Alt+F40: Harry Potter und der Zirkel der bigotten Urheber - und Schwerter sind mein Kryptonit

KW 08/2021: "Hört es jemals auf? Also, dass er die KW in die Unterzeile schreibt?"

Wie war eure Woche so bisher? Meine war dominiert von (bislang fruchtlosen) Abenteuern im Videoschnitt - drei Stunden Material nach den Höhepunkten zu sichten und thematisch zu gliedern, ist ein "Spaß", bei dem ich nicht sicher bin, dass er es wert ist - und dem mir bis vor Kurzem noch befremdlichen Gefühl, mal wieder in den Garten zu müssen, um da alles frühlingsfertig zu machen. Muss zum Nestbautrieb dazugehören.

Das Problem ist nur, dass ich dann langsam mal eine Entscheidung bezüglich der Mäuse treffen müsste, die im letzten Herbst zwei nicht ganz günstige brasilianische Hängematten gefressen haben und unser Fleckchen Grün als ihr Eigen abstecken wollen. Lebendfalle - oder doch gleich eine Katze borgen? Wie handhabt ihr das so? Ansonsten war es eine Woche wie so viele. Aktuell muss täglich ein Run Loop Hero sein - den Artikel dazu lest ihr an dieser Stelle - und sobald ich mal Zeit habe, steht auch ein Corpse Run zu meiner Valheim-Leiche an, denn nein, die Wölfe wollten nicht "nur spielen"!

Inhalt

Wenn sonst nichts ansteht, würde ich jetzt mal versuchen, meine neue wöchentliche Kolumne nicht schon in der zweiten Folge mit einem Social-Justice-Thema zu beerdigen. Das wird ein Spaß, los geht's!

Hogwarts and all? Wie sehr will man Werk und Schöpfer trennen?

Harry Potter kommt einfach nicht aus den Schlagzeilen. Nachdem JK Rowling im letzten Jahr dem Transgender-Teil ihrer Community mit kränkenden Äußerungen das Herz brach, nur um gleich einen Pulp-Thriller hinterherzuschieben, in dem sich ein Mann nur als Frau verkleidet, um "echte" Weibsbilder zu ermorden (geschrieben unter einem Pseudonym, das erschreckend an den Erfinder der Konversionstherapie zur "Heilung" von Schwulen erinnert), macht nun der Lead Designer von Hogwarts Legacy von sich reden. Troy Leavitt betrieb vor ein paar Jahren nämlich einen YouTube-Kanal mit Anti-SJW-Themen.

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Gerade erst verschoben - das Spiel an sich sieht bisher wirklich gut aus.

Was wieder die alte Frage aufwirft: Wie fein ist man damit, wenn sich Schöpfer und Schöpferinnen von Kulturgütern als Menschen herausstellen, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben will oder deren Ansichten man im schlimmsten Fall für schädlich hält?

Als glühender Verehrer der Autorin Patricia Highsmith (u.a. Der Talentierte Mr. Ripley) hat 2021 für mich unangenehm angefangen. Mehr als sonst muss auch ich mir die Frage stellen, wie wichtig mir bei Kunst, die ich mir genehmige, der Charakter und die Weltsicht des Urhebers oder der Urheberin ist - und wo ich persönlich die Linie ziehe. In einer Kammer ihres Anwesens in der Schweiz waren Tagebücher aufgetaucht, deren Inhalte jetzt, zu ihrem 100. Geburtstag, einen rassistischen und antisemitischen Schlagschatten auf ein Werk werfen, das stets einer progressiven und modernen Frau mit beängstigendem Talent entsprungen schien, sich in menschliche Abgründe reinzudenken.

Auch wenn ich die verbleibenden ein, zwei Romane von ihr, die hier noch ungelesen im Regal stehen, mit anderen Augen lesen werde, bin ich aber nun in der beneidenswerten Situation, dass die vor schon 30 Jahren verblichene Frau Highsmith an mir und meinen Buchkäufen keinen Cent mehr verdient und einige ihrer Ansichten durch die Ära, in der sie geboren wurde, zumindest erklärbar sind. Das ist ein doppelter Luxus, den Teile der Gefolgschaft von JK Rowling nicht haben - und der auch bei Troy Leavitt nicht greift.

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Meine gedankliche Beerdigung ist in vollem Gange. (Bildquelle: Wikipedia)

Ich habe mir ein paar von seinen essayistischen Videos angeschaut, damit ihr es nicht müsst - und was soll ich sagen? Er produzierte Anti-SJW- und Anti-Sozialismus-Videos auf einer Skala von diskutierbaren konservativen Stand(ard)punkten - "soziale Gerechtigkeit nervt, wenn sie übers Ziel hinausschießt" - bis hin zu ganzen Metropolen voller Strohmänner gegen progressive Argumente, die anzuschauen echt und ehrlich Kopfschmerzen und manchmal auch Fremdscham bereitet. Die zehn Gebote für Social Justice sind insbesondere schwer auszuhalten (ich bin bis Nummer vier gekommen). Diese Art von Internet-Philosophentum kennt man seit ein paar Jahren aus den USA - Shapiro, Harris, Peterson - Leute, denen zufolge es kaum ein größeres gesellschaftliches Problem als übereifrige Streiter für Social Justice gibt.

Als progressiver Mensch nimmt man fast automatisch Anstoß an Leavitts Äußerungen, wenn er in einem Video über XCOM 2 einen Aufsatz über die Leistungen des weißen Mannes in der Geschichte in Schutz nimmt - als hätten schwarze und braune Männer in den entsprechenden Perioden etwas zu sagen gehabt. Oder an seiner Fixierung auf Anita Sarkeesian (die sicher nicht jenseits jedweder Kritik ist, aber die Reaktionen auf ihren Output belegen den Punkt, auf den sie hinauswill, besser als ihre eigentliche Arbeit - wenn das Absicht war, Chapeau!). Vor allem sein Kuschelkurs mit Gamergate wirkt auf dem rechten Auge blind, bezeichnete er die Bewegung in einem Interview unterm Strich als gute Sache. Wenn man sieht, wie einfach sich direkte Verbindungen von GG zur heutigen Alt-Right ziehen lassen, ist das ein Kommentar, bei dem einem die Augenbrauen über den Scheitel an den Hinterkopf fliehen wollen.

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Die Trolle kommen.

Leavitt ist also kein Charakter, mit dem ich ein Bier trinken gehen wollen würde. Gleichzeitig bin ich froh, dass bislang der große Shitstorm ausgeblieben ist. Auch wenn man durchaus diskutieren kann, ab wann freie Meinungsäußerung zu einer lebenserhaltenden Maßnahme für überalterte schädliche Ideen und letztlich Stimmungsmache wird (und eine Gefolgschaft von fast 30.000 Abonnenten auf YouTube dürfte nah an der kritischen Menge sein), so muss man doch auch sehen, dass zumindest sein YouTube-Kanal ruht und der "Schaden", den er in seiner Position bei WB Games anrichten kann, arg überschaubar ist. Er ist eben keine Solo-Verantwortliche wie Rowling oder *seufz* Highsmith, mehr mit Systemen als mit Inhaltlichem betraut.

Die Entscheidung, ob man Hogwarts Legacy noch kaufen und damit Leavitt indirekt unterstützen möchte, kann und sollte jeder für sich selbst treffen, genauso wie jeder die Trennung von Werk und Autor/Autorin selbst vornehmen muss, so er sich denn fähig dazu fühlt. Bei Spielen ist das Gute, dass in diesem Fall für jeden Leavitt sicher auch ein paar Leute am Projekt sitzen, denen man jeden Erfolg mit ihrem Projekt aufrichtig gönnt, sollte das Spiel die Erwartungen als erstes ernstzunehmendes Harry-Potter-Abenteuer erfüllen.

Wichtig ist mir nur, beim Wettschaukeln der Empörung das richtige Maß an Schwung zu wählen. Ein "deine Meinung stinkt!" ist in diesem Fall vollkommen ausreichend. Dann geht auch solchen hauptberuflichen Beschwerlis irgendwann das Material über übergriffige politische Korrektheit und Cancel Culture aus, der Rest überlebt sich mit der Zeit von selbst.

So, und jetzt zu etwas anderem, denn wenn ich heute noch ein "1984"-Zitat eines aufgebrachten Neoliberalen lesen muss, kriegen die Mäuse im Garten was Schlimmeres als die Katze.

Hellish Quart lacht über Mortal Kombat

Und wenn einem bei einem Thema wie dem vorhergehenden seltsam danach ist, mit einem scharfen Gegenstand durch lebendes Gewebe zu fahren, hat Steam mit Hellish Quart ein Spiel im Early Access, das entschieden Anstoß an der landläufigen Darstellung von Schwertern in Videospielen nimmt. Ihr wisst schon: die, nach der ein Schwert ein Gegenstand ist, mit dem man auf den wenig beeindruckten Gegner einschlägt, bis die Lebensleiste 0 erreicht und er tot umfällt. Dieses Duellfechten bläut einem wieder mächtig Respekt vor Säbeln, Rapieren und Langschwertern ein und könnte zu einer Art mitteleuropäischem Bushido Blade werden!

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Die Hand war schon so! Ich schwöre.

Historisch akkurat dargestellte Schwertkampfstile treffen hier in einem aktuell noch sehr grundgerüstig wirkenden, aber jetzt schon spannenden Gegeneinander zusammen. Hier wird ein für alle Mal die Meinungsverschiedenheit geklärt, wessen Blut nun auf den Boden gehört und ob der Kopf auf die Schultern muss oder er dort nur albern aussieht. Alles komplett physikbasiert und mit viel "gnnnyaaaaha", wie wir vom Fach so schön sagen. Die Animationen sind fantastisch, am metallisch-schabenden Kontakt zweier sich gegenseitig beinahe streichelnder Schwerter entzündet sich augenblicklich eine unmenschliche Spannung, während der Stahl die Gelegenheit für einen Treffer sucht. Viele Kämpfe sind in einem Wimpernschlag vorbei, oft genug gehen beide Kontrahenten oder Kontrahentinnen zugleich zu Boden.

Die Move-Liste ist nicht gerade kurz, dafür ist der Einstieg dank automatischer Paraden einfach, denn so lange ihr keine Angriffstaste drückt, seid ihr beinahe sicher. Aktuell gibt es nur einen lokalen Duellmodus, sollte sich daran etwas ändern, kann ich mir eine kleine, aber feine Turnierszene vorstellen, die sich um Hellish Quart versammelt. Keine 14 Euro, das kann man schonmal machen. Wieso haben Videospiele haben Schwerter so lange so schlimm trivialisiert? Die Dinger sind die Hölle!

Werft am besten selbst einen Blick auf Hellish Quart auf Steam

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Nicht blinzeln. Ist gleich vorbei!

Weitere Notizen - KW 08/2021

Text in Arbeit: Curse of the Dead Gods - spielt sich extrem flott und sieht auch noch gut dabei aus. Aber ich bin noch nicht weit genug für einen Test. Bisher hat das Spiel nur das eine Problem, dass mir Hades insgesamt deutlich besser gefiel. Einen totalen Fehlkauf - so kann ich aber schonmal sagen - tun Fans kampfeslustiger, Lauf-basierter Action-RPGs aber wohl nicht.

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Kein Hades, aber was ist das schon. Spaß macht's trotzdem.

Höhepunkt der Woche: Nach ein paar Wochen schlimmer Nörgelei auf dem Weg in die Kita-Notbetreuung geht mein Großer so langsam wieder ganz gerne hin - die steten Unterbrechungen hatten ihm alles andere als gutgetan. Ist auf jeden Fall einfacher, ein grinsendes Kind an der Türe abzugeben als eines, das schon auf dem Weg dorthin mehrfach quengelnd wegzurennen versucht. Ich verlasse mich nicht darauf, dass das so bleibt - "alles nur 'ne Phase" ist ein Elternleitspruch (oder war es "Leidspruch"?), der einfach immer gilt. Und sonst? Achja, der Zwergbanane geht es gut. Was so ein bisschen Nebel aus destilliertem Wasser doch ausmacht. Siehe unten.

Tiefpunkt der Woche: Das Tony Hawk 1 + 2 Upgrade für die neuen Konsolen soll 10 Dollar extra kosten und zeigt mit einer zehnschrittigen Spielstandübertragung auf PS5 dabei gleich, wie man Next-Gen nicht unbedingt machen sollte. Soweit ich das sehen kann, bezahlt man also drauf, die Features zu bekommen, die der PC größtenteils ohnehin schon hat. Das üben wir am besten nochmal. Und dann ist da noch Dying Light 2, das nach jüngsten Enthüllungen endgültig vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind wird. Das hat langsam tragische Ausmaße. Was aber viel schlimmer ist als all das zusammen: Das Steuerkreuz meiner PS Vita (aka meine Suikoden-/Persona-/Alundra-Maschine - ok "Vita" ist doch griffiger) knarzt ganz minimal. Also gerade genug, um unter dem Daumen aufzufallen und sich komisch anzufühlen. War das schon immer so? Wird das jetzt immer so bleiben?

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So langsam wird's. Danke der Nachfrage!

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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