Anthems Reboot aufzugeben, war die einzig richtige Entscheidung

Der Zug ist lange abgefahren.

Anthem ist nicht mehr. Zumindest mehr oder weniger. Während der Live-Betrieb vorerst weiterläuft, begruben BioWare und Electronic Arts unlängst die Reboot-Pläne für das ambitionierte Online-Koop-Actionspiel. Wenigstens war es auf dem Papier ambitioniert, die Realität sah dann zum Release ein wenig anders aus.

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Durch die Einstellung des Reboots schwanden zugleich die Hoffnungen darauf, das Ruder hier noch einmal so spektakulär herumzureißen, wie es Hello Games in den letzten Jahren mit No Man's Sky gelang - oder Square Enix mit Final Fantasy 14. Beides Vorzeigeprojekte dafür, wie sich ein vermeintlicher Flop noch mit viel Mühe, Leidenschaft und Arbeit in eine Erfolgsgeschichte verwandeln kann.

Allein hatte ich bei BioWare nie den Eindruck, diese Leidenschaft in Bezug auf den Anthem-Reboot zu spüren. Bei No Man's Sky folgte wenige Monate später das erste von vielen größeren Updates, die Macher von Final Fantasy 14 legten den Fokus einige Monate nach Release darauf, eine neue Spiel-Engine und Serverstruktur für das Spiel zu entwickeln. Anthem erschien indes im Februar 2019 und es folgten in den Monaten danach ein paar Patches, nichts Großes.

Zu wenig und zu spät

Ende 2019 gab es die ersten Berichte über einen Reboot, der dann erst im Februar 2020 - also ein ganzes Jahr nach Release - offiziell bestätigt wurde. Es folgten ein paar Blogeinträge zu geplanten Änderungen und ein relativ kleines Team arbeitete daran. Nichts davon erweckte den Eindruck, als stünde das Studio wirklich zu 100 Prozent und mit voller Entschlossenheit dahinter. Das Team experimentierte ein wenig hier und da, entwickelte seine Ideen, um zu sehen, was möglich ist. Und das alles in einem Zeitrahmen, in dem zum Beispiel Hello Games schon weit mehr geliefert hatte.

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Dahinter mag eine gute Idee stecken, in der Praxis sah das anders aus.

Dass in all der Zeit das Interesse der Spieler und Spielerinnen weiter schwindet - die moderne Spielewelt dreht sich rasend schnell weiter! -, ist nicht weiter überraschend. Warum auf Anthems Reboot warten, wenn ich stattdessen ein Destiny 2 spielen kann? Oder irgendwas anderes. Ist ja nicht so, als gäbe nicht so viele Spiele wie Sand am Meer. Zugegeben, Corona hat das alles mitnichten einfacher gemacht. Ein schlechter Zeitpunkt für Anthem, aber das lässt sich nicht ändern.

In Anbetracht des langsamen Fortschritts und der anderen Geschehnisse bei BioWare überraschte es mich nicht, dass Anthem dieses Schicksal erleidet. Hätten sich EA und BioWare jetzt dafür entschieden, bei dem Reboot all in zu gehen, wie lange hätte es gedauert, bis dieser fertig ist? Das Team dafür zu vergrößern, hätte eine Weile in Anspruch genommen, die Entwicklungsarbeiten ebenso. Und dann ist immer noch Corona da. Mindestens ein weiteres Jahr? Dann wäre Anthem drei Jahre alt und es wäre bis dahin nichts passiert. Nach drei Jahren ist Anthem nicht mehr als eine winzige Randnotiz in den Releases des Jahres 2019.

Ade Vergangenheit, hallo Zukunft

Letzten Endes wird es zugunsten einer hoffentlich besseren Zukunft für BioWare geopfert, wenigstens sehe ich es so. Nach dem viel kritisierten Mass Effect Andromeda und dem Anthem-Flop braucht BioWare das. Und mit einem neuen Dragon Age und einem neuen Mass Effect am Horizont - sowie weiteren Updates für The Old Republic - ist da einfach kein Platz mehr für Anthem. Wenn ich die Wahl hätte, sähe ich lieber, wie das Anthem-Reboot-Team dabei hilft, die anderen Projekte zu unterstützen, um sicherzustellen, dass diese so gut wie möglich werden. Was die Leute jetzt auch tun.

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Die Zukunft liegt in anderen Sternen.

Und wenn in Berichten davon zu lesen ist, dass, unter anderem aufgrund des Anthem-Flops und des Erfolges von Star Wars Jedi: Fallen Order, aus einem Dragon Age 4 kein Live-Service-Spiel wird, dann bin ich sehr froh darüber, dass Anthem in der Versenkung verschwindet. Aus Dragon Age 4 oder dem nächsten Mass Effect das zu machen, ist in meinen Augen das Schlimmste, was diesen Serien passieren könnte. Die Leute wollen Singleplayer-Spiele, das haben in den letzten Jahren viele Titel eindrucksvoll bewiesen. Also gebt ihnen das - ohne nervige Multiplayer-Anhängsel.

Wie drückte es Mr. Spock in Star Trek 2 aus? Das Wohl vieler wiegt schwerer als das Wohl eines Einzelnen? Lasst Anthem in Würde sterben und rettet dafür BioWares Zukunft. Denn um die mache ich mir ernsthaft sorgen, wenn es mit den nächsten Titeln dieser beiden großen Reihen schief läuft.

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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