Test: Ender Lilies - Ein wenig Dark Souls in das Metroidvania und dann passt das

Blaupause für ein Genre.

Ender Lilies erfindet nichts neu, aber es macht für ein Metroidvania alles richtig. Keine Neuerfindung des Genres. Aber ein Idealzustand.

Ender Lilies ist eines dieser Spiele, die man einfach nicht auf dem Schirm hat. Ich lernte es praktisch erst kennen, als ich einen Werbeartikel bei uns dazu abnahm und mir dachte "Das sieht wirklich nett aus, das sollte ich mal anspielen". Gesagt, getan und ich muss sagen, dass der Werbeartikel so nicht passte. Das Spiel ist noch besser. Deshalb verkünde ich jetzt, nach zehn oder 15 Stunden mit Ender Lilies, das aktuell beste Metroidvania. Zumindest für meinen Geschmack.

Dabei macht Ender Lilies: Quietus of the Knights, um es einmal mit seinem vollen, sehr japanisch dämlichen Namen zu nennen, nichts neu. Also so rein gar nichts. Ihr habt eine 2D-Sicht auf mal mehr, mal weniger große Räume und Areale, die alle miteinander verbunden sind, was sich sehr schön auf einer 2D-Karte nachvollziehen lässt. Diese zeigt an, ob ein Raum noch Ausgänge hat, die ihr nicht benutzt habt und ob noch relevante Dinge drin versteckt sind. Sonst gibt sich die Karte nicht sonderlich auskunftsfreudig, aber das ist okay. Alle paar Räume habt ihr einen Ruheraum, in dem ihr eure Waffen neu sortiert, heilt und speichert. Nach und nach bekommt ihr neue Fertigkeiten und Items, die es euch erlauben, weiter zu springen, an Wänden hochzuklettern und andere Dinge, die euren Erkundungsradius erweitern.

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Wird es jemals langweilig werden in einem guten Metroidvania ein monsterverseuchtes Schloss zu erkunden? Die klare Antwort lautet: Nein!

So weit, so die Standarddefinition des mittlerweile wohletablierten Metroidvania-Genres. Der Aufbau des Spielablaufs ist dabei recht nah an einem netten Dark Souls dran: Ihr zieht los, guckt wie weit ihr kommt, sammelt Erfahrung und was ihr noch findet. Alle Gegner, die ihr tötet, bleiben erledigt, auch wenn ihr zurück in einen Raum geht. Erst wenn ihr sterbt und zurück zum letzten Ruheraum kommt oder einen solchen nutzt, werden sie wieder zurückgesetzt. Das gilt auch für eure Heilung. Ihr habt eine kleine Zahl an Heiltränken - eigentlich irgendwas mehr Metaphysisches, aber es könnten auch Tränke sein -, wenn die alle sind, müsst ihr euch ausruhen, um sie wieder aufzufrischen. Auch daher der Dark-Souls-Vergleich.

Noch deutlicher wird die Verwandtschaft im Geiste bei den Bossen. Während der Rest von Ender Lilies eher gemächlich verläuft und einzelne normale Gegner schon mal ordentlich reinzimmern können, sind es die großen End-Bosse eines Areals, die es in sich haben. So wie ihre From-Software-Kollegen stampfen sie euch spätestens in ihrer dritten Kampfphase gern unangespitzt in den Boden und schicken euch so wieder zurück zum letzten Ruhepunkt. Das und es macht viel Spaß herauszufinden, wie ihr sie erledigt.

Während man in einem der üblichen Metroidvanias seine Waffen definiert vorfindet - Ori - oder sich schnell auf seinen Liebling einschießt und das Spiel einem auch nicht viele Gründe gibt, davon abzuweichen - Bloodstained -, erhaltet ihr in Ender Lilies nach jedem kleinen und großen Bosskampf eine neue Waffe. In gewissem Sinne, denn jede Waffe ist eigentlich ein Geist, den ihr ruft, um den Angriff auszuführen ... Ist nicht wichtig, ihr kriegt eine neue Waffe. Diese sind zum einen grundverschieden. Manches ist ein Feuerball-spuckender Rabe, eines ist ein weiter Peitschenhieb, eine dritte ein Koloss, der in einem Bogen und heftigen Platschen auf dem Gegner landet.

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Euer Waffenarsenal ist eigentlich eine Sammlung untoter Ritter, die ich an dem Rastplätzen zu euch gesellt.

Der Trick ist, dass ihr jede dieser Waffen nur wenige Male benutzt könnt, bevor ihr sie am Ruhepunkt gewissermaßen wieder aufladen müsst . Manche, wie der sehr effektive Konterschild, habt ihr in einem Run nur ein Dutzend Mal. Da ihr von den 30+ Waffen auch nur maximal sechs mit rumschleppen dürft, gilt es gut abzuwägen, was in einem Areal und noch viel mehr bei einem kommenden Boss effektiv sein kann. Ich glaube, ich habe beim letzten großen Widersacher fast das ganze Arsenal durchprobiert, bis ich endlich eine gute Mischung für diesen Riesen hatte. Selten in einem Spiel hatte ich so viel Spaß dabei, neue Kombinationen auszutesten.

Damit ihr nicht irgendwann ganz wehrlos seid, gibt es auch eine Handvoll unbegrenzter Waffen, angefangen vom einfachen Schwerthieb zu einem sehr lahmen Hammerschlag. Den zu timen, ist trickreich, aber wenn er trifft, dann lohnt es sich auch! Zuerst neigt man nämlich dazu, den Ausdauer-Balken der Feinde zu ignorieren, aber im Laufe der Bosse wird der immer wichtiger. Ender Lilies lädt einfach zum Probieren und zum Austesten der besten Strategie ein und es gibt nie eine perfekte, aber viele gute. Die eigene zu finden, ist dann die Kunst.

Das ist auch wichtiger als reines Level-Grinding. Es gibt Level, aber sie spielen eine viel kleinere Rolle als das richtige Waffenset: Ob ihr einem Boss mit Level 40 oder 50 entgegentretet, ist weit weniger relevant und das ist wieder etwas, das es mit den Souls-Spielen teilt. Auch dort hilft es zwar, ein paar Level mehr zu haben, aber wenn die Taktik nicht passt, dann rettet euch das auch nicht. Das gilt auch für den Level eures Arsenals, denn jeder Angriff lässt sich getrennt steigern. Dazu nutzt ihr gut versteckte Items und es ist sehr japanisch, wie Ender Lilies einen ausgesprochen relevanten Gegenstand einfach mal so nebenbei in eine gut verborgene Level-Nische packt. Zum Beispiel das erste Upgrade für den Standard-Schwertangriff: Wenn ihr nicht den verborgenen Schalter in einem Raum entdeckt, öffnet sich nicht der komplette versteckte Weg in einen anderen, wo dann der Schatz wartet. Wer nicht sucht, der hat halt Pech gehabt.

Es macht aber auch Spaß, in bekannte Areale zurückzukehren und neue Wege zu erkunden. Ender Lilies ist sich bewusst, dass es von Zeit zu Zeit einen kleinen Gamechanger geben muss, den es euch in der Regel nach bewältigten Bossen verpasst. Was natürlich auch eine große Motivation ist, doch endlich diesen Endgegner zu erlegen, denn es wartet in jedem der Fälle nicht nur der weitere Weg, sondern auch viel, was man nun in vermeintlich bewältigten Bereichen ergattern kann. Dank eines zügig verfügbaren Schnellreisesystems ist das auch ohne zu viel Backtracking durch Langeweile umgesetzt.

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Der wichtigste Screen: Wo war ich? Wo gibt es noch was? Wo geht es vielleicht weiter?

Wie schon eingangs erwähnt: Nichts, aber auch gar nichts davon ist jetzt das erste Mal in diesem Spiel aufgetaucht, aber Ender Lilies verstand es scheinbar vom Start weg, dass gut kopiert einen manchmal weiter bringen kann als selbst erfunden. Und es weiß, dass, wenn man das macht, alles passen muss. Das fängt mit der stilvollen, düsteren Grafik an, die klassische Gothic-Horror-Motive bemüht, von kopflosen Reitern zu geflügelten Dämonen ist da alles im Programm. Schloss, Kathedrale, verfallenes Dorf und verwunschener Wald, es ist ein Wünsch-dir-was bekannter Themen, in feinster Pixel-Kunst umgesetzt. Detailverliebt und wunderschön.

Noch wichtiger ist aber die Steuerung. Metroidvanias stehen und fallen damit, ob sich die eigene Figur elegant lenken lässt, ob Kollisionsabfragen Pixel-exakt sind und Sprünge dieses Maß an Kreativität erlauben, mit der man manchmal eben doch noch eine Kante erreicht, um in ein Areal vorzustoßen, dass man eigentlich vielleicht noch gar nicht sehen soll. Was natürlich so nicht stimmt, die Programmierer von Ender Lilies sind sich sehr bewusst, welche Möglichkeiten sie euch geben. Aber sie sind auch Könner darin, euch zu fordern, diese hier und da auszureizen. Das lässt ein Bloodstained zum Beispiel gern mal außen vor. Die Fertigkeit hier, sich sehr großzügig an jeder Kante, die man gerade so erreicht, doch noch nach oben zu ziehen, ist dabei manchmal ein zweischneidiges Schwert und vielleicht die einzige Verfehlung in einer ansonst perfekten Spielbarkeit. Gern zieht ihr euch ungewollt zu einem Gegner auf dessen Plattform, während ihr eigentlich nur kurz hochhüpfen und ihn aus dem, Sprung heraus schlagen wolltet. Aber sonst? Könnte kaum besser laufen.

Und natürlich gibt es auch eine Story. Sterbende Welt. Nur eine Priesterin kann sie retten. Da sie nicht viel kann, außer die Welt retten, helfen ihr tote Ritter in Form von Geisterwaffen. Blah. Metroidvanias sind nicht immer für ihre Stories berühmt, Ender Lilies wird sicher ein paar Kitsch-Goth-Horror-Fans erreichen, ich war dankbar für alles, was ich wegdrücken kann. Was so ziemlich alles war. Wie gesagt, könnte kaum besser laufen.

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Mit den eigenen Waffen: Wenn ihr einen Zwischenboss besieht, bekommt ihr eine neue Fertigkeit. Hier den einen Koloss mit einem eigenen Koloss plattzumachen.

Ender Lilies ist die Perfektion des Bekannten. Das kann man jetzt so und so sehen: Für mich ist es das Spiel, mit dem ich vielleicht am Ende des Jahres den meisten Spaß gehabt haben werde. Das einfach alles richtig macht, was ich in einem solchen Metroidvania sehen will und ich auch nicht sagen könnte, was ich jetzt anders haben möchte. Außer mehr Ender Lilies , aber da weitere Gratis-Updates mit mehr Content wohl noch kommen sollen - super, selbst das ist in der Mache. Aber ja, natürlich ist jedes der Elemente der Erkundung, des Kampfes und des Aufbaus des Spiels wohlbekannt. Wenn nicht direkt aus Symphony of the Night, dann halt aus einem anderen Game. Da kann man natürlich hingehen und sagen, dass ja alles nur geklaut sei. Dem würde ich entgegen, dass es a) stimmt und b) nicht ganz stimmt, denn der Gesamtcharakter zählt auch und der ist eigen. Vor allem aber: c) Ist mir egal, wenn der Spielspaß von vorn bis hinten passt und das ganze Genre um einen Vorzeigetitel an seiner Spitze bereichert wird. Ender Lilies: Quietus of the Knights hat einen blöden Namen. Ansonsten ist es ein schlicht brillantes Spiel.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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