Cotton Reboot - Test: Nicht nach dem Warum fragen, einfach über die Farben freuen.

Pizza-Bong ist zurück.

Cotton... Fragt nicht, warum man eine 30 Jahre alte Shoot'em'Up-Randerscheinung auffrischte. Genießt einfach die bunten Farben.

Immer wieder fasziniert es, was da frisch rebootet des Weges kommt. Toki war so ein Ding, wo man sich fragte, woher das jetzt kam. Die alten Asterix-XXL-Dinger aus PS2-Tagen sind ein seltsamer Flashback. Von Flashback mal ganz abgesehen, aber das hatte immer seine Kult-Anhänger. Und jetzt Cotton. Hierzulande kennen nur harte Import-Fans der frühen 90er die Reihe und natürlich Bewohner anderer Länder. Okay, Bewohner Japans. Aber auch da nicht so viele, denn Cotton war nie ein R-Type, Nemesis, Parodius oder auch nur Aleste, was die Bekanntheit angeht. Cotton war der kleine bunte Clown am Rande der Show. Ich freue mich, dass den noch jemand damals wahrgenommen hat. Denn es kann nie genug Cotton geben. Auch wenn es immer noch keiner wirklich spielen muss.

Die Story ist natürlich wie immer bei einem Shoot 'em up das Wichtigste: Die kleine Hexe Cotton muss mit ihrem Besen durch sechs Halloween-Ländle reisen, um sechs magische Bonbons zu finden. Unterstützt wird sie dabei von ein paar Feen, die zu diesem Mundraub extra ihre Bikini-Thigh-High-Fetisch-Party unterbrachen, um Cotton zu Hilfe zu eilen, damit die Macht im Universum nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Die Reihenfolge der wichtigsten Erzählwerke der Menschheit ist damit klar. Platz 3: Der alte Mann und das Meer. Platz 2: Im Westen nichts Neues. Platz 1: Cotton.

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Ah, die zeitlose Saga einer Hexe und ihrer Fetisch-Feen auf der Suche nach noch mehr Süßigkeiten und der Erlösung der Welt vom Bösen.

Damit diese so grundlegende Erzählung auch nicht im Bumm-Bumm-Baller-Baller untergeht, wurden Cotton schon damals, zuerst auf X68000, später auch auf minimal bekannteren Systemen, lange Zwischensequenzen spendiert, in der CD-ROM-Version der PC-Engine sogar höchst professionell vertont. Nie zuvor klang japanischer Kindergeburtstag auf Helium so tief ins Herz bewegend.

All das gibt es jetzt in einem wirklich erstaunlich aufwändigem Remake verarbeitet, das nur manchmal aussieht wie für Flash gemacht. Alle Pixel wurden in HD neu gezeichnet, die Level ein wenig arrangiert, der Soundtrack auf 11 gedreht. Klingt jetzt wie eine Chiptune-Eurodance-Crossover-Party. Wenn ihr denkt, dass das eine Kritik daran sei, auf keinen Fall. Es ist der Inbegriff der hohen Schule des Shoot 'em up-Soundtracks. Wenn diese Schule so hoch ist, weil sie das Helium für die Ballons nutzte, mit diesen aufstieg und nun unter Sauerstoffmangel leidet. Mit anderen Worten: Ich mag es wirklich. Das liegt auch daran, dass Cotton schon immer Chiptune-Killer-Melodien hatte, die praktisch unverwüstlich sind.

Ansonsten liegt hier in der Kürze viel Würze: Dank unendlicher Continues lässt sich Cotton bequem in einer halben Stunde durchspielen. Jeder der sechs Stages ist kaum fünf Minuten lang und der siebte ist nur ein Bosskampf. Ein komplett unfairer, der jeden eines Besseren belehrt, der dachte, dass ein paar Passagen von Stage 6 schon leicht pervers sind. Daran hat sich bei dem Remake nichts geändert. Ich brauchte damals gefühlte hundert Anläufe, konnte Level 1 bis 5 praktisch blind spielen, starb nur ein, zwei Mal irgendwann in 6, nur damit der dämliche 7er-Boss dann den Boden mit mir aufwischte. Dass geht jetzt deutlich schneller und fühlt sich ein wenig nach Cheaten an.

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Kann schon mal hektisch werden. Vor allem auf dem hohen Schwierigkeitsgrad. Aber es gibt ja Endlos-Continues.

Cotton gibt sich dabei mit seinen Extras viel Mühe, kreativ zu sein, zumindest nach Früh-90er-Maßstäben. Ihr levelt eure Schusskraft auf, indem ihr immer schön Münzen von Gegnern einsammelt. Schießt ihr auf die Münzen, ändert sich ihre Farbe. Sammelt ihr sie dann ein, gibt es ja nach Farbe eine andere Schussart oder eine von diversen Smartbombs, die ihr herrlich horten könnt, um sie alle beim siebten Boss wegzuhauen, um den Kampf etwas fairer zu gestalten. Sterbt ihr, dann wird der Level der Waffe etwas zurückgesetzt, aber ihr verliert eben nicht alles, wie es sonst damals der Fall war. Dieses System war sicher einer der Gründe, warum sich heute noch genug Leute an Cotton erinnerten, um ein Remake jenseits eines Fanprojektes zu rechtfertigen.

Das und die Farben. Cute 'em up war damals ein echtes Sub-Genre - siehe Parodius - und Cotton ist eines der niedlichsten mit seinem Halloween-Charme und Gegnern, gut gestalteten und meist dann doch fairen Bossen, teilweise spannenden Gegnerformationen. Alles lacht einen förmlich an, es gibt viel zu viel quietschige J-Sprach-Samples und irgendwo sagt jemand immer wieder mal "Pizza-Bong!" zumindest verstehe ich das. Deshalb hieß Cotton bei uns auch das Pizza-Bong-Spiel. All das wurde tadellos in die neue Version gebracht. Wer aber trotzdem die alte haben will, kein Problem: Die X68000 ist mit dabei.

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Die alte X68000-Version wirkt da weit aufgeräumter und der Bossgegner hier viel, viel seltsamer.

Der Unterschied ist natürlich dramatisch, ungefähr so, als würde man eine Slot-Machine aus den 70ern neben eine moderne Abzocker-Kiste stellen. Wo bei der neuen Version die Farben durch den Screen krachen, rotiert es auf der alten Version eher langsam vor sich hin. Es zeigt sich aber auch, dass die X68000er für ihre Zeit richtig spannende Geräte waren, mit mehr bunter Farbe und vor allem mehr wohlklingendem Midi-Sound als man das Ende der 80er sonst gewohnt war. Cotton reizte das aus und wer sich wundert, dass man nicht die ursprüngliche Arcade-Version nahm, dem sei gesagt, dass die Cotton-Arcade praktisch ein X68000 in einer anderen Verpackung war. Warum man jedoch nicht die in jeder Hinsicht bessere PC-Engine-CD-Version mit der besten Musik der Serie wählte, darauf habe ich keine Antwort.

Dann habt ihr noch einen Time-Attack-Modus mit zwei und fünf Minuten Laufzeit, der für die übliche Stunde Caravan-Shooter-Action motiviert, ein Online-Leaderboard und ehrlich gesagt war es das auch mit den Extras. Ihr dürft statt der neuen auch die X68000 Musik auswählen, es gibt für den X68000-Modus einen neuen Schwierigkeitsgrad. Was ich nicht gefunden habe, war eine Option, um die Continues einzuschränken, aber das gehört wohl zum Arcade-Gedanken. Da kann man auch beliebig Münzen nachwerfen.

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Wenn man im Leben mal ein wenig buntes Bonbon in Shoot'em'Up-Form haben will, dann kommt Cotton genau richtig.

Cotton Reboot ist für mich und die drei anderen hierzulande, die sich dran erinnern, perfekt. Meines Wissens ist Reboot das erste Cotton, das überhaupt Japan verlässt, womit sich die Nostalgie nicht mal auf die übliche Retro-Crowd reduziert, sondern da noch mal auf die Untergruppe der Import-Fans. Denn eines ist klar: So niedlich das alles ist - wortwörtlich wie auch, dass es überhaupt existiert - so irrelevant ist es für das Große Ganze der Spielewelt im Allgemeinen und das Shoot 'em up-Genre im Besonderen.

Cotton war nie ein Meilenstein seines Genres, es hatte nie den Reiz oder die Qualität der Konamis damals oder der Caves heute. Als Spiel... Ich fühle mich wirklich hartherzig das zu sagen, vor allem, weil ich Cotton so sehr mag: Es ist ein kleines, nettes, letztlich belangloses Shooterchen, das man zwischendurch mal wegballert, sich freut und dann wieder zu den Akten legt. Immerhin, es bleibt eine schöne Erinnerung. Und das ist gar nicht mal so wenig. Ob das reicht, um es zu spielen, müsst ihr selbst wissen. Vor allem bei dem Preis...

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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