Alt+F40: Battlefield 2042s schlechte Entscheidungen - und warum wir Gamer manchmal ganz schöne Arschlöcher sind

Folge 34: Alex findet den Diskurs um schlechte oder unfertige Spiele zum Abgewöhnen. Kritik muss sein, aber dazu gehört auch, sich im Ton nicht zu vergreifen.

Hallo zusammen. Hier liegen mal wieder fast alle flach und ich bin nicht sicher, ob ich immer noch oder wieder krank bin. Ich hoffe, was ich heute schreibe, ergibt wenigstens ein bisschen Sinn. Sekunde, Nase putzen. Jedenfalls husten und schnupfen bis auf unser Ältester alle in der Familie und unser Jüngster hat Hand-Mund-Fuß aus der Kita (kann man googeln, sollte man aber vielleicht nicht) mitgebracht. Die Stimmung ist deshalb gerade gelinde gesagt angeschlagen. Nicht nur, weil wir uns alle ein wenig - sagen wir, wie es ist - scheiße fühlen, sondern vermutlich auch mit Blick auf das zweite Pandemie-Weihnachten in Folge. Trotz ohnehin schon abgesagter Treffen wieder das Abwägen der Feiertagslogistik, die nur mit vorheriger Isolation zu bewerkstelligen ist.

Wieder das (sicher oft auch unfaire) Rätselraten, ob das der Rest vom Umfeld genauso streng nimmt. Und natürlich spielt auch immer mehr die Angst mit, wer sich in den kommenden Wochen zwischen zwei Zeilen Festtagsgrüßen als Pandemie-Skeptiker outet. Gleichzeitig kommen passend zum "Fest der Liebe" auch schöne Erinnerungen hoch. Etwa an das erste und einzige Mal, dass ich mit meinen Eltern ein Videospiel gespielt habe: Es war Heiligabend 2006, den uns die damals noch frische Wii versüßte. Es war das letzte Weihnachten, bevor meine Mutter sterbenskrank wurde - und vielleicht das für alle lustigste und ausgelassenste, das wir je gefeiert hatten.

Na, ja. Wir werden sehen, wie es wird. Die Vorfreude meines ältesten Sohnes, der jeden Morgen als Erstes denjenigen, der dran ist, mit einem breiten Grinsen zum Familien-Adventskalender voller netter Kleinigkeiten zieht, reißt schon einiges raus. Und auch letztes Weihnachten war trotz aller Sorgen unterm Strich weniger schlimm als befürchtet! Bleibt gesund und macht auch euch schöne Gedanken, wo ihr nur könnt. Ich setz noch mal 'ne Kanne Bronchialtee auf.

Inhalt

Kritik muss sein - aber denkt daran, dass sie von Menschen gelesen wird!

Battlefield 2042 hat die Erwartungen nicht erfüllt. Das muss man klar so sagen. Vor allem die Erwartung, wie fertig ein Spiel sein muss, wenn es auf den Markt kommt. Bisweilen ist das ein ganz schön klappriger Frankenstein, den DICE da auf die Fans losgelassen hat. Dafür hat vor allem EA Kritik verdient und bekommen, denn mit mehr Zeit wäre das nicht passiert. Und trotzdem gefällt mir der öffentliche Dialog über das Spiel aktuell so gar nicht. Es steckt schlicht sehr viel Gift drin - und das regnet jetzt gleichmäßig verteilt auf Hunderte von Entwicklern hinab, die alles andere wollten, als ein Spiel zu entwickeln, das der den Fans nicht gefällt.

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Also, ich habe gelacht

Ich will gar nicht im Einzelnen tiefer auf die Verfehlungen des Titels eingehen: Ja, die Karten sind zu groß, ja, die Spezialisten machen das Spiel nicht besser (wobei ich dabeibleibe, dass sie es auch nicht schlechter machen) und die Balance... nun ja, war zu Anfang einfach keine. Gleichzeitig will ich den Zustand des Spiels zum Verkaufsstart nicht relativieren, möchte aber trotzdem nicht unerwähnt lassen, dass DICE in einem kurzen Zeitraum mit Updates 2 und 3 eine ganze Menge technische, spielerische und UI-Probleme ausgebügelt hat. Das Spiel fühlt sich mittlerweile deutlich besser an. Hier arbeitet sichtlich jemand unter Hochtouren, um 2042 zu dem zu machen, was es hätte sein können. Die Chancen stehen wirklich nicht so schlecht, dass BF 2042 noch was Gutes wird.

"Der Kunde ist König", besagt eine der heimtückischeren Weisheiten des Kapitalismus. Es steckt etwas Wahres drin, bedeutet aber nicht automatisch, dass wir Spieler die Entwickler als Untertanen begreifen sollten, die sich auf Schritt und Tritt vor uns in den Dreck werfen müssen. Die Antwort auf die Probleme dieses Spiels besteht zu drei Teilen aus Zeitmangel und zu einem Teil aus einer kleinen Handvoll Design-Entscheidungen, die man so nicht hätte treffen müssen. Aus beidem kann DICE lernen. Den Entwickler deshalb zu verdammen und das Spiel mit Review-Bomben in Grund und Boden zu reden - zu einem nicht gerade kleinen Teil auch wegen eines so gravierenden Spielfehlers wie hier und da etwas ungeschickten Genderns. Ernsthaft? - führt zu nichts.

An dieser Stelle schnell der Einwurf, dass auf Plattformen wie Steam viele sehr fundierte Daumen-runter-Reviews wahre und valide Dinge sagen. Aber viele legen dort, auf Reddit oder auf Twitter die glühende Wut eines verhätschelten Kindes an den Tag, nur eben mit der Kraft und Intensität selbstgerechter Erwachsener, die denken, ihnen gehöre die Welt. Verbale Eskalationen dieser Art - und es war wirklich unschönes Zeug dabei - und "Worst Game Ever"-Tiraden bringen niemanden weiter. Am wenigsten die Spiele selbst, ob sie nun Cyberpunk oder Battlefield heißen.

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Battlefields Start ist misslungen - das Spiel ist trotzdem längst nicht vorbei.

Im Zweifelsfall signalisiert das nur zahlreichen talentierten Kreativen, dass diese Branche eine toxische ist - oder verleitet aktuelle und angehende Spieleschaffende dazu, bei künftigen Projekten auf Nummer sicher zu gehen. Wollen wir wirklich Spiele, die nur dem harten Kern der Kundschaft nach dem Mund designt sind? Im Interesse dieses Mediums wäre das nicht.

Insofern: Macht eurer Enttäuschung Luft, präzise und nüchtern, beantragt eine Rückerstattung und ratet Freunden davon ab, es zu kaufen oder noch abzuwarten. Alles gut und richtig, aber ihr müsst dabei kein Arschloch sein, denn am anderen Ende sitzen Menschen, die selbst für das mieseste Spiel lange und hart gearbeitet haben. Wir - die Spieler und Spielerinnen - haben ein Recht auf ein funktionstüchtiges Produkt, nicht aber auf ein gutes. Natürlich wollen alle für ihre 70 Euro optimal unterhalten werden. Aber wie das mit Spielen so ist, manche übertreffen unsere Erwartungen, andere unterlaufen sie empfindlich. Das gehört zum Leben dazu wie alles andere. Erwachsene sollten das wegstecken können. Verhalten wir uns wie welche.

Weitere Notizen - KW 48/21

Bei Alex in der Rotation: Zu Hawkeyes erster Hälfte habe ich ja bereits ein wenig was zusammengeschrieben. Gleichzeitig dosiere ich Arcane gerade sehr gezielt, um es gebührend zu würdigen und zu genießen. Es ist eine so gute und umwerfend animierte Fantasy-Serie, dass ich es ungern mit nur einem Auge schauen würde. Hat auch etwas mit Disziplin zu tun, mal nicht mindestens alle halbe Stunde aufs Handy zu schauen. Fällt mir leider erstaunlich schwer. Spielerisch dominieren gerade Halo Infinite und Battlefield 2042s Hazard Mode meine Freizeit. Außerdem ist gerade Solar Ash eingetroffen. Nach Hyper Light Drifter komme ich mit der Optik aber auf den ersten Blick nicht so ganz klar. Mal schauen, ob ich mich noch dafür erwärme. Auch auf Wartales, das im Early Access gestartet ist, muss ich bald einen Blick werfen.

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Ich finde, ich habe lange genug auf dich gewartet, Wartales!

Musiktipp der Woche: Phoebe Bridgers - Christmas Song. Ich hasse Weihnachtsmusik. Ok, mancher "Klassiker" aus der volkstümlichen Schlagerhölle von Freddy Quinn bis Heino kriegt mich noch in diese seltsame Stimmung, ob ich will oder nicht. Weil das eben das ist, was lief, als ich mein Castle Grayskull auspackte. Aber ansonsten ist das schlicht keine Musik, sondern soziales Gleitmittel, das einen in die richtige sentimentale Stimmung bringt. Die gute Phoebe Bridgers hat nun ein Song von McCarthy Trenching gecovert, den ich für seinen Realismus bewundere. Ein Weihnachtssong, der berücksichtigt, dass nicht jeder auf Knopfdruck glücklich sein kann, nur weil der Kalender gerade den 24.12. anzeigt.

Vielleicht herrscht gerade Trauer, weil jemand nicht mehr da ist, vielleicht, weil die Welt gerade schlimm in den Seilen hängt - oder weil man generell unter Depressionen leidet. Weihnachten ist eben nicht für alle gleich schön. Gleichzeitig bekommen es die sehr weisen Lyrics hin, einem mit doppeldeutigem Humor ein zerknautschtes Lächeln über die Lippen zu ziehen. "You don't have to be alone, to be lonesome. It's easy to forget. The sadness comes crashing like a brick through the window. And it's Christmas, so no one can fix it." Groß!

Höhepunkt der Woche: Mein Höhepunkt der Woche hat mit meinem Weihnachtsgeschenk an mich selbst zu tun: Ein Beyerdynamic Amiron Home, einem Kopfhörer, der ursprünglich mal für 600 Euro auf den Markt gekommen ist. Echtes Hi-Fi also. Den erblickte ich letzte Woche auf eBay Kleinanzeigen neuwertig für 200 Euro und bezahlte ihn ohne viele Fragen per "Paypal an Freunde" - was Martin dazu veranlasste, über eBay-Betrug zu spekulieren. Cool, wie ich bin, prallte das natürlich so vollkommen von mir ab, dass ich dem Verkäufer erst mal ein paar Stunden hinterher recherchierte und mit der Lupe über unseren Mailverkehr ging. Nur, um mir mit jedem Indiz, dass hier alles tatsächlich mit rechten Dingen zuging, einen neuen Mechanismus auszudenken, nach dem es doch noch Betrug sein könnte. Das menschliche Gehirn ist schon ein Wunder der Natur.

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My precious! (Stimme im Hinterkopf: 'Drinnen ist vermutlich wish.com-Technik verbaut, denn irgendwo MUSS ja ein Haken sein').

Trotzdem kam dann wie beschrieben ein High-End-Kopfhörer in bestem Zustand bei mir an, mit dem es mir gerade eine Freude ist, meine Lieblingssongs neu zu entdecken. Es ist lange her, dass ich einfach mal so auf der Couch saß und nichts weiter getan habe, als ganz bewusst Musik zu hören. Fühlt sich gut an.

Mittelpunkt (?!) der Woche: Wie es aussieht, sitzt Bobby Kotick es jetzt doch aus, was? Das könnte sich rächen. Erste Organisatoren des Widerstandes gegen die Unternehmenskultur verlassen die Firma im Protest, wie jetzt mit Jessica Gonzalez, die sich mit einem bissigen Abschieds-Posting verabschiedet. Das könnte Signalwirkung haben. "An Bobby Kotick", steht in ihrem Tweet zu lesen. "Ihre Untätigkeit und Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, vertreibt großartige Talente und die Produkte [Activisions] werden darunter leiden, bis sie von ihrem Posten als CEO entbunden sind." Wahre Worte, die wie ein Ruck durch das Unternehmen - und vielleicht auch die Aktionäre gehen könnten. Vielleicht ist der Drops doch noch nicht gelutscht.

Ansonsten muss ich sagen, dass meine Spiele-Paralyse, über die ich vor zwei Wochen sprach, noch längst nicht weg ist. Dank Multiplayer-Titeln wie Halo und BF 2042 Hazard Mode stellt sich aber wenigstens die Frage, was ich als Nächstes spielen sollte, nicht mehr so beharrlich. Spiele zum Anstellen und den ganzen Abend drin versinken. Fühlt sich gerade durchaus erfüllend an. Immerhin. Ach, und Fae Tactics, das ich auf euer Anraten hin ausprobierte, hat tatsächlich meine Neugierde geweckt. Ich mag, wie schnörkellos es ist. Ich bleibe dran.

Tiefpunkt der Woche: DLC-Praktiken wie die von Frontier, die einen Monat nach dem Release von Jurassic World Evolution 2 schon wieder für neue Dinos zur Kasse bitten, verleiden mir tatsächlich die Lust am Spiel. Das war schon bei Planet Zoo so, bei dem 45 seiner aktuell 117 Tiere auf diverse, mit 9,99 Euro pro Stück nicht ganz billigen DLCs verteilt sind. Schneller kann man das Hauptspiel in meinen Augen nicht entwerten als mit Bezahl-Content, der signalisiert, das gerade gekaufte Spiel wäre nicht mehr komplett. Möglich, dass das was Psychologisches ist und andere das besser ausklammern können als ich (bei kosmetischen Dingen in Battle-Passes gelingt mir das eigentlich immer). Aber ich habe jetzt schon keine Lust mehr, mit Jurassic World Evolution 2 anzufangen, weil ich das Gefühl habe, das Spiel schrumpft vor meinen Augen. Schade.

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Nicht nur ich leide unter dem Lichtmangel, wie es scheint. Vielleicht ist sie auch einfach nur sauer, dass sie noch keinen richtigen Topf hat.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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