Das Pokémon Go Fest 2020 war ein Versuch, das Beste aus einer beispiellosen Situation zu machen

Virtuell statt unterwegs feiern.

Mit der Safari Zone im Jahr 2018 und dem Pokémon Go Fest 2019 im Dortmunder Westfalenpark hat Niantic in den letzten beiden Jahren ein wunderbares Event in Deutschland - neben anderen auf der ganzen Welt - auf die Beine gestellt. Eines, das in diesem Jahr seine Fortsetzung gefunden hätte, wenn da nicht dieses klitzekleine Problem in Form der Coronoa-Pandemie wäre. Was für ein Spiel wie Pokémon Go, das auf Interaktion mit anderen und Bewegung im Freien setzt, nach einem Super-GAU klingt.

In den letzten Monaten hat sich Niantic daher mit Erfolg darum bemüht, das Spielen von zuhause aus einfacher zu machen. Wie stark das Pokémon-Go-Erlebnis eingeschränkt ist, hängt natürlich davon ab, wo sich die jeweiligen Spieler aufhalten. Mit Ausnahme der höherstufigen Raids fühlte ich mich zum Beispiel wenig eingeschränkt, ich ging weiter spazieren oder fuhr mit dem Fahrrad, hatte meine Bewegung auf den üblichen Routen entlang der Pokéstops und Arenen. Das Raid-Problem haben die Entwickler mittlerweile mit den Fern-Raids gut angepackt.

Und am Wochenende gab es statt einer lokalen Pokémon-Veranstaltung einfach ein weltweites, komplett virtuelles Fest. Eines, das weiterhin auf einen Ticketkauf setzte. 17 Euro kostete die Teilnahme am ersten rein virtuellen Go Fest - war es das wert? Dazu hört ihr mit großer Wahrscheinlichkeit viele verschiedene Meinungen, was an der zufallsbasierten Natur des Spiels liegt. Wo die einen auf viele schillernde Pokémon stießen, laufen den anderen weniger davon über den Weg - und die sind dann eher enttäuscht. Dass die einen mehr Glück haben als andere, ließ sich in der Vergangenheit immer gut bei Events beobachten, egal ob kostenpflichtig oder nicht. Am Nebulak-Community-Day stellte ich mit 20 Shinys einen persönlichen Rekord auf, bei Glumanda lief mir damals nicht mehr als eins über den Weg. Die Unterschiede sind ab und an gewaltig.

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Neue Shinys für die Sammlung.

Auf jeden Fall war die Stimmung in diesem Jahr anders. Das Pokémon Go Fest 2020 verbrachte ich überwiegend zuhause, klickte ein Pokémon nach dem anderen an - immer in der auf Hoffnung ein schillerndes Exemplar. Oder um es zu fangen, wenn es ein Interessantes beziehungsweise Seltenes war. Was indes nicht mehr als ein Teil dessen ist, was dieses Event normalerweise im Kern ausmacht.

Mit Tausenden anderer Spieler durch den Westfalenpark zu pilgern, die komplette Innenstadt von Dortmund mit Pokémon-fangenden Menschen gefüllt zu sehen, das sind besondere Erlebnisse, die in diesem Jahr ausblieben, die kein virtuelles Fest ersetzt. Ebenso wenig das Gemeinschaftsgefühl, mit Freunden zuerst den Tag über auf die Jagd nach Pokémon zu gehen und sich dann zum Abschluss des Tages in einem Restaurant niederzulassen und den Abend in fröhlicher Runde bei einem guten Essen und ein paar Drinks ausklingen zu lassen. Das wäre zwar rein theoretisch möglich, aber in der aktuellen Situation entsteht bei mir eher ein mulmiges Gefühl, wenn ich dichtes Menschengedränge vor und in Restaurants sehe. Das sind, um ehrlich zu sein, keine Orte, an denen ich mich derzeit lange aufhalten möchte - den unvernünftigen Menschen in unserer Gesellschaft sei dank.

Das Go Fest 2020 erstreckte sich in diesem Jahr über zwei Tage, jeweils mit einem anderen Fokus. Am Samstag standen verschiedene Pokémon-Habitate beziehungsweise -Mottos auf der Tagesordnung. In der Vergangenheit war der Westfalenpark in einzelne Regionen aufgeteilt, in denen unterschiedliche Pokémon spawnten. Was aktuell schwer umzusetzen ist, daher griff Niantic auf den Pokémon-anlockenden Rauch und fünf verschiedene Mottos zurück. Jede Stunde war ein anderes dran - zum Beispiel Kampf-Pokémon, dann kamen die Feuer-Pokémon und so weiter - und jedes Motto stand in den zehn Event-Stunden dieses Tages zweimal auf dem Programm, damit keiner eines verpasst.

Eine nette Idee mit guter Umsetzung, die unter anderem ein paar seltene Pokémon wie Icognito oder Kaumalat und regionale Pokémon wie Vipitis und Furnifraß anlockte. Die Spezialforschung des ersten Tages bestand aus einigen wenigen Aufgaben, die eure Aufmerksamkeit nicht von den wechselnden Mottos ablenkten. Hinzu kamen die globalen Herausforderungen inklusive Freundes-Ranglisten, mit denen Spieler drei Folge-Events für die nächsten Wochen freischalteten. Einzelne Dinge davon, darunter die Ranglisten, darf Niantic gerne für andere Events übernehmen.

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Ein Feuerwerk zum Abschluss.

Am zweiten Tag änderte sich der Ablauf, hier hatte Team Rocket seinen großen Auftritt und versuchte das Go Fest an sich zu reißen. Rüpel, Anführer und Giovanni waren an jeder Ecke oder in Ballons anzutreffen und schwächer als üblich, um jedem Spieler die Chance zu geben, die sechs Schritte umfassende Quest an diesem Tag zu beenden (was nicht zwingend erforderlich war, sie ist jederzeit abschließbar). Und nachdem ihr Team Rocket in die Schranken verwiesen hattet, wart ihr um das mächtige Crypto-Mewtu, andere legendäre Crypto-Pokémon und um das Mysteriöse Pokémon Victini reicher. Und über ein paar Schnappschüsse war es möglich, eine Form von Rotom zu erhalten.

Frei von Problemen blieb das Event dabei nicht. Von Zeit zu Zeit hatten die Server mit hoher Auslastung zu kämpfen, vor allem bei der ersten Freundschafts-Mottostunde am ersten Tag ging die Freundesliste in die Knie und hier und da war zu spüren, wenn das Event zum Beispiel in den USA startete und es vorübergehend ein wenig laggy war. Was aber erfreulicherweise nie mehr als ein paar Minuten dauerte. Für japanische Spieler gab es eine Stunde lang größere Probleme und Niantic hat im Zuge dessen schnell ein Event zur Wiedergutmachung angekündigt, zu dem aber noch keine Details vorliegen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es über die beiden Tage hinweg für Teilnehmer eine Menge zu tun gab, von speziellen Pokémon-Spawns während der einzelnen Motto-Stunden am ersten Tag über Raids bis hin zur Spezialforschung. Wer das Ziel hatte, sich hier mit neuen Pokémon einzudecken und anschließend beim Tauschen sein Glück zu versuchen oder seine Zahl an schillernden Exemplaren zu erhöhen, hatte hoffentlich eine Menge Platz in der Pokémon-Box frei. Wer kein Ticket kaufte, verpasste zwar einen Großteil dessen, hatte aber immer noch einige seltene Spawns und Raids verfügbar.

Ein netter visueller Touch war das vom Himmel regnende Konfetti, am ersten Tag an die jeweiligen Motto-Stunden angepasst und am zweiten Tag an Team Rocket. Zudem war an beiden Tagen nach dem Event-Ende um 20 Uhr bis in die Nacht noch Feuerwerk am Himmel im Spiel zu sehen. Es zeigt, dass sich Niantic ebenso ein paar Gedanken um das Drumherum machte, statt einfach die Spawns und Co zu erhöhen.

Letzten Endes war es eine gelungene Premiere für das erste rein virtuelle Pokémon Go Fest. Die Server hielten zum großen Teil stand, das Programm war abwechslungsreich und belohnte Teilnehmer mit seltenen und interessanten Pokémon für ihren Pokédex oder für Kampfteams. Bin ich froh darüber, dass ich daran teilnehmen konnte? Ja, auf jeden Fall. Wenn ich in Zukunft aber die Wahl hätte zwischen einem virtuellen Go Fest und dem Erlebnis, wie ich es in den letzten beiden Jahren an einem Ort wie dem Dortmunder Westfalenpark hatte, ich würde Letzteres bevorzugen. Damit ist diese virtuelle Veranstaltung einfach nicht zu vergleichen. In mir herrscht noch eine gute Portion Skepsis, aber zugleich ein Funken Hoffnung, nächstes Jahr zur gleichen Zeit zu dieser Form der Normalität zurückkehren und auf der Suche nach Pokémon durch den Westfalenpark pilgern zu können. Drücken wir die Daumen.

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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