Der Civilization-Erbe Old World zeigt, warum alle Spiele eine Rückgängig-Taste haben sollten

"Auch du, Brutus? Schon wieder?"

Old World - das 4X-Spiel des Civilization 3 und 4 Designers Soren Johnson - ist raus aus dem Early Access im Epic Store und keiner hat's gemerkt. Nicht einmal ich, der ich das Spiel bei meinem Erstkontakt extrem unterhaltsam fand. Nun gut. Ist eine Woche später noch immer frisch genug für mich, um einen Blick drauf zu werfen und nach zwei Abenden muss ich sagen: Ja, ich glaube, das hier spiele ich erstmal lieber als Civilization.

Das liegt, neben den schönen spielerischen Leihgaben von Crusader Kings, durch die diese 4X-Kampagnen deutlich persönlicher werden, und der innovativen Idee, "Befehle" zur wichtigsten Ressource zu machen, vor allem an einem zentralen Zugeständnis. Einem, das sich die Konkurrenz aus dem Hause Sid Meier immer noch zu fein ist, anzuerkennen: Wir alle machen Fehler - und mit einer Rückgängig-Taste wären wir besser dran.

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Die Welt ist eure Auster. Und diese Auster nimmt es euch nicht übel, wenn ihr nur einmal kurz anschlürft und dann doch an was anderem knabbert. Und ja. Ich bereue diese Metapher.

Old World macht in dieser Hinsicht wirklich Ernst: Natürlich kann man mit einem Klick auf den "Zurück"-Pfeil einzelne Aktionen ungeschehen machen, aber wenn man sich nicht sicher ist, was man sich bei seinen letzten Manövern gedacht hat, kann man beim Klick zusätzlich Strg halten und so den kompletten Zug noch einmal von vorne machen. Denn wenn wir mal ehrlich sind: Wie viel Unterschied macht es schon, einen einzigen, verdammten Zug zu korrigieren?! Wir haben es immerhin mit einem Strategiespiel zu tun, das über Hunderte Jahre hinweg die komplette Eisenzeit abdeckt und in dem es vor allem um die Erfüllung eurer Machtfantasien geht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr einem Irrtum aufgesessen wart, vergessen habt, einen wichtigen Befehl zu erteilen, der stattdessen irrtümlich in ein paar zusätzlichen Feldern Bewegung eines Kundschafters aufgegangen ist, oder euch einfach nur verklickt habt, ist deutlich größer, als dass ihr euch einen unfairen Vorteil gegen die KI herausspielen wollt - noch dazu einen, der den kompletten Gang dieser speziellen Geschichte verändert.

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Old World hat über 1000 Events, in denen von eurem aktuellen Anführer meist eine Entscheidung verlangt wird. Das Spiel schreibt so zusammen mit euch überraschend packende Geschichten.

Ich liebe dieses Feature, seit ich das erste Mal in Prince of Persia: Sands of Time einen tödlichen Sprung zurückspulen durfte und dachte schon, Spieleentwickler allgemein hätten endlich ein Einsehen, als Forza ebenfalls anfing, eine solche Funktion einzuführen. Tatsächlich aber könnten noch deutlich mehr Games davon profitieren. Immerhin ist sich Old World in dieser Hinsicht mit zwei weiteren aktuellen Favoriten von mir einig: Auch in The Last Spell und Wildermyth macht ihr - wenngleich etwas eingeschränkter - eure letzte Aktion rückgängig. Vielleicht schätze ich sie auch wegen ihres Wesens so sehr, das kleinere Ungenauigkeiten oder kurze Denkaussetzer gerne verzeiht?

Gleichzeitig treten alle diese Spiele den Beweis an, dass sie eben nicht trivialer dadurch werden, dass ihr vereinzelte Patzer korrigieren dürft. Es gibt nur weniger Momente, in denen ihr sauer auf euch, das Spiel oder die Entwickler seid und eigentlich lernt ihr jedes Mal sogar ein wenig mehr über das Spiel - und vielleicht sogar ein bisschen über euch selbst. Ich selbst bemerke an mir, vor allem in diesen Strategie-betonten Spielen, dass ich mich mit weniger Scheu durch diese Welten bewege und mehr ausprobiere.

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Wildermyth lässt es zu, eure Einheiten an eine andere Stelle zu bewegen, wenn ihr mit dem Zug nicht einverstanden seid.

Es ist an der Zeit, dass Spiele den "Noch einmal"-Button nicht mehr als gebilligte, verkappte Mogelfunktion ansehen, sondern als die überfällige, Experimentierfreude anregende und Vertrauen fördernde Quality-of-Life-Maßnahme, die sie in Wirklichkeit ist.

Old World ist aktuell exklusiv im Epic Games Store zu haben. Den ganzen Juli hindurch liegt der Preis bei reduzierten 29,64 Euro.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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