Der spezielle universelle Zauber des neuen Microsoft Flight Simulator

Ein Spiel als Tor zur Welt.

Es ist schon irgendwie bestechend, dass die erste Reaktion auf bewegte Bilder aus Microsofts neuem Flight Simulator immer gleich ausfällt: Ganz egal, wem man dieses Spiel zeigt, die Münder stehen ausnahmslos offen. Man muss nicht einmal Fan dieser gemütlichsten und verkopftesten aller Spielegattungen sein, mit Tausenden Euro an nahezu echt wirkendem Cockpit-Equipment zu Hause. Klassische "Gamer" springen hierauf ebenso an, wie Leute, die sich ansonsten überhaupt nicht für Videospiele interessieren. In einem Umfang, wie ich es selten erlebt habe.

Wohin man auch blickt, um den neuen Flight Simulator herrscht eine Aufregung, die schwer zu beschreiben ist. Das mag jetzt arg anekdotisch wirken, aber wenn meine Frau auf die Nachricht, dass ich am Wochenende noch etwas arbeiten muss, um meinen Artikel zum neuen Flight Simulator fertig zu machen, "den würde ich mir auch gerne mal anschauen" entgegnet, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

Im Ernst, wie kann das sein?!

Auch die Zahlen sprechen für den seltsamen Sog dieses unwahrscheinlichsten aller Hype-Titel dieses Jahres. Schaut man sich zum Beispiel im Xbox-YouTube-Kanal die Playlist der E3 2019 an, ist der Ankündigungstrailer von Flight Simulator 2019 das mit Abstand meistgesehene Video. Mit über sechs Millionen Views interessierte er deutlich mehr Leute als den Reveal-Trailer zur nächsten Xbox, damals noch Project Scarlett (3,6 Millionen). Ein Hype-Titel aus dem Nichts also, und das, obwohl die Reihe schon seit fast 40 Jahren existiert.

Es mag recht offensichtlich sein, dieses neu entfachte Interesse allein auf die Technik zu schieben, aber in Wirklichkeit steckt noch etwas mehr dahinter. Alleine gutes Aussehen ist es nicht, auch wenn diese bahnbrechende Synthese aus Satellitendaten, einer steten Internetverbindung und einer KI namens Blackshark AI in jedem Fall für das Fundament verantwortlich ist. Durch diese Kombination findet die gesamte Welt spielend Platz auf eurem Computer, sodass Asobo darüber nur noch eine fortschrittliche Wind- und Wetterberechnung schichten musste, die diesen virtuellen Globus in ein überraschend fotorealistisches Licht hüllt.

Resultat? Vergleiche mit dem, was üblicherweise als "Simulation" durchgeht, lassen den neuen Flight Simulator wie ein Spiel von übermorgen wirken. Selbst gegen aktuelle Technikmonster wie The Last of Us 2 wirkt es zukunftsweisend. Wiederum: Ich will hier kein bloßes Loblied auf die Technik singen, denn erstens hat die, gelinde gesagt, auch so ihre Probleme, wie euch Martin in seinem Artikel verrät. Und zweitens ist das, was die Entwickler hier erdacht haben, mehr als schöne Grafik: Es ist eine Einladung, auch in Zeiten von Lockdown und Quarantäne sicher zu verreisen, gewissermaßen euer persönlicher Teleporter an jeden erdenklichen Ort. Wie könnte man da "nein" sagen?

Microsoft Flight Simulator Giraffen
Der Moment, in dem man begreift, dass es auch Tiere gibt...

Womit wir schon beim anderen großen Kunststück wären

Und da hätten wir noch nicht einmal vom eigentlichen Fliegen gesprochen. Hier gelingt Asobo gleich der nächste Kunstgriff, indem das Studio alle Eitelkeit ablegt und das Spiel am unteren Ende seines waghalsig skalierbaren Flugmodells geradezu verdächtig freundlich gestaltete. Der Flight Simulator weiß um seine Anziehungskraft und reißt tüchtig die Arme auf, um Spieler und Spielerinnen jeden Schlages wärmstens zu empfangen. Ich habe auf "Einfach" gleich meinen zweiten Landeanflug auf eine nicht gerade einfach anzusteuernde Landebahn in Chamonix (nahe dem Mont Blanc) ohne größere Blessuren absolviert, ohne dass das ein Selbstläufer gewesen wäre. Ohne Flughilfen bin ich nicht mal in deren Nähe gekommen.

Microsoft Flight Simulator Nacht
Nachtflüge üben einen besonderen Reiz aus. Wollt ihr nicht? Verstellt im Wettermenü jederzeit die Tageszeit.

Asobo wagt mit optional einfachem Flugmodell, Herausforderungen, Punktevergabe und Ranglisten den Schritt Richtung Pilotwings, für diejenigen, die ihn gehen wollen und liegt damit goldrichtig. Und weil ambitionierte Hobbypiloten ebenso wenig vergessen wurden, sind am Ende alle glücklich.

Wo stand euer Globus?

Ich habe diese Art Simulation immer bewundert, aber Eskapismus ... das war nie ihre Stärke. Unterkühlt, elitär, furztrocken waren sie immer. Und vor allem: sich ihrer eigenen Macht offenkundig nicht bewusst. Das ist die zentrale Lektion, die ich vom neuen Flight Simulator gelernt habe. 2020 wird das anders.

Microsoft Flight Simulator Rio
Noch nie dagewesen? Jetzt schon.

Dieses Spiel begreift sich nicht nur als Fingerübung für echte und Möchtegern-Piloten, sondern auch und vor allem als Türöffner zum Rest der Welt: Wo willst du als erstes hin? Wann und vor allem wie willst du dein Traumziel sehen? Im Sonnenaufgang, Sonnenuntergang? Bei Nacht? Und wie soll das Wetter sein? Alles geht. Überall. Das regt an, weckt und stillt Fernweh zu gleichen Teilen. Was interessant ist, weil ich weiß, dass ihr in diesem Moment beschlossen habt, als allererstes das Haus zu suchen, in dem ihr aufgewachsen seid. Es ist eine faszinierende Mischung an Gefühlen, in denen dieses Spiel rührt.

Wer hat nicht als Kind - zu Hause, bei Freunden oder Verwandten - das erste Mal an einem Globus gedreht und sich vorgestellt, wie es wäre, sich an all die Orte versetzen zu können, die da unter den kleinen, schmutzigen Fingern entlangkreisten? Ich hatte diesen speziellen Gedankengang fast vergessen. Nach ein paar Abenden mit dem Flight Simulator erinnere ich mich sogar wieder an den Geruch des Zimmers, in dem "mein" Globus stand.

  • Entwickler / Publisher: Asobo / Microsoft
  • Plattformen: PC, Xbox One (angespielt auf PC)
  • Release-Datum: 16. August
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: ca. 60 Euro, enthalten im Xbox Game Pass

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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