Ein so erfrischendes JRPG wie Astria Ascending gibt es 2021 kein zweites Mal

Was passiert, wenn ein Indie-Studio mit Veteranen von Final Fantasy ein Spiel macht, das zeigt Astria Ascending.

Fast könnte man meinen, dass Final Fantasy einen neuen Retro-Teil bekommt (oder eine Entschädigung für das Pixel Remaster), wenn man zum ersten Mal über Astria Ascending stolpert. Und ja, auch beim Anspielen kam das Gefühl auf, als hätte Square Enix DotEmu damit beauftragt einen alten Klassiker neu aufleben zu lassen. Denn so fühlt sich Nostalgie an, die weder auf Quality of Life-Elemente, noch auf einen zeitgemäßen Zeichenstil verzichtet.

Hinter den Kulissen des JRPG-Indies ging es allerdings genau umgekehrt zur Sache: Die kleine Entwicklergruppe namens Artisan Studios kooperiert für Astria Ascending mit erfahrenen Final-Fantasy-Größen, wie dem Komponisten Hitoshi Sakimoto (Final Fantasy Tactics, Final Fantasy XII), Szenario-Schreiber Kazushige Nojima (Final Fantasy X, Final Fantasy VII) und dem Studio CyDesignation (Final Fantasy XIII, Bravely Second: End Layer), die am Ende für Sound, Artstyle und Geschichte verantwortlich waren. Wie das Endergebnis nun aussieht, seht ihr im folgenden Video:

Neben dem einzigartigen 2D-Stil, der von den Entwicklern bereits durch einen Teil des Neptunia-Franchises geschärft wurde, sticht hier das Gameplay und die Geschichte erfrischend heraus: Ihr schlüpft in die Rolle von acht Halbgöttern, denen die Aufgabe zuteilwird, die Harmonie in der Welt von Orcanon aufrechtzuerhalten. Die Tragödie hinter dieser ehrenvollen Aufgabe ist, dass die acht Auserwählten nur noch drei Jahre zu leben haben, sobald sie zu Halbgöttern aufsteigen.

1_Demi
Unsere Hauptcharaktere sind zwar eine bunte Mischung von Halbgöttern, aber sie verbindet alle ein schweres Schicksal: Sie haben nur drei Jahre zu leben.

Zudem treffen verschiedene Kulturen aufeinander, denn Orcanon ist eine Welt mit verschiedensten Bevölkerungsgruppen, die sich im Charakter und im Äußeren stark unterscheiden. Ist das Meeresvolk "Peyska" besonders passiv und bemitleidenswert, sticht das Volk der Bestien "Arktan" als besonders stolzes und starkes heraus. Dabei entstehen innerhalb der Gruppe Konflikte und Gespräche, die recht erwachsen wirken. Es geht, anders als in vielen Final Fantasy Teilen, nicht um die Selbstfindung in der Jugend, sondern vielmehr um eine Geschichte, die auf Verantwortung und das Miteinander abzielt.

Leider fällt die Vertonung bei den eigentlich ernsten Themen unangenehm auf: Die englische Sprachausgabe reißt zu oft aus der eigentlich emotionalen Geschichte mit aufgesetztem Schauspiel heraus. Das Problem erledigt sich, wenn man die Erzählung einfach auf Japanisch mit deutschen Untertiteln stellt. So klingen die Gespräche gleich wieder ernst und nicht ungewollt lustig. Es wäre trotzdem Schade, wenn die Handlung durch die englische Ausgabe kaputtgeht - wer weiß, ob sich da bis Ende September was tut.

Das Kampfsystem bietet eine Mischung aus vertraut und einzigartig. Es gibt das sogenannte Focus Point System, das es - ähnlich wie bei Bravely Default - ermöglicht, den Zug eines Charakters auf den nächsten zu übertragen. Der Fokus liegt dabei darauf, möglichst alle Figuren in den Kampf einzubinden und die Schadenspunkte auf eine Attacke zu konzentrieren, die am effektivsten gegen den Gegner wirkt. Hierfür spielt man die eigenen Stärken gegen die gegnerischen Schwächen aus. Diese findet man normalerweise entweder durch Herumprobieren oder durch erlernte Skills, kann sie aber im einfachen Modus auch immer anzeigen lassen.

2_Gameplay
Das Focus Point System (oben rechts in der Ecke) zeigt, dass Spielabläufe nicht immer neu erfunden werden müssen, um Spaß zu machen: altbewährte Kampfsysteme können auch mal neu kombiniert werden!

Vielleicht merkt man es bereits beim Lesen - hier wurden viele klassische JRPGs als Vorbilder genommen. Keine Mechanik ist wirklich neu und in einem Jahr wie diesem, das für Genrefans eine echte Bereicherung war, wenn nicht sogar fast schon übersättigend, fragt man sich schon, ob man noch eines von der Sorte braucht. Neben den etablierten Franchises von Größen wie Square Enix, Falcom, Bandai Namco, Atlus und Co. ploppen hier und da Indie Perlen, wie CrisTales auf, die obendrein ihre eigene Interpretation des Genres gewürdigt wissen wollen. Doch nach etwa einem Zehntel von Astria Ascending kann ich euch versichern, dass das Spiel bisher keinerlei Genre-Burnout hervorruft, im Gegenteil: Zwar sind die einzelnen Spielelemente bekannt, doch im Ablauf wirken sie schön rund.

Figuren wie der Dieb, der normalerweise für mich ganz unter den Tisch fallen würde, wird durch eine clevere Design-Idee im Kampf gehalten, das Einwechseln der Charaktere kostet mich nur einen Zug und Knopfdruck! Die Geschichte und die wunderschöne Welt wird JRPG-Kenner zwar nicht gleich vom Hocker reißen, dennoch fühlte sich für mich bisher die eine oder andere Veränderung in der Erzählperspektive erfrischend an. Eine stetige Dramatik ist ja bereits durch das baldige Ableben der Charaktere gegeben. Dadurch entsteht eine emotionale Perspektive auf unsere acht Figuren, die zu jeder Zeit eine Einheit bilden müssen, aber gleichzeitig doch so unterschiedlich sind. Astria Ascending hält im Gegensatz zu den gleichgesinnten so die Balance zwischen komplexer Taktik und den frischen Ideen eines Indie-Studios.

Astria Ascending geht außerdem weder zu nah an eure zeitlichen noch an eure nervlichen Ressourcen. Für 100% braucht ihr schließlich gerade mal 50 und für die Geschichte je nach Spielstil 25 bis 30 Stunden. Nervige Teenies mit Existenzkrise gibt es in der Handlung bisher auch nicht. Dafür hält der ausgefeilte Mix aus bereits bekannten rundenbasierten Kampfelementen bei Laune. Wer keine überragende Current-Gen-Grafik, die größten Explosionen oder eine epische Reizüberflutung braucht und Lust hat, sich thematisch auch mal abseits ausgetretener JRPG-Pfade zu bewegen, ist mit Astria Ascending bestens bedient.

Astria Ascending erscheint am 30. September für alle Plattformen inklusive Game Pass. Die Preise werden noch bekannt gegeben.

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Über den Autor:

Ana Kudinov

Ana Kudinov

Video Editor  |  Anatainment

Twitch-Streamerin, Kaffeeliebhaberin und Video-Editorin bei Eurogamer.de - Liebt Strategie-, Indiespiele und vor allem Japanogedöns so sehr, dass man sich fragen könnte was kam zuerst: Ana oder Anime?

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