Dragon Age: Origins

Träumt von Drachen

Die Wachen waren tot, und das Blut, das von ihrem Hochzeitskleid rann, bezeugte dies. Jetzt stand die Elfin Solena vor ihrem Schänder und bewunderte eine seltsame Mischung, die sie in den Augen des Fürstensohnes las: Arroganz und Panik zu gleichen Teilen. Zumindest war also etwas von dem Hochmut dieses schleimigen Wiesels abgeblättert. Aber er hatte recht. Wenn sie ihn jetzt einfach abschlachtet, wie er es verdient hätte, bricht morgen die Hölle im Gesinde-Quartier der Elfen aus. Ihre Familie, Freunde, alle ihres Volkes in dieser Stadt würden leiden und vermutlich auch sterben. War es das wert? Sie dachte an ihre geschändete und geschlachtete Freundin in dem dunklen Raum unten im Schloss. Der Tod dieses Bastards würde sie schließlich auch nicht zurückbringen. Und Solena hatte eine Wahl: Der Adlige würde leben, sie aus der Stadt verschwinden, die Episode dieser Nacht vergessen sein. In diesem Moment fühlte sie den ungewohnten, goldenen Ehering an ihrem Finger.

Keine paar Stunden war die Hochzeit her, auch wenn es ihr wie ein Lebensalter erschien. Solena hatte kaum eine Chance gehabt, ihren Mann kennenzulernen, bevor dieser "Mensch" - Solena war vorher nie bewußt, wie viel Hass ein Wort tragen kann - ihn abschlachtete. Ihr Mann hat sie kaum gekannt, aber er hatte versucht, sie zu schützen und bezahlte dafür mit dem Leben. Sie kannte ihm kaum, aber sein Opfer, das Opfer ihrer Freunde, das muss doch etwas wert gewesen sein. Zur Hölle mit den Konsequenzen, und wenn die Welt morgen im Blut schwimmt, die Elfen heute Nacht sollten nicht ungerächt gestorben sein! Ein böses Lächeln umspielt Solenas Lippen, als sie das Schwert hebt. Jeder Hochmut verwindet aus den Zügen des jungen Adligen vor ihr…

Die einzelnen Bestandteile der Braveheart-Nummer meiner in niederen Stand geborenen Elfe waren natürlich gescriptete Events, aber die Gesamtheit der Szene war nicht unbedingt unausweichlich. Es hätte alles anders kommen können. Dragon Age ist ein Meister der kleinen und großen Entscheidungen, vor allem aber des Charakterdesigns und der Ausgestaltung der Persönlichkeit der Figuren. Das erst ist es, was diese Entscheidungen spannend und interessant macht. Das Spiel gab mir genug Zeit, mich im Elfenviertel umzuschauen, seine Bewohner kennenzulernen und mich dort mittels gut geschriebener Dialoge und intelligenter Antwortmöglichkeiten einzuleben. Die Entscheidungen, die man hier trifft, prägen die eigene Spielfigur so feinfühlig und gleichzeitig dramatisch, dass es keine Rolle spielt, die ersten Minuten mit einem Abziehbild zu verleben. Nach einer Handvoll Plaudereien beginnt sich schnell eine Persönlichkeit herauszuschälen, die ihr Umfeld genauso prägt, wie die Ereignisse um sie herum ihr Leben bestimmen.

An den Ehering in der kleinen Episode oben erinnerte mich nicht das Spiel, es fiel mir einfach ein, während ich über das Angebot des Lords nachdachte. Es war keine erzwungene Wahl, sondern eine, die deutlich macht, dass es in Dragon Age kein richtig oder falsch, sondern nur Entscheidungen und ihre Konsequenzen gibt. Das klingt jetzt sehr nach den Worten von Peter M. zum Thema Fable, nur gibt es hier einen Unterschied: Dragon Age handhabt das Ganze um so vieles geschickter, als beispielsweise Fable 2 es tat.

Es nervt euch nicht, stellt eben nicht vor plakative Gut-Böse-Wahlen, in denen sowieso eindeutig ist, was folgt. Ihr trefft Entscheidungen, von denen ihr denkt, dass sie zum Charakter passen, und schaut, wohin der Weg führt. Vielleicht hättet ihr gar nicht geheiratet, vielleicht auch den Fürsten sofort geköpft, ohne sein Angebot abzuwarten. Vielleicht wäre eure Figur bei gleicher Ausgangslage eine ganz andere Persönlichkeit geworden. Das Spiel lässt euch so viele Freiheiten innerhalb seiner geschickt aufgebauten, aber letztlich doch linearen Story, dass es am Ende wirklich eure Figur ist.

Es ist ein Gegenentwurf zu den absoluten Freiheiten, die in letzter Zeit immer so hoch gepriesen werden. Was soll ich in jedem Haus, wenn dort nichts drin ist, was für meine Figur wichtig ist? Warum sollte ich überall hingehen, wenn die Action doch woanders stattfindet? Was soll ich mit tausend NPCs, wenn sie mir doch nichts zu sagen haben? In Dragon Age gibt es natürlich auch ein paar Dekofiguren, aber selbst diese reagieren angemessen auf euch und die richtigen NPCs kommen zwar nur im Dutzend und nicht in der Hundertschaft daher, aber ihr wollt jedes einzelne Gespräch mit ihnen geführt haben. In kaum einem anderen Spiel finden sich dermaßen gute Dialoge, auf die ihr nicht nur großen, sondern auch sehr differenzierten Einfluss habt.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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