Um der alten Zeiten willen - Bravely Default 2 Test

Das J-RPG für alle, die noch wissen, wie ein J-JRPG eigentlich sein sollte.

Bravely Default 2 ist wohlige Nostalgie-Wärme. Als ich vor ein paar Tagen noch bei -15 Grad in eine Decke mit der Switch eingerollt war, erinnerte es mich daran, wie ich bei einem Schnee"sturm" mit dem Fahrrad kilometerweit fuhr, um Final Fantasy 4 (oder besser 2 US) zu kaufen. Als das Wetter sich jetzt zu +20 drehte, erinnerte es mich daran, wie ich durch den Berliner Frühling fuhr, um Final Fantasy 6 (oder wieder besser US 3) zu kaufen. Es fühlte sich gut an. Wie diese wohligen Erinnerungen. Wonach sich Bravely Default 2 nicht anfühlt, ist ein "neues" Spiel. Aber das ist in diesem Falle wohl okay so.

Inhalt:

Bravely Default 2 lockt euch mit wohliger Fantasy-Zuckerwatte

Ihr habt eine durch und durch, fast schon an den Grenzen der Schmerzgrenze schwebende Klischee-Handlung mit gestrandeten Helden, entführten Prinzessinnen (die schnell gerettet werden und sich als Heiler entpuppen) und Kristallen. Natürlich gibt es Kristalle. Diese sind hier dann zwar auch irgendwie das Zeug, das die Welt zusammenhält und in den Händen des Bösen nicht gut aufgehoben wäre, aber zum Glück auch etwas mehr. So etwas wie Job-Kristalle, die definieren, was ein Held kann. Zauber, Hauen, Heilen. Das Übliche. Solltet ihr hier irgendwas suchen, was in eurem J-RPG-Leben noch nicht vorkam, dann ist das das falsche Spiel. Wiederum ist in diesem Falle wohl okay so.

Es war eine Story, der ich gern folgte, nicht alles wegdrückte, ernste Probleme hätte, euch Details aus dem Mittelteil zu erzählen, und zum Ende etwas gestreckt fand. Alles auf eine weit weniger schlimme Weise, als das jetzt klingen mag. Das hier ist wohlige Fantasy-Zuckerwatte. Man genießt die Sekunde, die sie da ist, und danach verpufft der Eindruck, als wäre nie was gewesen und nur eine insgesamt doch schöne Erinnerung bleibt. Sicher, einige der Dialoge sind an der Grenze zu schmerzhaft, einige überschreiten sie. Warum manche Figuren einen, ich würde sagen bestenfalls improvisierten, australischen Akzent haben, na gut, kann man ja auch mal machen.

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Manchmal hübsch, meist aber weniger. (Bravely Default 2 Test)

Was auf jeden Fall gut gelöst wurde, ist die Einbindung der Vorgänger. Wenn ihr sie gespielt habt, dann seid ihr sofort in relativ vertrauten Fahrwassern, was die Welt und viele Figuren angeht. Wenn nicht, dann müsst ihr euch nicht die geringsten Sorgen machen. Ich kannte die beiden früheren 3DS-Spiele nicht und hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich irgendwo im Regen stehen gelassen wurde, während Fans anerkennend mit der Zunge schnalzen. Das ist so gut umgesetzt, wie es nur geht, und nach ein paar Stunden seid ihr dann eh drin. Und da liegen noch viele Stunden vor euch. Ich bin nicht zuletzt deshalb ein wenig spät dran, weil ich das Ende unterschätzt habe - es zog sich dann doch noch auf 60+ Stunden. Wow. Über 60 Stunden. Und ich hatte nie das Gefühl, dass es jetzt alles zu lange dauert. Das ist eine Leistung, das kann nicht jeder J-RPG-Grinder.

Grinding, Jobs und Kämpfe

Und ja, der Grind ist da. Wenn ihr einfach losrennt und zu schnell in Bereiche geht, die ihr vielleicht lieber noch für später aufheben solltet, dann werden euch die Monster recht genüsslich zerpflücken. Grinding und ein paar Level mehr helfen, was bei dem Tempo, auf das man den Kampf beschleunigen kann, auch weniger schmerzhaft ist als zunächst gedacht. Noch sinnvoller ist es aber, alle Möglichkeiten von Bravely Default 2 zu nutzen und die sind, sobald ihr nach den ersten Stunden eine echte Party und ein paar leicht angelevelte Jobs auf eurer Seite habt, durchaus vielfältig.

Die Wichtigste ist das namensgebende Brave oder Default. Wer Default ist, lehnt sich zurück, macht nichts und sammelt Brave-Punkte. Diese lassen sich dann in einer Runde gezielt nutzen, um bis zu vier Aktionen pro Kämpfer loszulassen. Das alles lässt sich im klassischen Rundenkampf gut planen, der ansonsten so konservativ daherkommt, wie es nur geht. Aber mit diesem Feature passt ihr vor allem bei Bossen geschickt das Zeitfenster ab, wenn er verwundbar ist, und haut mit allem drauf was geht. Auch lässt sich euer Heiler "aufladen", um nach einem AoE-Effekt schnell die ganze Truppe versorgen zu können. Brave-Default mag in den ersten Stunden etwas belanglos wirken, aber nach und nach entpuppt es sich als taktisch relevantes Feature, das sehr hilfreich dabei ist, besagte Spitzen im Schwierigkeitsgrad glattzubügeln.

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Wählt eure Aktionen und passt auf Wunsch das Tempo an. (Bravely Default 2 Test)

Noch besser als Brave und Default ist aber das Job-System von Bravely Default 2. Statt eine feste Klasse einem Charakter zuzuweisen, könnt ihr die Jobs nach Lust und Laune wechseln, sofern ihr sie natürlich freigeschaltet habt. Wiederum, am Anfang des Spiels kann man noch nicht die Tragweite erkennen, aber wenn man das erste Mal auf einen Boss stößt, der fast immun gegen dunkle Magie ist, obwohl man bisher mit dieser Magie so gut durchkam, dann beginnt man zu gucken, welche Rolle denn besser passen könnte. Auch hier liegt wieder ein wenig Grind drin, denn die Job-Punkte werden getrennt von den Erfahrungspunkten abgerechnet. Jeder Charakter hat ein paar eigene Grundwerte und Fertigkeiten und ist so manchmal für einen Job mehr prädestiniert als ein anderer, aber selbst das muss euch von nichts abhalten. Es hat vereinfacht gesprochen die Hälfte der Komplexität eines Final Fantasy Tactics, reduziert die Arbeit für euch dahinter auf ein Zehntel und schafft es, den vollen Spielspaß daraus zu ziehen. Ideal gelaufen.

Bossgegner, die ihr in Bravely Default 2 mit Köpfchen besiegt

Dabei haben auch die Bosse ihren Teil der Arbeit geleistet. Vor allem die großen Story-Bosse, die manchmal wirklich ein paar fiese Tricks auf Lager haben und bei denen nach geschicktem Einsatz von Brave-Default und Job-Kombinationen ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit aufkommt. Den habt ihr nicht gelegt, weil ihr euch und im Anschluss ihn zu Tode gegrindet habt. Den habt ihr mit Köpfchen besiegt. Das Beste, was nach so einem Kampf passieren kann. Aber auch die immer wieder mal am Wegesrand auftauchenden legendären Monster tun ihren Teil der Arbeit, euch bei Laune zu halten und zu zwingen, dass ihr einmal mehr über eure Kampfoptionen nachdenkt. Ich hatte selten ein J-RPG, das die Bosse und Zwischenbosse so geschickt passierte als wäre es ein ambitionierter Touristenführer, der seine Kunden immer bei Laune halten möchte. Und das auch noch erfolgreich, ich bin schon ein wenig beeindruckt.

Von der Grafik war ich dann nicht immer beeindruckt. So hübsch die Wasserfarben der Städte und mancher Panoramen auch sind, das Charakterdesign ist schlicht aus dem Baukasten eines Kindergartens. Das müssen irgendwelche Reste von einem früheren DS-Modul sein. Die Gegner kommen nicht viel besser weg, es wirkt alles so... PS2, um ehrlich zu sein. Es sieht gefühlt wie ein PS2-Spiel aus, wenn man sich nur die Charaktere und Gegner ansieht. Höher aufgelöst, aber kein Polygon mehr. Keine Ahnung, war wahrscheinlich kein Geld für mehr da.

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Das Job-System macht euch flexibel. (Bravely Default 2 Test)

Auch die Dungeons sind jenseits der Bosse und Kämpfe etwas mau. Zum einen sind sie meist eher graue Mäuse im Look, aber auch sonst gibt es nichts zu bieten. Speicherpunkt, ein paar Wege mit Monstern und Kisten, dann wieder ein Speicherpunkt. Kaum Fallen, Puzzles oder ähnliches, das ist schon schwach. Das macht die Nebenquests dann auch nicht attraktiver, denn die Zahl derer, die keine Variation einer simplen Fetch-Quest waren, kann ich an einer Hand abzählen. Tieferschürfende, mehrteilige Quests neben der Hauptspur sind leider Fehlanzeige. Nicht, dass mir die Hauptquest jetzt zu kurz gewesen wäre, aber hier und da mal ein wenig Storys entlang des Weges zu erkunden, bietet immer viel Freiraum für kreative Quest-Ansätze. Nun, Bravely Default 2 will diesen nicht nutzen, das ist dann halt so. Immerhin bekommt man ein paar neue Jobs, wenn man die Quests macht, dann hat sich die Mühe zumindest gelohnt. Nichts ist nerviger als eine lahme Quest zu spielen und dann nur einen Heiltrank und ein paar warme Worte von einem irrelevanten NPC zu bekommen.

Auch erlaubt Bravely Default 2 euch ein wenig im Schlaf zu grinden. Ihr bekommt früh im Spiel ein Schiff. Damit fahrt ihr jetzt nicht groß herum, sondern schickt es auf Reise, bevor ihr die Switch in den Standby-Modus schickt. Bis zu zwölf Stunden juckelt es dann virtuell herum, trifft angeblich andere Spieler, aber vor allem sammelt es allen möglichen Kram ein. Meist Erfahrungspunkte aller Art. Es ist kein großes Feature, aber beim Einschalten hier und da mal ein paar Level praktisch geschenkt zu bekommen, war nett.

Bravely Default 2 Test - Fazit

Überhaupt war es nett mit Bravely Default 2. Wie einen alten Freund mal wiederzusehen und einen langen nostalgischen "wie früher" Abend zu verbringen. Das bringt jetzt nicht neue Anstöße im Leben, ist nicht dazu da, die Zukunft zu ergründen. Es geht um das Feiern der guten Dinge, die mal waren, und Bravely Default 2 feiert all die guten Dinge an den alten J-RPGs, wie sie eben waren, bevor die Welt komplexer wurde. Es feiert mit dem Grind auch ein paar der schlechten Dinge, aber es verklärt sie hier unter genug Komfort, dass man es sich fast schönreden kann. So wie auch die Story, die ich hier lieber "bodenständig" als "generisch" nenne, weil es einfach so ist. Ja, sie arbeitet sich an bekannten Motiven ab, aber auf eine gute Art. Die daran erinnert, warum man diese Geschichten überhaupt mal zuerst mochte.

Was ich nicht schönreden kann, das ist alles, was Polygone, Charaktere und Monster kombiniert. Diese 3DS-Zweitverwertung gehört nicht in ein sonst so hübsches Spiel. Gut, dass diese Pixel-Klumpen im Kampf mit cleveren Spiel- und Jobsystemen aufwarten können, sonst hätten sie einen ganz schweren Stand. So aber ignoriere ich sie so gut es geht und konzentrierte mich ganz auf einige der besten Boss-Fights in J-RPGs seit längerer Zeit. Darum geht es doch am Ende. Großartige Kämpfe, nette Story, lahme Grafik. War jetzt in dem Genre eigentlich nie so groß anders. Und damit ist Bravely Default 2 vor allem für all die, die das J-RPG "wie früher" vermissen und mal wieder einen langen Abend mit ihm verbringen möchten. Um der alten Zeiten willen.

  • Entwickler / Publisher: Square Enix / Nintendo
  • Plattformen: Nintendo Switch
  • Release-Datum: 26. Februar 2021
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: zirka 50 bis 60 Euro

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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