Alt+F40: Ein Hoch auf hässliche Entlein wie Outriders - und Tage, die man nicht geschenkt haben möchte

KW 14/2021: Abe, oh Abe, du hast dich nicht verändert - und das ist schade.

Schöne Woche gehabt zu haben! Meine zweite Woche in Elternteilzeit verlief ohne weitere Zwischenfälle. Vornehmlich beobachte ich ziemlich gespannt, wie unterschiedlich unsere beiden Söhne doch sind. Während Nummer eins eher der vorsichtige Bücherwurm ist, lässt Nummer zwei nichts anbrennen, was man daran sieht, dass er gerade fast wie von selbst zu laufen anfängt, wo der Große sich ewig lange an die Hand klammerte. Liegt sicher auch an uns: Mit dem ersten Kind ist man vorsichtiger. Mittlerweile wissen wir, wie robust die Racker sind und traut ihnen mehr zu. Macht genauso hart und forsch, wie ein größerer Bruder, der anfängt, seine Ressourcen zu verteidigen. Spannend, jeden Tag aufs Neue.

Spielemäßig geht 2021 ebenfalls so langsam richtig los und ich stürze mich mit großem Genuss in ein paar Dinge, die ich vor ein, zwei Monaten noch gar nicht auf dem Zettel hatte. Eine schöne Überraschung jagt die nächste und Loop Hero war wohl nur der Anfang.

Inhalt

Wenn der erste Eindruck täuscht... dann spielt man Outriders

Irgendwann bekommt sie jeder Spieler, diese gewisse Antenne die einem schon beim ersten Spielmaterial zu verstehen gibt, ob ein neuer Titel was taugt. Bei Outriders meldete meine Antenne nur Grillenzirpen. Gott, ist das eine abartig nichtssagende Art Direction direkt aus 2009. Schlimm, wie generisch das alles aussieht. Es ist von innen wie von außen ein bemerkenswert hässliches Spiel. Und dann auch noch Loot-Shooter, hüfthohe Deckung, halbstarke Badass-Fantasien. Dass ich Outriders überhaupt ausprobiert habe, liegt allein am Presse-Account, den ich im Epic-Store habe und in dem es kürzlich aufploppte. NIE IM LEBEN hätte ich das andernfalls auch nur runtergeladen. Und jetzt? Jetzt spiele ich bereits acht Stunden und freue mich schon aufs Wochenende.

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Die Welt von Outriders wirkt reichlich zynisch. Thematisch droht es dennoch an allen Ecken und Enden an, interessant zu werden.

Ich bin nicht sicher, ob ich es jemals lieben werde, dazu ist das Spiel visuell einfach zu sehr ein Abtörner, die Charaktere abgedroschen und unsympathisch. Ich habe selten was gespielt, das meinen ästhetischen Sensibilitäten weniger entsprach als das hier. Auch sonst hat es sich tonal nicht so gut im Griff, mit übertrieben männlichen Wutschreien, Nebenbei-Exekutionen zu blöden Onelinern und die Musikuntermalung erzeugt schon bei der Charaktererstellung einen Herzkasper! Aber Grundgütiger, das hier macht schon Spaß, sobald man mal begriffen hat, wie man das hier spielt.

Zunächst einmal vergesst ihr besser gleich die Deckung wieder. Das allgegenwärtige Cover scheint auf Entschleunigung der Kämpfe zu pochen, bis man merkt, dass man selbst sie nur selten braucht - eure Gegner aber umso mehr darauf angewiesen sind. Spielt es also nicht wie Gears, denkt mehr an die neuen Dooms. Ihr seid ein Gott unter Kanonenfutter, mit Skills, die irre viel Spaß machen und gut in den Fluss der Gefechte eingebunden sind. Ich spiele als Pyromant, setze meine Feinde auf unterschiedlichste Weisen in Brand und bekomme Gesundheit zurück, wenn sie in den Flammen vergehen. Skills als Ressourcenbeschaffungsmaßnahme. Wer sich einigelt, hat längst verloren, gekauert wird nur kurz, um sich zu sortieren. Es ist ein aufregendes, dynamisches Kampfsystem, das von den grotesk geschmacksverirrten Splattereffekten mit sattem Feedback unterfüttert wird.

Hier interessieren nicht die bloßen Drops von Gear und Waffen, euch geht es in erster Linie darum, euren Build so zu arrangieren, dass ihr den bestmöglichen Flowstate erreicht. Wenn ich in Deckung gehen muss, um einen Cooldown abzuwarten, ist das im Grunde schon ein Versagen meinerseits. Jedenfalls sage ich mir das selbst, so sehr bin ich drin, in diesen Schlachtfeldern. Ich hatte alles erwartet, aber nicht, in diesem tumben Dudebro-Kraftmeier so elegantes und packende Shootouts vorfinden. Und auch, wenn ich oben das Loot ein wenig kleingeredet habe: Die erste Waffe, die mir in die Hände fiel, ließ die Knochen meiner Feinde explodieren - und es wird mit der Zeit nur noch besser. Es macht wirklich Spaß, sich mit der Zeit sein Loadout zurechtzulegen.

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Alles Hundertmal gesehen - hier macht es aber mehr Spaß als bei den meisten anderen vergleichbaren Spielen.

Also ja: Wenn ihr euch Outriders anschaut und denkt, was für ein "gestriger, beliebiger Shooter-Rotz", dann habt ihr zwar recht, liegt aber auch gehörig daneben. People Can Fly hat Square Enix hier ein echtes hässliches Entlein ins Nest gelegt, das sich mit der Zeit als schöner Schwan entpuppt, so man sie ihm denn gewährt - und ihr eine Schwäche für Rohjuwelen der Marke Psi-Ops habt. Dass die Entwickler und Publisher in Sachen Support erstmal schauen wollen, wie das Spiel aufgenommen wird, ist ein netter Zug, der ebenfalls bei der Entscheidung hilft, Outriders eine Chance zu geben. Aktuell nerven zwar ein paar Glitches, aber dafür keinerlei Mikrotransaktionen, Season-Pässe oder DLCs. "What you see is what you get" und das ist schon eine Menge. Sowas gibt es heute selten genug und das darf gerne auch honoriert werden. Was sagt man dazu?

Weitere Notizen - KW 11/21

Text(e) in Arbeit: Platinum Games' Apple-Arcade-Debüt World of Demons wirkt extrem anziehend auf mich, ebenso wie die Sci-Fi-Aufbausimulation Industries of Titan am PC. Mit Oddworld: Soulstorm habe ich derweil so einige Probleme, siehe unter Mittelpunkte...

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Space-Aufbau-Simulation mit einer Menge Style: Industries of Titan von den Cadence-of-Hyrule-Machern bei Brace Yourself Games. Klasse Musik von Danny Baranowsky wie immer.

Höhepunkt der Woche: Mein Vater ist das erste Mal gegen Corona geimpft. Mit dem guten Zeug von BioNTech. Keine Nebenwirkungen bisher. Außer natürlich der, dass eine Nadel das Schlimmste ist, was man einem harten Hund aus den 50ern antun kann.

Mittelpunkt (?!) der Woche: Die Realisation, dass Abe's Odyssey vielleicht doch nicht so dolle war, kam in Form des neuen Oddworld-Spiels Soulstorm auf mich zu, zu dem ich gerade den Test verfasse. Oder ist es nur dieses Sequel, das es einfach nicht mehr auf die Kette bekommt? Gut vier Stunden drin deprimiert mich der einförmige Look und der träge Ablauf, der immer wieder dieselben Puzzles abfragt. Die Sorte, die man schon beim ersten Hinschauen löst, dann aber der Umsetzung Probleme hat und sie immer wieder versuchen muss. Ich habe das Gefühl, das wird nichts mehr. Hoffe aber auf das Beste. Mehr dazu nächste Woche.

abe
Manche Dinge muss man einfach ruhen lassen. Oder steckt hier doch noch Leben drin? Ich werde es wohl herausfinden...

Tiefpunkt der Woche: Nannte sich diese Woche Donnerstag und war einer dieser Tage, die man einfach nur vergessen möchte: Erst die miserable Nacht, weil der Große ab 1:00 Uhr nicht alleine weiterschlafen wollte, vermutlich weil er mich als Dämmmaterial für sein nächtliches Schlafkickboxtraining benötigte. Entsprechend gebeutelt fiel ich um 6:20 Uhr aus dem Kinderbett. Es war der erste Tag seit einem Jahr, dass meine Frau mal wieder ins Büro nach Oldenburg musste, weshalb wir den geplanten, lauten Handwerkerbesuch extra hierher terminiert hatten. Natürlich habe ich mich gegen 10:00 Uhr prompt ausgeschlossen. Das erste Mal im Leben. Schlüsseldienst! 50 Euro - 45 wenn ich "Lust auf eine Google-Bewertung" hätte (hatte ich dann!).

Gegen mittags kam der Kommunikations-Breakdown zwischen mir und meiner Frau bezüglich des Abholens der Kinder von der Kita, was uns beiden den Tag weiter verkomplizierte. Die genervte Gattin machte es dann mit dem Auto, obwohl ich es eigentlich wollte, was dazu führte, dass ich separat noch einmal hinmusste, um den Freitags benötigten Fahrradanhänger auch noch abzuholen. Nachmittags verschluckte sich der Kleine das erste Mal - ein Tag voller miserabler Premieren - relativ ernsthaft an Kinderknabbereien, was zum allseitigen Meltdown führte, aber glimpflich ausging. Als dann abends alle drei Spiegeleier mit kaputtem Dotter halb in die Pfanne, halb daneben glitten, war klar, dass wir besser alle im Bett geblieben wären.

6
Wird langsam ein Dschungel. Die Suche nach einem größeren Topf läuft. Interessenten für die Ableger stehen bereits Schlange.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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