Alt+F40: The Last Spell und Graven erinnern mich daran, weshalb ich Early Access liebe - Plus: Necromunda macht mich traurig

KW 22/21: Rührender Rhabarber und andere Geschichten.

Ich weiß nicht, was wirklich in AstraZeneca drin ist, aber ich bin seltsam emotional die letzten Tage. Vorgestern sitzen meine Frau und ich zum Essen zusammen. Ich blättere im Kundenmagazin eines Supermarktes - der Rezepte wegen, klar! -, als mich der Anblick einer Flasche Rhabarberkompott mit einem handgemalten "Danke"-Schild plötzlich so unerklärlich tief rührt, dass meine mich Frau fragt, ob alles okay sei. Als ich mit den dezent feuchten Augen eines rührseligen Anfang-40ers hochschaue, müssen wir beide so lachen, dass mir fast der Milchreis durch die Nase rauskommt.

Ich werde ohnehin ziemlich weich auf meine "alten Tage". Das stelle ich schon länger immer mal wieder fest. Aber vielleicht seit der Impfung ein wenig mehr: Ich glaube, damit ist doch eine gewisse Last von mir abgefallen, die ich zwar nicht aktiv gespürt habe, als ich sie trug. Ihre Abwesenheit macht sich umso mehr bemerkbar. Ein bisschen Leichtigkeit ist zurück. Vermerkt das auf der Seite der positiven Nebenwirkungen.

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The Last Spell mischt Tower Defense mit XCOM - und warum ihr von Graven kein neues Heretic erwarten solltet

Ich weiß wirklich nicht, warum ich eine Weile so griesgrämig Early Access gegenüber eingestellt war. Natürlich, einige Frühveröffentlichungen wirkten wie zynische Geldmache. Und viel lag sicher auch daran, dass ich miterlebte, wie einige extrem vielversprechende Spiele ihren... sagen wir mal "Hype" (weil mir gerade kein besseres Wort einfällt und ich nicht "Momentum" sagen will) schon verspielen, bevor sie eigentlich fertig sind. Ihr eigentlicher Release gerät dann zum feuchten Furz in einem randvollen Veröffentlichungskalender, ist kein "Event" mehr, weil sie als bekannte Größe wahrgenommen werden, sie nicht der aufregende Duft des Neuen umweht.

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Ein bisschen knausrig, aber das wird schon noch!

Das habe ich offenbar mittlerweile verwunden - oder mich damit abgefunden. Denn ich genieße gerade viele, viele Spiele zugleich im Early Access. Und was soll ich sagen? Es ist bisher ein sehr guter Jahrgang für Titel, die sich in der Mitmach-Entwicklung befinden. Im Epic Store fesseln Phantom Brigade und Industries of Titan, Valheim machte von Beginn an so gut wie alles richtig, Old World wird so langsam fertig und greift Civilization mit etwas persönlicherer Note an. Und Going Medieval, Hand of Merlin und Unexplored 2 halten mich ebenfalls gut vom Rest meines Privatlebens ab. Und jetzt sind da The Last Spell und Graven, die mich Early Access als Gedanken wieder als Privileg empfinden lassen.

The Last Spell noch mehr als Graven, denn letzteres hat gefühlt noch einen weiteren Weg vor sich. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass The Last Spell, zu dem ihr an dieser Stelle ein kommentiertes Video von mir sehen würdet, wenn bei der Aufnahme nicht was schiefgelaufen wäre, mich mit seinem schnellen Taktik-Gameplay einfach direkt einsammelt. Darum geht's: Nachdem ein Zauberer versucht hatte, mit einem einzigen Gewaltakt alle Kriege zu beenden, kriechen aus dem lila Nebel, den seine Magie hinterließ, Millionen an Untoten und machen... na ja, ihr Ding halt. Letzte Chance für die Menschheit ist eine Hand voll guter Zauberer, die daran arbeitet, den "Last Spell" zu casten, der das alles schon wieder richten wird.

Da das aber dauert, braucht es drei tapfere Krieger, die die Horden wegschnetzeln, bevor sie den Altar erreichen. Bei Tage rüstet ihr also Krieger, Magier und Bogenschütze aus, lasst Arbeiter die Häuserruinen nach Rohstoffen oder Gold absuchen, errichtet Anlagen, die Heilen oder Mana auffüllen und errichtet Wälle und Tore, um mithilfe des Terrains gut zu verteidigende Kill-Tunnel anzulegen. Wenn die Nacht hereinbricht, kommen die Zombies und ihr müsst Bewegungs- und Aktionspunkte sowie Mana möglichst effektiv einsetzen, um die Welle an Untoten komplett abzufrühstücken. Es ist ein recht flottes System, bei dem man in einer Runde viel erledigt bekommt - nicht wie in XCOM, wo ihr einmal lauf und eine Aktion ausführt. Je nachdem, welchen Paniklevel ihr zugelassen habt, bekommt ihr für die Tagphase mehr oder weniger Rohstoffe, um in der nächsten Nacht besser dazustehen.

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Im Secherspack Zombies mit Zaubern wegzuhauen, ist unfassbar befriedigend.

Es ist ein harter Überlebenskampf, eine Schlacht, die man durchweg mit einem Bein im Grab ausficht, und am Ende doch noch eine gute Bewertung bekommt. Ganz schön beklemmend. Allein, ich weiß nicht, wie viel Flexibilität wirklich drinsteckt, in diesem Regelwerk, wie viele Durchgänge das Spaß machen wird und fand das Spiel auch in der Tagphase zu geizig, als dass ich wirklich taktische Experimente aufseiten der Architektur hätte probieren können. Aber es ist ja noch früh, eventuell schaltet man mit weiteren Durchläufen neue Anlagen frei, die frische Würze für das mitbringen, was kommt. Das Spiel ist gestern erst gestartet.

Graven dagegen wirkt wie ein spiritueller Nachfolger von Hexen beziehungsweise Heretic. Ist also ein mittelalterlicher Fantasy-FPS mit Magieeinsatz und Nahkampf und vor allem in 3dfx-Optik - das Logo wird sogar eingeblendet, wenn man den Weichzeichner zuschaltet! Aus einem offenen Hub einer von einer Seuche heimgesuchten Stadt startet ihr in die umliegenden Bereiche und löst deutlich mehr Puzzles mit den magischen Elementarkräften, als ich es erwartet hätte. Ein wenig schade ist, dass das Spiel aktuell noch recht binär Magie und Kampf trennt, denn das bisschen zündeln und blitzen, das man bisher darf, richtet an den Gegnern kaum Schaden an. Ich nehme an, die Entwickler sehen das aktuelle Feedback als Anreiz, diesen Ansatz zu überdenken.

graven
Wenn ihr das nicht schön findet, habt ihr in den 90ern nicht PC gespielt.

Der Kampf an sich ist ok, natürlich ist bei einem so altmodischen Spiel viel Circle-Strafing angesagt, aber die Gegner signalisieren ihre Attacken recht gut, weshalb man immerhin recht gezielt um sie herumtänzelt. Der Kick, den der Hauptcharakter, ein gefallener Geistlicher, beherrscht, ist einer der coolsten der letzten Jahre und ich habe schon lange nicht mehr so viel Spaß am Zertrümmern der vielen (vielen, vielen, vielen) Holzkisten gehabt wie hier. Sobald Graven ein bisschen genauer weiß, wo es eigentlich hinwill mit sich, werde ich hier nochmal drüber schreiben. Bis zu diesem Punkt hat es immerhin meine Aufmerksamkeit und Neugierde geweckt, wie es weitergeht. Look, Atmosphäre und das Gefühl einer gewissen Offenheit sind wirklich ganz stark.

Also ja, es war ein schleichender Prozess, aber dieser Tage merke ich mit einem Mal: Ich bin mit Early Access wieder versöhnt. Wie haltet ihr es damit?

Weitere Notizen - KW 22/21

Text(e) in Arbeit: Nächste Woche kommen textlich von meiner Seite aus ein paar größere Sachen auf euch zu, aber es ist ja auch E3. Spannend wird es bis dahin in jedem Fall. In der Woche darauf können wir dann verhandeln, ob die Show eine Enttäuschung war.

Höhepunkt der Woche: Ein fantastischer Film, den man sich anschauen sollte, ist The Kid Detective: Adam Brody spielt einen abgehalfterten Privatdetektiv, der in seiner Kindheit eine lokale Berühmtheit war, weil er als eine Art Super-Justus-Jonas die Drei ??? in Personalunion stellte. So knackte er dann den Fall der gestohlenen Geldkassette oder des beschmierten Schaufensters der Eisdiele und kam regelmäßig in die Zeitung. Mit 31 ist von dem Ruhm nicht mehr viel übrig: Seine Eltern können ihn immer weniger leiden, der Alkohol immer mehr - als er plötzlich die Chance bekommt, einen echten Mordfall zu lösen. Es ist eine Noir-Story mit viel Biss und unterschwelliger persönlicher Tragik und endet auf einer geradezu brillanten Note.

Mittelpunkt (?!) der Woche: Ich bin erst jetzt dazu gekommen, mir Far Cry 6 genauer anzusehen. Das Teil kann problemlos eines der Highlights diesen Herbst werden. Die Waffen sehen lustig aus, die Begleiter - ein Dackel im Rollstuhl und ein Alligator - auch. Aber dass wir in erster Linie "Flavor" und Story zu sehen bekommen, sagt mir, dass es wieder eine Open World nach dem gleichen Schema wird. Und ich bin noch unentschlossen, ob ich schon bereit bin, mich wieder in eines von dieser Sorte zu werfen. Zuletzt schwenkte Far Crys Freiheitsverständnis in meinen Augen von "Mach', wie du willst" rüber zu "Mir egal, was du machst". Es machte sich eine gewisse Gleichgültigkeit breit. Und vor allem die Geschichte war im fünften Teil beinahe unerträglich.

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Eine Karte dieser Größe voller Außenposten und Jagdreviere... Ich weiß nicht, ob ich das schon wieder kann. Bild von eurogamer.net

Diese Spiele sind immer mindestens solide, aber wenn man sich die Zutaten anschaut, wäre so viel mehr drin. Ich hoffe, Ubisoft traut sich, sich mal danach zu strecken. Ich bin gespannt, was wir als Nächstes von Far Cry 6 sehen. Giancarlo Esposito geht immer, die erste echte Stadt der Serie könnte einiges verändern und Ballern unter Palmen ist ohnehin etwas, das die Reihe bestens beherrscht.

Tiefpunkt der Woche: Mein leise vor sich hin pulsierender Tennisarm (?) macht seit gestern so richtig Probleme. Wird heute beim Orthopäden gesichtet. Hab' ich viel zu lange mit gewartet. Ach, und Necromunda: Hired Gun passt vorne und hinten nicht, was eine Tragödie ist, denn in allen relevanten Punkten ist es beinahe gut, in der Gestaltung sogar sehr gut. Ein Shooter mit Doom-Eternal-Tempo, theoretisch aufregender Mobilität, samt Hub-Gebiet, Loot und wiederspielbaren Missionen in einer der interessanteren Ecken von Warhammer 40k klingt eigentlich ziemlich unwiderstehlich. Es sieht sogar gut aus, wenn man nur auf die Art Direction schaut, und die Locations haben ein paar Panoramen zu bieten, bei denen man etwas länger stehenbleiben möchte. Aber spielerisch ist das hier einfach nicht besonders gut.

necromunda
Immer drauf mit dem Linsenkleister! Schade um die schöne Art Direction und die zur Schau gestellte Detailfreude. Vielleicht finde ich den Button im Menü ja noch, der das Spiel hübsch macht...

Allen voran das "Encounter-Design" wie es Entwickler nennen, ist absolut gruslig. Gegner ploppen in Dreierpack aus irgendwelchen Monster-Closets, betteln ewig und dicht beieinander um eine Granate, bevor sie wie eine Gruppe kopfloser Hühner in beliebige Richtungen auseinander preschen. Die Kämpfe machen wirklich überhaupt keinen Spaß. Die Level wirken ebenfalls stellenweise konfus und ohne guten Spielfluss aufgebaut und zwischendrin wird man mit Anhängern, Techs und anderem Tand in unübersichtlichen Menüs nur so zugeworfen. Und was sich an Effekten über die Action legt, erweckt den Eindruck, man bräuchte so langsam eine Brille. Ich meine, ich BRAUCHE so langsam eine Brille. Aber das hier sieht auch mit nicht schärfer aus. Mit ein paar Patches kann das hier noch ein sehr passabler Shooter werden und es ist jetzt schon nicht komplett schlecht. Aber wie knapp, aber doch zuverlässig hier am guten Bereich vorbeigeschossen wird, das ist echt ärgerlich. Harren wir der Updates, die da kommen.

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Und jetzt alle: 'Der Topf ist zu klein'.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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