Catan

Sinnloses Siedeln

Stellt Euch mal dieses Horrorszenario vor: Ihr habt für den Abend ein paar Freunde eingeladen, um mit ihnen einige Runden Halo, Rock Band oder sonst irgendwas zu spielen. Ein Kasten Bier steht bereit und auch das Knabberzeug ist in üppig gefüllten Schüsseln stets griffbereit. Doch bevor der Spaß richtig losgehen kann, geschieht das Unglück: Stromausfall in der gesamten Nachbarschaft! Was tun? Panisch im Kreis rennen oder in Fötusstellung in der Zimmerecke kauern? Vielleicht zündet Ihr aber auch ein paar Kerzen an, setzt Euch an einen großen Tisch und packt die alten Brettspiele aus.

Ich bin sicher, dass diese Situation bei den meisten von Euch erst gar nicht im Hirn auftauchen würde. Viel zu altmodisch klingt der Gedanke. Viel zu nervig das Auspacken, Aufbauen und Regeln erläutern. Genau deswegen denken sich viele Entwickler: Warum nicht einfach die Klassiker als Videospiel auf den Markt werfen? Das funktioniert auf Xbox Live Arcade dank günstigem Preis und Onlineanbindung hervorragend. Preislastigere Budgetspiele, wie Monopoly oder Trivial Pursuit, scheitern dagegen meist an der lieblosen Umsetzung sowie den relativ hohen Kosten.

Damit dies bei der DS Version von Catan nicht der Fall ist, hat man extra den Erfinder Klaus Teuber an Bord geholt. Schließlich gehört Die Siedler von Catan mit mehreren Erweiterungen zu den erfolgreichsten Brettspielen aller Zeiten. Für die Umsetzung hat man es aber bei dem Original plus der Seefahrer-Erweiterung belassen.

Wer das Spiel nicht kennt, hier ein kurzer Überblick: Ihr habt ein Spielfeld aus Sechsecken, die alle einer Rohstoffkategorie zugeordnet sind und auf denen die Zahlen von 2 bis 12 verteilt werden. Ihr müsst nun Siedlungen oder Städte an den Kreuzungen bauen und Straßen als Verbindung herstellen. Dazu benötigt Ihr Rohstoffe, die Ihr bekommt, wenn deren Zahl gewürfelt wird und Ihr mit einer Siedlung daneben steht.

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Auch in der Nahansicht hübsch anzusehen.

Für den Bau von Ortschaften sowie anderen Tätigkeiten erhaltet Ihr Siegespunkte. Wer zuerst die angestrebte Menge erreicht, hat gewonnen. Der Clou dabei: Die einzelnen Spieler dürfen untereinander und zu bestimmten Wechselkursen auch mit der Bank Rohstoffe austauchen. Die Umsetzung ist an sich sehr gut gelungen. Ihr könnt problemlos an das Feld heranzoomen und alles zeigt sich in einer angenehmen 3D-Optik. Per Stylus wählt Ihr die Bauorte aus oder handelt mit den CPU-Charakteren. Das Spiel fragt Euch vor Entscheidungen zum Glück immer, ob Ihr den Vorgang auch wirklich bestätigen wollt. Dadurch entfällt nerviges Fehldrücken, was auf Grund der vielen Baumöglichkeiten schnell passieren kann.

Beginner müssen sich zunächst an das Handbuch wenden, da im Spiel selbst nirgends ein Tutorial zu finden ist. Bloß ein unspektakulärer Almanach, in dem Ihr einzelne Begriffe nachschlagen könnt. Auch die Lernkurve beginnt auf einem mittleren Level und steigt zum Ende der 18 Missionen noch etwas an. Die Szenarien unterscheiden sich jeweils durch den Aufbau der Karte sowie den Regeln. Trotzdem bleibt die Abwechslung auf der Strecke.

Allein wird das Spiel viel zu schnell langweilig, zu langsam ist der Ablauf ohne Mitspieler. Ohnehin macht es mit den Computergegnern nur halb so viel Spaß. Sie reagieren stets gleich, verbünden sich ständig gegen Euch und lassen sich bei Tauschgeschäften niemals überreden. Beim Test habe ich das clevere Feilschen mit echten Menschen und die dadurch entstehende Spannung vermisst.

Und hier kommt die Sache, die dem Spiel ein Stück weit das Genick bricht. Es existiert kein Online-Modus und in lokalen Partien muss jeder Teilnehmer das Spiel besitzen. Warum es keine Möglichkeit gibt, zumindest ein Szenario auf den DS zu laden, ist mir ein Rätsel. Wo findet man schon einmal drei weitere Besitzer eines solchen Moduls? Außerdem dürft Ihr nur die Missionen aus dem Singleplayer spielen und auch nur, wenn Ihr sie zuvor gemeistert habt. Ein Karteneditor mit eigenen Regeln wäre hier Pflicht gewesen. Beim Brettspiel kann ich ja schließlich auch die Sechsecke nach eigenem Willen anordnen.

Damit bleibt Catan zwar eine grundsolide Umsetzung mit weitgehend hervorragender Steuerung, jedoch wirkt sich die lächerliche Multiplayerunterstützung tödlich auf die Endwertung aus. Brettspiele im Allgemeinen und besonders Catan leben von der Interaktion mit lebendigen Wesen, die zumindest halbwegs intelligente Vorgehensweisen zeigen.

Der Singleplayer sollte bei solch einem Titel eher als Bonus gelten und nicht den Hauptteil ausmachen. Dieser wird wegen des immergleichen Ablaufes nämlich schnell langweilig und unterhält nur für kurze Strecken. Eine Bahnfahrt beispielsweise, oder in der Mittagspause. Dafür sind 40 Euro schlichtweg zu viel. Kauft Euch von dem Geld lieber die Xbox Arcade-Variante plus einige anderer Vertreter. Oder schnappt Euch das Brettspiel mit allen Erweiterungen, ladet Eure Freunde ein und überzeugt Sie davon, dass ein Stromausfall auch seine gute Seiten hat.

5 /10

Catan ist seit dem 28.05 im Handel erhältlich. Das Brettspiel bekommt Ihr schon für weniger als die Hälfte.

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Über den Autor:

Björn Balg

Björn Balg

Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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