Alles in den Mixer: Narita Boy - Test

Irgendwie so meta hier.

Narita Boy ist alles, was man von der heutigen, wunderbaren Spielwelt so erwarten kann. Unglaublich kreativ. Sich der Vergangenheit fast schmerzhaft bewusst und doch seltsam futuristisch. Ergreifend persönlich, verschroben, aber auf einem doch für Nerds verbindenden Level zugänglich. Kreativ und wild und oft genug spielerisch nicht ganz geschliffen. Ein Spiel, das vor 20 Jahren ignoriert worden wäre, dann zu einem Geheimtipp aufgestiegen und heute für Unsummen in Sammlerforen gehandelt würde, weil die geschätzte Auflage damals bei 5 oder so gelegen hätte. Nur eine Frage kann ich euch nicht abschließend beantworten: Hatte ich Spaß mit Narita Boy? Ich bin mir nicht ganz sicher...

Im Grunde triefen die Inspirationen aus jeder Pore. Man kannte Another World und Flashback, mixt das mit der Geschichte von Tron, durchzieht diese dann mit viel religiös angehauchter Pseudo-Spiritualität und setzt in das Herz des Ganzen einen Unterbau, der sich etwas zu persönlich anfühlt, als dass man da keine direkte Verbindung zum Entwickler vermuten würde. Nehmt noch jede erdenkliche Power-Kinder-Fantasie der 80er dazu und ihr habt ein kleines, zeitgenössisches Kunstwerk. Genau passend für unseren aktuell sehr auf die persönliche, jüngere Vergangenheit ausgerichteten kontemporären Geschmack. Dauerhafter Nährwert im Rahmen menschlicher Bewusstseins- und Kultur-Entwicklung? Fragwürdig, aber dann wiederum ist es auch nur ein kleines Computerspiel, das einfach alles greift, was gerade da ist.

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Rad!

Narita Boy: Alles so meta hier

Es geht im Grunde darum, dass in einem Computer ein böses Programm anfängt, die Herrschaft zu übernehmen, indem es dem "Schöpfer" in der realen Welt die Erinnerungen raubt. Der Schöpfer ist natürlich der Programmierer. Im Gegensatz zu Tron wird nicht er, sondern ein Junge irgendwo am anderen Ende eines Modemkabels in das digitale Königreich gesogen und er wird dann der Narita Boy. Ja, jemand hat The Last Starfighter und ähnliche Klassiker geschaut. Als Narita Boy räumt ihr dann auf, indem ihr geheime Kammern findet, in denen die guten Programme die Erinnerungen des Schöpfers gesichert haben.

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Das Office des Technokratischen Komitees ruft mich im digitalen Königreich auf einem Münztelefon an? Natürlich tut es das.

Spielerisch passiert das alles in Low-Pixel-Count-2D. Absolut zeitgemäß, hier und da mit viel Neon-Referenzen gespickt und mit einem viel zu heftigen und zum Glück abschaltbaren CRT-Filter verziert. Es wirkt schon fast ein wenig verkrampft, zu nah an Sword & Sworcery, um als wirklich eigenständig durchzugehen. Aber dann wiederum ist es schon irgendwie meta, dass ein Indie liebevoll einen anderen Indie-Klassiker zitiert, der mittlerweile eine Dekade alt ist. Referenzen innerhalb von Referenzen. Wo also stoße ich auf den eigenen Kern des Narita Boy?

Mal kein Metroidvania

Es ist jedenfalls kein Action-Fest, sondern ein handfestes Action-Adventure. Ihr erkundet ein kleines Areal nach dem anderen, löst Rätsel, sprecht mit NPCs, findet Schlüssel, nutzt Schlüssel und so geht es voran. Nicht zu verwechseln mit einem Metroidvania. Narita Boy hat nicht mal eine Karte und auch wenn es innerhalb eines Areals hier und da ein wenig Backtracking gibt, bewegt ihr euch doch stets linear voran. Das ist anfangs etwas ungewöhnlich, aber da es nur wenige Sammelitems gibt, macht das wohl Sinn. Es dreht sich hier alles um die Reise und die unterschiedlichen Stimmungen in den verschiedenen Arealen und weniger um das Maximieren der RPG-fizierung des Spieldesigns.

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Wir sind alle nur Zeilen ätherischen Codes. Natürlich sind wir das.

Kommen wir mal zum eigentlichen Gameplay und da gibt es neben den wenigen etwas ungelenken Hüpfeinlagen die Puzzles. Im Grunde ist es alles recht simpel. Ihr stoßt auf ein verschlossenes Terminal, also zieht ihr los, redet mit ein paar NPCs, besiegt vielleicht einen Boss, wandert zurück. Ein Terminal braucht drei Symbole in der richtigen Farbe und Reihenfolge. Schaut euch ein wenig in der Umgebung um, notiert sie euch - ja, Papier und Stift ist manchmal hilfreich - und gebt diese dann ein. Viel komplexer wird es nicht. Und dann sind da natürlich die Kämpfe. Diese wirken fast wie ein eigener Teil des Spiels, da Gegner selten irgendwo herumstehen. Stattdessen wird ein Screen kurz gesperrt und es geht erst weiter, wenn alle Feinde besiegt sind. Das fühlt sich fast immer etwas ungelenk an und ist in Narita Boy nicht anders. Die gute Nachricht ist, dass man sich viele Gedanken über die Kämpfe selbst machte.

Narita Boys Kämpfe: Nicht von dieser Welt. Aber spaßig genug

Die beim Hüpfen sonst zu unpräzisen Sprünge spielen hier keine große Rolle. Ihr seid zügig und gelenk unterwegs, könnt in Gegner mit dem Techno-Schwert reinrauschen, habt Element-Zustände, die ihr wechselt, eine Shotgun mit sehr limitierter Munition und nach und nach auch eine Handvoll Smartbombs, die sich vor allem in den Bosskämpfen lohnen. Diese sind halbwegs clever angelegt, aber mehr als zwei oder drei Anläufe hat keiner gebraucht. Dafür sind die nötigen Taktikten doch zu durchsichtig. Aber spaßig ist das alles dann doch, denn die Wucht, mit der ihr austeilt, wird gut vermittelt und die richtige Technik massiv belohnt. Einen normalen Gegner könnt ihr fünf- oder sechsmal hauen, bevor er niedergeht. Oder ihr macht es einmal richtig und das fühlt sich ausgezeichnet an.

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Mecha-Narita-Boy vs. Techno-Dragon. Natürlich.

Trotzdem, ich komme nicht umhin zu sagen, dass sich der Kampf ein wenig angetackert anfühlt. Als hätte man gemerkt, dass ein 2D-Retro-Walking-Sim vielleicht nicht das ist, womit die Leute Spaß haben, und hier und da dann diese Arenen und Bosse eingefügt. Selbst die kurzen, alternativen Action-Einlagen wie ein Ritt auf einem CRT-Mecha-Pferd fühlen sich natürlicher integriert an. Manchmal wirkt Narita Boy seltsam zerrissen wie die Erinnerungen des Schöpfers, dann aber wieder ergibt erst diese Zerrissenheit ein vollständiges Ganzes. Ich weiß, das macht so nicht viel Sinn, aber ihr werdet es verstehen, wenn ihr es gespielt habt. Es braucht alle Teile, um das Puzzle zu vervollständigen, selbst wenn die manchmal nur gerade so zusammenpassen.

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Lord VHS regiert den ersten Level. Natürlich tut er das.

Ihr findet Narita Boy zum Beispiel auf Steam, gog.com oder im Nintendo eShop.

Narita Boy Test - Fazit

Narita Boy hätte es ganz einfach haben können. 80s-Look, Synthwave-Tracks, schnelle Schwert-Action, fertig. Stattdessen geht es einen sehr eigenen, fast schon unbequemen Action-Adventure-Weg und verliert sich ein wenig zwischen Another World, Sword & Sworcery, Tron und der Auslage eines Esoterik-Bücherladens der 90er, eingesprenkelt mit seltsam persönlich wirkenden Storyfetzen. Dieser sperrige Mix wird dann mit einem innerhalb der Kombi leicht fremd wirkenden, aber sehr spaßigen und durchdachten Kampfsystem angereichert.

Narita Boy ist in diesem Sinne der perfekte Indie. Ein Spiel, das in Erinnerung bleibt, schon durch seine Verschrobenheit. Das sich so anfühlt, als wäre es hundertprozentig das, was sein Entwickler machen wollte, egal wer es sonst mag. Das viel Talent und Ambitionen zeigt, selbst wenn die Umsetzung und der Rhythmus nicht immer ideal sein mag. Ein Spiel, in dem man viel entdecken und ergründen kann, unter anderem, was die eigene Faszination mit dem Medium ausmacht. Weil es ein wenig neben der Spur läuft und einen aus den gewohnten Bahnen schubst. Würde ich Narita Boy für seinen Spielspaß empfehlen? Ja, vielleicht, gerade so, es macht schon alles Spaß. Würde ich es als frisches Erleben des Mediums Gaming preisen? Auf jeden Fall.

  • Entwickler / Publisher: Studio Koba / Team17
  • Plattformen: PC, PS5, PS4, Xbox Series S/X, Xbox One, Switch (getestet)
  • Release-Datum: 30.3.21
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: ca. 20 Euro (Im Game Pass enthalten)

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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