Alt+F40: Returnal ist das erste echte Next-Gen Spiel dieser Generation - und warum wir alle mehr "ich weiß es nicht" sagen sollten

KW 16/21: Wenn man keine Ahnung hat...

Wieder eine Woche rum, ihr macht das super! Wie rüstet ihr euch so für die kommende Verschärfung der Corona-Maßnahmen? Am besten ist es immer, sich ein Projekt vor die Brust zu nehmen. Alle Best-Picture-Oscars durchschauen, das "schlimme Zimmer" renovieren, Rummelschublade aufräumen (ihr wisst, dass es sein muss!), den Garten komplett neugestalten, ein Spiel von ganz unten aus dem Stapel nehmen und den Rest wegschließen, bis man es durchhat. Solche Sachen. Letztes Jahr, als es das erste Mal losging mit dem Lockdown, gab es bei uns gefühlt jeden zweiten Tag selbstgemachte Pizza, bis mein Teig so gut war, dass ich mir einbildete, unserem "Lino" in der Bremer Neustadt durchaus Konkurrenz machen zu können. Überhaupt schärfte ich in den letzten Monaten meine Kochkünste noch einmal und kniete mich in Hunt: Showdown rein, bis ich einigermaßen passabel darin war und mit Leuten mitspielen konnte, die gewöhnlich deutlich über meiner ELO sind.

Zum Glück sind mittlerweile wieder massig Games unterwegs oder schon da, die das Aussitzen der nächsten Zeit deutlich einfacher gestalten sollten. Vor allem Resident Evil Village lunzt schon überdeutlich hinterm Horizont hervor, wie der geschwungene Hut einer verstörend übergroßen Vampirdame. Es wird schon werden!

Inhalt

Keine Ahnung, wie gut Returnal ist. Aber es fühlt sich neu und anders an.

Verzeiht den reißerischen Titel oben drüber und versteht ihn bitte nicht als qualitative Beurteilung. Ich habe bisher vielleicht ein Drittel von Returnal gesehen - bockschwer! - und ich kann ernsthaft noch nicht sagen, wie gut es sich über die volle Länge schlagen wird. Es macht schon jetzt sehr viel Spaß und erzeugt fürs Erste schon einen guten Suchteffekt. Aber was für mich nach drei gespielten Abenden vor allem hängenbleibt, ist ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr hatte: Das hier fühlt sich nach "Next-Gen" an.

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Ein Sci-Fi-Traum - auch wenn es der Spielbeschreibung nach keiner sein sollte.

Dabei ist natürlich wichtig, was ich darunter verstehe, denn der Begriff ist subjektiver als man meinen sollte. Als jemand, der sich ganz gut an jeden Konsolen-Launch seit der ersten PlayStation erinnern kann, verbinde ich damit nämlich nicht nur bessere Grafik als auf der letzten Konsole, sondern vor allem den Gedanken, ein bekanntes Konzept aus einem neuen Blickwinkel zu erleben. Und selbstverständlich gehört auch dazu, sensorisch auf eine besonders intensive Art bombardiert zu werden. Wie damals - wann auch immer das für euch war - als man sich in Virtua Fighter plötzlich der Tiefe des Raumes prügelte, in Mario 64 Sprünge in 3D abschätzen musste oder man einen Controller in Wii Sports wie eine Bowlingkugel schwang, um mit seinen Eltern vor dem TV virtuell zu kegeln.

Returnal ist vermutlich kein ganz so großer Sprung wie die genannten Beispiele, vor allem, weil wir Third-Person-Shooter bereits kennen. Aber der Gedanke, eine Roguelite-Bullet-Hell wie das charmant-fitzelige Nuclear Throne als dick produziertes Sinnesbombardement aufzuziehen und Arcade-Sensibilitäten an den Seiten eines ambitionierten Skripts in Blockbuster-Gefilde zu hieven, das erinnert schon sehr an die wagemutigen Neuerfindungen aus den wilderen Generationenumbrüche.

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Returnal reiht mit jedem Versuch die Räume prozedural hintereinander und überlässt Upgrades und Gegnerverteilung dem Zufall.

Housemarque versteht es bestens, Returnal fest und innig als Erlebnis um mich herumzuwickeln. In der Form habe ich das abseits von VR nur selten erlebt. Herabprasselnden Regen spüre ich in den Handflächen dank punktgenauer Vibrationen des Controllers und der linke Trigger signalisiert mit Widerstand und leichtem Rattern, wenn der Cooldown des Sekundärschusses noch nicht abgelaufen ist. Optisch ist das hier eine Wucht, auch wenn diese ihren Schwung weniger aus besonderer Texturpracht oder Polygondichte holt, als aus den vielfältigen und wahnsinnig intensiven Partikeleffekten und dem irrsinnigen Tempo, in dem Astronautin Selene durch diese außerirdischen Ruinen huscht. Als Redakteur, der schon den einen oder anderen Kopfhörer mit 3D-Sound testen musste, lächelt man zwar eher milde darüber, wenn ein Hersteller mit seinem softwareseitigen Raumklang prahlt, aber wie Returnal eure Umgebung und Feindbewegungen akustisch haargenau abbildet, das erzeugt tatsächlich ein Mehr an Räumlichkeit und Mittendringefühl. Von dem Ortungsvorteil beim Spielen ganz zu schweigen.

Noch nicht ganz im Klaren bin ich mir darüber, ob dem Spiel der strikte Wechsel aus intensivster Baller-Action und Erkundung quasi ohne weitere Gefahren komplett gelingt. Seltsam ist er allemal. Das fällt vor allem auf, wenn man mal ein Stück zurückläuft, um was einzusammeln, was man liegenließ. Dann wirkt Returnal bisweilen ein wenig - nunja - leer. Dann wiederum erinnert die Atmosphäre vor allem im ersten Biom an eine gute Version von Ridley Scotts Prometheus - ich bin wirklich gerne hier - und die Teleporter gestalten die Navigation so einfach und flink, wie es nur geht. Ein weiterer Punkt, der mir beim Spielen auffiel, sind die etwas unbarmherzigen Nachteile, die viele der Roguelite-typischen Upgrades - Parasiten und Kisten, die Fehlfunktionen im Anzug auslösen - eines Runs so mit sich bringen. Ich spiele Returnal gefühlt risikoscheuer als zum Beispiel Curse of the Dead Gods, in dem meistens eher die Neugierde überwog. Andersherum wäre es mir lieber.

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Von 'dieser Run läuft super' nach 'nächster Versuch' ist's ein kurzer Weg.

Aber diese Gedanken machen sich für den Moment immer nur kurz bemerkbar, denn in der Hitze des Gefechts ist Returnal ein aufregender Shooter, der sich fantastisch anfühlt. Tatsächlich zeichnet mein Daumen auf dem linken Stick auf dem Weg durch die Kugelhölle dieselben Kreise und Muster wie in alten Housemarque-Klassikern wie Nex Machina oder Super Stardust - und das, obwohl das Spiel oberflächlich betrachtet ein gänzlich anderes ist. In jedem Fall schon jetzt einer der interessantesten Releases dieses so ungewissen Jahres. Ich bin gespannt, wie viele Leute noch rechtzeitig zum Launch eine PS5 organisieren können.

Weitere Notizen - KW 16/21

Text(e) in Arbeit: Der Test zu Returnal kommt in der nächsten Woche und ich freue mich täglich darauf, es weiterzuspielen.

Höhepunkt der Woche: Mein Großer hat anlässlich seines bevorstehenden vierten Geburtstags sein erstes Fahrrad bekommen. Wie das mit Kindern in dem Alter so ist, war es alles andere als ausgemacht, dass er daran auch Interesse zeigen würde. Fahren üben wir heute Nachmittag - ich werde berichten. Immerhin liebt er es schon jetzt und zeigt es mächtig stolz herum. Vor allem mir, immer und immer wieder. Besonders beeindruckt war er von der "netten Frau", die uns das Fahrrad einfach so "geschenkt" hat. Viel schöner kann Ahnungslosigkeit nicht mehr werden.

Mittelpunkt (?!) der Woche: Ich habe einen US-Account für meine Vita zwecks Einkaufstour durch vornehmlich die ersten Persona-Spiele, aber auch Chrono Cross und vergessene Perlen wie Tactics Ogre angelegt - und dann habe ich mich daran erinnert, dass man eine proprietäre Sony-Speicherkarte braucht. 16GB sind in etwa so teuer wie ihr Gewicht in Gold. Also gleich die nächste Hürde zum Retro-JRPG-Glück. Aber auch die werde ich nehmen. Denn ewig werden die Stores auch nach Sonys Rückzieher zur Schließung nicht offenbleiben. Fehlt nur noch eine Launch-PS3, um auch PS2-Klassiker aus der SMT-Reihe emulieren zu können. aber vor der Anschaffung habe ich mehr Respekt. Hat irgendjemand Erfahrungen oder Tipps?

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Kennt keiner mehr und das ist schade: Tactics Ogre: Let us Cling Together.

Tiefpunkt der Woche: Das viral gegangene Video unter dem Motto "allesdichtmachen" ist eine bemerkenswert zynische Aktion. Viele bekannte deutsche Schauspieler beziehen dort seit gestern Stellung gegen die Corona-Maßnahmen. Das tun sie, indem sie hauptsächlich (nicht ausschließlich) ebenso bemerkenswert dümmliche Strohmannargumente gegen die Hygieneauflagen basteln. Pizzaboten, denen man die Tür nicht mehr aufmacht. Eltern, die seit einem Jahr ihre Kinder trennen. Partner, die sicherheitshalber keinen Sex mehr miteinander haben. Ein Paar atmet nur in einem Zimmer ein, in dem anderen aus. Die eher geerdeten Redebeiträge beklagen soziale Kälte oder dass man eine Kassiererin nicht mehr anlächeln könne - als wüsste nicht jeder, dass ein Lächeln, das nicht aus den Augen kommt, nur eine hohle Geste ist.

Kurzum: Es werden mehrheitlich Dinge herbeipolemisiert und hochgeredet, die keine Sau macht oder fordert. Ein paar von den Teilnehmern brechen mir ein bisschen das Herz: den Müller/Klare-Tatort aus Stuttgart schaue ich eigentlich gern, Martin Brambach und Thorsten Steffen sind zwei meiner liebsten Beamtendarsteller mit Gesichtern, die so zerknirscht nur die Deutsche Mittelklasse hervorbringt. Aber am schlimmsten ist... Peter FUCKING Shaw von den Drei Fragezeichen!? Wie kannst Du mir das antun?

Die Situation ist... [Autorenhirn sucht nach einem schlauen Wort... da isses!] scheiße, keine Frage. Es ist die Pflicht der Politik, ihre Maßnahmen regelmäßig zu prüfen und ja, beim Abrücken von diversen Entschlüssen muss man auch mal den Mut haben, eventuell doof dazustehen. Daran führt kein Weg vorbei. Vor allem müssten - auch finanzielle - Hilfen für Leute, die unter dem Lockdown zu leiden haben, großzügiger - Betonung auf "zügiger" -umgesetzt werden (ein Schelm, wer an monetäre Beweggründe der an diesem Video beteiligten Kulturschaffenden denkt). Das Ding ist: Ich selbst habe keine Ahnung, was beispielsweise die Ausgangssperre bringen soll und bin nicht sicher, ob es nicht auch andere Lösungen und Hygienekonzepte gibt, mit denen man bestimmte öffentliche Räume offenhalten könnte.

Aber das ist eben der Punkt. "Ich bin nicht sicher...". "Ich habe keine Ahnung". Und wenn heutzutage eines stimmt, dann dass wir uns nicht mehr trauen, einfach mal "ich weiß es nicht" zu sagen - und einzusehen, dass eine beschissene Situation kein Grund ist, so zu tun, als wüsste man es eben doch. Insofern: Lasst uns zusammen abkotzen, nicht gegeneinander. Es ist jetzt eh nur noch eine Frage der Zeit, bis wir es hinter uns haben.

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Was sagt man dazu? Ich habe immer noch keinen neuen Topf.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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