustekuchen. Da verlässt man sich einmal auf seine Kenntnisse aus den Vorgängern und dann das. Das blöde Vieh ist gar nicht mehr so dumm, das ist jetzt ziemlich fies und link. Es wartet förmlich, dass man aus seiner Deckung tritt und dann setzt es zum harten Schlag an. Immer und immer wieder betrachte ich die Lilien von unten. Was für eine Niederlage...

Resümee des ersten Tages: Einmal die Klippen runter gestürzt, 17 mal vom Minecrawler verkloppt und keiner mag mich - das wird ein langes, langes Spiel.

Hier geht es weiter zu Teil 2!

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Über den Autor:

Tanja Menne

Tanja Menne

Freier Redakteur