Wenn man der Musiksparte von EA etwas lassen muss, dann dass sie in ihrer Trax-Auswahl nicht nur die teure und zugkräftige Crème de la Crème des aktuellen Musikgeschmacks verbuchen, sondern auch hin und wieder mal völlige Newcomer mit ins Boot holen. In Sims 3 hört Ihr unter anderem auch Songs der noch reichlich unbekannten Kombo Pint Shot Riot aus dem englischen Coventry.

Als Berliner verbuche ich das Ganze unter Mitte-Indie-Geschrabbel, allerdings der spaßigen möchtergern-punkigen Sorte. Die Sorte, die sich wunderbar eignet, um den Weg zur Arbeit etwas netter zu gestalten. Der Rest der Welt nennt es wahrscheinlich einfach Brit-Pop.

Warum haben wir mit Rocket (Stimme und Lead Guitar) und Baby Dave (Bass) gesprochen? Weil wir es konnten und um Euch zu zeigen, dass eine Band nie zu klein ist, um sich nicht doch schon ein paar Pseudonyme zulegen zu können.

Eurogamer: Mein erster Eindruck, als ich Euren Song “start digging“ hörte, war “Iggy Pop”. Ist er einer Eurer Einflüsse oder liege ich da komplett daneben?

Rocket: Ha, ich weiß, woher Du das hast. Lust for Life, oder? Die Drums sind sehr ähnlich. Ja, Iggy´s Attitude ist definitiv ein Einfluss.

Eurogamer: Beim ersten Hören wirken Eure Texte dunkel und grüblerisch, ganz im Gegensatz zu den eingängigen Melodien. Ist dieser Eindruck richtig?

Rocket: Es dokumentiert einfach, was in wahren Leben um uns herum passiert. Die Texte erzählen die Geschichten von Dingen, die um uns herum, unseren Freunden, Familien oder im Land passieren.

Eurogamer: Ihr kommt aus Coventry, was zwar nett klingt, in Wirklichkeit aber sehr direkt von der aktuellen Wirtschaftkrise betroffen ist. Die Autoindustrie packte als erste ihre Sachen, jetzt hat es den Finanzsektor, die zweite große Stütze Coventrys erwischt. Bricht jetzt GTA in der Stadt aus oder gibt es Hoffnung in dunklen Zeiten?

Baby Dave: Es gibt hier einen besonderen Verve, wir packen nicht einfach zusammen. Und trotz der abwandernden Industrie, Arbeitslosigkeit und andere harter Situation, die ja auch das ganze Land betreffen, bleiben hier alle hoffnungsvoll und positiv. Keine Aufstände und keine Plünderungen (lacht).

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Pint Shot Riot von links nach rechts: Mini Rocket, Baby Dave, Rob und Rocket.

Eurogamer: Lohnt es sich, in der Tatsache nach Ironie zu suchen, dass Eure Music sich eher mit niedergeschlagenen Menschen in niedergeschlagenen Situationen zu beschäftigen scheint und diese Musik jetzt den Soundtrack zu einem „Shiny-Happy-People“-Simulator wie Sims 3 liefert?

Rocket: Nein, gute Songs sind gute Songs. Jeder kann einen Bezug zu unseren Songs finden. Schaut nicht zu sehr auf den Sinnzusammenhang, sondern die Gefühle, die dieser Zusammenhang schafft.

Eurogamer: Wie kam es zu der Zusammenarbeit, hat Euch jemand angerufen und gesagt, „Hey wir haben da dieses Gemeinschafts-Gesellschafts-Aufbau Spiel und Ihr habt einen tollen Song über Leute und Orte in, sagen wir mal, schwierigen Situation. Lasst uns zusammenarbeiten!“?

Rocket: (Lacht) Nein, ganz so war es nicht. Der Anruf ging eher so: „Das ist ein toller Song, der den Hörern Spaß machen könnte. Können wir den in das Spiel mit aufnehmen?“.

Eurogamer: Spielt Ihr selber Auch Die Sims oder bevorzugt Ihr andere Spiele und Genres?

Baby Dave: Die Sims ist ein klasse Spiel.

Eurogamer: Wenn jemand Euch anbieten würde, den Soundtrack für ein ganzes Spiel zu schreiben, würdet Ihr Euch dessen annehmen? Und was für ein Spiel sollte das sein, wenn Ihr die Wahl hättet?

Baby Dave: Auf jeden Fall, damit hätten wir sicher Spaß. Es sollte etwas sehr intensives und episches sein, ein Kriegsspiel oder ein Gangsterspiel alter Schule.

Eurogamer: Ihr gründetet Eure Band vor der aktuellen Welle von Rhythmus-Musik-Spielen. Glaubt Ihr, dass Jugendliche von jetzt an aufgenommene Oasis und Maiden–Songs spielen statt Bands aus dem Boden zu stampfen?

Baby Dave: Auf keinen Fall, ich sehe immer mehr Kids in Coventry, die eine Gitarre in die Hand nehmen. Diese Spiele liefern großartiges Entertainment, aber eine Band zu gründen, ist eine Lebenseinstellung und ein Ventil für Kreativität.

Eurogamer: Habt Ihr selbst schon diese Games gespielt?

Baby Dave: Klar, über Weihnachten haben wir so ziemlich nichts anderes gemacht und auch in der Zeit als wir unser Album aufnahmen. Wir spielen beide Serien und es ist einfach großartiger Spaß.

Eurogamer: Hat Euch Electronic Arts schon gefragt, ob einer Eurer Songs für Rock Band erscheinen wird?

Rocket: Bis jetzt noch nicht, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, würden wir uns freuen.

Eurogamer: Noch mehr als die Spiele-Industrie leidet die Musikwelt unter Raubkopien. Zumindest ist es das, was uns die großen Labels jeden Tag sagen. Ihr beginnt Eure Karriere im Zeitalter von MySpace und Youtube, aber auch von zahllosen BitTorrent-Seiten. Wenn Ihr erst mal so erfolgreich wie die Kaiser Chiefs seid, werden Leute anfangen, Eure Songs herunterzuladen. Was denkt Ihr als Künstler darüber?

Rocket: Das Problem wird man wohl nie aus der Welt bekommen. Ich persönlich habe noch nie irgendwelche kopierten DVDs, Musik oder Spiele besessen. Als Musiker und Kreativer weiß ich bestens, wie viel dort einfließt, und es sich dann einfach zu nehmen, zeigt eine sehr unschöne Einstellung in unserer Gesellschaft. Wenn Dir ein Künstler gefällt und Du seine Arbeit gut findest, dann nimmst Du mit dem Kopieren das weg, was es ihm erlaubt, seine Arbeit fortzusetzen. Und Dir selbst nimmst du die Möglichkeit weg, weiter Spaß damit zu haben. Es ist sehr kurzsichtig.

Eurogamer: In Deutschland ist Pint Shot Riot noch nicht so bekannt. Welches Video sollte sich jemand zuerst angucken, um Euch in kennenzulernen?

Baby Dave: ”Holes” wäre gut, da sieht man uns auf Live.

Solltet Ihr mehr über Pint Shot Riot wissen wollen, findet Ihr alles Mögliche in ihrem MySpace Profil oder auf ihrer offiziellen Website.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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