Alt+F40: Brauchen wir Splinter Cell noch? Und warum Omno ein Stück weit wundervoll ist

KW 30/2021: Ich hab' Urlaub. Haltet ihr das aus?

Kurze Durchsage: Das hier ist die letzte Ausgabe Alt+F40 vor meinem Urlaub an der Nordsee. Zwei Freitage müsst ihr ohne auskommen, ich hoffe, das bekommt ihr hin. Falls nicht, lest einfach die alten noch mal. Sind sehr zu empfehlen.

Manchmal ist es wunderbar, wie sehr eine einzelne Situation doch die Unterschiede zwischen meinen Söhnen auf den Punkt bringt. Der Moment, der mir gestern auffiel, dauerte der nur zwei Sekunden, eine einzige, flüchtige, aber simultane Reaktion der beiden, als wir - vier, 42 und 1,3 Jahre alt - auf einer Café-Terrasse einen Kakao, einen Eiskaffee und eine leere Eiswaffel respektive zu uns nehmen. Der Himmel hatte sich die letzte halbe Stunde schon reichlich zugezogen, aber jetzt frischt mit einem Mal der Wind auf. Mein Großer fühlt die Brise in den Haaren, sieht die flatternde Serviette, eine Tulpe, die in ihrer hohen Vase eine halbe Pirouette dreht und reißt die Mundwinkel nach unten, aus denen ein langgezogenes "Gnyaaah" hervorquengelt. Auf der anderen Seite der Kleine: Als zeitgleich seine Locken zu wirbeln beginnen, kneift er die Augen zusammen, zeigt grinsend seine von einem Zeichentrick-Streifenhörnchen abgeschauten Schneidezähne und gackert sein trotteligstes Lachsack-"HAHAHAHA!" heraus.

Zwei wie Feuer und Wasser, also, was natürlich bedeutet, dass man beide komplett unterschiedlich nehmen muss. Wir arbeiten daran. Aber schön, dass die zwei manchmal so einfach und schnell zu erklären sind, dass es statt vieler Worte nicht mehr braucht, als einen kurzen Windhauch.

Inhalt

Oh Sam, bist du nicht arg von gestern?

Bevor einer von euch aus dem Schatten hinter mir tritt und mich in einen Würgegriff nimmt, vielleicht der Erklärungsversuch, wie ich überhaupt darauf komme. Ich bin nicht sicher, ob bei den ganzen Gerüchten, Ubisoft könnte Sam Fisher für ein neues Splinter Cell reaktivieren, nicht oft auch der Wunsch der Vater des Gedanken ist. Ich gebe zu, auch ich hätte eine Fortsetzung der Stealth-Legende lieber gesehen als XDefiant, das Ubisoft kürzlich zur allseitigen Teilnahmslosigkeit aus dem Hut zauberte - sorry, das Spiel kann wirklich ziemlich ordentlich werden, aber genau wie bei Hyperscape hatte hiernach nicht so wirklich jemand gefragt. Aber das brachte mich auch ins Grübeln: Will ich wirklich ein neues Splinter Cell?

Brauchen wir eines? Und wie kann eine Fortsetzung heute überhaupt aussehen?

1
Ja, ok. Cool!

Machen wir uns nichts vor. Diese Tom-Clancy-Patrioten-Superspion-Geschichte ist aktuell ein verdammt schlechter Ausgangspunkt für ein Spiel, das man nicht nur in Amerika verkaufen möchte. Seit die USA aus irgendeinem Grund, den ich vergessen habe, nicht mehr so wahnsinnig beliebt sind wie einst, macht es nicht mehr so viel Spaß, Terroristen für die Stars and Stripes auszuschalten oder "feindliche" Nationen zu infiltrieren. Das ist schlicht nicht mehr en vogue.

Dass das stimmt, sieht man an Ubisofts eigenen Spielen. An Siege zum Beispiel, wo die Entpolitisierung und Entfernung von realen Konflikten erstmals so richtig deutlich wurde. Weshalb kämpfen die Rainbow-Operatoren da eigentlich gegeneinander!? Mit The Division und dem Kampf gegen das Chaos, das eine Pandemie angerichtet hatte, ging es dann weiter, bevor es in Ghost Recon Breakpoint in einem Krieg gegen Elon Musik gipfelte. Okay, vielleicht kommt der Gipfel erst in Rainbow Six: Extraction, wenn es dann um Aliens geht. Aber ihr seht schon, was ich meine.

Das Problem ist: Eine Figur wie Sam Fisher braucht gerade diese nach American Exceptionalism duftende Luft zum Atmen. Und die existiert so nur im realpolitischen Spannungsfeld zwischen Weltmacht-Reibereien, Rebellionen in Ländern, die man auf einer Karte nicht finden würde und einfachen, aber letztlich das Gewissen beruhigenden Feindbildern. Wir wissen das auch, weil es nicht funktioniert hat, es in Splinter Cell Conviction für Sam persönlicher werden zu lassen. Wenn man das einsieht, wird klar: Der Superspion ist gerade ohne Auftrag, weil die Jobs, für die er gemacht wurde, gerade niemand so richtig annehmen will.

2
Mehr Action war auch keine Lösung. Weiß ich von Blacklist, das für seine Zeit zwar gut war, aber keinen bleibenden Eindruck hinterließ.

Selbst, wenn es anders wäre: Wie sieht 2021 eigentlich ein gutes Stealth-Spiel aus? Videospiele haben sich arg gewandelt. Selbst die meisten Shooter haben recht robuste Stealth-Mechanismen, wenn man sie denn so spielen möchte. In wie vielen Spielen kann man auch so schon durch Wände schauen, Nachtsicht anschalten, sich um Ecken lehnen, dutzende Gadgets einsetzen, um unaufmerksame Patrouillen außer Gefecht zu setzen? Es ist nicht gerade einfach, Leisetreterei dermaßen singulär in den Vordergrund zu stellen, wie es für ein echtes Splinter Cell nötig wäre und dabei nicht passiv und gleichförmig daherzukommen. Wie viel Geduld haben wir heute überhaupt noch, Situationen für elaboriertere Manöver zu kreieren, wo auch ein wortloser Chokehold von hinten genügt, um "namenlosen Gegner 624" von hinten auszuschalten? Stealth ist das Warten auf den richtigen Moment - aber um das spannend zu gestalten, reichen Sams alte Tricks nicht mehr aus, meine ich.

Damit will ich nicht sagen, dass ich ein neues Splinter Cell, das mich dann sogar begeistert, für unmöglich halte. Das hier soll nur ein Erklärungsversuch sein, warum eine der bekanntesten Ubisoft-Figuren aktuell überall auftaucht, nur nicht als Hauptrolle in ihrem eigenen Spiel. Aber hey: Bis mal was Neues in der Richtung passiert, könnt ihr euch ruhig einen Blick auf

Intravenous werfen, das zwar nicht viel von Menschen (so im Allgemeinen) hält, aber ein paar gute Ideen zu Stealth aus der Vogelperspektive hatte.

3
Ein gemeines kleines Spiel für gemeine Leute aller Schuhgrößen.

Weitere Notizen - KW 30/21

Text(e) in Arbeit: Da ich urlaube und Eldest Souls aus Zeitgründen an Martin abgegeben habe, wird eher gelesen: Was hier liegt und wo ich mal ranmüsste (und will): Michael Brooks - Against the Web, Patricia Highsmith - Die Gläserne Zelle (mal schauen wie weit ich komme, nachdem meine literarische Heldin sich als absoluter Unmensch herausgestellt hat) und Frag Iwata - so es die Kinder denn zulassen. Den Rest dominieren vermutlich Ottfried Preußlers Räuber Hotzenplotz und das erste Wimmelbuch von Pierre der Irrgarten-Detektiv. Dazu erschien vor Kurzem auch ein Videospiel, über das ich euch berichten werde, wenn ich zurück bin.

Musiktipp der Woche: Grizzly Bear - Two Weeks Fantastische, viel zu wenig berühmte Formation, die in einem Anflug von Hellsicht schon 2008 den Soundtrack zu meinem Abmarsch in diese Ferien schrieb. Mehrstimmiger Gesang, auf den die Beach Boys neidisch wären, fantastische Melodien, auch wenn sie selten so eingängig dahersäuseln wie hier. Unbedingt auch mal das Stück "Yet Again" von der Shields anhören, wenn ihr schon dabei seid!

Höhepunkt der Woche: Das wäre wohl heute. Letzter Tag erstmal. Vielen Dank. Ich euch auch! Na, ja. Ok, ich könnte auch davon berichten, dass ihr euch dringend mal Omno anschauen solltet, wenn ihr mit gemütlich-melancholischen Puzzle-Plattformern etwas anfangen könnt. Das Spiel stammt vom deutschen Ein-Mann-Entwickler Jonas Manke, auch bekannt als Studio Inkyfox und als einer der letzten verbliebenen Antreiber der Bielefeld-Verschwörung (Ich krieg' noch raus, wo Du wirklich sitzt, Manke!).

Omno ist ein Stück weit wunderbar. Nicht nur, weil es ein Mensch alleine auf die Beine gestellt hat. Sondern weil es einen einzigartigen Spagat zwischen zügigem Walking-Simulator und ansprechend-mobilem Umgebungspuzzler schlägt. Die fantasievolle Welt aus gar nicht mal so vielen, aber dafür umso schöner beleuchteten, blanken Polygonen, sorgt an allen Ecken und Enden für große Augen. Das nächste Bisschen Geschichte, ist trotz scheinbar recht geräumiger Areale nie weit entfernt - und fast immer kann man von dort aus auch schon das nächste kleine Rätsel sehen, das wiederum mit einer eleganten Schlitterpassage wogende Sand- oder Schneedünen hinunter belohnt. Wunderbare Animationen auch zum Teil. Einfach beachtlich. Omno ist im Game Pass enthalten, aber ebenso die knapp 18 Euro wert, die man darin investiert.

4
Träumchen: Omno. Aus 'Bielefeld'.

Mittelpunkt (?!) der Woche: Im Grunde wie letzte Woche: Die Reaktionen auf die Enthüllungen der Missstände bei Activision Blizzard haben zum Glück irrsinnig große Wellen geschlagen, einschließlich eines umfassenden Walkouts der Belegschaft. Ubisofts Angestellte solidarisierten sich, große, auch branchenfremde Medien berichten und Aktienmärkte reagieren. Eigentlich scheint es gerade unvorstellbar, dass hier nicht etwas in Bewegung kommt und die Verantwortlichen eher früher als später empfindliche Konsequenzen zu spüren bekommen. Ich drücke die Daumen auf baldige Wiedergutmachung und ein Umdenken in der Industrie.

Tiefpunkt der Woche: Mit Dusty Hill von ZZ Top und Joey Jordison von Slipknot hat die Rockwelt zwei Große verloren. Ich war weder von der einen noch von der anderen Formation ein besonders großer Fan. Aber vor allem im Fall von Jordison merkt man mal wieder, dass die Einschläge immer näher kommen. Ansonsten hat meine Woche vor allem runtergezogen, dass ich seit letzter Woche Freitag so gut wie gar kein Splitgate spielen konnte, weil die Server die meiste Zeit vor dem Ansturm der Spieler eingeknickt sind, wie ein Strohhalm aus Esspapier in warmem Kakao. Nehmt euch alle Zeit der Welt! Aber bitte macht schnell, 1047 Games!

6
Ich denke, die muss ich meiner Nachbarin zum Gießen geben...

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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