Don King Boxing

K.O., O.K.?

Bevor der geneigte Boxfan sich dieses Review durchliest, sollte er sich die Zeit nehmen, sich die Physik-Demo des kommenden Fight Night Round 4 anzuschauen. Wenn das Spiel in der Form erscheint, wird es wohl so etwas wie eine kleine Technik-Revolution: Keinerlei Clipping. Arme und Muskeln, die sich ohne Überschneidungen ineinander verheddern und physikalisch korrekt aufeinander reagieren. "Halbe“ Treffer, prozedural generierte Punches und eine Kollisionsabfrage, die man so in noch keinem Vollkontaktspiel, ja, eigentlich in noch überhaupt keinem Spiel erleben durfte. Da muss man nicht einmal Box-Fan sein, um sich darauf zu freuen.

Ein Don Kong Boxing, das in den Vereinigten Staaten bereits im letzten Jahr unter dem Titel Don King Presents: Prizefighter erschien, ist hingegen das komplette Gegenteil: Ein Boxspiel „wie immer“. Überaus konventionell, solide und grafisch annehmbar, merkt man dem Titel leider zu jeder Sekunde an, dass Entwickler Venom Games dem Genre eigentlich nichts hinzuzufügen hatte. Und in einem Sport, in dem selbst der aktuelle Champ noch soviele Wünsche offen lässt, ist das eigentlich das Schlimmste, was man über einen Titelherausforderer sagen kann.

Eine Sache macht Don King Boxing allerdings ganz gut: Es präsentiert seinen Karrieremodus tatsächlich wie eine Karriere, anstatt sie ausschließlich als Wechselspiel aus Kampf, Training, Kampf zu inszenieren. Der Kern des Gameplays ist natürlich wie immer eine Folge unterschiedlich interessanter Trainingsminispiele, die man nach einer Weile lieber der Autotrain-Funktion überlässt, und Fights um die höheren Ränge. Dazwischen zeichnen aber Interviews mit Realschauspielern, wie Mario an Peebles (als er selbst), einigen echten Boxern, verschiedenen Trainern, Ex-Freundinnen und natürlich Don King himself, ein beinahe dokumentarisches Bild vom Werdegang der imaginären Box-Legende „The Kid“.

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Niederschläge und Gesichtsdeformationen sind nicht besonders spektakulär

Zusätzliche Motivation bringen Kämpfe unter bestimmten Voraussetzungen mit sich. In einem Bout tretet Ihr zum Beispiel mit verletzter Hand an und bekommt Energie abgezogen, wenn Ihr damit schlagt. Ein anderer Fight muss durch K.O. gewonnen werden, weil einer der Ringrichter von der Gegenseite geschmiert wurde. Und im Match gegen einen besonders hinterhältigen Kontrahenten verschwimmt Euch die Sicht, weil dieser mit einem Betäubungsmittel auf seinem Handschuh in den Ring gestiegen ist. Hier hat Venom Games mitgedacht und Einzelspielern einen der besseren Karrieremodi der Sportspielgeschichte geliefert. Auch wenn ich es jedes Mal ein bisschen verstörend fand, wenn mein selbsterstellter „Pankow Pankreasklopfer“ den Mund aufmachte: Der tiefschwarze Slang meines deutlich osteuropäisch aussehenden Verhauers könnte nämlich selbst Fiddy Zent unter den Tisch gangstern.

Abgesehen davon enden beim Karrieremodus die wirklich positiven Dinge, die man über Don King Boxing sagen kann. Im Ring selbst ist das alles schon tausendmal dagewesen und grafisch ungefähr eine ganze Gewichtsklasse unter EAs mittlerweile drei Jahre alter, dritter Runde Fight Night. Die Kämpfe passieren wie schon zu PSone-Zeiten mit den Buttons, während mit dem rechten Stick geblockt wird. Das wäre per se ja nicht unbedingt schlecht – auch wenn ich die EA-Lösung per rechtem Stick deutlich eleganter finde –, wirkt hier aber irgendwie klobig. Oft feuert Euer Fighter einen Schlag mehr ab, als Ihr Eurem Gegner angedeihen lassen wolltet. Cuts und Schwellungen scheinen keine Rolle zu spielen (erstere hab ich während des gesamten Tests nie zu sehen bekommen), die Geraden der Führhand kommen zu weich, um einen kleineren Gegner vernünftig auf Distanz zu halten, und die Kollisionsabfrage sabotiert regelmäßig das Trefferfeedback.

Schläge aufs Brustbein werden immer und immer wieder als Kopftreffer registriert, hohe und niedrige Punches sind oft schwer auseinanderzuhalten und viele „Treffer“ sehen einfach nicht wie solche aus, was vor allem einigen Knockdown ihrem "Wumms" nimmt. Dazu kommt, dass Konter eigentlich nicht möglich sind. In FNR3 waren sie zu einfach, hier fehlt eine solche Funktion fast komplett. Ihr habt lediglich die Möglichkeit, bestimmte längere Schlaganimation auswendig zu lernen. Jedes Mal, wenn der Gegner diesen Punch in Eure Richtung wirft, schmeißt Ihr dann einfach eine schnellere Faust in dessen Gesicht.

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Neidisch stiert Calzaghe auf die goldenen Shorts.

Einen halben Pluspunkt bekommt das Spiel noch dafür, dass es die Bewegung im Ring etwas mehr in den Vordergrund stellt und das Geschehen dadurch etwas weniger statisch abläuft als bei der Konkurrenz. Leider kann man Ringecken, Seile und gewonnene Distanz zum Gegner nicht wirklich zu seinem Vorteil nutzen, was diesen Punkt wieder sehr relativiert.

Die Wii-Version nutzt zum Ausweichen (und für ein paar nette Fitnessspielchen) übrigens das Balance-Board, krankt aber daran, dass man die Schlagdistanz aufgrund der „von hinten“-Perspektive so gar nicht mehr einschätzen kann. Schläge tauscht man hingegen deutlich zuverlässiger als zum Beispiel in Ready 2 Rumble Revolution. 100 prozentig zufriedenstellend ist das Luftlöcherschlagen dank, auch hier, mäßigem Trefferfeedback nicht. Das und der um die Trainingseinheiten abgespeckte Karrieremodus sorgen dafür, dass die Vorstellung der Wii-Version noch einen Tick weniger überzeugt, als die der konventionellen Joypad-Variante.

Don King Boxing ist kein kompletter Fehlschlag. Die Aufmachung des Karrieremodus ist sogar ganz nett, aber zwischen den Seilen würde selbst ein Match gegen das betagte Fight Night Round 3 relativ deutlich zugunsten des EA-Schützlings ausgehen. Und selbst das macht ja bei Weitem nicht alles richtig. Wie man sich in dieser Form in der Position sieht, einem schon bald erscheinenden Fight Night Round 4 auch nur ein Glas Leitungswasser abzugraben, ist mir absolut schleierhaft. Selbst Die-Hard-Boxfans haben Don Kings nett präsentierte Einzelspielerkarriere nach dem ersten Durchspielen wieder vergessen und werden sich wundern, warum sie nicht noch die paar Monate gewartet haben, bis EA seine vierte Runde eröffnet.

Ein brauchbares Spiel, das niemand braucht.

6 /10

Don King Boxing ist für Xbox 360 und Wii erhältlich. Hier gibt es auch den Trailer zu Don King Boxing Wii.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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